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Wieder Dezember

Wieder Adventszeit – heute Morgen bin ich früh auf und nutze die Zeit, den Gottesdienst in unserer schönen Friedhofskirche zu besuchen. Es wird viel gesungen, was nicht so an mir ist, dennoch mache ich mit, wo ich kann. Es geht mir mehr um die Atmosphäre dort, auch um die Gesellschaft Gleichgesinnter. Soweit das Auge reicht, Grauköppe, denke ich. Ok, auch ich habe heute Morgen in den Spiegel geschaut und realisiere, dass ich so verkehrt hier nicht bin. Um so mehr freue ich mich über die junge Mutter mit ihren beiden kleinen Kindern ein paar Bänke weiter vorne und ein paar wenige Kids hier und da. Es gibt sie also doch, die Jüngeren, die mit Glauben etwas anfangen können.

Während ich die Predigt und die feine Musik des Kantorei-Projektes höre, geht mir die zu Ende gehende Woche durch den Kopf. Die Situation an meinem Arbeitsplatz, die vielen Gebrechen um mich herum, Verstorbene und deren Hinterbliebene. Ein Kommen und Gehen, derzeit von mir verstärkt wahrgenommen eher das Gehen. Kennen wir alle, mit Mitte, Ende 50. Tief berührt denke ich an die Vorbereitungen einer Beisetzung in der Anverwandtschaft, mit wie viel Liebe derzeit Erinnerungen in Wort und Bild gebracht werden und freue mich trotz der Schwere und dem persönlichen Hintergrund dessen, wie so etwas ausschauen kann, Respekt und Achtung auch dem Tod und den Verstorbenen gegenüber.

Weiter vorne wird an unsere Charakterschwächen erinnert, daran, dass unser Schöpfer uns sieht und nimmt, wie wir sind. Mir fallen Situationen ein, in denen mein großes Maul und meine zeitweise Überheblichkeit mit mir durchgegangen sind. Gibt so einiges, was mir nicht unbedingt zur Ehre gereicht. Das Gute daran ist, mir wird es bewusst, mal früher, mal später.

Sonst so? Ich meide die vorweihnachtlichen Aktivitäten in der Stadt, vorneweg die Weihnachtsmärkte mit ihren Glühwein-seligen Gesichtern allerorten, die vielen Menschen, die obligatorische Geruchsmischung von Glühwein, Zigarettenrauch, fettiger Bratwurst, Pilzpfannen und Anisbonbon-Ständen, verbunden mit gewissen körperlichen Ausdünstungen nach dem Genuss eben dieser kulinarische Highlights. Wie jedes Jahr staune ich, wie sehr dem Kommerz zum Jahresende der Arsch geküsst wird, Black Friday lässt grüßen. Selbst werde ich mich da nach Möglichkeit raushalten, es steht genug Zeug umher. Gutes Essen und Trinken geht in Ordnung, darüber hinaus möchte ich DA sein, offen sein für meine Nächsten, nach Möglichkeit über dem, was mich derzeit im Geiste gefangen hält, hinaus.

Guten ersten Advent allseits!

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Viele Fragen

Derzeit beschäftigt mich eine Beitragsserie nebenan auf der Wupperpostille, bestehend aus täglich drei Fragen. Basis hierzu ist eine App der evangelischen Landeskirche Hannover, die XRCS.  Alltäglich meldet sich die App also dreimal zu unterschiedlichen Zeiten und fragt dezent nach, ob ich Zeit für eine kurze Unterbrechung habe. Die Fragen sichere ich mir als Screenshot und bastele zusammen mit meinen Antworten daraus täglich einen Eintrag. Das Ganze läuft über 30 Tage, ergibt zusammen also 90 Fragen.

Die Fragen sind auf den ersten Blick unverfänglich, beziehen sich manchmal auf den Augenblick, manchmal auf Vergangenes, laden gelegentlich zum tiefer graben ein, regen aber in jedem Fall zum nachdenken, nachspüren an. Ich habe mir zwei Tage „Vorlauf“ zugestanden, d.h., die täglich veröffentlichten Beiträge sind schon zwei Tage alt. Die mögliche automatische Veröffentlichung habe ich deaktiviert, was den Vorteil hat, dass ich den geschriebenen Entwurf kurz vor der manuellen Veröffentlichung noch einmal querlesen kann – es kommt öfter vor, dass noch etwas korrigiert, ergänzt oder gelöscht wird. Manche Fragen müssen einfach ein wenig abhängen, ähnlich wie Wurst ;)

Was macht das mit mir? Es verhält sich ähnlich wie beim schreiben meiner Lebensgeschichte, meine Suchterkrankung betreffend. Der Spagat besteht für mich damals wie nun wieder darin, einerseits bei der Wahrheit zu bleiben und anderseits abzuwägen, wie viel davon ich in welcher Weise veröffentlichen möchte.

Also – wer möchte – viel Vergnügen und besinnliche Momente beim lesen nebenan. Es darf auch gerne mitgemacht werden :) . Oder vielleicht „zieht“ sich der eine oder andere die App und beantwortet die Fragen für sich im Stillen.

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Karfreitag 2018

Heute ist also der so genannte stille Oster-Feiertag, an dem Jesu Kreuzigung gedacht wird. Weltlich gesehen war das zunächst einmal ein Gewaltverbrechen, ausgeübt von den damals herrschenden Machthabern, aus politischem Kalkül. Die Amtskirchen sagen, er sei für uns gestorben, hat unsere Sünden auf sich genommen und uns somit Zugang zum ewigen Leben ermöglicht. Glaubenssache eben.

Was macht das mit mir? Gut möglich, denke ich. Wobei die Bibel Menschenwerk ist, eine Produkt vieler Zeitalter, geschrieben aus dem Geist der jeweiligen Epochen heraus. Was mich zunächst skeptisch stimmt, weil das geschriebene Wort selten absichtslos entsteht. Dann ist es für mich als ein Mensch, der gerne um viele Ecken denkt, sehr verlockend, zu glauben, gut so – einer für alle, wie praktisch, dann könnte ich ja theoretisch haushalten nach Belieben, is`ja schon alles bezahlt. Das ist bestimmt des öfteren in vielen Köpfen so gelaufen, glaube ich. Allerdings funktioniert das nur scheinbar, da gibt es ja noch das Gesetz von Ursache und Wirkung, oder, einfacher gesagt, wie Du mir, so ich Dir. Das Leben antwortet mir, so oder so. Man nennt es Karma, ich mag dieses esoterisch besetzte Wort nicht, aber so ist es eben.

Vor nunmehr gut elf Jahren bin ich der evangelischen Kirche wieder beigetreten, trotz oder vielleicht auch gerade wegen aller Zweifel an dem geschriebenen Wort in dem dicken, alten Buch. Ein Schritt aus der tiefen Erkenntnis heraus, das es keinen Zufall gibt, im Leben. Aus Dankbarkeit heraus, überlebt zu haben, meine aktive Zeit als süchtiger Mensch. Aus dem Bedürfnis heraus, etwas zurück zu geben, ein klein wenig daran teilzuhaben, dass vielleicht die eine oder andere Einrichtung doch nicht geschlossen werden muss und weiter arbeiten kann, im Dienst am Nächsten. Und – für mich heute das wichtigste – ich fühle mich getragen und geborgen in meinem Glauben. Er hilft mir, mit meinen sicherlich immer noch zahlreichen Charaktermängeln klar zu kommen oder besser, sie wo immer möglich, loszulassen bzw. auf ein für mich und andere erträgliches Maß zu reduzieren.

Gerade, wenn Leben in manchen unruhigen Zeiten nur “auf Sicht” möglich ist, hilft mir mein Glaube. Darüber hinaus denke ich, es schadet nichts, sich einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten anzuschließen, von denen der weitaus überwiegende Teil ernsthaft um eine etwas bessere Welt bemüht ist. Jede, jeder auf ihre, seine Weise. Dafür hätten sie ihn nicht gleich an`s Kreuz nageln und grausam langsam sterben lassen, denkt es in mir. Andererseits ist es für mich auch abseits vom Glauben eine realistische Vorstellung, dass es sich so zugetragen haben mag. Mein Bild von Jesus ist das eine aufrechten, durchaus auch streitbaren Menschen, der von göttlicher Liebe überzeugt war, Bigotterie und Doppelmoral verabscheute. Damit hat man eben nicht nur Freunde.

Als Ausrichtung taugt das, was er gesagt und gelebt haben soll, allemal, für mich. Von dem unrühmlichen Ende einmal abgesehen. Aber solchen Menschen sind eben sehr selten zu Lebzeiten noch Denkmäler gebaut worden …

Uns allen friedliche und ruhige Ostertage !

 

Berührung

Still haben wir uns St. Laurentius angeschaut, heute, am ersten November. Draußen scheint noch warm die Sonne und die Türen der Kirche stehen offen, bei der kleinen Runde heute mit unseren Gästen. Stadtbesichtigung light sozusagen, Schwebebahn, Ölberg, Luisenviertel, zu mehr reicht die Zeit nicht. Meine Lieben sind schon wieder an der Sonne und ich lasse im Eingangsbereich die schöne Kirche noch einmal auf mich wirken.

Sie steht etwas verloren neben mir an einem kleinen Tisch. Klein, schlank, blonde Strähnen quellen unter einer kurzen Stoffmütze hervor und umrahmen ein älteres, waches und freundliches Gesicht mit strahlend hellen Augen und einer frechen, kleinen Nase. “Kirchenaufsicht”, verrät mir ein kleines Schild an ihrer Jacke.

Gegenseitig wünschen wir uns einen schönen Tag und bei der Gelegenheit werde ich nach der Zeit gefragt. “Meine geht immer so nach, wissen Sie. Wegen der Ablösung gleich, sonst verpasse ich noch meinen Feierabend” erklärt sie lächelnd. Man müsse doch etwas tun, bevor man geholt würde, sagt sie. Wir kommen in`s Gespräch, sind uns einig, das das wirklich eine sehr schöne Kirche ist, nach der langen Restaurierung in den letzten Jahren. Katholisch eben, das Auge und die Aufmerksamkeit  werden gefangen. Sie besucht aber auch evangelische Kirchen. “Die sind so ganz anders, man muss dort ständig so sehr über sich selbst nachdenken” Das wäre hier nicht so, sagt sie und ich kann spüren, wie sie das meint.

Wir unterhalten uns über der Menschen Sucht nach Unterscheidung von einander und sind uns einig, das im Kern alle Religionen doch ähnlich sind. Mehr beiläufig erwähne ich meine späte Taufe vor acht Jahren. Sie strahlt regelrecht, freut sich aus ganzen Herzen für mich. Mittlerweile kommt die Liebste mal schauen, wo ich so bleibe und gesellt sich zu uns. Schnell spürt sie die sehr angenehme Atmosphäre und so plaudern wir eine kleine Weile zu dritt.

Beim Abschied umarmen wir uns alle drei, wir, die uns bis gerade eben noch gar nicht kannten. Ein sehr seltener und schöner Augenblick der Berührung ist das für mich, der ich sonst eher bestrebt bin, meine Mitmenschen auf Distanz zu halten.

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