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Dieser Tage feiert der Wassertiger seinen ersten runden Geburtstag – 5 Jahre gibt es ihn schon. Entstanden aus Frust über eine damalige Blogger-Plattform, oder besser, über deren langsamen und qualvollen Tod. So, jetzt mach`s`et selbst. Die Geburt verlief glimpflich und natürlich auch ein wenig abenteuerlich – wer sich selbst hostet, muss sich natürlich um Belange kümmern, die sonst die Plattformen übernehmen. Was mal stressig ist und mal lehrreich, aber niemals langweilig ;)

So Zahlen – was sagt die Statistik? Bis dahin gab es ungefähr 67.000 Besucher, bei derzeit im Mittel rund 60 Besuchen am Tag. Davon waren und sind grob geschätzt die Hälfte Bots, die Einlass begehren, zwecks vermuteter dunkler Machenschaften. Realität im Netz eben.

Da bleiben immer noch ein Menge Menschen, die von den Suchmaschinen hierher gefunden haben – wobei manche Suchwörter mich mehr als einmal haben grinsen lassen. Dann gibt es eine auch recht stattliche Zahl derer, die mehr oder weniger regelmäßig hier gezielt reinschauen, sei es, weil sie vom Email-Abo geschubst werden oder von meiner Verlinkerei bei der Wupperpostille. Und ja, dort bin ich ebenso heimisch, weil eben niemand eine Insel ist, auch, wenn es sich dann und wann mal so anfühlt. Was für mich kein Widerspruch zu meiner grundsätzlichen Skepsis den großen Plattformen gegenüber darstellt. Und am Ende gibt es noch so knapp ein Dutzend ganz beharrlicher Leser-Innen, die hier regelmäßig kommentieren, was mich besonders freut.

Zeit, euch

Danke

zu sagen.

 Natürlich ist so ein Geburtstag auch Anlass, mal darüber nachzudenken, was ich hier eigentlich tue und ob das noch irgendwie vor mir selbst Bestand hat. Mal berichte ich, mal erzähle ich, mal übertreibe ich, mal freue ich über des Lebens heiterer List. Die Themen oder Lebensbereiche sind oft autobiographisch gefärbt, Mal schreibe ich selten, mal öfter, mal ernsthaft, mal stehe ich eher auf dem Rummel und jongliere mit Worten, um mich daran zu entzücken und euch zu unterhalten. Eitle Selbstdarstellerei? ja, manchmal auch das. Schwerer wiegt mir allerdings der Spiegel meiner selbst, wenn ich ab und zu alte Beiträge lese und mich frage, ob  und wenn in welcher Form ich mich von damals bis heute verändert haben mag. Manchmal kommen natürlich Zweifel, wie lange der Wassertiger wohl noch Bestand haben mag. Man wird sehen.

Erst einmal gibt es etwas zu feiern

Gut ist.

*

 

 

Höre alten Leuten zu …

Der Titel stammt aus meinem Lieblingsgedicht von Joseph Beuys, “Lass`dich fallen” oder auch “How to be an Artist”. Bei alten Frauen ist mir das meist recht leicht gefallen, viele von ihnen plaudern gerne, bei Gelegenheit. Ältere Männer sind anders. Die sind mehr für sich, glaube ich, in ihrer Welt aus reichlich Vergangenheit, der Gegenwart, und der sehr überschaubaren Zukunft.

Ausnahmen bestätigen das wohltuend, so wie heute Nachmittag. Getrieben von dem Wunsch, noch wenigstens ein Stündchen an die Luft zu kommen, in der Hoffnung, mein Kopfweh loszuwerden, fuhr ich bis zum alten Bahnhof Loh, an unserer Nordbahntrasse nebenan. Da saß er, mit schneeweißem Haar allein auf einer Bank unter dem alten Bahnsteigdach, schön im Schatten. Mit meiner hellen Haut liebe ich die Sonne auch nur begrenzt, also nehme ich neben ihm Platz.

Das Wetter – damit kommt man jetzt gerade immer in`s Gespräch. Toller Sommer, die armen Bauern, das wenige Getreide, aber das viele Obst. Was man alles heute gesund finden solle und wer da was von hätte. Früher war alles anders – eine Aussage, die ich mittlerweile nicht mehr spöttisch belächle, weil auch ich heute etwas von “früher” erzählen kann, wenn auch nicht so viel.

Die vielen fremden Menschen hier im Land – wäre nicht gut. Flucht kennt er, bei Kriegsende war er gerade vier Jahre jung und mit seiner Mutter von Oberschlesien über Regensburg hier her gekommen. Dort in Regensburg trafen die beiden den Vater, frisch aus der Kriegsgefangenschaft. Ohne Internet und Telefon, so richtig mit Fügung, wie er sagt. Da hat jemand geguckt, für uns ...Er ist im übrigen etwas fassungslos, das jeder Flüchtling ein Mobilphon hat, wie das sein könne. Mein Einwand, das diese Dinger ja halt die einzige Verbindung zur Heimat seien, und somit teils wichtiger als ein paar Schuhe, nimmt er schweigend hin.

Er erzählt von seiner Flucht, von den Russen. Den schlimmsten Fehler, sagt er, den man machen konnte, war, die Haustür abzuschließen, wenn sie kamen. Dann wurden sie wild, wie er sagt, und brachten alle um, die sie vorfanden. Verstehen Sie das, fragt er mich und blickt mich durchdringend an. Ich nicke stumm. Seine Mutter wusste das und riss darum Türen und Fenster auf, wenn sie kamen. Er wurde von den Soldaten stets misstrauisch beäugt, der kleine blonde Junge. Germanski, sagten sie, aber nicht feindselig. Der Offizier schlief dann auf dem Bett, mit Stiefeln an den Füßen. Er solle sie ruhig ausziehen, sagt die Mutter irgendwann zu ihm, worauf ihr eindringlich klar gemacht wurde, dass man jederzeit mit den Deutschen rechnete … es stirbt sich halt schneller, auf Socken.

Wir erzählen eine Menge, sitzen bestimmt eine gefühlte Stunde zusammen, während der Wind unter dem Bahnhofsdach etwas frösteln lässt. Ich erzähle von meinen Eltern, die hier in der Stadt aufgewachsen sind. Drei Generationen, sage ich, braucht es, um wieder mit der Welt klar zukommen, nach solchen Kriegen. Das mein großes Kind der erste in unserer Familie ist, der emotional nichts mehr damit zu tun hat.

Der alte Mann erzählt von seiner längst erwachsenen Tochter, die in England studierte. Die EU heute, die Reisefreiheit, die Politik, Assimilation, (er nennt es nicht so, meint aber das gleiche), der Seehofer – der im übrigen ja nicht so ganz unrecht hätte, mit dem, was er sagen täte. Die AfD und ihre potentielle Mehrheitsfähigkeit in der Gesellschaft, die Brüder im Geiste bei der FDP, was die Wirtschaftspolitik anginge, und so weiter.

Eh wir uns versahen, waren wir bei Hitler und Göbbels. Er wäre fassungslos, das die Menschen die zwei damals so verehrten, dat waren doch zwei ausgesprochen schäbbige Kerle, meint er, während ich sinniere, dass Dämonen keinem Schönheitsideal entsprechen müssen. Überhaupt, die Äußerlichkeiten sind sein Thema. Die von der Linken da, das wäre ja `ne Granate, und der Oskar wäre ein echter Glückspilz – wir lachen beide herzhaft, auch wenn er der Meinung ist, dass die Wagenknecht ja in der falschen Partei wäre. Das will ich nicht weiter vertiefen, obgleich es schon eine Erörterung wert gewesen wäre, die Frage nach der richtigen Partei, So langsam drängt auch die Zeit zum Aufbruch.

Wir verabschieden uns, mir gefällt sein kräftiger Händedruck. Vielleicht sieht man sich wieder hier, sagt er und keiner fragt den anderen nach den Namen. Irgendwie unwichtig.

Begegnungen die ich mag, denke ich, und fahre entspannt heim.

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Digitale Kupferstecher

Sie wurden stets misstrauisch beäugt, von der ehrenwerten Gesellschaft. Die Kupferstecher, galten sie doch bei allen Respekt vor ihren handwerklichen Fähigkeiten als verschlagene Nachmacher fremden geistigen Eigentums. Stets mit so einem halbseidenen Ruf behaftet, da man sich nie sicher sein konnte, ob sie ihr Geschick nicht beispielsweise zum Druck von Falschgeld missbrauchten. Mein Freund und Kupferstecher – diese halb scherzhafte Anrede ist uns bis heute erhalten geblieben, als Ausdruck der Wertschätzung eines ein wenig verschlagenen Bündnisses.

Die moderne Variante dieser historischen Künstler bedient sich an dem Stand der Technik von heute, dem 3D-Druck, der für viele erschwinglich geworden ist. Der Filmbericht aus dem fernen Kenia hier dreht sich um das Thema Ersatzteilbeschaffung für längst aus dem Handel verschwundene Haushaltsgeräte, bei denen der Zahn der Zeit zu irgendeinem Bruch geführt hat, Stichwort geplante Obsoleszenz. Ärgerlich gerade dann, wenn der „Rest“ der Technik an und für sich noch einen soliden Eindruck macht. In grauer Vorzeit gab es auch hierzulande Handwerker, die nicht nur Teile tauschen konnten, sondern sogar reparierten. Wenn allerdings der Geiz so geil ist, dass der Gesamtwert eines Gerätes gerade einmal einen halben Handwerksstundenlohn ausmacht, ist der Tod der heimischen Handwerkskunst vorprogrammiert.

In Afrika geht die Zeit anders. Beim dortigen Lohnniveau lohnt sich das reparieren noch, was zu echter Kreativität führen kann. Der 3D-Druck ist ja mittlerweile keine neuzeitliche Erfindung mehr, interessant ist vielmehr die Software, mit deren Hilfe Volumenmodelle oder ähnliche, verwertbare 3D-Geometrien erstellt werden können, ohne die kein Drucker weiß, was er tun soll. Überall dort, wo Festigkeit nicht die Hauptrolle spielt ( das „gedruckte“ Gebilde ist meist weniger fest als das Original), bietet sich der 3D-Druck an. Wären da nicht diese ganzen rechtlichen Aspekte, aber Afrika ist weit weg, selbst der lange Arm der deutschen Patentrechtsanwälte dürfte nicht bis zum schwarzen Kontinent reichen, zumal kein großer Reichtum lockt, vor Gericht.

Bei aller moderner Technik ist stets auch ein wenig kreatives basteln gefragt. Digitales basteln sozusagen. Mir ist das sehr vertraut, ist es doch seit langen schon fester Bestandteil meines Berufes als Werkzeugmacher. So wie damals, in der düsteren Solinger Hinterhofwerkstatt, als irgendwer Verzweifeltes aus einer benachbarten Klitsche gleicher Größe mit einer Handvoll Trümmer, die mal einen Schnittstempel oder den Teil einer Fertigungsanlage bildeten, vor mir stand. Der Fußboden glänzte von den vielen Tränen, derweil die Produktion stand.

Natürlich gab es von dem zerschossenen Teil weder eine Zeichnung oder gar Datensätze, die kamen erst ein wenig später in Mode. Damals wie heute dagegen ging es mit Messschieber, Radien- und Winkellehren und auch schon digitaler Tasttechnik auf den Werkzeugmaschinen zur Sache, um aus einer Handvoll Schrott mit der Hilfe geometrischer Grundkenntnisse verwertbare Geometrieketten aus Punkten, Linien und Kreisen zu machen. Skizzen waren dabei stets  hilfreich, sei es wie in grauer Vorzeit mit einem Stück Kreide auf einem Öl-verschmierten Werkstattboden oder auf der Rückseite von ausgedienten Kalenderblättern.

Heute wird natürlich hauptsächlich digital gezeichnet, gewerblich auf leistungsfähigen CADCAM-Systemen und privat eher auf den wesentlich kostengünstigeren Versionen für daheim. Das Prinzip ist seit je her gleich geblieben, nur die Handwerkskunst hat sich mit den Jahren gewandelt. Mir hat diese Art zu arbeiten stets Freude gemacht, regt sie doch den Geist an, auch mit Blick auf mögliche konstruktive Verbesserungen, um den nächsten Bruch möglicherweise vorzubeugen.

Handwerk eben, damals wie heute.

PS:

Das hier ist übrigens das digitale Abbild meines rechten Innenohres, entstanden für die Fertigung eines angepassten Gehörschutzes, einer so genannten Otoplastik. Vorlage war ein Wachsabdruck meiner Gehörgänge – bis vor nicht all zu langer Zeit wurden auf Grundlage dieser Abdrücke kleine Gießformen erstellt, heute geschieht die Herstellung nicht mehr mit Gießformen, sondern mit Hilfe von Scannern, STL-Dateien und schlussendlich eben 3D-Druckern.

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Hat etwas, oder ?

Theoretisch könnte ich jetzt meine Innenohren oder besser gesagt, das Nichts namens Gehörgang mit dem Ohr drum herum – unbegrenzt vervielfältigen – wodurch ich aber leider auch nicht besser hören täte …

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Von Fröschen, Märchen und anderen Irrtümern

Sehr früh am Morgen wache ich auf und bleibe erst einmal liegen, um niemanden zu stören, an so einem feinen Pfingstsonntag. Schlafen geht nicht mehr, also nehme ich mir das Tablet und schaue mich in der Mediathek um. New Orleans … eine Doku über diese vor 12 Jahren vom Wasser so geschundene Stadt, deren Bewohner sich nicht unterkriegen lassen, von den Naturgewalten. Gelebte Gelassenheit allerorten.

Das Reporter-Team begleitet verschiedene Menschen, die am und teils auch vom Wasser des riesigen Mississippi-Deltas leben (Der Fluss wird tatsächlich mit 4 “S” geschrieben…) Einer der Protagonisten hat so ein Propeller-Boot, mit dem er Touri`s durch das Delta führt. Ganz nebenbei hat er seinem Sohn, der mit dabei ist, beigebracht, wie man die riesigen Frösche dort fängt. Das brachte ihm einst ein Taschengeld, wie andere eben Zeitungen verkaufen.

Mich beeindruckt die schiere Größe der bedauernswerten Frösche, die solcher Art gefangen in der Fritteuse des Gastgebers gelangen, und ich erzähle der Liebsten davon. Sie meint, das wären bestimmt Bufo-Frösche, aber diese sehen doch anders aus als jene in der Doku, wie ich finde. Jedenfalls bleibt es irgendwie beim Thema Frösche und wir schauen so einige Bilder von Kröten, Fröschen und dergleichen. Sehr interessant, was sich da alles tummelt.

Unser Thema bleibt bei den Bufo-Fröschen hängen, derweil diese ein spannendes Hautsekret absondern, das, wie soll es auch anderes sein, psychoaktiv ist. Dann, mit einem Mal, beginne ich die Welt etwas besser zu verstehen. Es gibt sie, diese kleinen, beinahe heiligen Momente der Offenbarung, oh ja. SO und nicht anders kam es also einst zum allseits bekannten Märchen vom Froschkönig ! Die alte Mär, man (oder besser Frau) müsse so manche Kröte nur innig genug küssen, beruht auf der feinen Wirkung von einem Hautsekret !

Also, liebe Frauen, falls es sich nicht schon herumgesprochen haben sollte oder, wie so oft durch gelebte Erfahrung widerlegt worden ist, es bringt nicht wirklich etwas, einen Frosch zu küssen. Außer eben Bufo-Frösche – da kann es tatsächlich sein, sollte man so ein Exemplar nach ausgiebigen küssen an die Wand werfen, es sich wirklich bildhaft in einem tollen Prinzen verwandelt.

Aber Achtung, jeder Rausch ist nur auf Zeit – aber wem sage ich das …

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Deutschsprachiges Ländertreffen der AA

Koblenz war sozusagen ausgebucht, bis auf wenige extrem teure Hotelzimmer. Also haben wir uns zu sieben Freunden aus unserer Gruppe zwei kleine Wohnungen angemietet. Hoch oben im Ferienpark Oberlahnstein, ein Hochhaus, und dort die achte Etage. Für mich war es ein Wagnis, als ein nach eigener Einschätzung ein wenig eigenbrötlerischer Höhlenbewohner, das dichte zusammenleben mit drei anderen Menschen, die mir zwar über viele Jahre schon vertraut sind – seine ganz persönlichen Eigenheiten kennt man ja doch nur andeutungsweise. Wie sich herausstellte, ging mir das nicht allein so, aber am Ende waren wir uns einig, gerne noch einmal in dieser Konstellation zu verreisen, sollte sich die Gelegenheit bieten.

Die Tage waren gefüllt mit zeitigem aufstehen und bewegenden Meeting-Besuchen. Dazwischen haben wir uns genügend Zeit genommen, das Gehörte setzen zu lassen und auch ein wenig von Koblenz zu sehen. Das muss trotz des großen und sehr interessanten Angebotes an themenbezogenen Meetings sein, weil sonst die vielen Eindrücke einfach nicht mehr verarbeitet werden können. Es war bewegend – bis zu diesem unbeschreiblichen Gefühl beim Abschlussmeeting, gemeinsam mit gut 3000 Menschen das Gelassenheitsgebet  zu sprechen.

So ein verlängertes Wochenende gibt mir schon neuen Anschub für meine Gruppenbesuche und auch für die freiwilligen, kleinen Dienste dort. In den Gruppen finde ich meine Basis, die Trocken- bzw. Nüchternheit, ohne die ich vermutlich nicht mehr leben würde und falls doch, nicht die geringste Chance hätte, irgend etwas verändern zu dürfen, mit mir. Zumindest nicht zum Guten hin.

Hier noch ein paar Bilder von gestern Morgen, aufgenommen innerhalb vielleicht einer Stunde. Man kann dort oben nicht nur kommende Wetterwechsel sehr schön sehen, man ist sozusagen schnell auch Teil davon – manchmal mitten in einer Wolke.

Noch keine halb sechs Uhr in der Frühe.

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Dann so im Viertelstunden-Takt …

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Der Regen kommt …

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… und die Wolken …

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… um kurz darauf wieder den Blick freizugeben.

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Ach ja – meine Büchse mit ausgezeichnetem grünen Tee habe ich leider vergessen. Bleibt zu wünschen, dass die jemand findet, der solcherart auch zu schätzen weiß :)

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Zeitreisen

Jemand spricht und ich sehe mich vor 5,15, 20, 30, oder 40 Jahren. Ein kurzer Anflug der Gefühle dieser Zeiten überfällt mich, Bilder steigen auf und verschwinden wieder. Sie klebt nicht, diese Erinnerung. Sie ist intensiv, aber flüchtig. Immer wieder dominiert die Gegenwart, was ich sehr beruhigend finde. Irgendwann spreche ich, wie ich es gewohnt bin in diesem Kreis. Von mir, von den eben aufgestiegenen Bildern und Erinnerungen, was wiederum dazu führen kann, dass mancher denkt, was spricht der nun von mir… So tun sich Parallelen auf, die uns verbinden, uns in den Pausen in den Arm nehmen lassen, uns das Gefühl geben, ausgewachsene Glückskinder zu sein, allen Herausforderungen des Lebens zum Trotze.

Erfahrung, Kraft, und Hoffnung teilen.
Eines von vielen Meetings.

Wenn ich still bin, bei mir und nicht vom Tagesgeschäft gefesselt, dann bekomme ich eine Ahnung, wie es einst ausschauen könnte, mein Leben. Mit dieser meiner Vergangenheit und Gegenwart. Mit diesen immer wiederkehrenden Bildern und Gefühlen, die nicht mehr ihre Macht besitzen, aber unauslöschbar zu mir gehören. Spannend daran ist allein die Frage, was ich in meinen täglichen Fristverlängerungen noch alles loslassen, reduzieren oder umwandeln darf. Tun, was ich kann, egal wo. So gehe ich jagen und sammeln und so schaue ich meine Abgründe, um nicht hinein zu fallen und um Brücken zu bauen.

Wünsche hätte ich so einige, aber da das Leben dazu neigt, bei manchen Wünschen nur leise zu kichern, bleibe ich dort, wo ich bin und mache das beste aus dem Tag. Eines wird mir immer klarer: Die Zeit läuft und das tägliche Klein-Klein ist es immer weniger wert, mich zu empören. Was mich nicht daran hindert, es gelegentlich wieder zu versuchen … um mich gleich darauf wieder einmal selbst zu fragen, ob es das nun wirklich wert war. In grob geschätzt drei von vier Fällen war es das eher nicht, im Nachgang betrachtet.

In dem Zusammenhang ist es für meine dunkle, bergische Grübler-Seele eine große Herausforderung, mir das Lachen zu bewahren, ohne in bitteren Sarkasmus oder gar Zynismus abzugleiten. Die Versuchung ist riesig, beim Anblick mancher Menschen braucht es keine Karikaturisten, vielleicht einen guten Fotografen oder einen guten Zeichner. Hilfreich ist es dann, mich an das andere Ende zu stellen, um zu spüren, was manch leise ätzende Rede wohl so alles anrichtet. Sagt der kleine Mann im Ohr dann immer noch “Ja”, kann es losgehen – wohl bekommt`s, hüben wie drüben. In der Königsklasse dieser Kunst gelingt es mir, Grenzen und Contenance zu wahren sowie der Versuchung, in Arroganz zu fallen, die Stirn zu bieten.

Der rote Faden jetzt und hier, in diesen Zeilen? So genau weiß ich das auch nicht, vielleicht gibt es keinen. Muss es auch nicht immer.

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Karfreitag 2018

Heute ist also der so genannte stille Oster-Feiertag, an dem Jesu Kreuzigung gedacht wird. Weltlich gesehen war das zunächst einmal ein Gewaltverbrechen, ausgeübt von den damals herrschenden Machthabern, aus politischem Kalkül. Die Amtskirchen sagen, er sei für uns gestorben, hat unsere Sünden auf sich genommen und uns somit Zugang zum ewigen Leben ermöglicht. Glaubenssache eben.

Was macht das mit mir? Gut möglich, denke ich. Wobei die Bibel Menschenwerk ist, eine Produkt vieler Zeitalter, geschrieben aus dem Geist der jeweiligen Epochen heraus. Was mich zunächst skeptisch stimmt, weil das geschriebene Wort selten absichtslos entsteht. Dann ist es für mich als ein Mensch, der gerne um viele Ecken denkt, sehr verlockend, zu glauben, gut so – einer für alle, wie praktisch, dann könnte ich ja theoretisch haushalten nach Belieben, is`ja schon alles bezahlt. Das ist bestimmt des öfteren in vielen Köpfen so gelaufen, glaube ich. Allerdings funktioniert das nur scheinbar, da gibt es ja noch das Gesetz von Ursache und Wirkung, oder, einfacher gesagt, wie Du mir, so ich Dir. Das Leben antwortet mir, so oder so. Man nennt es Karma, ich mag dieses esoterisch besetzte Wort nicht, aber so ist es eben.

Vor nunmehr gut elf Jahren bin ich der evangelischen Kirche wieder beigetreten, trotz oder vielleicht auch gerade wegen aller Zweifel an dem geschriebenen Wort in dem dicken, alten Buch. Ein Schritt aus der tiefen Erkenntnis heraus, das es keinen Zufall gibt, im Leben. Aus Dankbarkeit heraus, überlebt zu haben, meine aktive Zeit als süchtiger Mensch. Aus dem Bedürfnis heraus, etwas zurück zu geben, ein klein wenig daran teilzuhaben, dass vielleicht die eine oder andere Einrichtung doch nicht geschlossen werden muss und weiter arbeiten kann, im Dienst am Nächsten. Und – für mich heute das wichtigste – ich fühle mich getragen und geborgen in meinem Glauben. Er hilft mir, mit meinen sicherlich immer noch zahlreichen Charaktermängeln klar zu kommen oder besser, sie wo immer möglich, loszulassen bzw. auf ein für mich und andere erträgliches Maß zu reduzieren.

Gerade, wenn Leben in manchen unruhigen Zeiten nur “auf Sicht” möglich ist, hilft mir mein Glaube. Darüber hinaus denke ich, es schadet nichts, sich einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten anzuschließen, von denen der weitaus überwiegende Teil ernsthaft um eine etwas bessere Welt bemüht ist. Jede, jeder auf ihre, seine Weise. Dafür hätten sie ihn nicht gleich an`s Kreuz nageln und grausam langsam sterben lassen, denkt es in mir. Andererseits ist es für mich auch abseits vom Glauben eine realistische Vorstellung, dass es sich so zugetragen haben mag. Mein Bild von Jesus ist das eine aufrechten, durchaus auch streitbaren Menschen, der von göttlicher Liebe überzeugt war, Bigotterie und Doppelmoral verabscheute. Damit hat man eben nicht nur Freunde.

Als Ausrichtung taugt das, was er gesagt und gelebt haben soll, allemal, für mich. Von dem unrühmlichen Ende einmal abgesehen. Aber solchen Menschen sind eben sehr selten zu Lebzeiten noch Denkmäler gebaut worden …

Uns allen friedliche und ruhige Ostertage !

 

Kleine Runde am Sonntag

Neue Wanderstiefel wollen eingelaufen werden und halten mich derzeit ein wenig vom Fahrrad fahren ab. Was aber auch gut ist, Hauptsache Bewegung, Licht, Luft, und ein wenig Sonne, so wie heute Nachmittag. Mein Weg führt mich vom Berg herunter an die Wupper, dann über den Arrenberg auf die Königshöhe.

Ich nehme den Weg über die alte Kriegsgräberanlage Königshöhe, ein abgelegener und etwas unheimlicher Ort, der uns daran erinnern soll, wohin Kriege führen, damals wie heute. Hier liegen ihre Überreste, die der jungen Männer aus dem ersten Weltkrieg sowie der Opfer der Unruhen in den Jahren danach. Es ist immer noch frostig, der Winter scheint sich daran zu erinnern, wenigstens noch ein verspätetes Gastspiel zu geben.

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Weiter geht es durch den kahlen Winterwald zum Von-der Heydt-Turm. Auch er hat einen morbiden Charme, gerade jetzt, ohne das sonst so belebende Grün rundherum. Ein düsterer Geselle, der nun durch die kahlen Zweige hindurch schon von weiter weg zu sehen ist.

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Leider ist er schon seit langen Jahren nicht mehr der Öffentlichkeit zugänglich, es fehlt, wie überall, an den entsprechenden Mitteln. Dennoch bietet er Bilder, die die Phantasie anregen, wie so viele Orte hier in den dunklen Wupperbergen. Ich mag diese Gegend mit ihrer Mystik, mit den Spuren ihrer langen Geschichte, wie sie hier überall anzutreffen sind.

Mit Blick auf die scheinbar so weit entfernt liegende Stadt gehe ich weiter durch den Wald, wieder herunter zum Fluss. Ein guter Tag mit Bewegung und Ruhe geht zu Ende.

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Lose Tage

Der letzte Freitag hat seinem Namen mal alle Ehre gemacht, er war für mich arbeitsfrei. Das passt gut mit dem gegenwärtigen Wetter zusammen, kann ich doch einiges mit dem Rad erledigen. Nachdem die Liebste gestern am Bahnhof verabschiedet wurde, widmete ich mich den Dingen, die sonst eher Samstags dran sind. Einkäufe, Haushalt, sowie einige Erledigungen, die schon länger auf mich warteten.

So weit, so gut. Habe ich auf diese Weise ein entspanntes Wochenende hier daheim, mit zwei sehr schläfrigen Katern, mit denen lässt sich gut leben. Männerwirtschaft sozusagen. Der Laserpointer hat neue Batterien, Punkte jagen geht also wieder. Das muss sein, damit die beiden nicht in ihrer Traurigkeit versinken, in Abwesenheit ihres Lieblings-Menschen.

So ganz nebenbei habe auch ich einiges zu lachen, wenn die beiden durch die Bude schranzen. Das lenkt  mich von manchen trüben Gedanken ab, die nichts mit meinem derzeitigen Strohwitwer-Dasein zu tun haben. Das geht in Ordnung, weiß ich doch um ihre Beweggründe und auch dafür liebe ich sie. Früher – ja früher, da gab es immer irgendwelche äußeren Dramen, die manche Zustände  rechtfertigten. Die üblichen Leiden eines frisch Geschiedenen – Beziehungsdramen, Unterhaltskrimis, und so weiter. Nichts davon ist geblieben, mein Leben verläuft zumindest privat in geordneten Bahnen, so sagt man. Beruflich ist es nicht ganz so entspannt, aber mir wäre vermutlich recht fad, wenn alles rund laufen würde.

Geblieben ist neben manchen unruhigen, arg bebilderten Nächten dieses Gefühl von Traurigkeit und Verlassenheit, das schon immer zu mir gehörte, das mal mehr, mal weniger deutlich zu spüren ist. Der schwarze Vogel auf meiner Schulter, wir sind mittlerweile nicht gerade Freunde geworden, aber man arrangiert sich. Ich lasse ihm seinen Raum, aber Futter bekommt er nicht mehr.

Aktivitäten aller Art mag er nicht, der schwarze Vogel. Dann ist er still und lässt mich machen. Empörung schätzt er ebenso nicht, mit Adrenalin hat er es nicht so. Fatal wäre es aber, mich darum ständig empören zu wollen, das liegt mir fern, weil ungesund, lässt sich nur leider nicht immer vermeiden. Das hat in letzter Zeit viel mit der Kälte da draußen zu tun, und damit meine ich nicht die augenblicklichen frostigen Temperaturen. Sondern eher die Kälte mancher Zeitgenossen, die, selbst nicht gerade vom Schicksal gesegnet, den Menschen, denen es noch schlechter geht, nicht das schwarze unter dem Nagel gönnen. Dann wird es Zeit, den Fokus zu ändern. Nicht, dass ich mir die Welt dann schön denke, sondern ich schaue auf die Hoffnung in der Gestalt eben anderer Mitmenschen, auf manche Schönheit, die überall zu finden ist.

Dem förderlich ist das sonnige, wenn auch eiskalte Winterwetter derzeit. Angezogen wie eine Zwiebel setze ich mich auf`s Rad. Licht, Luft und Sonne sind die besten Mittel der Wahl, den schwarzen Vogel zu lüften. So geschehen auch gerade eben wieder, nach einem kurzen Abstecher in die Stadt mache ich mich auf dem Weg in Richtung Nordbahntrasse, die letzten Sonnenstrahlen einfangen. Als langjähriger Nutzer dieser unserer innerstädtischen Piste kenne ich die Ecken, wo es sich besonders lohnt zu verweilen, am frühen Morgen ebenso wie am späteren Abend.

So stehe ich auf der ehemaligen Deponie im Westen der Stadt, lasse mich vom eisigen Wind streicheln und staune. Ein Aufstieg, der sich lohnt …

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Oh, die Ehre!

Wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, habe ich es recht komfortabel, was die Unterbringung des Rades angeht. Da gibt es ein altes Ladenlokal, welches ich mit nutzen darf, zu ebener Erde. Wobei eben hier im Tal der Wupper relativ ist, aber eine schiefe Ebene ist eben auch eine Ebene. Da der Berg hier vor der Türe in etwa 15% Steigung hat, muss das Rad, steht es einmal draußen, gesichert werden, damit es sich nicht selbstständig machen kann. Der bordeigene Seitenständer ist da wenig hilfreich, also nutze ich dafür ein Fallrohr der Dachrinne nebenan, was bei einer gewissen Schrägstellung des Rades recht gute Dienste leistet. Leider steht das Rad dann ein wenig quer zum sowieso schmalen Fußweg, was gelegentlich für Unmut bei den Passanten sorgt, die natürlich gerade in den paar Sekunden da lang müssen.

Manchmal sorgt dieser kleine Moment aber auch für interessante Begegnungen mit den Nachbarn. So geschehen dieser Tage in besonderer Weise. Wieder steht mein Rad dort leicht versetzt zur Häuserwand, kommt eine kleine, bunte Frau des Weges, auf dem Arm einen Karton mit frischen Einkäufen. So`ne typische Bergbewohnerin hier eben. Ich nicke ihr freundlich zu und wundere mich, dass sie grinsend stehen bleibt.

Dachte erst, du wärst der Frank, meint sie. Aber dann denke ich, der Frank würde niemals so lahm den Berg hoch fahren. Da habe ich mir gedacht, ich schaue mal, wie alt der Fahrer ist, der hier so hoch kriecht.. So tönt es, fein gewürzt mit einem frechen Grinsen im Gesicht.

Was für eine freche Pute, denkt es in mir leicht empört, während ich meinen Schlauchschal vom Gesicht pelle und mich zu erkennen gebe. Wie spricht die eigentlich mit mir, dem Bruder von Eddy Merckx. Der leider momentan ein wenig aus der Form ist, derweil der neulich erworbene Bobby-Car des Morgens sehr verlockend scheint, gerade um diese Jahreszeit bei Schneeregen und ähnlichen Unbillen. So grinse ich frech zurück und meine, dass es vor, sagen wir mal 20 Jahren durchaus ein wenig schneller gegangen wäre und dass ich jedenfalls noch hier hoch fahre und mein Zeug nicht tragen muss, mit einem süffisanten Blick auf das Gelumpe in ihrem Pappkarton.

Jaja, meint sie,immer noch grinsend, sie würde ja nun auch bald 50 und wäre schon lange nicht mehr hier hoch gefahren. Dann schweig doch lieber still, Weib, oder bedenke wenigstens deiner Worte, grollt das immer noch leicht angepisste Ego weiter hinten im Kopf, während wir uns lachend einen guten Tag wünschen.

Wird so langsam Zeit für das kommende Frühjahr, glaube ich. Um wieder in Form zu kommen, nicht für alle freche Puten dieser Welt, mehr so für mich…und für mein Ego.

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