Archiv für den Autor: Reiner

Wie geht es weiter mit der Selbsthilfe?

Wie geht es weiter mit der Gemeinschaft der anonymen Alkoholiker, denen ich mich seit über 20 Jahren trocken und dankbar verbunden fühle? Mittlerweile sind unsere Zusammenkünfte wieder gestattet, mit einer Menge Auflagen des Gesundheitsamtes NRW, die Selbsthilfe allgemein betreffend,  die unsere Prinzipien und Traditionen teils komplett auf den Kopf stellen. Die Gemeinschaft der anonymen Alkoholiker selbst hat dazu ebenfalls ein Schreiben verfasst, welches sich auf die Vorgaben des Landes bezieht. Darin ist unter anderen die Rede von den auch anderswo üblichen Schutzmaßnahmen vor Ansteckung wie Mindestabstand und der daraus resultierenden Teilnehmerzahl-Begrenzung, Maskenpflicht, Aufhebung der Anonymität durch Teilnehmerlisten mit Vorname und Telefonnummer, Bewirtungsverbot, abschließende Desinfektion und so weiter.

Zunächst einmal ist es mehr als fraglich, ob die Gemeinde, welche uns die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hat, überhaupt unter diesen Vorgaben weiter bereit dazu ist. Meine persönliche Haltung ist eher skeptisch ob der Durchführbarkeit des Ganzen. Für mich als einer der Sprecher unserer Gruppe hat das alles auch etwas mit Verantwortung zu tun, die ich nicht übernehmen will und kann. Eine Menge Fragen tauchen auf, zum Beispiel die Teilnehmerzahlbegrenzung betreffend. AA war und ist für mich offen für jeden, der den Wunsch hat, mit dem Trinken aufzuhören und ich werde niemals einem die Tür weisen oder Diskussionen führen wollen, wer anstelle dem Neuen jetzt den Raum verlässt. Auch das Hinterlassen persönlicher Daten, was der Anonymität komplett zuwider läuft,  lehne ich ab (Aus diesem Grund weigere ich mich auch, Gaststätten zu besuchen).

Denke deine Gedanken zu Ende – das waren einst die Worte eines alten, mittlerweile schon lange verstorbenen Freundes meiner ersten trockenen Wochen. Wenn ich das konsequent mache (ok, meine Phantasie ist lebhaft), kann ich mir z.B. folgendes Szenario vorstellen. Einer aus der Gruppe erkrankt, angesteckt wo und wie auch immer. Im Zuge der Nachverfolgung von Infektionsketten taucht meine Telefonnummer und somit meine kompletten persönlichen Daten beim örtlichen Gesundheitsamt auf. Da geht es laut den Schreiben auch um Haftung, um Bußgelder bei eventueller Nichteinhaltung der Vorgaben. AA “funktioniert” anarchisch, alle Fragen innerhalb einer Gruppe werden per Abstimmung entschieden, das Gesundheitsamt dagegen braucht einen Verantwortlichen – was liegt näher als der Gruppensprecher. Und – es könnte Quarantäne folgen, am Ende Besuchsverbot bei meinen greisen Eltern, bis hin zu Schließung von unseren Arbeitsstätten im Infektionsfall. Natürlich kann ein solches Szenario auch anderweitig eintreten, anstecken kann man sich immer, sobald man das Haus verlässt. Dennoch – zumindest derzeit bin ich nicht bereit, unter diesen gegebenen Bedingungen bei einem persönlichen Meeting mitzumachen, so bitter mir das auch ankommt.

Da ich persönlich nicht damit rechne, dass sich die Voraussetzungen kurz- oder mittelfristig ändern werden, muss ich davon ausgehen, dass auf Monate kein reguläres Meeting unter (für mich) annehmbaren Bedingungen mehr möglich sein wird. Vielleicht freunde ich mich mit den virtuellen Meetings an oder starte einen eigenen Versuch auf den gängigen Plattformen. Headset und Webcam sind jedenfalls geordert … mir tut es nur für all jene leid, die in der Gegenwart noch keinen Weg in die Trockenheit gefunden haben und unter diesen harten Bedingungen Wege finden müssen.

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Alles auf Null

Die derzeitige Lage berührt jeden, mögen auch die Lebensbereiche verschieden sein. In meinem Umfeld erlebe ich auf der einen Seite pure existenzielle Sorgen, andererseits sehe ich Menschen, die nun wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben die Erfahrung machen, dass es nicht reicht, Rücklagen zu bilden, weil man eines Tages feststellen muss, dass es wenig bis nichts dafür zu kaufen gibt. Hilfe im Alltag ist schwieriger zu organisieren. Soziale Kontakte. waren immer schon unbezahlbar, nun sind sie es erst recht.

Selbst erfahre ich derzeit schmerzlich den Stillstand in der Selbsthilfe. Virtuelle Medien in Form von Mail-Chats, Telefon-Meetings oder Videokonferenzen sind Alternativen, die besser als nichts sind, aber längst nicht jedem liegen, sei es mangelndes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, damit klar zu kommen, sei es nicht vorhandenes, schnelles Internet (ja, ich habe auch gestaunt, dass es so etwas noch gibt). Übrigens – wer sich gerade auf die Suche nach einem Webcam-Headset-Kit macht, erlebt tolle Auswüchse vom Raubtier-Kapitalismus, frei nach der alten Regel rar = teuer.

Wohl dem, der wenigstens noch einen alten Laptop mit entsprechendem Equipment besitzt. Was dann wiederum zu ungewohnten Überlegungen führt. Freestyliger Haus-Dress kommt nicht so richtig gut, wenn man sich die Öffentlichkeit in`s Wohnzimmer holt und selbst der so genannte Kamera-Hintergrund, also der Grad an Sauberkeit, Ordnung und die möglicherweise zu gewollten Selbstdarstellung inszenierte Ästhetik gilt es zu beachten. Ungewohnt, wenn man sonst so wie ich am Schirm sitzt, seine Gedanken in die Tasten fließen lässt und den Bereich hinter mir als Nirvana wahrnimmt. Ist hinten, geht mich nix an – von wegen…

Was mich derzeit ebenso beschäftigt, sind die so genannten Big Five, von denen ich neulich irgendwo im Netz gelesen habe. Dahinter steht das Aufschreiben von fünf Dingen, Umständen, Wünschen, Visionen, Unternehmungen, wie auch immer, die man vor seinem Tod noch realisieren möchte. Eine Übung, die nicht einmalig in Stein gehauen, sondern täglich aktualisiert werden möchte und mit Menschen des Vertrauens geteilt werden kann. Als ein Mensch, der ab und zu noch in der Vergangenheit gräbt, aber ansonsten gelernt hat, in der Gegenwart mit ihren täglichen Herausforderungen zu leben, hat mich einigermaßen überrascht, wie wenig mir zunächst dazu einfiel. Nach einer Weile kam dann doch das Eine und Andere zusammen. Einiges hängt mit meinem spirituellem Wachstum zusammen, ein Punkt jedoch passt ganz gut zum Thema oben im Eintrag.

Netzwerke – steht da auf dem Zettel. Ausgelöst einerseits durch die beobachtete Erfahrung mir nahe stehender Menschen, die plötzlich realisieren, dass es eben nicht alles für Geld zu kaufen gibt, andererseits natürlich auch der aktuellen Situation geschuldet, in der von staatlicher Seite zur Vereinzelung und Selbstisolation aufgerufen wird – was ich mit Blick auf die Gefahr von Ansteckung zum Teil nachvollziehen kann. Zum Teil meint – ich bin mir nicht sicher, ob den Verantwortlichen (die meiner Meinung nach aus eben dieser ihrer Verantwortung, unsicher, wie sie sind, teils kräftig überziehen) klar ist, dass Isolation und Einsamkeit ebenso tödlich sein können wie Viren. Netzwerke bestehen für mich persönlich derzeit überwiegend aus der geistig-seelischen Verbundenheit mit den Freundinnen und Freunden aus der Selbsthilfe, in Sachen Sucht-Erkrankung. Allerdings spanne ich den Bogen zunehmend weiter, verbunden mit der Frage. wo, wie und möglicherweise mit wem wir im Alter gerne leben möchten. Hätte nicht gedacht, dass mir das so schwer fällt, gibt es doch so vieles gegeneinander abzuwägen.

Die fortschreitende Zeit und ein zunehmendes Hungergefühl lassen mich wieder in der Gegenwart ankommen – im Jetzt und Hier. Planspiele sind nicht ohne, eh wir uns versehen, bestimmen sie die künftige Gegenwart. Mal schauen, wie sich das alles miteinander vereinbaren lässt – Leben bleibt spannend.

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Substanz

Der Anschub für den Titel gab vor etwas längerer Zeit ein Kollege, der in eine andere Fachabteilung wechselte, raus aus der Werkstatt, in einen Bereich der puren Theorie. Wir sprachen in dem Kontext kurz über die “Substanz” der Arbeit, von daher ist das Thema irgendwie bei mir hängen geblieben.

Suche ich im Netz nach Begriffsklärung, finde ich erwartungsgemäß die unterschiedlichsten Bezüge. Selbst denke ich zunächst einmal an alles, was ich irgendwie mit meinen Sinnen erfassen kann. Beruflich kann ich Stähle an ihrem Funkenbild mit den Augen unterscheiden, höre und fühle, wie gut oder weniger gut eine Maschine läuft, kann mit den Fingerspitzen verschiedene Kunststoffe von einander unterscheiden. Grobstofflich, wie man sagt. Nicht weniger grobstofflich, wenn auch in einem etwas anderen Sinne, sind meine Assoziationen in Sachen Substanz(en), wenn ich an die zahlreichen bewusstseinsverändernden Mittelchen denke, die es so gibt.

Im zwischenmenschlichen Bereich wird es feiner, ausgehend von der körperlichen Ebene, auf der sichtbar ist, wie viel Substanz im Sinne von Masse ein Mensch angesammelt hat. Oder es ist spürbar, wie viel Substanz ein Mensch gesundheitlich aufweisen kann, wie gut sein Immunsystem ihn schützt.  Im metaphorischen Bereich liegen Schein und Sein dicht beieinander. Wie gehaltvoll, wie viel Inhalt, wie viel Substanz bietet so manche Rede, wie viel Substanz haben greise Worte (ein Thema, was mich gerade auch privat beschäftigt) Wie viel Substanz bietet ein Mensch, wenn man ihn vor dem geistigen Auge von seinem Habitus befreit, was genau bleibt dann noch übrig von ihm?

Wie viel Substanz hat das, was gerade die Welt in Angst und Schrecken versetzt, etwas längst aus dem Bewusstsein der meisten Menschen verdrängtes, etwas, was unsere Welt dauerhaft verändern wird?  Wie kann ein beinahe substanzloses Ding, Geschöpf, Wesen (?) von einer Größe im Nano-Bereich derart verheerende Folgen haben?

Auch ich verschicke und empfange immer noch manchen Galgenhumor in Bildwitz-Form, der die kalte Hand im Nacken etwas erträglicher macht, beim Verfolgen der täglichen Nachrichten. Fühle mit den Millionen, die existenziell vor ganz schweren Zeiten stehen, fühle mit denen, die einer so genannten Risikogruppe angehören. Fühle mit denen, die jetzt dicht gedrängt aufeinander hocken müssen, obgleich sie sich am liebsten aus dem Wege gehen würden. Mache mir eigentlich um mich selbst weniger Gedanken, fühle mich selbst recht gut getragen, was erstaunlich ist, nach dem letzten Jahr, in dem das absolut nicht der Fall war. Was erstaunlich ist, angesichts der Tatsache, dass auch ich allein von meinem Alter her zu den so genannten Risikogruppen gezählt werden kann, oder angesichts auch meiner beruflich ungewissen Zukunft.

Wie viel Substanz hat das, was mich trägt? Jedenfalls keine im klassischen grobstofflichen, geistigen oder philosophischen Sinne. Es ist die gleiche “substanzlose” Macht, die mich durch die Zeiten bis hierhin getragen hat, durch Verzweiflung und jede Menge Angst hin zu dem, was manche mit Urvertrauen bezeichnen. Das lässt hoffen, diese Zeiten, wie sie nun mal sind, gemeinsam mit euch, die ihr vielleicht ähnlich fühlt und glaubt, zu bestehen.

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Ein nie stattgefundener Dialog

Hallo, wie gehts, lange nicht gesehen. Fett wie eh und je, braun gebrannt, Urlaub zu Ende?

Tja, leider. Auch die schönste Kreuzfahrt hat irgendwann ein Ende…

Kreuzfahrt, schon klar. Schön auf so einer Dreckschleuder, fremde Länder von weiten angucken, möglichst ohne zuviel Wirklichkeit in Form von Elend. Mit `nem Drink in der Hand plaudern an Deck mit deinesgleichen, immer schön an der Oberfläche, und dann noch ein gutes Gewissen haben, weil du ja Devisen in`s Land gebracht hast und du mit deiner Prasserei den armen Eingeborenen doch ein wenig Arbeit gibst. Hab`nix anderes von dir vermutet.

Oh, der Gutmensch spricht, wie schön! Ich jedenfalls gedenke zu leben und zwar ausgiebig, die Zeit ist begrenzt. Der Herr mit seinen inneren Werten, dein alter Pauker hat schon recht, aus dir wird überhaupt rein gar nichts, deine Moral kann`ste nicht fressen, von deinem Umherphilosophieren mit deinen dreimalklugen Freunden wir`ste auch nicht satt und irgendwann steh`ste vor dem dicken Ende und reißt wütend ganze Seiten aus der Bibel, weil du vergessen hast, zu leben. Komm`mir nicht mit so `nem Scheiß!

Definiere Leben! Möglichst wenig tun, alles mitnehmen, jeden noch so kleinen Vorteil nicht nur nutzen, sondern ausnutzen, keiner Auseinandersetzung aus dem Wege gehen, wenn`s auch nur im Ansatz gewinnbringend zu sein scheint oder wenn es darum geht, die Reste deines guten Rufes zu verteidigen, nur bei der Aussicht auf entsprechenden Ertrag, versteht sich. Wie fett willst du eigentlich noch werden, wie viel Schutzpanzer um dein Innerstes braucht es noch, wie kalt muss dir tief innen sein, dass du nicht aufhören kannst, dich vollzustopfen, mit Materie aller Art, du personifiziertes schwarzes Loch!

Sorry, dass ich lachen muss, aber dein Gehabe erheitert mich. DU verurteilst mich?? Och komm`, du würdest dich nie so ereifern, würde dich meine Art zu leben nicht irgendwie berühren. Ich zeige dir, was du dir so alles versagst, du verachtest mich, der ich doch nur dein dunkles und trübes Spiegelbild darstelle. Du tust mir bitter Unrecht! Schaue auf dich, der du dich nach Kräften tagtäglich prostituierst, mit deiner selbst gekrönten Wahrhaftigkeit, mit deiner zur Schau gestellten Askese. Komm` mal runter, hast den Drecksack in dir doch nur eingesperrt, meinst`e nicht, dass der auch mal gelegentlich an die frische Luft will?

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Und so stehen sich die beiden gegenüber, im wahrsten Wortsinne. An guten Tagen können sie sich gegenseitig lassen, wie sie sind. Insgeheim ahnt der eine die Wahrheit im anderen und wären sie beide nicht Freunde einer kräftigen und blumenreichen Sprache, könnten sie sich möglicherweise etwas besser verstehen …

 

 

Kleider machen Leute?

So sagt man im allgemeinen. Schon wesentlich, wer sich welchen Fetzen und warum umhängt. Selbst bin ich da relativ unbedarft. Jeans, Shirts, Baumwollhemden kariert und die dicke M65 im Winter. Schieberkappe oder Dockermütze ganzjährig, Sommertags auch mal ein Kopftuch um die fast nackte Rübe. Fertig. Das fällt mir relativ leicht, weil ich keine Person “öffentlichen Interesses” bin und keinen Verkehr habe, bei dem man gut gekleidet sein muss. Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass, wer sich auf Äußerlichkeiten verlässt, schon das Potential zum sich-wundern in sich trägt. Das kann durchaus mal daneben gehen, kann ich aus eigener Erfahrung sagen.

Meinem bislang besten Lehrmeister zu dem Thema begegnete ich Anno 1986 oder so. Zu Zeiten der Abendschule, die ich damals berufsbegleitend besuchte. Eine etwas stressige Zeit, 8-Stunden-Job, drei mal die Woche am Abend Penne, von 6 bis 9. Dazwischen Hausaufgaben, Klausur-Vorbereitungen. kiffen, saufen, Rock N Roll, Beziehung führen. Die Reihenfolge ist nicht beliebig, leider, rückblickend, und stolz bin ich auch nicht darauf.

An so einem Abend in der Schule gab es etwas zu kopieren. PC und Scanner gab es noch nicht, geschweige Smartphon mit Texterkennung. Wer etwas kopieren wollte, musste also in so einem Laden, einem Kopierladen, mit inakzeptablen Öffnungszeiten und sonstwo abseits des Weges gelegen. Keine gute Idee für einen beschäftigten Abendschüler, also ab in der Pause in das mutmaßlich verwaiste Lehrerzimmer, welches über einen Kopierer verfügte. Der Deckel von dem Ding stand schon auf, da meint ein Typ neben mir, keine Ahnung, wo der auf einmal herkam, das ginge aber nicht, Lehrerzimmer und so und wenn das jeder täte. Als ich mich der Stimme zuwende, sehe ich einen alten Mann mit strubbeligen, grauen Locken und einem usseligen, offen stehenden grauen Arbeitskittel, Typ Hausmeister Krause.

Von den Äußerlichkeiten geblendet antwortete ich frech, ich hätte nur die eine Kopie und wer er denn wäre, dass er sich hier so ereifere. Worauf mir der Typ seinen Namen nannte und – er Direktor dieser Schule sei. Etwas geschockt zog ich von dannen, wohl wissend, dass der Direktor dem Vernehmen nach auch im Prüfungsausschuss des Technikums sitzt, ich also bei der staatlichen Abschlussprüfung durchaus noch einmal mit ihm zu tun haben könnte. Dumm gelaufen mit der großen Fresse, am folgenden Abend rief ich ihn daheim an und bat um Nachsicht für mein Auftreten …Canossa light … “Lassen Sie sich künftig nicht von Äußerlichkeiten täuschen …” meinte er milde gestimmt, Glück gehabt. Das Leben ist eben doch der beste Lehrmeister.

Heute stehe ich gerne auf der anderen Seite, mit meinem Auftreten. Ich wirke meinem Äußeren nach irgendwie in den frühen 80ern stecken geblieben, mein Auftreten ist zunächst meist eher bescheiden und freundlich. Wer mich näher kennt, weiß um gewisse Steigerungen, die der erste Eindruck nicht unbedingt vermuten lässt, was mir immer wieder Freude bereitet. Meinem ehemaligen Direktor bin ich immer noch dankbar, für die Lektion in Sachen Klamotten und die 2.48, bestanden mit Zwei …

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Vom neuen Jahr und vom Brauchtum

Familiäre Gründe lassen uns den Jahreswechsel daheim verbringen. Das hat den Vorteil, bei den Tieren sein zu können und niemanden bemühen zu müssen. Und so stehe ich nach einem guten Abendessen in der Küche und denke angesichts der ersten Feuerwerke da draußen über das so genannte Brauchtum nach. Allein die Wortwurzel suggeriert mir, etwas zu “brauchen”, was offensichtlich schon lange der Tradition entspricht und somit seine Existenzberechtigung per se in sich trägt. Ok, denke ich, wer`s braucht, ich nicht, nehme mir den vollen Müllsack und trage ihn durch`s Treppenhaus in Richtung Tonne, das braucht der jetzt, der Sack, und ich auch, weil`s stinkt und nichts mehr hinein geht. Brauchtum der anderen Art eben.

(Der Link führt übrigens zu weiteren interessanten Begriffen wie Gruppenkohäsion, strukturellen Egoismus und vielem anderen mehr).

Wie kommt das eigentlich, das manche uralte Rituale so derart in den Köppen kleben, obwohl sie sich selbst schon lange überholt haben, denkt es in mir, während draußen die ersten Feuerwehr- und/oder Notarztwagen zu hören sind. Irgendwie scheint das trotzig, angesichts der schnellen Wandels um uns herum. Ich-will-aber-Mentalität. Nicht nur Feuerwerk, auch vieles andere wird solcher Art beharrlich begehrt, Stichwort dicke Autos und so. Naja, besser nicht zu laut den Kopf schütteln, immerhin arbeite ich ja selbst in dieser Branche, noch. Widersprüche gehören offensichtlich zu mir.

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Am Abend geht das Festnetz-Telefon, eine Nummer aus der Nachbarstadt, in der ich selbst auch einige Jahre lebte, erscheint auf dem Schirm. Seltsam, denke ich, habe ich doch so gut wie keinen Kontakt mehr dorthin. Neugierig bin ich dennoch und nehme den Anruf entgegen. Es meldet sich eine ältere Frauenstimme, die ich nicht sofort erkenne und erst mal nachfragen muss. Ein Wiederhören nach fast 11 Jahren, weil sie sich verwählt hat – und weil wir durch Fügung heute Abend hier sind. So wird aus einer verwechselten Nummer, die aus einer alten Kladde entnommen wurde (auch hier wieder Fügung, das Teil wird sonst nie benutzt, aber das Handy ist gerade sonstwo) eine knappe Dreiviertel Stunde bewegtes Plaudern über das, was sich so alles seit neulich vor 11 Jahren getan hat, mit viel Rührung, einigen Erinnerungen und abschließend reichlich guten Wünschen.

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Mitternacht dann herzen wir die Katzen, denen der Lärm weniger als befürchtet an die Nerven geht und stoßen gegen jedes Brauchtum mit rattenscharfem Ingwertee auf das neue Jahr an, in Gedanken bei dem, der den Jahreswechsel im Krankenhaus verbringen muss. Ein sehr bewegtes Jahr geht zu Ende, gefüllt mit Krankheiten, eigene und die nahe stehender Menschen, auch Menschen, die uns vorangegangen sind. All dies hat mir persönlich meine höhere Macht näher gebracht, den Mensch-Gewordenen, an dem ich mich in letzter Zeit nicht nur in Not wende, sondern mich auch öfter mal bedanke. Zum Beispiel für unsere neue Mitbewohnerin, seit dem Frühjahr, die gerade Schlaf nachholt.

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Auch deren Essen war vorzüglich …

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Ich wünsche uns allen ein gutes, nach Möglichkeit friedvolles neues Jahr!

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Wieder Dezember

Wieder Adventszeit – heute Morgen bin ich früh auf und nutze die Zeit, den Gottesdienst in unserer schönen Friedhofskirche zu besuchen. Es wird viel gesungen, was nicht so an mir ist, dennoch mache ich mit, wo ich kann. Es geht mir mehr um die Atmosphäre dort, auch um die Gesellschaft Gleichgesinnter. Soweit das Auge reicht, Grauköppe, denke ich. Ok, auch ich habe heute Morgen in den Spiegel geschaut und realisiere, dass ich so verkehrt hier nicht bin. Um so mehr freue ich mich über die junge Mutter mit ihren beiden kleinen Kindern ein paar Bänke weiter vorne und ein paar wenige Kids hier und da. Es gibt sie also doch, die Jüngeren, die mit Glauben etwas anfangen können.

Während ich die Predigt und die feine Musik des Kantorei-Projektes höre, geht mir die zu Ende gehende Woche durch den Kopf. Die Situation an meinem Arbeitsplatz, die vielen Gebrechen um mich herum, Verstorbene und deren Hinterbliebene. Ein Kommen und Gehen, derzeit von mir verstärkt wahrgenommen eher das Gehen. Kennen wir alle, mit Mitte, Ende 50. Tief berührt denke ich an die Vorbereitungen einer Beisetzung in der Anverwandtschaft, mit wie viel Liebe derzeit Erinnerungen in Wort und Bild gebracht werden und freue mich trotz der Schwere und dem persönlichen Hintergrund dessen, wie so etwas ausschauen kann, Respekt und Achtung auch dem Tod und den Verstorbenen gegenüber.

Weiter vorne wird an unsere Charakterschwächen erinnert, daran, dass unser Schöpfer uns sieht und nimmt, wie wir sind. Mir fallen Situationen ein, in denen mein großes Maul und meine zeitweise Überheblichkeit mit mir durchgegangen sind. Gibt so einiges, was mir nicht unbedingt zur Ehre gereicht. Das Gute daran ist, mir wird es bewusst, mal früher, mal später.

Sonst so? Ich meide die vorweihnachtlichen Aktivitäten in der Stadt, vorneweg die Weihnachtsmärkte mit ihren Glühwein-seligen Gesichtern allerorten, die vielen Menschen, die obligatorische Geruchsmischung von Glühwein, Zigarettenrauch, fettiger Bratwurst, Pilzpfannen und Anisbonbon-Ständen, verbunden mit gewissen körperlichen Ausdünstungen nach dem Genuss eben dieser kulinarische Highlights. Wie jedes Jahr staune ich, wie sehr dem Kommerz zum Jahresende der Arsch geküsst wird, Black Friday lässt grüßen. Selbst werde ich mich da nach Möglichkeit raushalten, es steht genug Zeug umher. Gutes Essen und Trinken geht in Ordnung, darüber hinaus möchte ich DA sein, offen sein für meine Nächsten, nach Möglichkeit über dem, was mich derzeit im Geiste gefangen hält, hinaus.

Guten ersten Advent allseits!

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Un – Geduld

Zeitweise ist es für mich eine große Herausforderung, hinzunehmen, dass sich Materie und/oder Menschen nicht so schnell bewegen möchten, wie mein Geist oder gar mein Wille es erwartet. Jaja, tönt es irgendwo weiter hinten im Kopf, typisch Zwilling-Geborener, kann alles außer warten und/oder den Dingen ihre Zeit der Reife lassen. Hier stehe ich also und kann nicht anders? Das wäre wahrlich schlimm. Gott sei Dank – und ja, das meine ich genau so, schickt mir mein Schöpfer, oder meinetwegen eher weltlich formuliert, das Leben, immer wieder feine Herausforderungen zum üben, auf dass ich mein zweifelhaftes Geburtshoroskop nicht als Fixum verstehe.

Wenig geschieht wirklich überraschend, auf vieles im Leben kann man sich gut vorbereiten und ausnahmslos alles hat seine eigene Geschwindigkeit. Mein eigenes Wachstum genau so wie die Entwicklung der Dinge an meinem Arbeitsplatz, auch die Beziehungen zu meinen Mit-Menschen ändern sich immer wieder nach  ungeschriebenen Gesetzen, parallel zu meiner eigenen Entwicklung. Selbst der Tod fordert mich immer wieder auf, die Zeit bis zu seiner Stunde doch bitte mit Leben zu füllen und nicht mit Warten, er käme schon früh genug, meint er und kichert dabei leise.

Gras wächst also auch dann nicht schneller, wenn man daran zieht, jaja. So Binsenweisheiten im wahrsten Wortsinne helfen auch nicht wirklich, wenn`s kribbelt und manche göttliche Zeiteinteilung zum dreinschlagen reizt oder wenigsten mal ein wenig anstoßen. Wie also umgehen, mit diesem Gefühl, allem und jedem am liebsten mal zur gefälligen Beschleunigung einen kräftigen Tritt zu verpassen? ES findet sich, sagt ein Freund von mir gerne. Könnte aber etwas flotter gehen, denkt es dann in mir, gerade mit Blick auf manche Ungewissheiten, die zeitweise nur schwer zu ertragen sind.

Recht hat er, der Freund. Was bleibt, ist üben, möglichst ohne dabei zu platzen…

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Neuss

Pläne und Strukturen sind auch dazu gut, manchmal über den Haufen geworfen zu werden. Eigentlich waren wir für den heutigen Sonntag verabredet, haben dann aber mit Blick auf die Wettervorhersage umdisponiert und den Tag gestern genutzt, der wirklich das gehalten hat, was die Wetterfrösche prophezeiten.

Also den Einkauf vorgezogen und die Wohnung fein schmutzig gelassen. Gut sein gelassen also, kann ich auch heute noch machen. Oder sonst wann. Gibt wichtigeres. Menschen eben, zum reden und draußen sein. Austausch, Energie, Vertrautheit. Wir sind uns als Fremde begegnet und haben durch unser beider Erkrankungen in den Gruppen der für einige Wochen gemeinsamen Einrichtung schon mehr von einander erfahren und schätzen gelernt als das meist da draußen in Jahren der Fall ist. Etwas besonderes, für uns beide.

Also Fahrpläne gecheckt, das Fahrrad mitgenommen und rein in die R4, in`s Rheinland - Vorfreude beim queren des Rheins. Ich war lange nicht mehr unterwegs und bin froh, im flachen Land zu fahren, hier hat man es nur mit Wind zu tun, aber eben nicht mit den heimischen Bergen.

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Nach einem Kaffee kurz in den Münster …

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Noch ein Eindruck des Städtchens, bevor es in`s Grüne geht.

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Geschichte …

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Schlammbewohner…

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Farben und Felder

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Die Daten-technisch etwas verbesserungsbedürftige Beinahe-Runde (so einige planlose Schlenker könnten glatt gezogen werden, sorry, keine Lust), kann hier heruntergeladen werden.

2019-10-27 09_33_49-Wanderung Neuss _ Rundtour an der Erft bei Neuss _ GPSies – Opera

Fazit: Ein guter Tag, einer von denen, die es nicht so oft gibt. Es gibt zwar mittlerweile eine Menge guter Tage, aber gute und schöne Tage sind schon rar. Tage mit Vertrautheit und Nähe einerseits sowie mit Licht, Luft, und Sonne andererseits.

Danke dafür.

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Schreiben

Eine meiner Herausforderungen liegt darin, bewusst wahrzunehmen, wie es mir gerade geht. Klingt eigentlich simpel, oder? So simpel ist es nicht, wenn ich den ganzen Tag werke, analysiere, plane, strukturiere, programmiere, Maschinen mit Stahl und Daten füttere. Wenn in meinem Kopf Passwörter, PIN-Nummern und Termine um Aufmerksamkeit buhlen. Wenn Grabenkämpfe zusätzlich Kraft und Zeit kosten. Dann sitze ich am frühen Abend auf dem Sofa, beschmuse unser Katzenbaby und bin manchmal recht erschrocken über die Leere in meinem Kopf. Keiner zuhause oder etwas zurückgeblieben von den wüsten Zeiten? Ich weiß es nicht.

Denken und fühlen gehen für mich beim Schreiben am besten zusammen. Sie sind ja ansonsten nicht die besten Freunde, Ratio und Emotio. Beim Schreiben jedoch bilden sie ein gutes Team. Die Seele schickt ihre Impulse aus der Tiefe, der Geist analysiert den Hintergrund und findet Worte für das Gefühl, das sich breitmacht. So finden sich Sätze und ganze Geschichten, immer wieder schaut die Seele auf das Geschriebene, ob es sich auch stimmig liest oder ob der Verstand wieder einmal versucht, sich als Chef aufzuspielen, sich in Formulierungen und Wortgeklingel versteigen möchte. Ein gutes Team eben, wie ansonsten eher selten.

Sonst so?

Kirschbaum. Ich sitze im Kirschbaum und schaue die Welt von oben, wie gerade in der Morgenandacht gehört. Fühlt sich gut an, die Dinge aus einer gewissen Distanz zu sehen. Ein gutes Bild für zwischendurch, wenn der Kopf mal wieder leer sein möchte.

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