Archiv der Kategorie: Spiritualität und Glauben

Nebelbilder

Sie sind ziemlich genau zwei Jahre alt und entstanden am letzten für ihn erreichbaren Sehnsuchtsort meines kürzlich verstorbenen Vaters, am Stausee Beyenburg zu Wuppertal. Zu dieser Zeit war er noch ein wenig mobil und das Wetter war phantastisch für nebelige Bilder. Wir fuhren über die Höhenzüge im strahlenden Sonnenschein hinunter ins Tal, in eine Wolke hinein. Eine bizarr nasse Landschaft, die Sonne gab sich alle Mühe, den dicken Nebelsumpf zu durchbrechen, der im Tal über der Wupper lag.

Die Phantasie macht aus diesen Bilden Exkurse in die Mystik. So in etwa mag der Grenzfluss Styx ausschauen, der mit seinen Ufern die Welt der Lebenden von der der Toten trennt. Mein Vater ist nun auf der anderen Seite und findet hoffentlich seinen Frieden.

Sie sprechen für sich , die Bilder, die hier ihrer Schönheit wegen in Originalgröße zu sehen sind.

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In eigener Sache

Ursprünglich ein Kommentar anderswo.

Ich heiße Reiner, bin ein trockener Alkoholiker und ein süchtiger Mensch. In meiner aktiven Zeit waren Alkohol und Cannabis die Mittel der Wahl. Gerne in Kombination, erst kiffen, dann trinken. Die Reihenfolge musste stimmen, sonst ging das übel(er) aus. Gelegentliche Erfahrungen mit Speed/Koks gab es auch, das stand dann an erster Stelle, gefolgt von den genannten Downern.

Wenn ich von mir als einen süchtigen Menschen schreibe, beziehe ich dabei alle nichtstofflichen Süchte mit ein. Dazu zähle ich alles, was irgendwann pathologischen und destruktiven Charakter bekommt. Arbeits- Sex- Fresssucht, aber auch Geltungssucht sind Bestandteile dessen. Große Teile davon sind gelöst oder wenigstens reduziert, dafür bin ich dankbar. Hinter alledem konsumieren und süchtigem Verhalten stand bei mir ein innerlich zutiefst verunsicherter Mensch mit nur geringem Selbstvertrauen und einem nicht vorhandenem Geborgenheitsgefühl, Verlorenheit beschreibt es am besten. So, wie ich war, wollte ich micht nicht. Definieren konnte ich mich über beruflichem Erfolg und über meine vermeintliche Wortgewaltigkeit, gerade wenn ich breit war. Sucht ist für mich ein Sammelbegriff für alle möglichen (pathologischen) Verhaltensweisen, die vom Selbst ablenken sollen, vermeintlich Flucht, Fülle, Anerkennung und Selbstbestätigung bieten, was am Ende nur Selbstbetrug ist.

Was mir in meiner ersten trockenen Zeit, nachdem die allererste Euphorie verflogen war, am meisten zu schaffen machte, war ein Zustand von großer innerer Leere. Mit meiner ersten, „trockenen“ Liebesbeziehung, der es aufgrund ihrer psychischen Erkrankung ähnlich ging, war ich unglaublich viel unterwegs, jeder spirituelle Vortrag, jedes Seminar wurde mitgenommen, kaum ein potentieller Heilsbringer wurde ausgelassen. Rückblickend ein sehr spannende und aufregende Zeit, die sich über mehrere Jahre erstreckte, aber letztendlich aufgrund der Vielfalt auch sehr verwirrend und ohne die für mich nötige Erdhaftung.

Geblieben ist mir ein einfacher Glaube an meine namenlose höhere Macht, die, obgleich ich einer religiösen Gemeinschaft angehöre, nicht direkt mit einer solchen verbunden ist. Es brauchte zahllose Erfahrungen, um zu einem heute meist tragenden Geborgenheitsgefühl zu finden. Dankbarkeit auch für die kleinen Dinge am Tag lässt für mich heute keinen Raum für Mangel, gleich welcher Art. So ich mich rechtzeitig daran erinnere 🙂

Vergebung

So gerne hätte ich dir das persönlich gesagt, aber das sollte wohl nicht sein. Vor Jahren suchte ich deinen Namen auf einer dieser Plattformen, wahrscheinlich haben die allgegenwärtigen Algorythmen dann dafür gesorgt, das dir der meine präsentiert wurde. Ob es nun in meine Richtung ging, ich weiß es nicht genau, aber möglich ist es, dass du mich meintest, in einem deiner Beiträge, in dem du davon schriebst, dass es Menschen gäbe, deren Namen man noch nicht einmal ertragen könne. Ich hätte mich gefreut, wenn es dir gut ginge, leider wiesen deine öffentlichen Einträge eher in eine andere Richtung.

Sehnsucht nach Nähe – die gab es, damals, als wir uns kennenlernten, vor über 3.5 Jahrzehnten. Wir zogen uns an, Gleiches sucht und findet Gleiches, zwei verlorene Kinder, die sich in ihrer Bedürftigkeit in nichts nachstanden, auch wenn deren Erscheinungsformen recht verschieden waren. Ich konnte dich nicht sehen, gefangen wie ich war zwischen Arbeit, Abendschule und der Befriedigung meiner Sucht. Andere sahen dich, wie liebevoll du mit Kindern umgehen konntest, während ich fortlaufend beschäftigt war. Die Rechnung dafür habe ich bekommen und angenommen.

Eine Wiedergutmachung im Sinne des neunten Schrittes, ohne den vergangenen noch weitere Verletzungen hinzuzufügen, ist unmöglich, damit muss ich leben. Du wirst mir nicht vergeben können, zu viel ist damals geschehen. Damit legte ich den Grundstein für mindestens einen weiteren Menschen, der mir aus ähnlichen Gründen bis heute unversöhnlich gegenüber steht. An mir ist es heute, zu schauen, dem so entstandenen Trümmerfeld nicht noch mehr Schutt hinzuzufügen, Wiedergutmachung indirekt an Dritte zu leben und – mir selbst zu vergeben.

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Bestandsaufnahme 220529

Sonntag früh, nach einer gewohnt unruhigen Nacht Zeit zum sammeln. Den Tag gestern Revue passieren lassen, ein paar stärkende Zeilen lesen, Morgenrituale. Zuhause war Thema gestern, hier. Ich habe ein physisches Zuhause, und dafür bin ich dankbar, in dieser Zeit, in der die Bilder aus den akuten Kriegsgebieten daran erinnern, dass es auch ganz anders kommen kann.

In mir sieht es dagegen wiederum anders aus. Die gegenwärtig anstehenden regelmäßige Besuche bei meinen Eltern erinnern mich daran, wo ich herkomme. Jahrzehnte lang habe ich den Kontakt auf ein Minimum begrenzt und hatte meine Gründe dafür. Das ist nun der Gebrechlichkeit wegen anders und ich stelle mich dem, so gut ich kann. Das ist weniger ehrenwert, als es klingt, damit folge ich lediglich einem als lehrreich erkannten Muster, entgegen dem, was ich einst mitbekommen habe. Innehalten, bleiben. Einfacher wäre – und mehr als einmal spüre ich diesen Impuls – einfach alles stehen und liegen zu lassen. Seht zu, ich haue ab. Mache ich natürlich nicht, weil ich es mir zum einen nicht verzeihen könnte, zum anderen weil ich davon überzeugt bin, dass das Universum auf solch ein Verhalten antwortet.

Was bleibt, ist eine Gemengelage aus anstehenden Aufgaben – das ist der leichtere Teil, den kann ich – und Gefühl, da sieht es anders aus. Heimatlos, was ein innerer Zustand ist und nicht an einen Ort oder an einen Menschen gebunden, verloren in der Welt, innerlich zerrissen, leer. Es ist nicht nur die Folge meiner aktiven süchtigen Zeit, die mich nach Meinung mehrerer Menschen vom Fach einige Nervenzellen gekostet haben soll. Es ist auch die Folge dessen, was ich nun aus der sich ergebenden Nähe erlebe, die Folge des gnadenlosen Blicks auf meine Wurzeln, auf meine familiäre Herkunft. Und nein, es geht nicht um Schuld oder dergleichen, jeder Mensch gibt stets sein Bestes, was nichts über dessen Qualität, über dessen Auswirkungen auf andere aussagt. Niemand, so sagt man, sucht sich bewusst seine Herkunft aus. Alles weitere ist Bestimmung, die sich unserem Verstand entzieht.

Dieses Gefühl, in meinem nur noch einige Tage währenden 60sten Lebensjahr auf einen weiteren Nullpunkt zuzusteuern – was negativer klingt, als es möglicherweise ist. Revue passieren lassen oder Innenschau halten hat immer wieder etwas mit Kapitulation zu tun. So ist es, jetzt. So wird es nicht bleiben – in absehbarer Zeit wird sich vieles gelöst, aufgelöst haben. Die Eltern werden mir voran gegangen sein, mein Berufsleben wird zu einem Ende gefunden haben. Was wird bleiben? Werde ich Heimat finden? Es gibt durchaus Hoffnung. Hoffnung darauf, dass diese Kraft, die Welten erschafft und immer aufs Neue nach Gleichgewicht strebt, auch wenn vorheriges Chaos dazu unerlässlich ist, dass diese Kraft mir dabei helfen kann, so etwas wie eine innere Heimat zu finden. Auch das ist jenseits vom Verstand, ein Gefühl, nicht durchgängig präsent, eher wie ein zarter Spross, der gerade das Licht erblickt. Aber, so scheint es, kräftig genug, um Hoffnung zu verbreiten.

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Fundstück vom Wegesrand – auch Mauern sind überwindbar.

Orientierung

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen“. Mit anderen Worten, wir sollten nicht zuerst nach materiellen Dingen trachten, sondern nach innerer Vervollkommnung, denn dann kommt alles Materielle – um das wir uns bemühen – wie von selbst. Viele Menschen, die zuerst nach materiellen Dingen streben, meinen, sie könnten trotzdem dabei innerlich wachsen. Aber niemand kann Gott und Mammon gleichzeitig dienen. Die ersten Voraussetzungen für ein erfülltes Leben sind innere Qualitäten wie Wahrhaftigkeit, Lauterkeit, Selbstlosigkeit und Liebe. Solange du diese Eigenschaften nicht besitzt, nützt dir die größte Anhäufung von materiellen Gütern wenig.

https://aa-welt.de/store/24stunden/15-5.htm

Ist das so? Hat Mensch nicht erst dann einen freien Kopf, wenn der Kontostand den Erwartungen und Anforderungen entspricht? Ja und Nein, glaube ich. Ohne die mentale Grundhaltung hinter allem Tun und Lassen artet das Tagewerk leicht in einem gnadenlosen Ego-Trip und in die Gier aus. Andererseits führt das schauen der inneren weißen Wand allein auch nicht weiter, wenn es um das bezahlen von Rechnungen geht. Und so halte ich es gerne mit den Benediktinern, die da empfehlen, die Füße fest auf dem Boden zu stellen, den Kopf gen Himmel zu richten und bei alledem nicht vergessen, Kohl anzubauen (Wo ich das gelesen habe – keine Ahnung).

Die praktische Umsetzung im Alltag ist tägliche Übung auf der Basis von Vertrauen. Das meine tun und meiner höheren Macht das ihre zu überlassen, was natürlich nicht nur in materiellen Angelegenheiten gilt. Und so schaffe ich mir zwischendurch immer wieder Zeitfenster zum innehalten, am frühen Morgen mehr, über Tag sind es nur Minuten. Am Abend möchte ich danken, für das Gelungene, aber auch für die noch offenen Herausforderungen. Das alles schwankt stark, je nach Tagesform, aber hilft ungemein, im Leben zu stehen, was für einen Menschen wie mich keine Selbstverständlichkeit ist. Wer wie ich aus der stofflichen Sucht, aus der Angst, Unsicherheit, Verlorenheit und der Kontrollsucht kommt, weiß, wie wichtig das üben in Kontinuität, Beharrlichkeit und vor allem Vertrauen ist.

Was gerade in Zeiten wie diesen gilt…

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Innen wie Außen

Ist es die Macht der Gedanken, die meine Lebensumstände bestimmen? Sind es wirklich die alten (oder neuen) Glaubenssätze, die äußere Ereignisse bestimmen? Jedenfalls wird das gerne behauptet und auch ich denke, da ist etwas dran. Manchmal allerdings kommen mir Zweifel. Immer dann, wenn äußere Ereignisse die Glaubenssätze, die verinnerlichten Überzeugungen zu bestätigen scheinen. Auch, wenn diese längst als destruktiv erkannt wurden und wenn in Teilen Vertrauen in ihre Stelle getreten ist.

Prüfungen? Kann ich mit hadern. Mache ich manchmal auch, weil sie mir zum Halse heraushängen. Da hängen sie dann, gut sichtbar – so lange, bis ich sie annehmen kann, sie wieder einmal als Teil meines Lebens begreifen darf. Kannst hadern oder nicht, kichert das Leben leise, die jeweils aktuelle Herausforderung steht da wie eine Wand und bewegt sich nicht. Bis ich mich ihr stelle, wieder einmal mehr. Indem ich um Führung bitte, um die rechten Eingebungen, das rechte deuten der Zeichen, so sie denn für mich gedacht sind.

MEDITATION
Gott ist überall. Sein Geist beherrscht das Universum. Und doch lassen wir ihn oft nicht bei uns ein. Wir versuchen, ohne seine Hilfe auszukommen und verpfuschen dabei unser Leben. Denn nichts von Belang können wir ohne Gottes Hilfe tun. Alle unsere menschlichen Beziehungen sind davon abhängig. Erst wenn wir Gott die Führung in unserem Leben anvertrauen, gelingt es uns, mit unseren Mitmenschen auszukommen und ihnen zu helfen.
GEBET
Ich bete, dass ich Gott die Führung meines Lebens anvertrauen möge. Ich bitte, dass ich mein Leben nie wieder dadurch verpfusche, dass ich versuche, es nach meinem Willen zu führen.

Quelle

28

28 Jahre. Vor 28 Jahren war mein Vater so alt wie ich jetzt. Frisch gefeuert noch ein knappes Jahr arbeitslos und dann mit vollen Bezügen frühverrentet begann für ihn das Leben, wie er es sich erträumt hatte. Nur weg, Licht, Luft und Sonne. Guter Plan, leider ohne Einbeziehung der Familie, das war seine Lebensentscheidung, seine und die meiner Mutter. 11 Jahre nationalsozialistische Kindheit mit allen dazugehörenden Begleiterscheinungen, folgende Hungerjahre eingeschlossen, dienten als Rechtfertigung der gerüttelten Portion Egoismus für den Rest des Lebens.

Und ich? Wenn ich diesen Menschen heute sehe, empfinde ich keinen Neid. Das Leben strebt stets nach Ausgleich, und der hat viele Gesichter. Ich hatte die Gnade, zwar in drangvoller geistiger Enge, aber immerhin ohne Bombenterror und Hunger in einem halbwegs freien Land aufwachsen zu dürfen. Dafür darf ich, dürfen wir (bin ja nicht allein damit) ordentlich länger arbeiten, wollen wir nicht auf Grundsicherungsniveau zurückfallen. Muss und kann ich mit leben. Gemacht, was ich wollte, habe ich in jungen Jahren, irgend etwas läuft also genau anders herum als in der Generation meiner Eltern. Heute folge ich den 10 Geboten und den 12 Schritten, die mir als Orientierung dienen und bitte um tägliche Führung. So Gott will, werde ich meinen körperlichen Verfall dito so relativ klar wie mein Vater erleben, derweil nur wenige die Gnade haben, irgendwann am nächsten Morgen nicht mehr aufstehen zu müssen.

Bis dahin hat es hoffentlich noch etwas Zeit. Ohne es genau zu wissen, wie kann man das auch, trage ich das derzeit noch sehr unbestimmte und diffuse Gefühl in mir, dass es für mich noch ein Menge zu lernen gibt, die potentielle Leichtigkeit des Seins inbegriffen. Für alle, die jetzt aufmerken – ja, auch dies möchte gelernt sein, wenn Mensch es nicht von Haus aus mit bekommt. Und – irgendwo gibt es die Hoffnung, dass an einem Punkt die Fäden zusammenlaufen könnten, dass Glaube, Intuition, Familie, teilen-wollen und die Leichtigkeit sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern sich sinn- und liebevoll ergänzen mögen. Wird sich mit der Zeit finden – so Gott will – und ich ihm folge.

Mein Taufspruch … vor 15 Jahren.

Pari

Gleichstand. Heute vor 22 Jahren trank ich zum letzten Mal Alkohol. Das entspricht annähernd der Zeitspanne, in der ich konsumiert habe, wenn ich den Beginn auf dem 16ten Lebensjahr lege, von einigen vorherigen einzelnen Gelagen mal abgesehen.

Wir unterscheiden bei den anonymen Alkoholikern zwischen Trinkpausen, Trockenheit und Nüchternheit. Trinkpause ist selbsterklärend, Trockenheit bezeichnet dauerhafte Abstinenz, Nüchternheit meint Trockenheit plus tiefgreifenden inneren Wandel, Friede mit der Vergangenheit, Vertrauen auf Gott, Skepsis dem eigenen Ego, den eigenen Emotionen gegenüber, beides Bereiche, die laut Pfarrer Kappes krank sein können und bei süchtigen Menschen auch sind – im Gegensatz zu unserer unsterblichen Seele, unser Selbst, wie Kappes sagt.

Wo stehe ich? Ich bin auf dem Weg, der zu werden, der ich Gottes Willen nach gedacht bin. Was den eigenen Willen nicht ausschließt, wer möchte schon „willenlos“ sein? Für mich ist es existenziell wichtig, Gottes Willen als den eben größeren anzusehen. Immer wieder um tägliche Führung bitten, mich führen zu lassen. Das gleicht einer abenteuerlichen Reise, mal Angst-besetzt, da wo das Vertrauen (noch) nicht reicht, mal zuversichtlich, meist aber als spannend empfunden. Langweilig wurde mir in den vergangenen 22 Jahren jedenfalls noch nie 😉 Wie wichtig Vertrauen ist, zeigen gerade diese Zeiten immer wieder neu. Richtung und Weg stimmen, wofür ich dankbar bin.

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Urvertrauen

Unten stehende Zeilen stellen im Kern einen meiner Beiträge in einer Heinz-Kappes-Whatsapp-Gruppe dar. Glaube und Vertrauen, für mich der Boden unter meinen Füßen, heute. Es ist immer noch nicht selbstverständlich für mich, abzugeben, als ein Mensch, der stets gern die Kontrolle gehabt hätte, zu haben glaubte. Ein Mensch, der mit solchen Plattitüden wie „Glauben tun wir in der Kirche“ aufwuchs, ein Mensch, für den Gott allenfalls eine Art strafende Instanz darstellte, der jedem das seine gibt, alttestamentarisch pur. Ein Mensch, der sich zum Ende seines Größenwahnes seinem Schöpfer angeboten hat, ihn abzuholen.

Es war noch nicht die Zeit dazu – Gott sei Dank.

Und das ist meine Lebensgeschichte, dass ich nicht wusste, wohin ich gehe, und dadurch am sichersten geführt war….Man weiß nicht, wohin man geht, wenn man gegangen wird in seinem Leben.

Heinz Kappes – „Von Liebe heimgesucht“ – Abschlussrede AA-Treffen in Basel am 09.05.1978)

Mein Name ist Reiner, ich bin Alkoholiker, heute trocken. Ich habe mir diese beiden Textpassagen aus der langen Rede von Heinz Kappes herausgesucht, weil sie mich besonders ansprechen: Der Umgang mit stetem Wandel, mit Unsicherheiten aller Art, wirtschaftlich und politisch auf gesellschaftlicher Ebene sowie Partnerschaften, Freundschaften, Beziehungen aller Art auf persönlicher Ebene betreffend.

Mein Leben war geprägt von persönlichen Krisen und Veränderungen. Zahlreiche partnerschaftliche Beziehungen, ständig wechselnde Bekanntschaften, deren Bindeglied die gemeinsame Gier auf Rausch war. Die totale, innere Leere in der Kapitulation vor meinem Unvermögen, mit Alkohol und Drogen umgehen zu können. Beziehungsdramen, nüchtern und trocken durchlebt und regelrecht zelebriert. Die zweite große Kapitulation war die vor meinem seelischen Zuschnitt, das andere Geschlecht betreffend, nach 9 trockenen Jahren durchlebt. Ich war mit meinem Willen, mit meinem Ego mehr als einmal komplett am Ende. Und immer, wenn ich überhaupt nicht mehr weiter wusste, konnte ich abgeben, an meine höhere Macht. Natürlich nicht frei und willig, sondern getrieben von Verzweiflung und Angst, die mein ständiger Begleiter war, solange ich denken kann. Mach du, ich weiß nicht mehr weiter, hieß es so oft.

Das kommt auch heute noch öfters vor, aber etwas hat sich geändert. Ich darf zeitig um Führung bitten, nicht erst im Zustand vollständiger Verzweiflung. Mein Ego, mein Verstand machen Pläne, entwerfen Strategien, haben aber nicht mehr das letzte Wort. Eingeprägt hat sich mir der Wunsch, das meine zu tun, soweit ich blicken kann, verbunden mit der Erkenntnis, dass das jeweilige Ergebnis nicht in meiner Macht liegt. IHM das Ergebnis zu überlassen und es annehmen zu können, gleich, wie es ausfällt. Manche nennen es Gottvertrauen, andere Intuition oder Urvertrauen, für mich ist es auch heute noch alles andere als selbstverständlich, abgeben zu dürfen, zu vertrauen, mich führen zu lassen. Es ist dies das größte Geschenk meiner Nüchternheit, mein Ego SEINEM Willen unterordnen zu können.

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Grundbedürfnisse & Mangel

Eigentlich – beschreibt, wie etwas sein sollte, aber nicht ist. Eigentlich ist es für die meisten Menschen selbstverständlich, auf sich zu achten, auf die psychische und physische Befindlichkeit. Für mich als suchtkranker Mensch ist es dies nicht. Wenn ich den Motor meiner Suchterkrankung beschreiben soll, fallen mir spontan zwei Begriffe ein: Flucht und Mangel. Flucht vor mir selbst, mich mir selbst nicht stellen wollen sowie Mangel an (Selbst-) Liebe, Eigenverantwortung, Fürsorge für mich selbst. Was keinen Widerspruch zu meinem maßlosen süchtigen Verhalten darstellt: Ein Fass ohne Boden wird niemals gefüllt.

Den inneren Mangel zu befrieden, meine Seele zu füllen mit Frieden, Vertrauen und Zuversicht, das ist ein Prozess, der lebenslang andauert. Heute glaube ich den Worten der AA-Freunde – die Dauer sei mindestens ebenso lang wie die aktive, süchtige Zeit. Sie wussten um elementare Zusammenhänge zwischen Körper und Seele, gut in Erinnerung geblieben ist mir dieser Halbsatz:

Nicht hungrig, nicht durstig, nicht müde.

Äußerer Mangel – in meiner aktiven Zeit achtete ich in keiner Weise auf mich. Ich aß zu wenig und meist wenig Nahrhaftes, trank – schon klar, was, und schlief zu wenig und zu schlecht. Hygiene und äußeren Erscheinung waren oft dem entsprechend. Trocken und clean fing ich genau hier an, auf mich zu achten. Neben geistiger Nahrung, in meinem Fall alle verfügbare AA-Literatur, aber auch weit darüber hinaus, fing ich an, auf meine Grundbedürfnisse zu achten. Lernte kochen, lernte Neugier zu leben, lernte, wieder Struktur in meine Tage zu bekommen. Für mich zu sorgen eben, was soziale Kontakte mit einschließt. Einsamkeit (nicht allein-sein) ist auch ein Mangel, den ich, wenn ich wirklich möchte, relativ leicht beheben kann.

Warum bewegt mich all das, sollte doch schon längst selbstverständlich sein, meint der innere Kritiker. Ist es aber nicht immer. Mal fällt es mir einfach nicht auf, wie müde ich wirklich bin, mache einfach weiter und wundere mich dann über meine Gereiztheit und meine Aggressionen. Dann kann ich mich wunderbar empören, Anlässe gibt es in dieser Zeit mehr als reichlich. Oder ich werde schlicht krank am Körper, siehe neulich. Mangel hat viele Gesichter. Bei der fälligen Innenschau, der nach Möglichkeit täglichen Inventur sowie im Austausch mit anderen Betroffenen werde ich wieder an die kurzen, knappen vermeintlichen Binsenweisheiten erinnert, siehe oben.

Eigentlich ist es so einfach – eigentlich eben.

Bild von Markus Grolik aus dem Buch „Therapeutische Cartoons“ (Holzbaum Verlag): www.komischekuenste.com/shop/therapeutische-cartoons
(Werbung, unbezahlt)

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