Die Hochzeit

Vor Wochen bekamen wir die Einladung. Mein morgendliche Mitfahrerin und Schwester im Glauben lud uns ein zur Hochzeit ihres Ältesten von 7 Kindern, und so machten wir uns gestern Abend auf den Weg, nach einer ziemlich dramatischen Vorgeschichte in Sachen Planung der Lokalitäten. Kurzfristige Absagen und nicht erteilte behördliche Genehmigungen für die abendliche Feier brachten alle Beteiligten an den Rand von ausgewachsenen Nervenkrisen. Die kirchliche Trauung fand bei Düsseldorf statt, die abendliche Feier dann nach einigen Hin und Her hier im Tal der Wupper.

Wir sehen uns jeden Morgen 6 Minuten im Auto, danach nur kurz auf Arbeit. Ich höre immer gut zu, wenn Mama Y. erzählt. Sie ist wie ihre ganze Familie sehr gläubig und wenn auch die Verständigung manchmal fordert, so berührt mich vieles von dem, was sie erzählt, sei es von ihren Kindern, von den Zuständen in ihrer Herkunftsheimat, von ihren Streben nach finanzieller Autonomie als Basis für die deutsche Staatsbürgerschaft. Dank mehrerer Jobs funktioniert das, wird aber durch überbordende Bürokratie nicht nur hier, sondern auch in Afrika, was fehlende Papiere angeht, verzögert. Eigentlich wusste ich gestern auf dem Weg zum Saal nur, dass ich so gut wie nichts wusste, mal von dem öffentlich Nachlesbaren und den kleinen Alltagseinblicken während der kurzen allmorgendlichen Fahrten abgesehen. Gute Sache, mit einigermaßen leeren und wertfreien Kopf zu einer solchen Feier zu fahren.

Ein unglaublicher Trubel und Parkplatzchaos rund um die Halle empfängt uns. Laut Mama Y. werden an die 600 Gäste erwartet, die im übrigen auch mit vereinten Kräften selbst bekocht werden sollen. Und so stehen wir draußen und kommen uns zunächst schon sehr deplatziert vor. Uniformierte junge Männer und Frauen in Grün-Weiß mit Käppi wuseln umher, kümmern sich um alles mögliche, sie gehören zur Kirchengemeinde, wie ich erfahre. Irgendjemand von den Uniformierten spricht uns an, wir zeigen unsere Einladung und werden ins Innere begleitet, man weist uns zwei Stühle an. Wir werden Zeuge einer unglaublich lauten Zeremonie, dominiert von einer extrem phonstarken Blaskapelle. In scheinbar endlos langen Zügen bewegen sich Menschen zur Musik wiegend durch den Saal. Ansprachen und Andachten in werden während der Musikpausen in französisch gehalten. Natürlich verstehen wir kein Wort, haben aber Respekt vor der natürlichen Autorität, die die Redner, zum Teil wohl auch Geistliche, in ihren in leisen und ruhigen Ton verfassten Ansprachen ausstrahlen. Alles scheint nach einem genau geregeltem Protokoll zu verlaufen. Nach eine Weile werden wir gebeten, uns kurz draußen die Füße zu vertreten, was wir gerne tun, die Tische sollen zum essen gerichtet werden.

Es ist angerichtet und wieder bekommen wir unseren Platz zugewiesen. Der einzige Tisch für Weiße, auch der einzige mit Alkoholika (alle anderen trinken zumindest offiziell nicht), aber an exponierter Stelle ganz vorn neben der Loge für das Brautpaar, dem die würdevolle Anstrengung schon deutlich anzumerken ist. Neben uns sitzt dort noch die Arbeitgeberfamilie des jungen Mannes. Der Chef, ein waschechter Bayer samt Frau, den beiden Kindern und ein Nordafrikaner, der auch irgendwie zur Familie gehört.

Schneidend dicke Luft und die Kapelle dreht sowas von voll auf. Ich bin in Sachen Konzerten einiges gewöhnt, aber die hier können mit ihrer Lautstärke mehr als gut mithalten. Sie spielen eine gewaltige Mischung aus Samba und Marschmusik, die viel Fröhlichkeit ausstrahlt, aber auch militärischen Charakter hat, so wie die vielen uniformierten Gemeindemitglieder um uns herum. Den optischen Kontrast dazu bieten die anderen geladenen Gäste – ich staune über zahllose bunte wie phantasiereich gestaltete Outfits, bei den Männern übrigens genauso wie den Frauen. Hin und wieder ebbt die Musik etwas ab, ein Fototermin jagt den nächsten. Das Buffet wird eröffnet, wir dürfen in relativer Ruhe essen, am Ende wird eine riesige Torte zeremoniell auf einem Wägelchen angefahren und will angeschnitten werden. Wenn die Musik es zulässt, entstehen unter Stühlerücken und regelmäßigen Nachfragen, der Dialekte wegen, angeregte Gespräche mit unseren bajuwarischen Tischnachbarn.

Es ist ein faszinierender Abend mit unglaublich vielen Menschen, von Babys bis alten Greisen. Viel Disziplin ist zu spüren, Contenance ist allen hier sehr wichtig, aber auch Freundlichkeit, und abseits vom Protokoll wird auch gelacht. Irgendwann nach Mitternacht verabschieden wir uns mit pfeifenden Schädeln (das tut zumindest meiner jetzt gerade immer noch 😉 ) und fühlen uns dankbar sehr geehrt, an einer solchen Familienfeier teilgenommen haben zu dürfen. Bilder und andere Aufzeichnungen gibt es, aber aus Respekt vor der Privatsphäre beschränke ich mich hier aufs (be-)schreiben.

🙏

Zu Gast

Auf Reisen wird er wieder spürbar, dieser Teil in mir, der sich nirgendwo zuhause fühlt. Ok, denke ich mir, das ist jetzt für einen wenn auch provinziellen Großstädter nicht wirklich überraschend, in einer erzkonservativen südstaatlichen Kleinstadt seltsam angeschaut und teils auch angesprochen zu werden. Keine Ahnung, warum – lag es an meiner morgendlichen Verschlafenheit, dem mittels Schnellspanngurt am Rucksack befestigten, mitreisenden Teddybär, der nicht recht zu meinem faltigen Antlitz passen will oder lag es am T-Shirt mit Schrödingers Katze. Die Vorstellung behagt bekanntlich nicht jedem, das allem Lebendigen schon der Tod innewohnt, schon gar nicht am frühen Morgen. Wie auch immer, sie hätten gewarnt sein können, auf selbigen Rucksack prangt eben auch das Logo der Grinsekatz als Aufkleber, habt ihr jetzt davon, kommt ihr halt in eine Geschichte 😉

Nachdenklich stimmen mich auch die Gesichter hier. Gefühlt habe ich schon lange nicht mehr so eine geballte Ansammlung von herabgezogenen Mundwinkeln in Kombination mit ausgesuchter Unfreundlichkeit gesehen, und das heißt was, wenn man im bergischen Land geographisch beheimatet ist. Wobei der Bergische an sich nicht unfreundlich gesonnen ist, eher beseelt von einer gewissen skeptischen Zurückhaltung. Erst mal rankommen lassen, so in etwa. Hier dagegen sehen viele Menschen so aus, als hätten sie es schwer. Kann sein, kenne ich ja auch, aber muss man sich dem wirklich so hingeben? Hin und wieder mal ne ordentliche Fresse ziehen geht klar, dafür sind wir alle nur Menschen. Aber so geballt? Dass es auch anders geht zeigen uns paradoxerweise die Zugezogenen, wie die coole Italienerin im Restaurant nebenan, der Stress ein Fremdwort ist. Oder der Armenier in dem kleinen Terrassencafe am Kurpark, den das von der Liebsten getragene armenische Kreuz zur orientalischen Höchstform auflaufen ließ. Zwei Stunden Aufenthalt, von denen ca. 15 Minuten dem Verzehr der angebotenen Leckereien gewidmet waren, der weitere Verlauf bestand aus anregenden theosophischen wie politischen Vorträgen und Diskussionen, durchwirkt mit liebenswürdiger orientalisch-verbaler Ausschweifung.

Zur Ehrenrettung des Landstrichs muss gesagt werden, es begegnen einem hier unglaublich viele kulturgeschichtliche Zeugnisse, die Landschaft ist sehr reizvoll, es ist milder als daheim und beim genaueren hinsehen finden sich auch nette Eingeborene. Ist möglicherweise alles wie so oft eine Frage des Fokus.

Was bleibt, ist dieses irdisch-unbehauste Lebensgefühl. Ein alles in allem erfüllendes Leben. meine mich daheim umgebenden lieben Menschen und Katzen, ein Ort, der sich mit Recht zuhause nennt, all dies erfüllt mich mit Dankbarkeit. Nichts von alledem ist selbstverständlich. Dennoch ist diese innere Heimatlosigkeit, ein Form von irdischer Verlorenheit, mein ständiger Begleiter geblieben, wenn auch lange nicht mehr derart wie in jungen Jahren. Allein mein Glaube hält all dies heute zusammen und – weil ich mich immer auch an die konstruktive Seite eines an sich destruktiven Gefühls erinnern möchte – innere Unbehaustheit, Verlorenheit geht in meinem Fall auch einher mit einer guten Portion Neugier, in Kombination mit einer gesunden inneren Distanz zu Geschehen um mich herum. Wurde mir nicht frei Haus geliefert, sondern ergab sich mit den Jahren durch ausdauerndes Training, vielleicht am ehesten vergleichbar mit einer gläsernen Mauer, die den Blick in beide Richtungen ermöglicht, aber vieles auch abprallen lässt.

*

PS – der Wassertiger existiert in wenigen Tagen tatsächlich schon seit 10 Jahren. Auch, wenn hier meinerseits wenig los ist, hat sich dieser Blog der Statistik nach zu einer Fundgrube für alle möglichen Themenbereiche entwickelt. Auch wenn ich mehr als einmal mit dem Gedanken gespielt habe, das Ding in Ehren vom Netz zu nehmen – solange noch gelesen wird, bleibt die Seite.

Blick zurück

Wenn sich die Gegenwart zum größten Teil auf die eigenen vier Wände beschränkt und die Zukunft sehr überschaubar ist, rückt die Vergangenheit in die Gegenwart, möchte Erlösung, will in Worte gekleidet werden.

*

Manchmal telefonieren sie. Das geht nur zu merkwürdigen Zeiten, weil sie der vollständige Erddurchmesser trennt. So geht bei ihr morgens um 7 das Telefon, am anderen Ende ist es 7 Uhr am Abend. Aber sie reden schon beinahe regelmäßig miteinander, wohl wissend, dass sie sich niemals mehr wiedersehen werden. Es gibt immer einiges zu erzählen und niemand nimmt Anstoß an Tageszeit und Dauer des Telefonats, das sich schonmal über Stunden ziehen kann. Ihre beiden Männer sind verstorben. Die beiden sind nicht nur Cousinen, sie waren auch Freundinnen, damals. Im „dritten Reich“, als Kinder. Die Frau am anderen Ende der Welt ist Jahrgang 1934, die andere ein Jahr jünger.

Das Tal der Wupper lag bereits in Trümmern, die beiden nahmen gezwungenermaßen an der so genannten Kinderlandverschickung teil. Im selben Schlafsaal untergebracht, durften sie nicht miteinander reden. Auch durften sie des Nachts nicht zur Latrine, was zu heimlicher Erleichterung in irgendwelchen Ecken führte. Beide wurden nacheinander krank und fanden sich auf der Krankenstation wieder. Hier durften sie immerhin miteinander sprechen.

Sie reden von der Flucht vor den Russen, zurück in den Westen. Von dem eiskalten Winter auf Pferdewagen. Die eine verlor sämtliche Zehen an beiden Füßen auf dem Weg, die andere hatte Glück, man konnte ihr das Leben unter großen Schmerzen wieder in die Zehen zurück massieren. Bilder werden getauscht, von dieser Fahrt durch die Hölle. Am schlimmsten seien die Toten gewesen, die sie einfach während der Fahrt vom Wagen warfen. Es gab keine Zeit, sie in dem hartgefrorenen Boden zu bestatten. So viele Babys seien dabei gewesen, kleine steifgefrorene Bündel. Tränen fließen, fast 80 Jahre alte Tränen.

Die beiden tun sich gut, während sie sich ihre Lebensgeschichten erzählen und den Horror aufzuarbeiten versuchen.

*

Manchmal reden wir von den Nachrichten. Sie wundert sich manchmal über die Berichte, wobei ich nicht weiß, ob „wundern“ das rechte Wort ist. Ein Angriff, sagt sie und es ist von 5, 10 oder 20 Toten die Rede. Sie spricht direkt im Anschluss daran von dem großen Finale hier in der Stadt. Von der Nacht, in der es Feuer vom Himmel regnete, das sie aus dem Kellerloch beobachten konnte. Wie Regentropfen, sagt sie. Von dem Morgen danach, als sie zum spielen raus ging, in den Park, weil es Drinnen nicht mehr gab. Der Park, in dem die Toten der Nacht lagen, sehr viele Tote, ordentlich aufgereiht nebeneinander. Ist jeder einer zu viel, sage ich, und sie nickt stumm.

*

Zum Schluss spare ich mir jeden weiteren persönlichen oder auch politischen Kommentar, obgleich mein Herz vom schreiben gerade übervoll ist. Um mich soll es hier an dieser Stelle nicht gehen.

Abgesang, Teil 3

Im Bad läuft das Radio, es ist Karfreitag, und die Themen dementsprechend. Sie haben einen Buchautor eingeladen, der sein neues Buch vorstellt – Warum wir Trost brauchen. Interessiert höre ich zu, da ist von Unwiederbringlichkeit, von Endgültigkeit die Rede. Ich spüre nach … Trost, Vergebung. Für mich besteht da ein Zusammenhang.

„Gib mir ein wenig Zeit“, höre ich dich sagen. Passt, denke ich, das wollte ich dir auch gerade sagen. Du hast jetzt Zeit genug und irgendwann sehen wir uns sowieso wieder, um weiter aneinander zu wachsen, in welcher Konstellation auch immer. Du hast jetzt jedenfalls dein Grabstellenschild (nachdem ich mich mit Gemeinde und Friedhofsverwaltung gestritten habe), deine letzte Ruhestätte trägt deinen Namen, den Tag deiner Geburt und den Tag deines Todes. Vielleicht hilft es dir, dich aufzumachen.

Ein guter Freund meinte vor längerer Zeit mal zu mir, welch großer Schatz es sei, dass ich meine Eltern noch hätte. Ich habe kurz gestutzt und ihm dann geantwortet, nein, andersherum wird es etwas. Sie haben mich. Jetzt, wo mein Vater fast ein halbes Jahr tot ist, fühlt sich das immer noch genau so an. Die Feststellung ist mir wichtig, weil mir meine potentiellen Selbstbetrügereien allmählich vertraut sind. Nachspüren und hinterfragen ist mir darum immer wichtig.

Trauer – was dich angeht, fühlt es sich immer noch so an wie die meiste Zeit in meinem Leben. Ich hatte nie den Vater, den ich mir gewünscht habe, ich hatte den bekommen, der für mich vorgesehen war, den ich offensichtlich brauchte, um selbst ein anderer Vater zu werden. Möglicherweise. Dein Tod war nur ein großes Finale, um Vergebung und Frieden zu finden. Mag sein, dass es dir ähnlich geht.

Mutter geht es gut, von den Beschwerden ihres Alters mal abgesehen. Sie genießt ihr Alleinsein, nachdem sie so lange ihre Pflicht getan hat. Die kleine Wohnung ist lichter und heller geworden und ich wünsche ihr, dass sie noch ein Weilchen daran Freude haben darf.

*

Zurückgeblieben

Folgender Beitrag war ursprünglich ein Post von mir im Rahmen einer Selbsthilfegruppe, aber warum sollte er nicht für alle Interessierten lesbar sein.

*

Es bleibt etwas zurück, heißt es, nach jahrelangem Schindluder und Raubbau an Körper, Emotio, Ratio, Ego, an der Seele. Hat man mir auch einst attestiert, F10.2 & F12.2, man (oder die Suchmaschinen) kennt, kennen das. Bleibt halt nix ohne Folgen, weg ist weg und irgendwann wächst auch nichts mehr nach, sagen sie. Finden Sie sich damit ab, sagte mir vor längerer Zeit ein Therapeut auf einer dieser Probestunden, deren einziger Sinn für mich in der Erkenntnis bestand, austherapiert zu sein. Sie haben sich viele Jahre lang vergiftet, Nervenzellen zerstört, da bleibt etwas zurück.

Jo, recht hatte der. Wobei seine Sicht der Dinge wieder mal nur eine Teilwahrheit war, und in Art wie Kontext therapeutisch fragwürdig vorgetragen wurde, vorsichtig formuliert. Zu gerne hätte ich ihn gefragt – na klar, isso, aber was bitte stelle ich mit dem Rest noch an? Noch zu irgendetwas nütze oder reicht es einst nur noch für sanftes, rhythmisches Schwingen im Schaukelstuhl auf der Loggia, im Abgasnebel der Rushhour auf Monte Petrol? Die Frage sollte ich mir offensichtlich selbst beantworten.

Zunächst glaube ich daran, dass nicht nur etwas zurückgeblieben ist, sondern dass meine damalige Art zu leben auch eine Vor-Geschichte hatte, die erst nach meiner bedingungslosen Kapitulation eine Chance auf Sichtung und Bearbeitung hatte. Eine durchaus strittige Sicht, manch einer meint, erst durch den Konsum so oder so geworden zu sein. Henne und Ei, einerlei, Fakt ist, vom Konsum wird nichts besser, sei es schon vorher in mir angelegt gewesen oder mit der Zeit erst entstanden sein.

Was also fange ich mit dem „Rest“ an, und wie gehe ich mit solch charmanten Diagnosen und Prognosen um? Heute weiß man, dass sich Nervenbahnen neu bilden können, auch dass sich Hirnareale neu untereinander vernetzen können und so Regionen Aufgaben übernehmen können, die ursprünglich nicht ihre waren. Die neurologische Beweisführung spare ich mir jetzt mal, sie ist mir nicht wichtig. Hoffnung gibt es also immer, auch wenn Mensch wie ich zu depressiven Episoden oder gar zu handfesten Depressionen neigt, die in einer anderen Liga spielen.

Selbst der schwarze Vogel, wie ich meine dunklen Stimmungen gerne nenne, hat seinen Sinn, verschafft er mir wenn auch unfreiwillig manche Atempause, lässt mich langsamer werden. Er reduziert Bewegung, Worte und Taten, was durchaus zeitweise Sinn macht. Wobei ich mich in den letzten Jahren darin übe, dies eher über Meditation zu erreichen und mich ansonsten von wacher Routine und Gottvertrauen durch meine Tage tragen lasse. Mich und vieles um mich herum nicht ernster zu nehmen, als unbedingt nötig, das Leben ist zu kurz für zu viel Ernsthaftigkeit, soviel ist sicher, und Humor ist oft genug, wenn man trotzdem lacht.

Auf gute Zusammenarbeit

Inspiriert vom und zu Ehren von dem 1988 verstorbenen evangelischen Jugendpfarrer, Quäker, religiösen Sozialisten, Übersetzer und adoptiertes Ehrenmitglied der anonymen Alkoholiker –
Heinz Kappes

*

Du weißt wahrscheinlich sehr wenig von mir, darum möchte ich mich dir kurz vorstellen: Gestatten, ich bin deine Seele. Und ja, ich höre dich schon stöhnen, nicht schon wieder so ein esoterisches Erklärungsmodell. Keine Angst, ich fasse mich kurz.

Ich bin der Teil in dir, der unsterblich und unzerstörbar ist. Dein göttliches ICH BIN, das durch die Existenzen wandert, um zu lernen, um einst im Licht bleiben zu dürfen. Mein Name führt oft zu Verwechselungen und Irrtümern; so sprechen die Menschen von seelischen Erkrankungen, aber das stimmt nicht. Ich kann nicht krank werden, das können nur dein Körper, deine Gefühle, dein Geist und vor allem dein Ego. Im Gegenteil, wenn du den Zugang zu mir findest, kann ich dir helfen, wieder umfassend zu genesen.

Wie das, fragst du? Und wo ich mich denn versteckt halte? Gute Frage, man hat mich schon oft gesucht, mal wurde behauptet ich wöge genau 21 Gramm, andere vermuten mich in deinem Unterbauch, wieder andere in deinem Gehirn und die Lyriker behaupten gar, ich wohne in deinem Herzen. Das schmeichelt, trifft es aber nicht.

ICH BIN – um in deiner Sprache zu bleiben – am ehesten Energie. Eine Art Energie, die dein ganzes Wesen durchwirkt und doch oft regelrecht belagert wird. Kein Teil deines Mensch-seins ist von der Natur her mein Feind, alles hat seinen Platz in meinen Inkarnationen. Leider wird gerne einzelnen Bereichen unmäßig viel Raum zugestanden oder genau das Gegenteil, viel zu wenig davon. Vernachlässigst du deinen Körper durch zuwenig Bewegung und falsche Kost oder betreibst du Körperkult mit Betonung auf dein Äußeres? Zwingst du deinen Geist (wird auch gern mit mir verwechselt) täglich zu Höchstleistungen und wunderst dich dann über körperliche Spannungserscheinungen?

Das größte Hemmnis auf dem Weg zu mir ist jedoch gerade der Teil, den du zum überleben am vermeintlich nötigsten brauchst – dein irdischens „ich bin“, dein Ego. Dein so hoch geschätzter „freier Wille“, ohne den du vor einem offenen Kühlschrank verhungern würdest. Das war einst der eigentliche evolutionäre Sinn deines Egos, dein Überleben zu sichern. Von anmaßenden Aufblähen war nie die Rede.

Der Weg zu mir – du findest mich in der Stille, im Alleinsein, in der Ruhe, wenn dein Körper, dein Geist, deine Emotionen und dein Ego ein wenig zurücktreten. Wenn du mit dem Rest deiner frei drehenden Gedanken allein bist, wenn du durch deine körperlichen Beschwerden hindurch gegangen bist, wenn du mit deiner ruhigen Atmung allein bist. Dann kannst du mich fühlen und ich kann meine eigentliche Arbeit machen, dich führen, auf deinem Weg. Dir helfen, deine Verletzungen anzunehmen, dich stärker machen, im göttlichen Sinne.

Ich kann dir helfen, der Mensch zu werden, zu dem du gedacht bist. Ich kann dir helfen, zum Vertrauen zu finden, auch und gerade in unruhigen Zeiten. Da mein Wesen nicht irdisch ist, kann ich dir Zugang zu göttlicher Führung verschaffen.

Ich bin bei dir – immer – auf gute Zusammenarbeit!

(c) Grinsekatz Ölberg

Ursprünglich erschienen hier auf der Wupperpostille

Festplattenfund

Vor ziemlich genau 10 Jahren fragte mich eine Kollegin, ob ich Lust hätte, einige Bilder zu machen. Sie wusste, dass ich seit einiger Zeit einen Weblog betrieb, damals noch bei Blog.de. Der Hintergrund war die anstehende Entrümpelung und Neunutzung der ehemaligen Werkstatt ihres Opas, wie ich ein gelernter Werkzeugmacher, ein Beruf mit langer Tradition hier in der Gegend und auch andernorts.

Das Besondere daran war der Umstand, dass der Opa zu diesem Zeitpunkt bereits gut 20 Jahre verstorben und die Oma ihm kürzlich gefolgt war. Zu ihren Lebzeiten durfte absolut nichts in dieser Werkstatt, ein kleines Hinterhofhäuschen auf den hiesigen Südhöhen, verändert werden, gleich so, als könne ihr verstorbener Mann es sich nochmal überlegen und noch irgend etwas fertig stellen wollen. Sehr wahrscheinlich aber eher, um sein Andenken auf diese Art zu bewahren, aber das ist Spekulation.

Damals gestaltete ich einen hübschen Foto-Eintrag bei Blog.de, eine Plattform, die kurz darauf in der Versenkung verschwand, und mit ihr die (bebilderte) Datenbank, auf die ich keinen Zugriff hatte. In der Folge des Untergangs von blog.de entstand übrigens diese Website hier, die ich selbst hoste. Parallel dazu verschwanden die Fotos in einem falsch benannten Ordner auf einer alten Festplatte, die ich erst gestern nach Ewigkeiten mal wieder gesichtet habe. Gott sei Dank sind sie doch noch da, was mich sehr freut, und so erblicken sie noch einmal das Licht der Öffentlichkeit.

Das Häuschen ist am Hang gebaut und hat 2 Etagen, von denen vorne nur eine sichtbar ist.

Selbst habe ich in den 80ern 10 Jahre in kleinen, Inhaber-geführten Betrieben gearbeitet, darunter auch zwei solcher „kleinen Klitschen“, von denen es damals hier im bergischen Land noch eine Menge gab. Sie steckten in unscheinbaren Hinterhof-Anbauten, Wohnhäusern oder Garagen. Heute gibt es nur noch wenige, die überlebt haben, Zeit ist immer im Wandel. Gesegnet, wer sie kennt, schätzt und seinen Arbeitgeber oder sich selbst zu ihren Kunden machen kann. Mit der typisch deutschen Reglementierungs- und Zertifizierungswut haben so Einzelkämpfer nämlich in der Regel nichts am Hut und der Arbeitsschutz wird auch nicht immer so ganz genau genommen. Die Jahre in dieser Art Firmen haben mir als junger Mann ausgesprochen gut getan, ich durfte unendlich viel dort lernen.

So habe ich unter anderen auch in einer kleinen Schlosserei gearbeitet und kenne noch den Umgang mit sehr alten Maschinen. Mein damaliger Chef war ein großer Freund von Insolvenz-Versteigerungen, dazu kam, dass er einen PKW-Anhänger hatte und ich damals der einzige Mitarbeiter mit Hängerkupplung am Auto war. Darum kam ich bei den Beutezügen ein wenig herum und konnte einige ehemalige altertümliche Werkstellen besichtigen. Die kleine Werkstatt hier im Jahrzehnte langen Dornröschenschlaf hatte es mir darum sehr angetan.

Eine alte Zeitung veranschaulicht die Zeitschiene.

Am Fenster …

Kleinkram …

Hier, nur hier und nur so hat die Kratze Empfang.

Bandsäge

Noch mehr Sägen

Wärme …

Liegengebliebenes

Lagerhaltung und mehr

Eine alte Drehbank und ein Shaping oder Kurzhobler. Solch einen Kurzhobler habe ich mal für besagte Schlosserei in einem 400Kg-ungebremsten Anhänger quer durch Wuppertal gefahren. Mit etwas mehr als Schritttempo … gearbeitet habe ich auf solchen Dingern auch.

Ständerbohrmaschine

Und zum Schluss noch Oppas Hausordnung.

*

Abgesang, Teil 2

Es kommt vieles zusammen, nach deinem Tod. Vielleicht liegt es an mir, weil ich den Dingen immer gerne irgendeine Bedeutung beimesse. Vielleicht ist alles nur ein lose Folge von mehr oder weniger zufälligen Ereignissen, eine Beweisführung ist nicht möglich.

Angefangen unmittelbar nach deinem Tod, der Bestatter hatte es unheimlich eilig, dich zu holen. Zweimal mussten sie den wieder fortschicken, weil die kleine, geplante Abschiedsfeier noch ausstand. Dann wollte Mutter dein Bett loswerden, auf dass etwas mehr Platz sei. Die Diakonie kam, guckte und wollte haben, meldeten sich aber nicht, den Abholtermin betreffend. Auf meine Nachfrage hin kamen sie dann genau auf deinem Geburtstag, das Bett holen. Ein Zahlendreher in der Telefonnummer war die Ursache der Verzögerung. Zum Ende noch dein Grab. Neulich schaute ich nach, alles voll mit dem vergammelten Kram noch von deiner Beisetzung. Die Platte auf deinem Urnengrab immer noch namenlos. Den Dreck habe ich selbst fortgeräumt, Abrechnung gewälzt, vereinbarte Leistungen überprüft, der Friedhofsverwalter hat gepennt und sich nach Anruf tausendmal entschuldigt. Du bekommst also dein Schild demnächst und muss nicht wie ein Verbrecher namenlos verscharrt sein.Das Universum scheint zu antworten und geht nach deinem Tod ziemlich lieblos mit dir um.

Nächtens kommst du mich manchmal besuchen und friedvoll oder gar liebevoll geht es dann nicht zu, zwischen uns beiden. Als du so krank warst, die letzten Jahre, habe ich mir viel verkniffen, was ich dir hätte sagen wollen. Du warst zu krank, um mir zu wechseln, und zu abhängig von Hilfe. Meine Wut auf dich veschwand aber nicht, die tauchte nur ein wenig ab. Wenn ich daran denke, wie dein Blick auf diese Welt war und wie du sein konntest, wenn sie, die Welt, sich nicht so verhielt, wie du es von ihr erwartet hast. Dann waren sie alle böse, durchtrieben und falsch. Zuhause war das anders, da warst du es gewohnt, dass alles nach deinem Kopf ging. Bis auf dein Ende, dafür hat dir der Geist gefehlt, dir vorzustellen, was kommt – hören mochtest du das auch nicht. Du wolltest daheim sterben, das ist nur zu verständlich. Nur funktioniert das nicht, wenn das Sterben, wie in deinem Fall, so lange dauert und mit langen Leiden verbunden ist. Ein Rollstuhl passt nunmal nicht in eine normale Siedlungswohnung und deine beinahe gleichaltrige Frau konnte dich auch nicht bis zum Ende pflegen. Ein letztes Mal war die Welt dann ungerecht und böse mit dir.

Du warst, nach allem, was ich heute weiß, ein recht typischer Narzisst, aber ich weiß auch, dass kein Mensch so auf Erden ankommt. Wenn ich den ganzen Scheiß, der uns zeitlebens getrennt hat, ein wenig auf Seite schiebe, sehe ich irgendwo darunter eine arme Seele. Dann spüre ich für einen kurzen Moment echte Trauer, so wie jetzt gerade, beim schreiben. Vielleicht kannst du weiterziehen, wenn dein Grab deinen Namen trägt. Wünsche ich dir.

Spiegelbild

Manche Menschen vergisst man nicht, auch wenn man sie nur einmal gesehen und kaum mit ihnen gesprochen hat.

2001

Der Raum wirkt düster, trotz der großen Fenster, vor denen ein paar abgerockte Topfpflanzen stehen. Ablagerungen von Tabakrauch verhindern helles Tageslicht und trotz der offenen Tür stinkt es nach preiswertem Kraut zum selbst-drehen. Einige wenige der üblichen Verdächtigen nehmen Platz, die Mienen sind meist verschlossen. Sie wollen nicht hierher, müssen aber, sonst droht Abbruch der Maßnahme (das ist heute anders). Niemand spricht ein Wort, man wartet.

Mir ist flau, wie meist, bei solchen Gelegenheiten, obwohl ich nicht allein bin. Zu zweit sitzen wir hier, um den Menschen von der anderen Seite der Tische die Vorzüge eines trockenen und vielleicht auch nüchternen Daseins näher zu bringen. In der Begeisterung meiner Anfangszeit damals war ich mir sicher, auf diese Weise die Welt, wenn schon nicht retten, so vielleicht doch für den einen oder anderen zu einem besseren Ort machen zu können. Diese so genannten Informations-Meetings waren meist Monologe unsererseits, obgleich das Wort frei war für alle. Nie sah ich jemanden in einem regulären Meeting wieder. Später, viel später traf ich Menschen, die einst auch „auf der anderen Seite“ der Tische gesessen haben, sich das vermeintliche Geseier wortlos anhörten und sich Jahre später an das Gehörte erinnerten und für sich endlich Wege finden konnten. Worte können manchmal Samenkörner sein, die lange im Staub überleben, bevor sie keimen dürfen.

Ob das für ihn auch gelten konnte, weiß ich nicht, auch ihn sah ich nie wieder. Ich sehe ihn noch da sitzen, als einer der ersten, die kommen. Ein Mensch von meiner Statur, aber locker 20 Jahre älter als ich. Pünktlich sein, nur nicht auffallen. Unruhige Hände mit derben Nikotin-Spuren an den Fingern, ein eisgrauer Bart mit ebensolchen Farbflecken rahmt sein nervöses Gesicht. Auch er spricht nicht viel, stellt sich wie alle anderen zu Beginn kurz vor. Seine Anzahl der Entgiftungen liegt im zweistelligen Bereich, sagt er. Kein schlichter Mensch, seine Worte sind gewählt, er spricht langsam, während sein Blick rastlos und unstet von hier nach dort suchend gleitet. Angst spricht aus seinem Habitus, wie ein waidwundes Tier, am Ende seiner Flucht angelangt. Ein Mensch, der vor seinen losen Nervenenden kapituliert hat, aber eben nicht vor dem, was dieses Desaster mit angerichtet hat. Er ist wie ich, fährt es mir durch den Kopf. Er zeigt mir, wer ich sein kann, so ich denn überhaupt so alt werde wie er nun ist. Er ist mein dunkler Spiegel.

Ich weiß nicht, ob er noch lebt, wahrscheinlich nicht, da ich heute so alt bin wie er damals. Sein Gesicht jedenfalls lebt in mir weiter, zu sehr erinnerte er mich an den, der ich hätte werden können.

~

Nebelbilder

Sie sind ziemlich genau zwei Jahre alt und entstanden am letzten für ihn erreichbaren Sehnsuchtsort meines kürzlich verstorbenen Vaters, am Stausee Beyenburg zu Wuppertal. Zu dieser Zeit war er noch ein wenig mobil und das Wetter war phantastisch für nebelige Bilder. Wir fuhren über die Höhenzüge im strahlenden Sonnenschein hinunter ins Tal, in eine Wolke hinein. Eine bizarr nasse Landschaft, die Sonne gab sich alle Mühe, den dicken Nebelsumpf zu durchbrechen, der im Tal über der Wupper lag.

Die Phantasie macht aus diesen Bilden Exkurse in die Mystik. So in etwa mag der Grenzfluss Styx ausschauen, der mit seinen Ufern die Welt der Lebenden von der der Toten trennt. Mein Vater ist nun auf der anderen Seite und findet hoffentlich seinen Frieden.

Sie sprechen für sich , die Bilder, die hier ihrer Schönheit wegen in Originalgröße zu sehen sind.

~

~