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An deinem vorletztem Tag vor einem Jahr hatte ich Gelegenheit, mich von Dir zu verabschieden. Danke zu sagen. Du konntest kaum mehr sprechen und mein Herz war unendlich schwer, dich so zu sehen. Worte haben in solchen Augenblicken keine Bedeutung mehr. Darum jetzt und hier ein zweiter Versuch.

Mal davon abgesehen, dass wir uns in Sachen Neptun`sche Traumwelten sehr verbunden waren und einen ähnlichen Musik-Geschmack hatten – weißt Du, was darüber hinaus dauerhaft in meiner Erinnerung geblieben ist?

Dein bedingungsloses JA ohne Aber.

Das habe ich bis dahin nur selten erlebt. Ich, das übergewichtige Unkind mit den langen, fettigen Haaren und der unmöglichen Hornbrille. Schüchtern, total gehemmt, umgeben von einer von Angst beherrschten, inneren Welt, die nur im Suff erträglich wurde, damals. Mit 16. Heute würde man mich Nerd rufen, damals nannte man mich Psycho, was auch irgendwie passend war. Ein Psycho-Nerd also, der gerade das kalte Wasser der Schulzeit mit dem noch kälteren Wasser des beginnenden Berufslebens gewechselt hatte. Der nah am Wasser gebaute, der stets als letzter bei der Zusammenstellung der Völkerball-Mannschaft gerufen wurde.

Komm`mit, hast Du gesagt, und mich so genommen, wie ich war. Klingt für die meisten Menschen selbstverständlich, ich kann Dir versichern, das war es nicht und ist es nicht.

Danke nochmal.

Soll und Haben

Hell – Dunkel
Essen, schlafen, arbeiten

Wenn Pflichten an`s Kreuz nageln

Alte Freunde bestenfalls
auf Beerdigungen gesehen werden

Einer allerdings
kam mich neulich besuchen
Des Nachts im Traum
Winkte zum Abschied

Bis Bald

Ein Grund zur Freude
Wäre er nicht
schon ein Jahr tot

Etwas schreit nach Korrektur
Zuviel Moll, zu wenig Dur

So viel zur Richtung
was fehlt, ist der Weg

*

Nachgerufen

Bist erlöst, Langer.
Danke für die Zeit.
R.I.P.

*

*

Nachtrag: Heute, am 24.6., war deine Beisetzung. Der Pastor hat das gut gemacht, seine Rede über dein Leben war absolut passend. Ein Satz ist mir allerdings derart angekommen, das es mir und auch meinem Nachbarn, Du weiß schon, wem, ein Grinsen in`s Gesicht zauberte:
Er war dem Hardrock zugeneigt…Das hatte Klasse und ich bin mir absolut sicher, wo immer Du jetzt bist, Dir haben die Ohren geklingelt.

*

Ostern 2016

Sie irren traumatisiert und paralysiert als Binnenflüchtlinge durch ihr Land. Verdingen sich auf fremden Feldern für karges Brot und ein armseliges Obdach, mit Glück. Es gibt kein Daheim mehr. Aus den Keller-Löchern schauten sie den Tod, der feurig vom Himmel fiel. Sie schauten den Tod derer, die es wagten, die Machthaber zu kritisieren. Schauten das Schicksal derer, die von den Machthabern zum Dienst an der Waffe gepresst wurden. Das Schicksal derer, die es wagten, sich dem zu entziehen. Das Schicksal derer, die verfolgt, verstümmelt oder ermordet wurden, weil sie selbst oder ein Angehöriger nicht in das Menschenbild der Machthaber passten.

Als die Waffen endlich schweigen, führt der Hunger in den Trümmern das Werk des Todes fort. Wer kann, macht sich davon, vom letzten Geld. Sucht sein Glück in Ländern fernab der Trümmerwüste, die einst sein Zuhause war. Ist auf immer fremd und oft auch verhasst, als Angehöriger seines Stammes, von dem so viel Unheil ausging.

Koffer

Syrien 2016.
Wuppertal 1944/1945

Zwei Orte und zwei Zeiten. Es gibt unzählige davon. All das ist mir vertraut als Nachkomme zweier Familien, in denen ausnahmslos alles vertreten war. Täter, Opfer, Helden, Mitläufer, die Risse gingen quer durch die beiden Sippen. Vielleicht darum geht es mir nahe, was derzeit um uns herum geschieht.

Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, 
das habt ihr mir getan.

Es steht uns frei, uns danach zu richten. Für mich habe ich klar, das ich einen Preis zu zahlen habe, sollte ich dieses Elend ausblenden, sollte ich mich weiter in die “Werte” der modernen Zeit flüchten, mir blind die Taschen füllen und sie mir ebenso blind wieder leeren lassen. Der Preis ist meine Menschenwürde.

Frohe Ostern!

*

(Bildquelle: Auswanderermuseum Hamburg)

 

Gedanken

So viele Veränderungen habe ich erlebt, rückblickend dankbar und staunend. Etliche körperliche Beschwerden, die Hand in Hand einher gingen mit meinen seelischen Zuständen, haben sich größtenteils aufgelöst oder sich zumindest auf ein erträgliches Maß reduziert. Mich in Situationen wiedergefunden, die mir meine Grenzen aufzeigten, die mich lehrten, das auch Grenzen sich verschieben lassen. Langsam allerdings, mit viel Beharrlichkeit. Lebenslagen, die heute abgeschlossen sind und mir in dieser Form sehr wahrscheinlich auch nicht mehr begegnen werden. Vieles hat sich regelrecht aufgelöst, was damals unvorstellbar schien.  Anderes blieb mir erhalten, Charakterzüge, die wie die sprichwörtliche Scheiße am Schuh kleben. Die Grenzen der Wandlungsfähigkeit eben, dahinter bleibt nur das annehmen.

Die Themen ändern sich also fortlaufend. Die Einschläge kommen näher, sagen manche und meinen das, was auch ich immer öfter erlebe. Schwere Erkrankungen, erst weit weg und fremd, dann immer tiefer in den inneren Kreis eindringend. Der Tod, das große Finale, die Vollendung jeden Lebens. Aufmerksam schaue ich die Alten, wie gehen sie um mit dem letzten kleinen Rest Leben. Halten sie verzweifelt an irgend einem Status Quo fest, der aschgrau wirkt und längst überholt ist oder haben sie ihre Wahrhaftigkeit gefunden, wie immer das auch aussieht. Hadern sie mit ihrem gelebten Leben oder können sie es annehmen, wie es war, mit allen Licht und Schatten. Ist da  wirklicher, echter Friede mit jedem Tag, trotz zahlreicher Einschränkungen und Gebrechen oder wird die verbleibende Zeit damit verbracht, zornig fluchend ganze Seiten im Tagebuch rot zumarkieren.

Wie willst, wie kannst du es halten, später irgendwann, frage ich mich und weiß doch, das ich heute und mit jedem Tag dem Puzzle ein Teil hinzu füge. Was sich manchmal beängstigend und manchmal beruhigend anfühlt, je nach Tagesform. Ein alter Mensch fällt mir ein, dem man noch ein halbes Jahr versprochen hat, schul-medizinisch abgeschrieben, der schon lange über dem prognostizierten Limit lebte, damals, kurz vor seinem Tod, mit lachenden, lebendigen Augen.

Ein unglaublich faszinierender Anblick, so ein altes, lachendes Gesicht mit seinen zahllosen Falten und Gräben, auf einer Haut, die an altes Papier erinnert.

*

 

 

 

Regen

Eigentlich hat er das nicht verdient, der mittlerweile lang ersehnte Regen. Steht er doch in der Natur für Fruchtbarkeit und Wachstum. Bei mir befeuert er eher meine grüblerischen, nur scheinbar dunklen Stimmungen und Erinnerungen. So geschehen gestern Abend, bei Erzählungen von Freunden über ihren Umgang mit dem Sterben, dem Tod, mit Grenzen, mit unserer Endlichkeit.

Mir ging spontan eine Geschichte durch den Kopf, die mir heute noch Gänsehaut verursacht. Sie liegt mittlerweile schon gut 10 Jahre zurück, damals wohnte ich in einem alten Weber-Haus unten an der Wupper.

Eine Wohnung, die ich mir damals mit Bedacht aussuchte. Drei kleine, bezahlbare Zimmer, es galt angesichts meiner damaligen Unterhalts-Verpflichtungen schon streng zu rechnen. Das Umfeld war dem niedrigen Mietpreis entsprechend, also alles andere als bürgerlich, was ich allerdings nie als Makel empfunden habe. Gepflegte Vorgärten in stillen Vorort-Straßen mit all ihren gut situierten Menschen samt deren Status-Symbolen waren mir immer schon suspekt und verdächtig, ebenso wie all zu aufgeräumte Mietshäuser mit peinlich auf Flur-Keller-Speicher-Ruhezeit-Ordnung bedachte Nachbarn. Nichts gegen eine gewisse Ordnung, aber eben alles in Maßen.

Solch eine gewisse, also erträgliche Ordnung gab es in diesem Haus, damals. Darauf achtete der Hausmeister, ich glaube, er hieß Rolf. Wir mochten uns irgendwie von Anfang an, beginnend damit, das ich von ihm unter einigen Mit-Bewerbern den Zuschlag für die Wohnung bekam. (Der Vermieter wohnte sonst wo und überließ vertrauensvoll alles seinem Mann vor Ort). Gemeinsame Berührungspunkte waren unser beider Hang zum basteln und zur Improvisation. Er half mir beim schreinern, gab mir gute Tipps und ich übernahm gelegentlich waghalsige Aktionen in dem riesigen Treppenhaus, Glühbirnen in luftiger Höhe tauschen, er traute sich nicht mehr so hoch auf die Leiter.

Ich glaube, ihm beeindruckte mein aus seiner Sicht spannendes und bis dahin sehr wechselvolles Leben, mit Blick auf das andere Geschlecht. Eine Perspektive, die ich damals selbst allerdings  nicht unbedingt so erbaulich fand. Mich faszinierte die Ausstrahlung dieses kleinen, untersetzten Mannes. Der Respekt, den er sich in dem bunten Viertel, bestehend aus Bordellen, zwielichtigen Kneipen, Migranten-Klubs, Spielhallen, mediterranen Lebensmittel-Läden und preiswerten Auto-Werkstätten erworben hatte. Angst habe ich hier vor niemanden, verriet er mir mal, und das klang sehr glaubhaft.

Seine Angst vor Höhe hatte allerdings einen guten Grund. Sein krankes Herz machte ihm Schwindel. Eines Tages, ich hatte ihn schon länger nicht gesehen, traf ich seine Frau, die mir eröffnete, das ihr Mann neulich des Nachts verstorben sei. Das Herz, einen Termin beim Kardiologen hätte es schon gegeben, aber zu spät.

Seine Zeit war abgelaufen.

Irgendwann, einige Monate später, saß ich gemeinsam mit Freunden bei einem Abendessen . Eine Frau in dieser Runde hatte eine ganz besondere Begabung. Ein Medium mit Zugang zu der Welt der Geister. Eine Neigung, der ich damals zumindest eher skeptisch gegenüber stand. Irgend ein uraltes Wissen sagte mir, das ist so, war immer so, wir sind nicht allein, auch, wenn wir glauben, wir wären es. Selbst hatte ich mich ja auch schon in ganz dunklen Augenblicken beschützt und geborgen gefühlt. Der mit Schul-Wissen gefüllte und mit einem technischen Beruf gestärkte Intellekt hingegen neigte dazu, das alles als großen Blödsinn abzutun. Wie auch immer, wir sprachen über unsere vermeintlichen, unsichtbaren Begleiter, jene Wesen, die uns je nach Couleur hilfreich beraten, beistehen wollen oder uns eben in ihrem Sinne manipulieren, herunter auf ihre Ebene ziehen wollen.

Da – neben dir sehe ich einen, ganz deutlich. Er flüstert irgend etwas von Frauen. So sagt die Bekannte und ich frage ratlos, wen sie wohl meinen könnte. Sie lacht und meint, ich würde ihn doch recht gut kennen. Schau`dir doch bloß mal seine Hände an, diese Hände…

Rolf`s Hände waren sehr markant, versehen mir großflächigen Pigment-Störungen.

Heute bin ich mir sicher, unsere Welt ist viel größer, als wir das aus unserer Beschränktheit und unserem Alltag heraus erahnen können. Das wir, ähnlich der Struktur unserer Erde, nur auf eine dünnen Schicht Vertrautem leben und kaum eine Ahnung haben, was darunter alles verborgen ist. Das die Gesetze der Physik ebenso existent sind wie andere Natur-Gesetze. Das wir umgeben sind von denen, die vor uns da waren. Das wir eines Tages erwartet werden, wenn wir dahin zurück gehen, von wo wir gekommen sind.

Das wir uns nicht fürchten müssen.

 

 

Zum lesen

Jessy und Jim

von Arthur Brühlmeier

Ein faszinierender Roman, eine mystische Geschichte, die ursprünglich ein Kinderbuch werden sollte. Sie basiert auf der Annahme, das unsere Existenz mit dem Tode nicht erlischt, sondern das wir uns danach in einer jenseitigen Welt wiederfinden, deren Landschaften unseren Seelenzustand auf Erden entsprechen. Irdische Naturgesetze haben dort keine Gültigkeit, äußere Veränderungen gehen immer mit inneren Wandel und dem jeweiligen Erkenntnisstand Hand in Hand.

Das alles wird spannend in wechselnden Episoden erzählt, beginnend mit der Ankunft der kleinen Jessy dort, nachdem sie die Erde bei einem Autounfall früh verlassen musste. Ein dickes Buch, das mich derzeit fesselt…

Hier gibt es eine Website zu der Geschichte, auf der auch Vertriebswege verlinkt sind, seit ein paar Tagen gibt es auch das Hörbuch dazu. Ein Zitat aus dem Schlusswort des dazu gehörenden Booklets:

“Die Wahrheit kann man nicht besitzen. Man kann sie nur suchen, und wenn man glaubt, sie gefunden zu haben, entschlüpft sie einem wieder, und man muss weiter suchen, immer weiter. Es ist mit der Wahrheit fast  wie mit einem schillernden Regenbogen: Wie sehr man sich ihm auch nähern will – immer weicht er zurück. Und doch lässt er niemanden unberührt und weckt in allen Menschen die Sehnsucht, in seine wundersame Farbenpracht einzutauchen.”