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Stachel im Fleisch – Epilog

Wie hast Du das geschafft? So werde ich manchmal gefragt. Wie bist Du trocken geblieben, nach so langer Zeit? Zu Beginn stand die Entscheidung für das Leben, für mein Leben. Die erste große Kapitulation, die vor meiner Unfähigkeit, mit Alkohol und anderen bewusstseinsverändernden Mitteln umzugehen. Es sollte nicht die letzte Kapitulation sein, aber ziemlich sicher die wichtigste.

Sehr viel Zeit war auf einmal frei geworden. Zeit, die ich bis dahin mit saufen verbracht hatte. Das war die erste große Überraschung, festzustellen, wie viel Zeit ich eigentlich hatte. Eine riesige, nervöse Leere, die irgendwie gefüllt werden wollte. Nächte lang lief der Fernseher durch, bis sich so etwas wie ein geregeltes Leben einstellte, vergingen Monate. Bei den anonymen Alkoholikern hatte ich gelernt, mein Leben in 24-Stunden-Abschnitte einzuteilen. Heute das erste Glas stehen zu lassen. Manchmal habe ich diese an sich überschaubare Zeit von einem Tag sogar noch verkürzt, bis hin zu jetzt nicht. Überhaupt hörte ich dort keine Tiefen-psychologischen Erklärungen für meine Zustände, sondern kurze, schlüssige Weisheiten, die ich sofort verinnerlichen und in mein Leben einbauen konnte. Hab`Geduld mit dir! So hörte ich, und die damit verbundenen Menschen klangen nicht nach Phrasendrescher vom Tresen. Sätze, die gerade in der ersten Zeit unglaublich hilfreich waren, wenn Unruhe, Leere und Nervosität mich umtrieben.

Veränderungen im äußeren Leben standen an. So verließ ich erst einmal die Stadt, eine neue Wohnung, weg von dem mir so vertrauten, klatschnassen Umfeld. Schon nach kurzer Zeit war mir ein Meeting die Woche zu wenig, zeitweise ging ich fast täglich Abends in irgend ein Meeting. Die neuen Freunde taten mir alles in allem sehr gut, mit ihren Erfahrungen und mit ihrer Nähe. Zudem hatte ich das unwahrscheinliche Glück, in meinem damaligen Stamm-Meeting einem ehemaligen Sauf-Kumpan zu begegnen, der den Weg in die Trockenheit schon viele Jahre vor mir geschafft hatte. Dieser Mensch war gerade in meinem ersten Jahr sehr um mich bemüht, wofür ich heute noch dankbar bin.

Viel Zeit habe ich am Anfang damit verbracht, mir mein bisheriges Leben anzuschauen. Erklärungen finden und mich selbst dabei manchmal einfach nur auszuhalten. Meine Scham über einiges, was ich gelebt hatte ebenso wie die Wut auf Menschen, von denen ich glaubte, das sie mir wesentliches vorenthalten hatten. Es sollte lange dauern, bis ich Frieden finden konnte, gerade auch mit meiner Familie. Ohne meine neuen Freunde hätte ich das wahrscheinlich nicht geschafft und wäre ziemlich sicher schnell in alte Muster zurückgefallen. Du schaffst es nicht allein, aber nur Du allein schaffst es. Auch so eine seltsame Weisheit, die mir zunächst ziemlich blöde in den Ohren hing. Es stimmt schon, das Leben leben kann jeder nur für sich, eigenverantwortlich,  aber dennoch in passender Gesellschaft, eben geistige Verwandtschaft, die sich jeder aussuchen kann. Damals wie heute ist das für mich wichtig. Zu Beginn waren es manchmal nur 5 oder 10 Minuten lange Telefon-Gespräche, die mich wieder beruhigten in manchen Zuständen von Unsicherheit, Angst und Unruhe. Mich selbst auszuhalten sollte ich erst mühsam lernen.

Langsam kamen neue Eindrücke, neue, Erfahrungen in mein Leben. Ein unwahrscheinlich starkes Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit, verbunden mit einer großen Neugier auf alles mögliche, was es zu entdecken galt. Noch einmal trocken Orte der Vergangenheit aufsuchen, verbunden mit der Freiheit, gehen zu können, wann es mir beliebte. Eben ohne den Rausch mit einplanen zu müssen, nicht mehr Auto fahren zu können, nicht mehr Herr meines Geistes zu sein, mit allen damit verbundenen Zu- und Umständen. Vieles glich gerade in den ersten Jahren einem Ausschlussverfahren, Versuch und Irrtum, das, was mir gut tat, sollte bleiben. So eine Art interaktives Annähern an dem, was zu mir passen sollte, ein Prinzip, was sich in allen möglichen Aktivitäten ausdrückte wie Musik, Vorlesungen, Ausflüge, VHS-Seminare oder die Beschäftigung mit Religion, mit dem, was Spiritualität genannt wird. Selbst mein Verhältnis zum anderen Geschlecht sollte nach diesem Muster verlaufen, aber das ist eine Geschichte für sich.

Langsam lernte ich, Vertrauen zu fassen. Zu glauben an eine Sinn, der mich hatte überleben lassen. mich allmählich geborgen und getragen zu fühlen von einer Macht, größer als ich selbst. Von Gott, wie ich ihn verstehe, und das ist nicht die strafende Urgewalt früherer Zeiten, der jedem das seine zukommen lässt, sondern einer der mich liebt, so wie ich bin. Der mich lernen ließ, das Leben anzunehmen und bei aller zeitweisen Schwere das Lachen und die Freude am Leben wieder zu entdecken.

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Jeder kennt einen oder kennt einen, der einen kennt, der zuviel trinkt. Manchmal handelt es sich dabei sogar um ein und die selbe Person ;) All denen möchte ich an dieser Stelle Mut machen, Mut auf ein neues Leben ohne Bewusstseins-verändernden Mittel, auf ein Leben abseits der mit der Sucht verbundenen “Nebenkosten”. Mut, sich Hilfe zu holen in irgend einer Gemeinschaft, die Auswahl ist groß geworden hier. Anonyme Alkoholiker, der Kreuzbund, das blaue Kreuz, zahlreiche Freundeskreise Suchthilfe bieten umfangreiche Angebote.

 

Wiedersehen

Einige Jahre haben wir uns nicht gesehen, zuletzt mal gehört vor zwei Jahren. Seinen Geburtstag kenne ich, nicht weit von meinen eigenen entfernt. Diesen Sommer schrieb ich ihm eine SMS mit den üblichen guten Wünschen. Nach anfänglichen Unsicherheiten, “welcher Reiner bist Du denn, wir haben da mehrere…”  folgte eine Antwort und einige Wochen später ein Anruf. Recht lang haben wir gesprochen und auf meine Frage nach der Gesundheit folgte erst einmal nur ein “hör`bloß auf ” Das sie ihm letztes Jahr den kompletten Magen entfernt hätten. Ein langes Jahr Zwangspause mit dem ganzen Programm, Reha, Chemo und so weiter, aber jetzt ginge es wieder, bisken gemacher alles, aber es ginge. Dann eine Beratschlagung, beiderseitiges Kalender-wälzen und ein Termin wurde festgelegt, weil es nicht anders geht, so unverbindliches “wir sollten uns mal sehen” verläuft sich doch im ungefähren.

Vieles ging mir in den letzten Tagen und Wochen durch den Kopf. Unsere gemeinsame Zeit, angefangen für uns als Lehrlinge mit zarten 16 Jahren. Sein Kellerzimmer im elterlichen Haus, jeden Freitag nicht nur mein zweites Wohnzimmer. Ein damals schon uralter Röhrenverstärker, Vatter`s Bier aus der Waschküche nebenan und das Wochenende ging los, jung, wie wir waren. Später trennten sich die Wege, unterschiedliche berufliche Ausrichtungen einerseits, auch privat verlief sein Leben anders als meines, seine Kinder sind heute schon erwachsen. Die Treffen wurden seltener, blieben aber regelmäßig. Was uns  äußerlich verband, war neben unseren gemeinsamen Beruf eine gnadenlose Gier auf Rock`N Roll und Neptun`sche Traumwelten, zwei Meister im Parallel-Universum. Echt waren wir beide dennoch, jeder auf seine Art, vielleicht war es das, was wir an einander auch später immer noch schätzten. Keiner hat je dem anderen irgend ein Schauspiel vorgemacht und laut lachen konnten wir zusammen, beide schräg unterwegs, wie wir waren.

Da tauchen in den letzten Tagen unzählige Bilder aus der Vergangenheit auf. Er, der geborene Entertainer, laut, schnell, auch schnell überall zuhause, kontaktfreudig wie er war. Dabei ein nervöses Hemd vor dem Herrn, groß gewachsen und rappeldürr sehe ich ihn vor mir, seinem Gegenüber stets mitten in die Augen schauend und wild gestikulierend mit Händen und Füßen zur Rede. Ein Vereinsmensch, stets ausgebucht, daneben noch Fußball-begeistert, voll der Wohnzimmer-Hooligan, eine Leidenschaft, die ich übrigens nie teilen konnte.

Vor fast 14 Jahren dann trennten sich unsere Wege scheinbar endgültig. Das Tor zu den Neptun`schen Traumwelten schloss sich für mich aufgrund meiner Vergesslichkeit (ich vergaß stets das aufhören…), er dagegen ging weiter wie gehabt, vielleicht eine Spur ruhiger, aber von einem hohen Niveau ausgehend. Was blieb, waren gelegentliche Telefonate oder Kurznachrichten.

Bis gestern Abend eben. Meine große Sorge war, das wir uns in den endlosen, gemeinsamen Episoden verlieren, eine Beschäftigung mit Unterhaltungswert, die sich allerdings schnell erschöpft. Daneben Neugier. Wie geht der wohl heute durch`s Leben, was mag er anfangen, mit seiner Fristverlängerung. Wie ist das eigentlich, ohne Magen zu leben, was für Auswirkungen hat das auf den Alltag. So Fragen halt.

Dann steht er hier in der Tür, mit seine Frau. Das gleiche, schiefe Jungen-Grinsen wie damals, ein wenig ernsthafter die Augen, noch schmaler im Gesicht. Lang und dünn war er immer, kein Platz für Bauchschmerzen hat der, so hieß es früher. Wie makaber klingt das heute. Wir sitzen zusammen und nach einer recht kurzen, gemeinsamen Unsicherheit hellt sich die Stimmung auf. Gestern ist schon präsent, aber beherrscht zu meiner großen Erleichterung nicht unser Treffen. Hier und jetzt sind wir alle miteinander beim folgenden, gemeinsamen Essen draußen um die Ecke. Er ist äußerlich ganz der Alte, nur gezwungener Weise langsamer beim essen und trinken. Lebensfreude spüre ich, energiegeladene Wärme. Gelächter fliegt hin und her über den Tisch, laut wie eh und je. Ansteckend ist er in seiner Lebendigkeit und die Stimmung ist gut, trotz oder gerade wegen mancher Schilderung der jüngsten, leidvollen Vergangenheit, die Gott sei Dank überstanden scheint. Sätze, die mir in den Ohren klingen. Lieber ein Jahr Überholspur als 10 Jahre Standstreifen, tönt er, seinen Nimbus pflegend. Ein Mensch wie Quecksilber, welches allenfalls das Tempo ein wenig gedrosselt hat. Dahinter schimmert leise das Wissen um die eigene Endlichkeit und um die gesetzten Grenzen, aber hausieren muss man ja damit nicht unbedingt gehen. Toll, denke ich. Er und auch ich, wir beide kennen Menschen, die an der bloßen Diagnose schon zerbrochen sind. Was ist, wenn ich...denke ich weiter und weiß doch, das ich das erst heraus bekomme, sollte ich irgendwann selbst einmal davon betroffen sein .

Ein schöner Abend war das, meinen Befürchtungen zum Trotze. Für uns alle vier, was mich zusätzlich sehr freut. So Gott will, sehen wir uns wieder, und ich glaube, er will…