Die Blase

Folgende Zeilen geben, wie immer, meine ganz persönliche Haltung wieder. Sie wollen weder belehren noch haben sie einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, auch wenn es sich so lesen mag.

Was ist eigentlich eine Blase? Ein Hohlkörper, der im Allgemeinen gut dehnbar, reißfest sowie in der Lage ist, eine Menge mehr oder weniger Nützliches aufzunehmen. Es gibt aber auch das Synonym der Blase als etwas Buntschillerndes, Verlockendes, Fragiles, das nur wenig über den tatsächlichen Inhalt oder die meist nur kurze Lebensdauer des Gebildes aussagt und in der Regel mehr Schein als Sein darstellt.

Die erste große Blase der neueren Zeit platzte 1945, in Sachen Deutschland über alles, es folgte Ende der 60er Jahre die Zweite, als die so genannten 68er die Alt-Faschisten an den Schaltstellen der Macht satt hatten und dem allgemeinen Taschen-füllen als allein selig-machende Maxime nicht mehr folgen wollten, ebenso nicht mehr dem verhassten miefigen, moralinsauren Katholizismus, dem beinharten Bete-und -Arbeite der Evangelikalen folgen wollten. Es folgten weitere Blasen, erst der Glaube an eine Alleinstellung in dem Welthandel im Zuge der Globalisierung dessen, später die Blase des Glaubens an eine friedlichere Welt nach 1990, die so genannte Immobilien- oder auch IT-Blase, also das Platzen der völlig überhöhten Wertstellung eines Themenbereiches.

Und heute? An der Stelle stockt mein Gedankenfluss ein wenig, so komplex sind die Auswirkungen dieses winzigen Etwas, das unser bisheriges Leben völlig auf den Kopf gestellt hat. Mehr oder weniger. Wenn eine Blase geplatzt ist, dann ist es die Illusion, man könne sich es bequem machen, in einer spirituellen Kuschelecke, und den Rest der Welt schlicht ausblenden, wenn er denn schon nicht zu ändern sei.

Mehrere Richtungen kann ich erkennen: Die einen werden zornig, stellen teilweise den Staat als Ganzes in Frage, ohne zu merken, wie sie von interessierten Kreisen politisch instrumentalisiert werden, indem sie Seite an Seite mit Vertretern eben dieser Kreise demonstrieren gehen. Die Mehrheit arrangiert sich mit den Einschränkungen, weil sie die Sinnhaftigkeit erkennen kann, allen politischen Irrlichtereien zum Trotz. Dazu zähle ich mittlerweile auch die Kontaktbeschränkungen via Rasenmäher, die sämtliche Wertschöpfungsketten zerschlagen. Wer seine Existenz gefährdet oder ruiniert sieht, kauft nichts mehr abseits des absolut Notwendigen. zahlt auch keine Steuern und Sozialabgaben mehr, von denen jeder Lehrer, jede medizinische Fachkraft, jeder Therapeut, jeder Beamte schlussendlich lebt. Von unseren Politikern erwarte ich mehr Differenzierung in Sachen Kontaktbeschränkung und vor allem, dass sie aufhören, dumm um etwas Rares, Kostbares, weil nur eingeschränkt Verfügbares mit den Pharmakonzernen feilschen zu wollen: Impfstoff – der einzige Weg heraus aus dieser Lage. Andere öffneten ihre Börsen und sind uns weit im Voraus, was die Impfquote angeht.

Alles in der Natur strebt nach Ausgleich der Kräfte, nach Gleichgewicht, selbst gewaltige Naturkatastrophen machen nichts anders. So in etwa wird es sich auch in der Gegenwart verhalten, glaube ich, der Ausgang ist derzeit ungewiss. Aber – was mir Hoffnung macht – , Viele Menschen, und sie werden nach meinem Empfinden stetig mehr, definieren sich als Menschen neu, abseits vom seelenlosen Konsum der Nachkriegszeit, abseits der besagten Kuschelecken, abseits von wie auch immer gearteter Religion, wobei diese im Kern eigentlich dabei nur unterstützen: Es wird bewusst, wie wenig Mensch eigentlich zu leben braucht, immer öfter wird gefragt, was wirklich zählt – mitten im realen Alltag wird einander öfter mal zugehört, praktische Hilfe geleistet, Spiritualität nicht zelebriert, sondern gelebt, meist unspektakulär und vergleichsweise leise, laut können die anderen zur Genüge. Wir sind allesamt enger miteinander verbunden, als es uns der Individualisierungstrend der letzten Jahrzehnte weismachen wollte – wirtschaftlich und vor allem menschlich.

Verbunden in unserer Verletzlichkeit.

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 ~

 

 

Brief an einen alten Freund

Wir hatten lange miteinander zu tun. Haben uns voreinander offenbart, uns gegenseitig in die Seele geschaut, wie Menschen das sonst im Alltag nur selten zulassen. Nicht nur das war es, was uns verband: Wir haben uns beide in den Dienst einer höheren Sache gestellt, ein gutes Stück losgelöst von unseren eigenen Lebensschwierigkeiten.

Dann kam Corona und die Gemeinschaft zerfiel, wie ein Spiegel, der in Tausend Stücke bricht, wenn er zu Boden fällt. Es gab Regeln und staatliche Vorgaben, wie mit der unsichtbaren Bedrohung umzugehen sei. Unterschiedliche Haltungen wurden offensichtlich, nicht nur bei uns beiden. Wir haben beide bei einer großen Social-Media-Plattform einen Account , ich bin allerdings nur selten dort präsent. Wenn ich alle paar Wochen mal herein schaue, klicke ich deinen Namen und schaue mir deine Postings an, in der Hoffnung auf eine Veränderung, die sich leider nicht erfüllt. Im Gegenteil, seit einiger Zeit teilst du Inhalte vom rechten Rand, deine Einträge sind voller Wut und Schmäh. Du hast Angst, beherrscht zu werden, nehme ich an. Weil ich dich ein wenig kennenlernen durfte, kann ich das verstehen, auch die Aggression, die sich damit aufbaut, mit der ich große Schwierigkeiten habe.

Auch ich habe meine Ängste. Das hängt mit meiner Geschichte zusammen, mit dem Riss, der durch die Sippe meiner Ahnen ging, das Leid, was sie sich gegenseitig zufügten. Das hängt mit der Zeit zusammen, die ein Vertreter deiner neuen Freunde als ein Vogelschiss in der Weltgeschichte bezeichnet hat. Aber das nur am Rande – im Grunde sind wir doch wieder gefordert, uns in den Dienst einer höheren Sache zu stellen, nur ist es dieses Mal nicht eine kleine verschworene Gemeinschaft, sondern unsere Gesellschaft als Ganzes. Dazu gehören nun mal auch Regeln, über die man diskutieren und streiten kann, ja. Unsere Politiker agieren leider viel zu oft aus Unsicherheit, Angst, Unwissen, Aktionismus und ja, leider sind auch einige wenige käuflich. Trotzdem kommen wir um Einschränkungen und Zumutungen nicht herum, wenn wir keine Verhältnisse wie in Amerika wollen, wo der Virus gemessen an der Einwohnerzahl fast doppelt so viele Menschopfer forderte, bis dahin. Allmählich scheint selbst dort ein Umdenken stattzufinden, Gott sei Dank.

Nichts wird wieder so wie zuvor, soviel ist klar. Das hat gesellschaftliche Gründe, aber in meinem Fall auch familiäre Gründe, die meine Zeit arg beschneiden. Was dich angeht – ich weiß, dass sich hinter all der Wut immer noch ein anderer Mensch verbirgt. Der Mensch, der mich in vergangenen Tagen an die Meditation herangeführt hat. Der Mensch, den ich für seine Verlässlichkeit und Verbindlichkeit hoch schätze. Der Mensch, dem ich für den Beistand, den er anderen Menschen am Ende ihres Weges leistete, großen Respekt zolle. Der Mensch, mit dem ich einen sehr schrägen Humor teilen konnte, dessen beim Lachen blitzende Augen ich noch gut in Erinnerung habe.

Wir sehen uns wieder, hoffe ich.

2021-03-07 08_44_52-Mediathek ‹ wupperpostille — WordPress – Opera

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Lange her

Der Winter ist eine reizarme Zeit, im Lockdown erst recht. Die Zahl der Menschen, denen man willentlich in freundschaftlicher Absicht begegnen möchte, ist, vorsichtig formuliert, überschaubar. Was liegt also näher als mal zurück zu schauen, bevor manche Bilder gänzlich im gedanklichen Nirvana verschwinden. Na dann.

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1983, zwischen den Feiertagen am Jahresende.

Gerade 21 Jahre jung, bestand mein Lebenszweck aus hemmungslosen Besäufnissen, mein spiritueller Mittelpunkt waren kleine Plastiktütchen mit Gras, kombiniert mit Portwein, vorzugsweise, wenn ich ihn mir leisten konnte. Meine Gesellschaft war dem entsprechend, Gleiches findet immer Gleiches. Jochen zum Beispiel. Den kannte ich von der Arbeit, er lag in den letzten Zügen seiner Ausbildung in der Werkstatt, wo ich meine ersten Berufserfahrungen sammeln sollte.

Jochen hatte Verwandtschaft an der damaligen Zonengrenze, ein Dorf irgendwo bei Lüchow-Dannenberg, dem Ende unserer westgermanischen Welt. Onkel und Tante, glaube ich, und laut Jochen trinkfeste sowie gastfreundliche Menschen. Das klang gut. Knapp 400 Km vom Tal der Wupper entfernt, lag unser Reiseziel nicht nur geographisch um Lichtjahre weiter von uns fort als zum Beispiel die Niederlande, das gelobte Land in unserer jugendlichen Vorstellung. Ich war sofort begeistert, als die Rede auf einem möglichen Besuch kam. Besäufnisse in fremden, aber vertrauenswürdigen Gefilden, verbunden mit neuen Eindrücken und potentiell freundlichen Menschen – genau richtig zur Einstimmung auf den anstehenden Jahreswechsel. Blieb die Frage nach dem Vehikel der Wahl, um die große Fahrt zu bewerkstelligen. Auto fahren war jedem von uns immer extrem wichtig, schnell hin und schnell weg, darauf kam es an. Mein damaliges Gefährt bestand aus einem Rost-zerfressenen Opel Rekord D – Caravan, Jochen fuhr einen uralten Fiat 500 und bestand darauf, mit seinem Auto fahren zu wollen.

Zwei Helden auf Reisen, es war eisig kalt, ein ekliger Ostwind mit reichlich Frost war unser Begleiter. Der Fiat hatte keine Heizung, nur ein Faust-großes Loch neben dem Schaltknüppel, aus dem ein Hauch von Wärme strömte. Abwechselnd steckten wir die klammen Hände dort hinein, so gut es ging. Unser Outfit passte zum Gefährt, Jochen trug seinen Gestapo-Mantel und ich meine Holzfäller-Jacke mit Brandlöchern. Der Fiat machte gerade 80 Sachen, immer schön rechts und ausnahmslos jeder LKW überholte uns mit teils freundlichem Gehupe. Die Karre war damals schon Kult … Andere Reisende waren da skeptischer, manch verantwortungsbewusster Familienvorstand samt Anhang starrten beim vorbeifahren mit einem Blick zu uns herunter wie unsereins den Füllstand einer Mülltonne begutachtet. Wir liebten dieses Gefühl und hatten beide den unwiderstehlichen Drang, den nackten Arsch an`s Fenster zu pappen. Dagegen sprachen die Kälte und die Fahrsicherheit, also verwarfen wir die nette Geste, war vielleicht auch besser so. Unser beider damaliges Lebensgefühl spiegelte sich im Musikgeschmack – Punk zum wach werden und Reggea zum herunter kommen, mehr brauchte es nicht. Ein abgerocktes Cassettendeck im Fiat tat sein bestes, uns zu unterhalten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit und diversen Tankstopps kamen wir endlich an und wurden mit großen Hallo begrüßt. Ein Dorf wie es sein soll, einige Gehöfte, ein paar Einfamilienhäuser, kein Laden, keine Kirche, nichts, aber eine Kneipe samt jeder Menge Gegend drum herum. Unsere Gastgeber hatten dito einen großen Hof, wir schoben den Fiat mit vereinten Kräften in den Kuhstall, wegen der Kälte. Der Anlasser war übrigens im Sack, das Teil musste angeschoben werden, darin hatte auch ich schon Übung, von den Pausen an den Tankstellen. So ein wenig Wärme konnte der Heimreise also nur förderlich sein.

Die Tage waren ausgesprochen angenehm, bestanden sie doch für uns eigentlich nur aus dem damals Wesentlichen. Lecker essen, Zocken, saufen und lange ruhen. Zocken ging klar, wir hatten eine gewisse Routine darin. Jochens Bude im Tal der Wupper war ein genialer Treff zum pokern. Zwei Zimmer unter`m Dach, Altbau, eines hatte der Berglage geschuldet ein Stirngiebelfensterchen, für Jochen der Zugang zum Dach des Nachbarhauses, auf dem man sich dank Südlage trefflich sonnen konnte. Und diskret Gras anbauen. Ansonsten bestand das Interieur aus einer Matratze, einem Fernseher, einem wackeligen Holztisch samt passenden Gestühl zum zocken, einer verbeulten Schirmlampe und einem riesigen geklauten Hohlspiegel von der Straße.

Auf dem Hof waren wir allabendlich mit Rommé statt Poker beschäftigt, so richtig derbe, mit allen Regeln und unter stimmgewaltigen emotionalen Ausbrüchen, getragen vom Dunst der Geschwister Braun und Weiß. Da man ja nicht nur zocken kann, bestand unser Gastgeber darauf, uns am Tage die Gegend zu zeigen. Das gestaltete sich ein wenig abenteuerlich, war doch sein Führerschein gerade verlustig. Zuviel vom Braunen irgendwann. Es gab nur Braun oder Weiß, Bier eher sekundär, zum Durst löschen für den Sommer. Also jetzt nur wenig. Der Mann wusste sich aber zu helfen, dank der zahlreichen Feldwege entlang seiner Ländereien. Sein Auto – ein abgemeldeter VW Variant 1600, so ein Modell, mit dem mein Vater vor damals schon gut 12 Jahren seinen ersten Wohnwagen zog. Das Gefährt musste also für Sightseeing herhalten, die verreckten Stoßdämpfer in Kombi mit der Beschaffenheit der Feldwege waren der Befindlichkeit unserer Mägen nicht förderlich, die noch mit dem Inhalten des letzten Abends beschäftigt waren. Aber – wir lernten Land und ein wenig Leute kennen, wenn auch mit käsigem Gesichtsausdruck.

Der letzte Abend sollte alle vorhergehenden übertreffen, es galt Abschied zu feiern, darin waren sich alle einig. Also wurde Karten gespielt, was das Zeug hielt, mit peinlich genauem aufschreiben, soweit Braun und Weiß das noch zuließen.. Der Höhepunkt des Abends fand dann in der Kneipe statt, wo sich der erzockte Punktestand in weiteren braun-weißen Getränken auflöste. Die Stimmung war unbeschreiblich, mit viel Tanz, Musik, Gelächter, alkoholischen Verbrüder- und Verschwesterungen. Irgendwann zog ich mich mit einer ebenso abgefüllten Dame aus dem Dorf in die Gemächer zurück, gefüllt nicht nur mit Weiß- Braunen, der alles folgende unkompliziert erscheinen ließ, sondern auch mit der Sehnsucht nach ein wenig menschlicher Wärme. Eine mögliche schriftliche Fixierung des Restes der Nacht ist verständlicher Weise nicht für die Öffentlichkeit geeignet.

Der Abreisetag. Es war immer noch saukalt, wir schoben den Kleinen aus dem Kuhstall, nachdem wir ihn erstmal von einer guten Schicht Stroh aus dem Dachgeschoß befreit hatten. Wir verabschiedeten uns herzlich, versicherten, uns baldmöglichst wieder sehen zu lassen und bekamen freundliche Hilfe beim anschieben. Die Rückfahrt war im Grunde ein Abbild der Anreise, nur eben in die andere Richtung und eher schweigsam, da gemeinschaftlich schwer verkatert.

Anfang Januar 1984, in einer Arztpraxis der Wahl. Es juckt, sage ich. Wo, fragt der Arzt. Innen, außen, und vor allem unten, versuche ich mit rotem Gesicht eine Beschreibung meiner Unpässlichkeit. Antimykotikum, sagt der Arzt nach näherer Inaugenscheinnahme der beschriebenen Körperzonen. Zum einnehmen und einreiben. Und grüßen Sie mir die Dame…

Es gibt eigentlich nur eine Erklärung für diese Tage:
Ich war 21 ….

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Epilog: 21 & zocken, da gab es mal einen guten Film.

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Ein zerlegtes Gedicht

Das neue Jahr ist 10 Tage jung, Vorsätze hatte und habe ich keine. Was nicht daran hindert, so etwas wie eine Inventur zu machen. Macht man sonst bekanntlich eher am Jahresende, aber da war ich gerade zu sehr beschäftigt, um Worte dafür zu finden, wo ich gerade so stehe. Als Orientierung im Leben dienen mir immer noch und immer wieder die 10 Gebote obenan sowie die 12 Schritte der anonymen Alkoholiker – die unter anderen besagen, Inventur sei dann zu machen, wenn sie von Nöten ist, wenn es sein muss, auch täglich. Kann nebenbei bemerkt auch für Menschen ohne Suchterkrankung von Vorteil sein. Für eine Art geführte Innenschau gehen mir die Zeilen eines meiner Lieblings-Gedichte seit einiger Zeit durch den Kopf. Hat der selige Joseph vielleicht nicht so vorgesehen, aber gram wäre er mir sicher nicht, denke ich. Na dann.

Lass dich fallen.
In Gottes Hand gerne, im menschlichen Miteinander nur bei entsprechenden Vertrauensverhältnis, das eher selten ist, in meinem Leben.

Lerne Schnecken zu beobachten.
Mache ich gelegentlich, Schnecken sind faszinierende Tierchen. Klar werden die nicht von jedem gemocht, als Gärtner würde ich sie sicher anders sehen. Als gelegentlicher Beobachter dagegen staune ich, beim betrachten. Langsamkeit pur, aber ankommen tuen sie, wo auch immer. Diejenigen unter ihnen, welche ihr Heim mit sich umher tragen, sprechen zum einen die rein praktische Seite in mir an, als Kind eines ehemaligen, begeisterten Campers. Andererseits steht diese stets parate Heimstatt auch für Geborgenheit, allerorten.

Pflanze unmögliche Gärten.
Mangels grünem Daumen überlasse ich das gerne der Liebsten, die es Jahr für Jahr schafft, unsere graue, das Straße zugewandte Loggia mittels geschickt bepflanzter und positionierter Blumenpötte in einen heimeligen Ort zu verwandeln

Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.
Das verstehe ich als Gleichnis, welches den Umgang mit Menschen in eher gehobenen Positionen betrifft, oder besser solchen Positionen, die gesellschaftlich als “gehoben” angesehen werden. Menschen mit Macht und Einfluss also, keine potentiellen Betrüger oder Gewaltverbrecher. Wobei selbst solche Gott sei Dank selten im Leben aufmerksame Gegenwart erfordern können. Dem Kontakt mit erstgenannten dagegen weiche ich nicht aus, sofern der Umgang von gegenseitigen Respekt getragen ist. Da kann Mensch auch schon mal im übertragenen Sinne miteinander Tee trinken, was in der Praxis meist kurze Plauderei bedeuten kann. Achtsame Plauderei wohlgemerkt, getragen von Respekt und nicht von Opportunismus.

Mache kleine Zeichen, die “Ja” sagen
und verteile sie überall in deinem Haus.
Die gibt es, in Form von Bildern, Figuren und Dingen, denen man ihre Bedeutung nicht auf Anhieb ansieht.

Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Für mich ein eher ambivalentes Thema, widerspricht diese Freundschaft doch meinem ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis. Andererseits ist das Leben eben genau so, dass so eine Freundschaft einen Sinn macht. Auch mit aller Umsicht kann Mensch sich schneller als geglaubt in privaten und/oder wirtschaftlichen Untiefen befinden. Da hat es mir stets gut getan, solche Turbulenzen auch als Reset zu betrachten, im Sinne von Freiheit, neu wählen zu dürfen.

Freue dich auf Träume.
Kommt sehr auf die Art der Träume an.

Weine bei Kinofilmen.
Oh ja, das kann ich, daheim beim streamen, aber auch im Kino, die hoffentlich überleben und irgendwann wieder öffnen werden.

Schaukel so hoch du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht.
Unbeschwertheit: Lasse ich eher selten zu. Noch.

Pflege verschiedene Stimmungen.
Das gelingt mir gut. Würde ich sie nicht pflegen, hätte ich es nicht nur mit meinen verschiedenen Stimmungen zu tun, sondern auch noch mit meiner Abneigung dagegen. Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass ich jeden Wolf in mir füttere.

Verweigere “verantwortlich” zu sein. Tu es aus Liebe.
Da möchte ich hin, dass ist eines meiner klar definierten Ziele für die Zeit nach meiner Berufstätigkeit, die natürlich auch mit einer Menge Verantwortung zu tun hat. Verantwortung aber auch für Menschen, die sich nicht (mehr) selbst helfen können. Liebe? Gibt es in diesem Zusammenhang, ist (für mich) aber keine Grundvoraussetzung für verantwortliches Handeln. Verantwortung beschreibt auch den Umgang mit den mir leihweise überlassenen Dingen. Ein weites Feld also, für mich.

Mach viele Nickerchen.
Sehr gerne!

Gib Geld weiter. Tu es jetzt. Das Geld wird folgen.
Der Umgang mit Materie: Bedingt Klugheit und Verantwortung. Wer nichts halten kann, findet sich schnell in bitterer Armut wieder. Wer alles halten will, hat gute Chancen, einen frühen Herztod zu erleiden, getrieben von Gier und Geiz. Es gibt sie durchaus, die gesunde Mitte, welche das eigene Wohl ebenso wie das der Nächsten im Visier hat.

Glaube an Zauberei.
Ja! Nicht im esoterischen Sinne, eher im Sinne von glücklichen, göttlichen Fügungen.

Lache viel.
Geht so. Wenn, dann auch gerne unanständig laut.

Bade im Mondlicht.
Bei jeder Gelegenheit, die allerdings selten sind.

Träume wilde, phantasievolle Träume.
Davon gibt es reichlich.

Zeichne auf die Wände.
Eher nicht. Noch nicht.

Lies jeden Tag.
Ja!

Stell dir vor, du wärst verzaubert.
Das ist definitiv so :)

Kichere mit Kindern.
Sehr gerne, falls in meiner Nähe.

Höre alten Leuten zu.
Ebenfalls sehr gerne, sofern da mehr kommt als stetes kreisen um die eigenen Gebrechen.

Öffne dich, tauche ein, sei frei.
Kann ich, im Sinne von mitfühlen ohne mit zu leiden.

Segne dich selbst.
Als ich diese Aufforderung zum ersten Mal las, dachte ich, das ist doch anmaßend, darf ich das? Ich darf das, weiß ich heute. Mich selbst segnen hat nichts mit Anmaßung zu tun, sondern beschreibt einen liebevollen Umgang mit mir selbst.

Lass die Angst fallen.
Tägliche Übung.

Spiele mit allem.
Eher selten, aber ich arbeite daran. Katzen sind dabei ausgesprochen hilfreich.

Unterhalte das Kind in dir.
Wir haben Frieden miteinander. Meistens. Unterhaltung bekommt es auch, das Kind. Nicht zuletzt beim schreiben :)

Du bist unschuldig.
Worte, die ich kürzlich noch jemanden geschrieben habe. Schuld ist ein Konstrukt, welches Vorsatz voraussetzt, glaube ich. Jeder Mensch ist Teil von zahllosen Verwicklungen, und auch in meinem Leben gibt es Episoden, in denen mein Tun und Lassen weit reichende Folgen für andere hatte, aus Bedürftigkeit, aber auch aus Unreife. Bin ich schuldig? Es war nicht wieder besseren Wissens. Ich lerne, mir selbst zu vergeben, von außen gibt es keine Absolution.

Baue eine Burg aus Decken.
Vorzugsweise des Nachts. sollten sich hier mal Kinder finden, gerne auch am Tag. Obwohl die Katzen auch Deckenburgen lieben…

Werde nass.
Wenn es sein muss.

Umarme Bäume.
Selten, als Stadt-Mensch. Kommt aber vor.

Schreibe Liebesbriefe.
Nee … ich lebe sie, zeitweise.

~

Nikolaustag 2020

Der Wassertiger führt in letzter Zeit ein Schatten-Dasein, wird also Zeit, ihn wieder mal zu füttern. Die Wupperpostille, nebenan bei WordPress.com, nimmt viel Zeit in Anspruch, was einerseits viel Freude macht, aber diese eher private Nische hier ein wenig zu kurz kommen lässt. Sei`s drum. Heute bin ich wieder mal hier.

Was bewegt mich? Klar, das, was die meisten so umtreibt, in diesen Tagen. Ein kleiner Virus, der sich im doppelten Wortsinne atemberaubend schnell unter uns Menschen verbreitet. Selbst in meinem beruflichen Umfeld ist er mittlerweile angekommen, was mich ausgesprochen vorsichtig macht, im Umgang mit meinen Eltern. Um mich sorge ich mich dabei weniger, zähle zwar altersmäßig auch schon zur so genannten Risikogruppe, aber ich vertraue auf mein Immunsystem und den Willen meines Schöpfers, in Verbindung mit den üblichen Vorsichtsmaßnahmen.

Ich las es in der letzten Zeit schon öfter – auch anderen scheint es ähnlich wie mir zu gehen. Das Virus und seine Eigenschaften ist eines, der Umgang von uns Menschen damit gleicht nicht nur für mich einer spannenden Studie. So eine erdumspannende Seuche bringt aus den Einen das Beste hervor, während sich bei den Anderen nur dürftig verdeckte Abgründe auftun. Die Phase der ersten Erschütterung habe ich mittlerweile hinter mir gelassen, es trennt sich nun eben die Spreu vom Weizen. Die Einen sammeln sich, um dieser Herausforderung gemeinsam Herr zu werden und die anderen scharen sich um ihresgleichen, um möglichst alles wie immer schon so weiterlaufen zu lassen – keine Theorie und Demagogie ist ihnen zu kraus, die dabei helfen könnte. Alles nichts Neues, wie ein Blick in die Geschichte zeigt.

Und ich? Isolation ist für mich zunächst einmal nichts Neues. Als Kind war es freilich schlimm, eine ewige Außenseiter-Rolle zu haben. Später habe ich das zelebriert und gepflegt, mein vermeintliches anders-sein. Psycho nannten sie mich, mir war es recht. Hatte ich sie eben nicht alle, ab einem bestimmten Grad adelt selbst das, dachte ich. Das ging damals mit meiner Suchterkrankung einher, mit den dazu passenden Begleitumständen, Auftritten und “Nebenkosten”.

Lange her, das alles. Heute bin ich recht gerne allein, kann mich meistens selbst gut ausstehen. Seit einiger Zeit darf ich sogar allein arbeiten, nachdem mein berufliches Umfeld Anfang des Jahres arg reduziert wurde und ich das Glück hatte, bleiben zu dürfen. Jeder Tag ist heute gefüllt von Dankbarkeit, nunmehr befreit von Neid, Missgunst, Boshaftigkeit und Intrigen arbeiten zu dürfen. Keine Selbstverständlichkeit, wie sich gezeigt hat. Für mich wäre das so genannte Home-Office eine Auszeichnung, allein bin ich am kreativsten, muss ich dann doch auf keinerlei Befindlichkeiten meiner Mitmenschen Rücksicht nehmen. Das schließt Teamfähigkeit nicht aus, so nutze ich alle mir zur Verfügung stehenden Kanäle der neuen Zeit, um mit den anderen zusammenzuarbeiten. Leider ist das daheim-arbeiten in meinem Fall unrealistisch, da mein tägliches Werkzeug dank nicht unerheblicher Masse ein wenig immobil ist. Was den heute schon anachronistischen Luxus mit sich bringt, am Ende des Tages (hier mal ausnahmsweise nicht als Phrase gemeint) noch etwas in den Händen halten zu dürfen, was bis dahin nur als virtueller Datensatz sicht- und begreifbar war.

Geblieben ist weiter eine nur schwer zu beschreibende Sehnsucht nach Gemeinschaft, getragen von einem Gefühl der Zugehörigkeit. Im engeren Sinne bin ich reich beschenkt worden, was mein direktes familiäres Umfeld angeht. So bin ich heute tief dankbar für den Menschen an meiner Seite, mit dem ich meine tägliche Fristverlängerung teile, so gut ich kann. Dankbar auch für ein anderes Geschenk in Form meines großen Kindes, der seinen Weg als nunmehr junger Erwachsener recht zielstrebig geht. Dankbar auch für den mir möglichen Umgang mit meinen Eltern … alles keine Selbstverständlichkeiten, für mich.

Ziehe ich die Kreise weiter, sehe ich meine geistige Verwandtschaft. Menschen, die sich wie ich selbst auch als Erdenbürger, meinetwegen Kosmopoliten, begreifen. Menschen, deren Horizont über das Taschen-füllen um jeden Preis hinaus geht. Menschen, mit denen mich neben Humanität auch Glaube verbindet, dessen offizielle Titel mir übrigens sehr wurscht sind. Ich fühle mich mit jeden Menschen verbunden, der erkannt hat, dass es mehr gibt als sein eigenes Ego, in welcher Form auch immer. Solange es  dem gemeinsamen Auskommen und Wachstum dient. Was die Sehnsucht angeht, sie gehört offensichtlich zu mir. Und weil ich sie umarmen kann, hat sie ihren Schrecken verloren. Passend dazu habe ich das Liedchen weiter untern gefunden oder es mich, wie auch immer. Beschreibt es doch in seiner Übersetzung gut das alte “Fass ohne Boden”, das ich einst war, verbunden mit dem, was mich heute ausmacht. Viel Freude beim hören – und schön laut machen.

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Ein Bild

Wenn ich unterwegs bin, schaue ich gerne auf Graffitis. Es gibt eine Menge Müll darunter, aber immer wieder einige richtig gut geratene Exemplare. Eines habe ich bei Dario gefunden, der seinerseits auch mit wachen Augen durch die Welt geht. Mit seiner freundlichen Erlaubnis leihe ich es mir aus, weil es mich außerordentlich bewegt (anklicken macht es gut sichtbar):

Fuchs_Konstanz

 Mal davon abgesehen, dass ich es künstlerisch total gut gelungen finde, spiegelt es auf eine Weise den Geist der Zeit wieder, die mir unter die Haut geht. Der große Fuchs, selbstzufrieden grinsend im Fond sitzend, wie er gerade aus dem Hühnerstall kommt. Mit an Bord noch zwei seinesgleichen, seine eher unscheinbare rechte Hand neben ihm sowie der Fahrer der Karosse, mit Herzchen-Kappe, dem Rest der Welt unzweideutig die Zähne zeigend. Interessant auch, wer da noch als Beifahrer mitfährt, eine furchterregende, boshaft dreinblickende Schlange. Das Gefährt offensichtlich teuer, wenn auch lädiert und blutverschmiert, mit Leichenteilen und Trümmer gespickt. Im dunklen Himmel steigen sie auf, die Hühner-Seelen, die auf der irrsinnigen Fahrt ihr Leben lassen mussten.

Ein Bild aus einem schlechten Alptraum, könnte man meinen. Wenn es nicht als Metapher so hart an der Realität wäre. Der kluge Fuchs, das teure, alte Auto, die boshafte Schlange. Für mich steht das Bild in seiner ganzen Brutalität für das weltumspannende Wirtschaftssystem, dem der Einzelne nichts mehr gilt. Der Erfolg zählt, wer klug genug ist, wird Fuchs im Fond, braucht noch nicht einmal selbst zu fahren. Die Drecksarbeit erledigen andere, der Typ am Steuer zum Beispiel. Oder die Schlange auf dem Beifahrersitz. Ein gekonnt inszeniertes Bild all derer, welche die Richtung eines internationalen, Aktien-notierten Konzernes bestimmen. Der Schlangen-gleiche Controller an Bord, ohne zynische Herzchen-Kappe, die braucht es nicht – scharfe Zähne im verschlagenen Antlitz sprechen für sich. Das Marken-Logo des Gefährtes mag als eines der bekanntesten Luxus-Güter stellvertretend und austauschbar sein. Das Bild ist offen für allen möglichen Spekulationen, der alte 70er-Jahre-Benz und die Kopfbedeckungen der Akteure lassen Rückschlüsse auf die 68er-Generation zu, welche die Schlange mit an Bord genommen hat … man kann endlos darüber nachsinnen. Oder es auch sein lassen.

Wo immer möglich, beende ich meine Blog-Einträge mit einer positiven Affirmation. Das fällt mir jetzt gerade ausgesprochen schwer, mit solch einem Thema zu einem hoffnungsfrohen Ende zu kommen. Wohl dem, der ihnen nicht direkt ausgeliefert ist, denke ich. Wobei Gier und Rücksichtslosigkeit kein Privileg der großen Unternehmen sind, im Kleinen setzt sich das fort, bei jedem Einzelnen von uns, wenn wir aufhören , uns selbst zu hinterfragen. Wir werden das Ende dieser Jagd wohl nicht erleben. Was das gruselige Bild nicht zeigt: Die “Füchse” halten andererseits eine Menge “Eier-legender Hühner” am Leben, oft genug auf niedrigstem Niveau. Das ist der Grund, warum ihnen eine jede Regierung, gleich welcher Art, freundlich gesonnen ist, so Lebens-verachtend das Geschäft auch sein mag.

Was bleibt, ist der Respekt vor dem unbekannten Künstler, der dieses Bild irgendwo in Konstanz gestaltet hat. Mag er ein kleines Drogenproblem haben oder auch nicht, genial ist er jedenfalls.

Wahrheit ?

Sie ist in aller Munde, und ein jeder beansprucht sie für sich. Oder günstigstenfalls für seine Glaubensgemeinschaft, die nicht unbedingt religiösen Charakter haben muss. Sie wird gerne in Teile ihrer Selbst zerlegt und Portionsweise in eines anderen Wahrheit eingebunden, aus dem Kontext gerissen, wie man das nennt. Oft wird sie geschickt umgangen, um interessierten Kreisen dienlich zu sein. Diese schaffen gerne so genannte alternative Wahrheiten, verkünden ihre solcher Art frisch kreierte Wahrheit für die Absolute, die der anderen für systemische Lüge. Jeder auf seine Weise. Das “System” bedankt sich seinerseits mit irreführenden Wortgeklingel. Verschwörungs-Theoretiker werden die Schöpfer der jeweils anderen Wahrheit genannt. Oder auch Alu-Hut-Träger. Irreführend deshalb, weil so mancher Verschwörungs-Theoretiker in Wahrheit (also meine…) ein Verschwörungs-Praktiker ist, dessen Agitation ganz konkrete Auswirkungen auf die Politik, auf das gesellschaftliche Klima hat. Die Alu-Hüte? Klingt karnevalistisch und würdigt die wirkliche Gefühlslage ihrer Träger herab, die mit lustig-sein oder mit Abenteuer a la Raumschiff Orion nicht wirklich viel zu tun hat. In den oft geschlossenen Räumen, in denen sie sich gerne bewegen, sind sie unter sich, schauen gefüllt mit Unsicherheit , Angst sowie mit daraus resultierenden Hass auf die Welt da draußen, von der sie glauben, sie wolle ihre Hirne manipulieren, kontrollieren, knechten. Ihnen ist in ihrer Welt mit Argumenten nicht beizukommen, jeder Versuch gleicht dem Schachspiel mit einer Taube: Ganz gleich, wie gut du spielst, das Tier latscht quer über das Brett, wirft dabei alle Figuren um, kackt mitten hinein und stolziert von dannen, als hätte es die Partie gewonnen.

Nun denn. Wenn ich von meiner “Wahrheit” schreibe oder rede, dann bin ich mir bewusst, immer nur einen Teil dessen für mich präsent zu haben, der oft genug auch sehr subjektiv eingefärbt ist, also eher meine Meinung darstellt, nicht die Wahrheit, schon gar nicht die absolute, die eh `nur unser Schöpfer kennt. Sicher bin ich mir meiner Meinung, meiner Wahrheit also nicht, und eines möchte ich schon überhaupt nicht: Irgend jemanden von dem überzeugen, missionieren oder sonst wie manipulieren, der die Welt mit anderen Augen sieht, sehen möchte.

Beispiele gibt es zur Genüge, ein kurzer Blick auf das Tagesgeschehen reicht völlig. Der Bau einer fast fertigen Gasleitung soll gestoppt werden, weil der Handelspartner auf der anderen Seite seinen Oppositionellen nach dem Leben trachtet oder zumindest weg schaut, wenn einflussreiche Kräfte dies anstreben. Die Wahrheit ist in diesen Ländern denen vorbehalten, die ein schnelles Pferd haben. Moralisch verwerflich? Ja sicher. Du sollst nicht töten. Punkt. Was diejenigen (außerhalb der Politik), die sich darüber verständlicher Weise empören, außer Acht lassen, ist , wir sind eine Export-orientierte Handelsnation, die sich auch sonst moralische Empörung nicht wirklich leisten kann, mit aller Herren Länder gute Geschäfte macht, in denen Menschenrechte nicht unbedingt gesetzlich verankert sind, geschweigen denn respektiert werden. Wo es politisch opportun erscheint, wird sich dagegen laut öffentlich empört, das nenne ich Pharisäertum. Wäre es ernst gemeint, dürfte mit dem Rest der Welt keinen Handel mehr betrieben werden, mal nicht davon zu reden, das auch hierzulande mit Sicherheit Verbesserungsbedarf in Sachen Menschenrechte besteht, wenn auch auf vergleichsweise hohem Niveau. Und – mal so ganz pragmatisch in Richtung derer, die meinen, fossile Brennstoffe hätten sowieso ausgedient – auch ich heize im Winter wie viele Millionen anderer Haushalte mit Gas, zu dem es derzeit keine wirkliche Alternative gibt. Es wird eine geben müssen, das ist sicher, so wie es früher oder später zu allen fossilen Brennstoffen eine Alternative geben muss, wegen dem unseligen Einfluss auf unser Wetter, auf unsere Umwelt, unsere Natur und aus Gründen der Verfügbarkeit. Nur sehr wenige haben derzeit die Mittel und die Möglichkeiten, in Energie-Bilanz-technischen Null-Summen-Häusern zu leben.

Wo ich gerade dabei bin – Emissions-freie Fortbewegungsmittel finde ich hervorragend. Gibt es leider nicht, sie sind eine Illusion, die sich daraus nährt, weil eben nichts sicht- und riechbares “hinten heraus” kommt. Alles hat seinen Preis, den unser Planet bezahlen muss, die Umweltbilanzen der Herstellungsprozesse lassen grüßen. In dem Kontext kann ich nicht verstehen, mit welcher Vehemenz elektrische Antriebe auch politisch forciert werden. Ganz so, als hätte ein jeder neben dem Mitteln für einen “Stromer” auch noch gleich einen Carport samt Ladestation neben dem mit Erd- oder Solarenergie beheiztem Eigenheim. Und jetzt bitte nicht missverstehen, ich finde es absolut begrüßens- und förderwert, auf diese Weise leben zu wollen. Leider ist dies nur einer kleinen, gut verdienenden Avantgarde möglich, nicht der breiten Masse, die irgendwo zur Miete wohnt, eine schnöde Gastherme nutzen muss und ihr Auto irgendwo, wo gerade Platz ist, abstellen muss. In 99 % aller Fälle gerade nicht in Reichweite einer Ladestation. Und weil ich nicht nur meckern möchte – es gibt auch gute Ansätze, die zwar noch wie der Wasserstoff mit großen technischen Herausforderungen versehen sind,aber mit Blick auf ihre schnöde Praxis-Tauglichkeit um Längen besser abschneiden als die derzeit so gelobten Stromer, die sowieso im halbwegs bezahlbaren Segment nur für den Stadtverkehr taugen. Ja sicher, verreisen kann man auch mit den Öffentlichen, so sie denn günstig erreichbar und auch mal pünktlich sind. Will ich aber nicht, in Zeiten von komischen Viren und reichlich Menschen, die eben diese beharrlich ignorieren (Achtung, da leiste auch ich mir meine persönliche Wahrheit/Meinung…). So wie andere wiederum den Rest der Menschheit am liebsten an die Kette von umfänglichsten Regelwerken legen möchte, als würde sich dadurch ihre Einsichtsfähigkeit verbessern. Vom meinem ganz persönlichen Hang als Höhlenbewohner, meinen gefühlten halben Hausrat mitschleppen zu müssen, will ich erst gar nicht anfangen.

Bevor ich jetzt restlos vom Thema abweiche – Hybride finde ich Klasse, also jene Fahrzeuge, die sowohl über einen Strom- als auch einen Verbrennungsantrieb verfügen. Es gibt durchaus schon bezahlbare Varianten, die sich bei umsichtiger Fahrweise für gerade mal 4 Liter Treibstoff-Verbrauch bewegen lassen. Entweder als klassische Selbstlader, oder auch mit Steckdose, zum Strom “tanken”. Meine Sympathie haben in dem Zusammenhang auch günstige Kleinstwagen, die sich mit kaum mehr Energie betreiben lassen. Der verfügbare Platz hat sicher seine Grenzen, aber wer jemals erfolgreich Tetris gespielt hat, weiß sich auch hier zu helfen.

Zum Ende hin noch einmal – jeder hat das Recht auf seine Meinung, seine “Wahrheit”, so wie das, was dafür gehalten wird. Ich auch. Wer mit mir darüber meinetwegen emotionsgeladen, – aber immer höflich – diskutieren möchte, nur zu ;)

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Morgenstunde

Eine klebrige, schwüle Nacht liegt hinter mir, 26 Grad um 5 Uhr früh. Auf dem Weg zur Arbeit fällt mir eine kleine Episode von gestern Morgen ein. Der Weg führt durch einen alten, sehr engen kleinen Tunnel, der zu Zeiten von Pferdefuhrwerken gebaut wurde. Links und rechts der schmalen Passage gibt es “Fußwege”, die den Namen nicht wirklich verdienen, weil gerade 20 cm breit. Und als ob dies noch nicht reichen täte, hat die Stadt Wuppertal diese schmalen Wege noch mit hervor stehenden, so genannten Leuchtnägeln versehen, auf dass auch der dümmste Autofahrer weiß, wo die Straße seitlich begrenzt ist. Feine Stolperfallen für Fußgänger, die auf diesem schmalen Grat eh schon um Gleichgewicht ringen.

Gestern früh also bin ich kurz vor der Passage, sehe weit hinter dem Tunnel ein Auto auf der Straße stehen. Ok, der hat Zeit, denke ich und laufe los. Das Auto setzt sich in Bewegung und fährt in den Tunnel ein, gerade, als ich mitten drin bin. Ich bleibe auf der Fahrbahn und schaue mal, wie es weiter geht. Meinem Gegenüber ist das wurscht, er fährt zügig weiter.

Du dummes, rücksichtsloses Arschloch, denkt es in mir. Kannst nicht eine Sekunde draußen warten, bis ich heraus bin. Was glaubst du eigentlich, wer eher auf Erden war, Autos oder zu Fuß gehende Menschen… Und so flüchte ich mich mit meinem XXL-Rucksack, der die Tageszehrung sowie den gefühlten halben Hausrat beinhaltet, auf die schmale Steige, hart an die dreckschwarze Tunnelwand. Es ist warm, der Kerl hat das Fenster auf, wortlos schauen wir uns an, während er langsam weiter fährt. Wahrscheinlich hat es meinerseits auch keine Worte gebraucht, um verstanden zu werden, unmaskiert, wie ich um diese Zeit meiner Wege gehe.

Kleinigkeit? Ja, schon, auf dem ersten Blick. Beim näheren hinschauen eher nicht, spiegelt es doch einen Teil meiner so genannten Lebens-Herausforderungen wieder. Der alte Adam möchte, übellaunig, wie er ist, am frühen Morgen, ohne Frühstück im Bauch, mit gezieltem Tritt Spiegel abtreten und zornig aussteigen wollenden Fahrern die Ohren lang ziehen und die Beine brechen.. Der andere, eher friedfertige Teil in mir wundert sich, man hätte ja auch mit einem freundlichen Lächeln einen guten Morgen wünschen können. Hätte. Irgendwo dazwischen liegt das, was man Realität nennt, also dieser Mordblick, der potentielle Kommentare im Keim erstickt. Nächstenliebe geht irgendwie anders, denke ich. Gibt wohl noch so einiges zu tun.

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Veränderung

Loslassen – klingt abgedroschen. Lerne loszulassen, klingt es allerorten, in Zeiten der Unverbindlichkeit. Zeiten der Umbrüche, des Wandels. Eigentlich habe ich mir in dieser Disziplin eine gewisse Routine erarbeitet, mit den Jahren. Angefangen mit dem klassischen Loslassen zeitweise lieb gewonnener Frauen, mal ging die Initiative dazu von mir aus, mal vom Gegenüber. Der damit verbundene Schmerz war derselbe, bis auf das letzte Mal und das war neu. Größer als der Schmerz, als das uralte Gefühl, allein gelassen zu werden, war ein bis dahin unbekannte, gewaltiges Gefühl der Befreiung von alten Mustern, von Kapitulation vor dem eigenen Beziehungsmuster – ein Gefühl von Freiheit.

Was zu mir gehört, findet mich und bleibt. Auch so eine Weisheit, die unzählige Male schon zu lesen war und ist, aber sie passt. Loslassen inbegriffen, nur verlagern sich jetzt die Themen. Fort von den Irrtümern und Verwirrungen, den alten Sehnsüchten und dem erlernten Schrott, der mir zwar lange eigen war, aber nie wirklich zu mir gehören sollte, hin zum letzten loslassen, der Kapitulation vor unserer Endlichkeit. In letzter Konsequenz hin zum sich-von-sich-selbst-verabschieden. Das schwingt derzeit immer mit, bei mir, aus gegebenen Anlass in der Familie. Andererseits spüre ich gerade, wie schwer mir das loslassen auf gesellschaftlicher Ebene fällt, fort von einer Gemeinschaft, die mich zwei Jahrzehnte getragen hat, die der ehemals anonymen Alkoholiker.  Gib`es weiter, sagten sie. Das werde ich nach Möglichkeit auch weiterhin tun, nur eben nicht in mehr oder weniger geschlossenen Zirkeln und schon gar nicht unter Preisgabe meiner vollständigen Daten bei jedem Treffen. Es findet sich …

Alles hat seine Zeit, persönliche wie auch gesellschaftliche Bindungen. Was davon bleibt, ist der spirituelle Boden, auf dem ich mich dank der vielen Jahre bewegen darf, sowie einige persönliche Kontakte, die die sich lösende Gruppenbindung zu überdauern scheinen. Der größte Gewinn aus dieser Zeit aber ist mein wiedergefundenes Vertrauen in meine höhere Macht, die über meinen letzten Atemzug hinaus bei mir sein wird. Sie lässt mich niemals los.

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Exkurs

Die Arbeit staut sich, mancherlei Alltags-Verrichtungen und Pflichten kleben wie zäher Brei und lähmen die Seele, der es gefühlt zuviel des Ganzen ist, zumindest zeitweise. Gruppen-Aktivitäten haben sich zum PC hin verlagert, was an sich gut ist, aber kein wirklicher Ersatz für die physische Nähe von Menschen. Dort, wo ich es gerne leben täte, beruflich, da geht es leider nicht, weil ich einen altmodischen, technischen Beruf habe und tatsächlich noch des Morgens in die Werkstatt gehe, hin zu den ausgetretenen Pfaden zwischen Schreibtisch und den mit mir gealterten Maschinen. Wenn ich in einigen Jahren, so Gott und der Konzern es wollen, dort meinen letzten Tag haben werde, sind die Chancen groß, das meine treuen stählernen Gefährten zu schnöden Kernschrott degradiert werden, wer weiß. Mit in den so genannten, derzeit mehr oder weniger beliebten Home-Office nehmen kann ich sie leider nicht, wegen ausgeprägter Schwergewichtigkeit, extremen Hang zum lärmen und altersbedingten Schwächen wie permanentes kleckern und tropfen.

Anderes drängt an die Oberfläche, versucht sich Platz zu schaffen, zwischen der Arbeit und den Pflichten. Mal darf ich inne halten und dann wird ein einzelnes Stichwort im digitalen Notizbuch festgehalten. Der Versuch, das Gefühl eines Augenblicks zu beschreiben und bei solchen Gelegenheiten wie eben jetzt hervorzuholen und zu vertiefen. Was nicht so einfach ist, wie ich gerade merke. Stehen doch dort im Memo unter anderen so getragene Begriffe wie Auflösung, Transzendenz, Pelzgefühl, letzte Wahrheit, Urgrund. Zeugnisse eines Lebensgefühls unterhalb des Alltags, Zeugnisse mancher teils erschreckender, teils überraschender Erkenntnisse, die sich durch Risse und Spalten in der Geschäftigkeit ihren Weg nach “oben” suchen. Oder durch bewusste Ruhepausen, ohne die bewährten Ablenkungen, an`s Licht gelockt werden. Die astrologischen Entsprechungen, deren Interpretationen  in den einschlägigen, allgemein eher mit Vorsicht zu genießenden Foren und Büchern nachzulesen sind, beziehen sich auf Mond und Venus nicht nur im zwölften Haus, auch im Sternbild Krebs, was zu guten Teilen passt. Als Teile der mir mitgegebenen Optionen, nicht mehr und nicht weniger. Die äußere Entsprechung in der Gegenwart ist das begleiten meiner Eltern auf ihren letzten Wegen. Ungewohnte Nähe, der ich jahrzehntelang ausgewichen bin und nun mangels gangbarer Alternativen leben darf. Macht Sinn, denke ich und kann es annehmen, wie es ist, fernab der alten Muster, weder verängstigtes Kind noch überheblicher Oberlehrer, altes Leben zwischen den Polen, hinter mir gelassen. Auf der anderen Seite darf ich zu meiner Freude erleben, wie mein großes, leibliches Kind erwachsen wird, Stück für Stück. Werden und vergehen eben.

Und so tauche ich wieder auf, schaue das Flauschknäuel namens Lilit, unsere dunkle Seite des Mondes, das es sich dicht bei mir hinter dem Monitor leise schnarchend gemütlich gemacht hat, höre die Stimme der mittlerweile eingetroffenen Liebsten, die mich an so profanes wie Abendbrot erinnert. Mit Recht – und eben mit Hunger. So sei es dann…

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Gestreckt sieht man mehr…

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