Schlagwort-Archiv: Glaube

Am Straßenrand

Der Feierabendverkehr wälzt sich lautstark und zäh den Berg hinauf Richtung Autobahn, während ich den Wagen aufschließe und mich hinein fallen lasse, bewegt noch vom Besuch gerade eben. Gerade, als ich den Motor starten möchte, schauen mich durch das Beifahrerfenster vom Gehweg aus zwei etwas listige, aber freundliche, kleine Augen an. Sie gehören zu einer alten Dame, gebückt, mit Rollator.

Scheint jetzt gerade für mich DAS Thema zu sein … , geht mir durch den Kopf, während ich die Scheibe rechts herunter kurbele, mutmaßend, sie wolle vielleicht mitgenommen werden. Eine dünne, alte, langsame, aber bestimmte Stimme begrüßt mich freundlich und meint, sie sei 85 Jahre alt, würde in der Schönebecker wohnen und wollte zur Sparkasse, hätte aber irgendwie alles daheim vergessen. Nun wolle sie zu ihrer Freundin in der Nähe, ob sie ihr aushelfen könne, mit vier Euro, aber die sei nicht da …um das ganze abzukürzen, frage ich, ob sie Geld brauche.

“Ja, wenn sie so freundlich wären”, tönt es liebenswürdig in meine Richtung. Während ich wieder aussteige und einen Fünfer heraus krame, denke ich, wenn sie trickst, macht sie das ziemlich gut. Selbst, wenn die Geschichte erstunken und erlogen ist, sie möglicherweise solcher Art hier in der Nähe des Krankenhauses ihre Rente aufbessert, so hat sie zumindest eine Gage verdient ..

“Wo kommen Sie her ?” fragt sie. “Elberfeld”, sage ich. “Und was machen sie hier, waren Sie im Krankenhaus ?”, fragt sie weiter neugierig. Obgleich es sie nichts angeht, sage ich,”ja, der Vater”. “Geht es ihm nicht gut ?” fragt sie langsam, mich nicht aus den kleinen Augen lassend. “Nein”, sage ich, “er ist so alt wie Sie, krankes Herz, kranke Lunge …”  “Oh…”, sagt sie, sie wolle für ihn beten, ich sei ein Guter, hätte ihr sehr geholfen, und noch einmal wird sich überschwänglich bedankt.

Nachdem wir uns verabschiedet haben und ich die Heimfahrt angehe, denke ich, dass ein Gebet nie schaden kann, Fünfer hin, Fünfer her.

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Wesel – ein Kurzbesuch

Wir sind geschäftlich unterwegs, sozusagen. Hintergrund ist unser sehr kleines Auto mit nicht wirklich guten Möglichkeiten, ein Rad zu transportieren. Oben drauf mag ich nicht, hinten dran ginge, wäre aber recht teuer, und hinein geht selbst bei Demontage der Laufräder nicht wirklich ein ganzes Rad. Also soll es ein Faltrad sein, derweil ich in der unmittelbaren Umgebung so allmählich die meisten guten Wege kenne. Zudem kann man mit den Dingern (gefaltet) auch Bus fahren, ohne Gefahr zu laufen, von irgend einem eifrigen Fahrer stehen gelassen zu werden. So ein Teil, offeriert relativ günstig eben in Wesel, möchte ich gern erwerben.

Der Handel ist schnell getan und es geht an`s ausprobieren, was das verstauen im Auto betrifft. Nach einigen vergeblichen Versuchen habe ich den Kniff heraus, ein ganzes Faltrad klapperfrei in einem etwas größeren Handschuhfach verschwinden zu lassen - voilà, geht doch :)

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Das geschäftliche ist also getan, jetzt haben wir Zeit und können uns ein wenig umschauen. Die Innenstadt von Wesel ist nicht wirklich eine Reise wert, alles Nachkriegsbauten, selbst der Dom ist restauriert bzw .rekonstruiert, ebenso die Fassade des historischen Rathauses. Es gibt noch eine Zitadelle, die wir aus Zeitgründen aber aussparen. Wesel hat historisch eine lange Vergangenheit als Festung und Garnisonsstadt, was ihr gegen Ende des zweiten Weltkrieges im Zuge der letzten Schlachten fast vollständig die Existenz kostete.

Bei der Einfahrt in die Stadt nehme ich unweit unseres Standortes auf dem Navi Wasser wahr, das muss der Rhein sein. Das Wetter ist zwar stürmisch, aber etwas aufgelockert, und so gehen wir in der Aussicht auf ein paar gute Bilder zum Wasser. Wieder spüre ich die Macht dieses alten, riesigen Stromes, der sich hier auf der Zielgerade auf seinem Weg Richtung Nordsee befindet.

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Am Wasser sowie auf dem flachen Land fühle ich mich mit meiner höheren Macht am stärksten verbunden, warum auch immer. Der Niederrhein ist diesbezüglich genau richtig – die Jacke gut bis oben an geschlossen und den Kragen hoch geht es gegen den Wind, es ist ein unbeschreibliches Gefühl.

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Und wieder Zeitzeugen – die zum Kriegsende noch gesprengte alte Rheinbrücke zu Wesel, es muss einst ein mächtiges Bauwerk gewesen sein. Auf Wunsch des Militärs wurden weite Teile an Land nicht wie üblich auf Dämmen gebaut, sondern Hochwasser-unabhängig auf steinernen Viadukten, die heute noch vorhanden sind, leider für uns nicht gut sichtbar auf der anderen Rheinseite. Beim Anblick der Überreste überkommt mich wieder dieses wohlvertraute, beklemmende Gefühl, sowie die immer wieder spürbare Fassungslosigkeit der  letzten großen Katastrophe, die hier in Deutschland seinen Ursprung hatte.

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Lange her – andere setzen deutlich sichtbar wohlvertraute Zeichen der Liebe auf den Ruinen. Auch die Kunst kommt nicht zu kurz, der große Vogel hat, so scheint es, witterungsbedingt so etwas wie einen heiligen Schein.

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Zum Schluss noch Bilder, die für sich sprechen …

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Viele Fragen

Derzeit beschäftigt mich eine Beitragsserie nebenan auf der Wupperpostille, bestehend aus täglich drei Fragen. Basis hierzu ist eine App der evangelischen Landeskirche Hannover, die XRCS.  Alltäglich meldet sich die App also dreimal zu unterschiedlichen Zeiten und fragt dezent nach, ob ich Zeit für eine kurze Unterbrechung habe. Die Fragen sichere ich mir als Screenshot und bastele zusammen mit meinen Antworten daraus täglich einen Eintrag. Das Ganze läuft über 30 Tage, ergibt zusammen also 90 Fragen.

Die Fragen sind auf den ersten Blick unverfänglich, beziehen sich manchmal auf den Augenblick, manchmal auf Vergangenes, laden gelegentlich zum tiefer graben ein, regen aber in jedem Fall zum nachdenken, nachspüren an. Ich habe mir zwei Tage „Vorlauf“ zugestanden, d.h., die täglich veröffentlichten Beiträge sind schon zwei Tage alt. Die mögliche automatische Veröffentlichung habe ich deaktiviert, was den Vorteil hat, dass ich den geschriebenen Entwurf kurz vor der manuellen Veröffentlichung noch einmal querlesen kann – es kommt öfter vor, dass noch etwas korrigiert, ergänzt oder gelöscht wird. Manche Fragen müssen einfach ein wenig abhängen, ähnlich wie Wurst ;)

Was macht das mit mir? Es verhält sich ähnlich wie beim schreiben meiner Lebensgeschichte, meine Suchterkrankung betreffend. Der Spagat besteht für mich damals wie nun wieder darin, einerseits bei der Wahrheit zu bleiben und anderseits abzuwägen, wie viel davon ich in welcher Weise veröffentlichen möchte.

Also – wer möchte – viel Vergnügen und besinnliche Momente beim lesen nebenan. Es darf auch gerne mitgemacht werden :) . Oder vielleicht „zieht“ sich der eine oder andere die App und beantwortet die Fragen für sich im Stillen.

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Absurd(ismus)

Manchmal gerate ich über scheinbar unverfängliche Diskussionen an die uralten Gegensätze der Menschheit. So geschehen HIER in einem Kommentar, den Sinn des Lebens betreffend. Die Vorgeschichte dreht sich um die vertrauten und altbekannten Ersatzbefriedigungen wie das Saufen oder das Fressen, oder, um es etwas gewählter auszudrücken, maßlose Nahrungs- und Genussmittelaufnahme.

Im Kontext mit der inneren Leere, die solch süchtiges Verhalten befeuert, gerate ich also wieder einmal über die alte Frage nach dem Sinn des Lebens (irgendwie normal für einen wie mich, der keine Lust auf Smalltalk hat …) zu dem im oben verlinkten Kommentar angesprochenen scheinbaren Unterschied zwischen den Begrifflichkeiten Sinn-los und Sinn-frei, werde als Antwort auf den Absurdismus unseres Daseins und seiner interessanten Definition auf Wikipedia verwiesen. Laut Camus gibt es Wiki zufolge drei Möglichkeiten, mit den Absurditäten des Lebens umzugehen:

  • Selbstmord, der gleich wieder verworfen wir, weil dieser auch die angenehmen Seiten des Lebens abschneidet.)
  • Religion, der Glaube an eine Existenz über dem Absurden, was laut Camus, weil scheinbar realitätsverweigernd, einem philosophischem Selbstmord gleichkäme und so gleichfalls  verworfen wird.
  • Die Annahme des Absurden durch Akzeptanz dessen, ohne zu resignieren. Camus ` Lösung der Wahl…

Philosophie mag ich sehr, sie hilft dem Geist, sich die Welt zu erklären. Stunde um Stunde kann ich solcher Art mit ebenso geneigten Menschen verbringen, das kann sehr erkenntnis- und lehrreich sein, spannend und unterhaltsam allemal. Philosophie könnte also erfüllend sein und beinahe jeder Religion den Sinn absprechen, wenn – ja wenn dem Geist und seinem Handlanger, dem so genannten Intellekt nicht enge Grenzen gesetzt wären.

Das Grundproblem ist ja, dass all die Worte irgendwo auf dem Weg vom Kopf in`s Herz verloren gehen, sich bei mir nicht als ein tragfähiges Gefühl manifestieren wollen und so, obgleich sehr unterhaltsam, nicht geeignet sind, Vertrauen in das Leben als solches aufzubauen, ganz zu schweigen von der Begrenztheit jeder, wenn auch Abend-füllender Diskussion.

So finden sich beim näheren Hinschauen durchaus Berührungspunkte zwischen der von Camus als Lösung vorgeschlagenen Akzeptanz der Absurditäten des Lebens und manchen Aussagen auch der christlichen Religion, ich denke da spontan an das mir so vertraute Gelassenheitsgebet, welches im Grunde nichts anderes aussagt (Dinge hinzunehmen, die nicht zu ändern sind).

Wenn`s nur immer so einfach wäre. Das größte Hindernis auf dem Weg dahin ist unser Ego mit seinem vermeintlich freien Willen und seinem Hang zur Selbstüberschätzung (Dinge ändern zu wollen, die eben nicht zu ändern sind). Wobei das Ego an sich schon seinen Sinn hat, ohne ein Mindestmaß davon würden wir glatt verhungern, Camus` verworfene Lösung Nummer 1 lässt grüßen. Das Maß der Dinge also wieder einmal – die Auseinandersetzung damit scheint fester Bestandteil meiner Lebens-Lektionen zu sein.

Bis ich in diesem bewegenden Thema wieder einmal ein kleines Stück weiter kommen darf, übe ich mich ein wenig in Zerstreuung und eben darin, die großen Fragen des Lebens nicht unbedingt ernster zu nehmen, als sie sind.

Musik ist dabei hilfreich …

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Der Plan

Schwitzend wälzt er sich auf seinem Nachtlager umher, ein Blick auf die Uhr verrät, dass es in eineinhalb Stunden Zeit ist aufzustehen. Es ist nicht nur die sommerliche Tropennacht, die ihn schlaflos macht. Die Geister, die ihn des Nachts besuchen, in seinen Träumen, tun ihr übriges.

Pflicht. Es gab mal einen Roman, da sollte einer einen Schulaufsatz schreiben, über die Freuden der Pflicht. Der Junge gab seinerzeit ein leeres Blatt ab, weil er nicht wusste, wo er beginnen sollte und kassierte seine ungenügende Note dafür. Der Schlaflose dagegen weiß heute seine Gedanken zu sortieren, was ihm allerdings auch nur begrenzt weiter hilft.

Die Arbeit – der größte Teil dessen, was man gemeinhin als Pflicht ansieht. Er hat seine Arbeit nie geliebt, allerdings schon in großen Teilen gerne gemacht, zu seiner Zufriedenheit und offensichtlich auch zu der seines Arbeitgebers, sonst wäre er nicht schon so lange in dem Unternehmen. Was ihm mehr zusetzt als die Arbeit selbst, ist das erkennen seiner eigenen Untiefen, mit den Jahren. All die Ängste, die er ausgestanden hat. Vieles hat sich aufgelöst, anderes lediglich transformiert, was an sich nicht schlecht sein muss. Geblieben ist ihm die Erkenntnis, das sein Leben ganz offensichtlich irgend einem seltsamen Plan folgt, geschrieben von einem, der es nach Lage der Dinge recht gut mit ihm meinte, bis dahin.

Hoffnung. Die hat er nie aufgegeben. Dass sich unter anderen dieser Zorn, der in dieser Zeit sein Herz so oft erfüllt, auch eines Tages legen wird. Wut auf die tägliche Tretmühle, die ihn manchmal zu ersticken droht. Zorn, der an die Stelle der Angst getreten ist, die ihn so lange gefangen hielt. Zorn auf diesen unerbittlichen Konkurrenzkampf, der nichts mehr mit dem gemeinsamen Jagen und Sammeln aus seiner Vorstellung von einst zu tun hat.

Frieden gibt es, das spürt er in manchen stillen Augenblicken, wenn gerade einmal wirklich nichts zu tun ist. Die frühen Morgenstunden, die er so liebt, weil die Stadt dann noch still ist, wenn die meisten Menschen schlafen. Die Besinnung, bevor für ihn der Tag beginnt. Versöhnung mit dem Weg, der für ihn in großen Teilen aus Überwindung bestand. Überwindung seiner selbst und mehr als einer Kapitulation aus vermeintlich verlorenen Schlachten.

Sein Berufsleben befindet sich im Endspurt, sozusagen. Alles scheint auf eine bestimmte Zeit hinaus zu laufen. Das Ende seiner Erwerbstätigkeit fällt, so scheint es, einerseits mit der Selbstständigkeit seines Kindes zusammen und andererseits ganz offensichtlich mit dem Lebensende seiner greisen Eltern. Nichts besonderes also, denkt er, auch viele andere seiner Generation sitzen auf diese Weise zwischen Baum und Borke, dort, wo es manchmal recht eng und ungemütlich werden kann.

In ein paar Jahren kann er also heraus aus dem Job und etwas anderes tun, was er idealer Weise von Herzen gerne tun kann. So ganz klar ist das noch nicht, weil es eben noch nicht wirklich ansteht. Nach Lage der Dinge brauchen die Eltern irgendwann eine Form von Unterstützung und/oder Unterbringung, die sehr viel Geld kosten kann. Der Staat? Der wird seine Frau mit rupfen, wenn er nicht zahlen kann und das ist das letzte, was er möchte. Also Augen auf und durch, jeden Tag auf`s Neue.

Seine Schlussfolgerungen erschrecken ihn beizeiten und er fragt sich öfter, ob man solcher Art berechnend auf das Lebensende seiner Erzeuger blicken darf. Sie sind ihm nicht gleichgültig, er möchte schon, dass sie es so gut wie möglich haben, in ihrer täglichen Fristverlängerung. Grenzbereiche, wie so oft in seinem Leben. Abschiede kennt er, ebenso dieses lebenslange Gefühl, im Grunde allein da zu stehen. Was so heute nicht mehr stimmt, wie er weiß. Allein das Gefühl will nicht wirklich weichen, es hat bei ihm schon immer etwas länger gedauert, der Weg vom Kopf in`s Herz kann sehr lang sein.

So reiht sich Tag an Tag, Dankbarkeit wechselt manches Mal den Zorn ab, der seinerseits leider immer noch die Angst ablöst. Er weiß, dass das größte Kunststück der nächsten Zeit darin bestehen wird, selbst einigermaßen gesund zu bleiben. So, wie ihm klar ist, dass Gott nicht würfelt und erst recht nicht mit sich handeln lässt.

Fortsetzung folgt, vielleicht.

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Karfreitag 2018

Heute ist also der so genannte stille Oster-Feiertag, an dem Jesu Kreuzigung gedacht wird. Weltlich gesehen war das zunächst einmal ein Gewaltverbrechen, ausgeübt von den damals herrschenden Machthabern, aus politischem Kalkül. Die Amtskirchen sagen, er sei für uns gestorben, hat unsere Sünden auf sich genommen und uns somit Zugang zum ewigen Leben ermöglicht. Glaubenssache eben.

Was macht das mit mir? Gut möglich, denke ich. Wobei die Bibel Menschenwerk ist, eine Produkt vieler Zeitalter, geschrieben aus dem Geist der jeweiligen Epochen heraus. Was mich zunächst skeptisch stimmt, weil das geschriebene Wort selten absichtslos entsteht. Dann ist es für mich als ein Mensch, der gerne um viele Ecken denkt, sehr verlockend, zu glauben, gut so – einer für alle, wie praktisch, dann könnte ich ja theoretisch haushalten nach Belieben, is`ja schon alles bezahlt. Das ist bestimmt des öfteren in vielen Köpfen so gelaufen, glaube ich. Allerdings funktioniert das nur scheinbar, da gibt es ja noch das Gesetz von Ursache und Wirkung, oder, einfacher gesagt, wie Du mir, so ich Dir. Das Leben antwortet mir, so oder so. Man nennt es Karma, ich mag dieses esoterisch besetzte Wort nicht, aber so ist es eben.

Vor nunmehr gut elf Jahren bin ich der evangelischen Kirche wieder beigetreten, trotz oder vielleicht auch gerade wegen aller Zweifel an dem geschriebenen Wort in dem dicken, alten Buch. Ein Schritt aus der tiefen Erkenntnis heraus, das es keinen Zufall gibt, im Leben. Aus Dankbarkeit heraus, überlebt zu haben, meine aktive Zeit als süchtiger Mensch. Aus dem Bedürfnis heraus, etwas zurück zu geben, ein klein wenig daran teilzuhaben, dass vielleicht die eine oder andere Einrichtung doch nicht geschlossen werden muss und weiter arbeiten kann, im Dienst am Nächsten. Und – für mich heute das wichtigste – ich fühle mich getragen und geborgen in meinem Glauben. Er hilft mir, mit meinen sicherlich immer noch zahlreichen Charaktermängeln klar zu kommen oder besser, sie wo immer möglich, loszulassen bzw. auf ein für mich und andere erträgliches Maß zu reduzieren.

Gerade, wenn Leben in manchen unruhigen Zeiten nur “auf Sicht” möglich ist, hilft mir mein Glaube. Darüber hinaus denke ich, es schadet nichts, sich einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten anzuschließen, von denen der weitaus überwiegende Teil ernsthaft um eine etwas bessere Welt bemüht ist. Jede, jeder auf ihre, seine Weise. Dafür hätten sie ihn nicht gleich an`s Kreuz nageln und grausam langsam sterben lassen, denkt es in mir. Andererseits ist es für mich auch abseits vom Glauben eine realistische Vorstellung, dass es sich so zugetragen haben mag. Mein Bild von Jesus ist das eine aufrechten, durchaus auch streitbaren Menschen, der von göttlicher Liebe überzeugt war, Bigotterie und Doppelmoral verabscheute. Damit hat man eben nicht nur Freunde.

Als Ausrichtung taugt das, was er gesagt und gelebt haben soll, allemal, für mich. Von dem unrühmlichen Ende einmal abgesehen. Aber solchen Menschen sind eben sehr selten zu Lebzeiten noch Denkmäler gebaut worden …

Uns allen friedliche und ruhige Ostertage !

 

Von einem, der sich nicht entscheiden konnte

Unsere höhere Macht hat so ihre ganz eigene Art, sich uns in unserem Leben zu zeigen. Mal sind es andere Menschen, solche wie solche, mal sind es Krankheiten, mal Geschenke, mal Ereignisse, die man eben niemanden wünscht. Selbst durfte ich mit Gottes Wirken reichhaltige Erfahrung sammeln, auf die eine oder andere Art, aber meist nie so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Die folgende, kleine Geschichte stammt im Kern nicht von mir, ich habe sie vor ganz langer Zeit einmal in irgendeinem Buch in irgend einem anderen Kontext gelesen. Wem`s bekannt vorkommt, bitte melden, dann kann eine Quelle dahinter. Ansonsten – Ausschmückung ist die Meine :)

Es ist ein Wochentag wie jeder andere. Nach einem langen Tag fährt er die gut 20 Kilometer heim. Landstraße, es nieselt leicht, der Verkehr ist zäh wie immer um diese Zeit. Leise plärrt das Radio und er lässt in Gedanken den Tag Revue passieren. Mit den Jahren macht er seinen Job mit viel Routine und die vielen täglichen Entscheidungen gehen ihm leicht von der Hand. Könnte es doch auch sonst so relativ leicht sein, denkt er. Ständig entdeckt er sich selbst dabei, in den vielen kleinen Alltagsfragen ausgesprochen Entscheidungs-unfreudig zu sein. Das kommt daher, weil ihn bei jeder Situation, bei der sich ihm mehr als eine Möglichkeit bietet, sofort deren Auswirkungen bis in`s kleinste Detail beschäftigen, und das dauert eben seine Zeit, macht es ihm alles andere als leicht. Sei es, welche Freunde man am Wochenende mal wieder sehen könnte, oder sei es, welche Anschaffung die nächst Wichtigste währe.

Mit solcher Art Grübeleien beschäftigt, nähert er sich allmählich dieser Straßenkreuzung, die ihm schon so oft zu schaffen machte. Rechts weg geht es heim, zu seinen Lieben. Zu seiner Frau, die er achtet und schätzt. Zu seinen beiden Kindern, die er ebenso liebt. Zu diesem Familienleben, das seine eigenen Herausforderungen hat, ein kleiner Mikrokosmos, in dem er sich geborgen fühlt.

Links weg dagegen geht es in Richtung dieses kleinen Vorstadt-Bordells, das er öfter schon mal aufgesucht hat. Zu dunklem Licht, leiser, sinnlicher Musik, schweren Vorhängen, Räume, gefüllt mit dezentem Plüsch, Zigarettenrauch, Körperausdünstungen und billigen Parfüm. Zu Frauen mit samtiger Haut, die ihm in fast jeder Art zu Gefallen sind, wenn er dafür zahlt.

Die Kreuzung nähert sich und ihn lässt das eine sowie das andere nicht los. Hin und her geht es in seinem Kopf, in seiner Vorstellung. Ihm fehlt eine Orientierung, irgend eine Instanz, die für ihn moralische Prioritäten setzt, weil er es nicht alleine kann. Solcher Art gefangen in sich selbst achtet er die Straße nicht. Fährt in diese Kreuzung ein … fährt einfach geradeaus, krachend in die gegenüber der Straßeneinmündung verlaufende Mauer.

Als er wieder zu sich kommt, spürt er seine Beine nicht mehr. Ein Arzt, der sich bemüht, den rechten Ton zu treffen, eröffnet ihm, das er nie wieder laufen könne, Zeit seines Lebens sich nur mit Hilfe eines Rollstuhles fortbewegen könne.

Somit hat dieser Mann ab nun nicht mehr die Qual der Wahl, es ist sozusagen für ihn entschieden worden. Ein sicherlich ziemlich drastisches Beispiel, wie Gott in unser Leben treten kann.

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PS: Diese kleine Geschichte wurde von einem im Sternbild Zwillinge Geborenen geschrieben bzw. aus der Erinnerung rezitiert, der sich lange Zeit in seinem Leben stets zwischen irgendwelchen Polen bewegt hat. Der heute dankbar ist, seine so genannte Mitte gefunden zu haben und im Glauben eine Orientierung findet.

Ein neues Jahr

Wieder ein Jahreswechsel, wieder ein neues Jahr. Wobei ich es mit Vorsätzen aller Art nicht so habe, Wandel und Veränderung orientieren sich nicht an Kalender-Daten. Das, was ich mir wünsche, ändern zu dürfen, verfeinern zu dürfen, liegt mir schon länger auf der Seele, wie man so sagt, und hat seine eigene Zeitrechnung.

Als da wären Vertrauen im Glauben, Klarheit, Zentriert sein im Tagesgeschäft, Mensch bleiben in selbigen, den Spagat zwischen Mitgefühl und manchmal notwendiger Härte zu meistern.

Offenheit und Schutz.

Danke für`s mitlesen, mitschauen
&
uns allen ein gutes, neues Jahr

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Das Feld antwortet

So in der Art steht es in meiner derzeitigen Lektüre, die ich mangels Zeit immer nur Seiten-weise und dem entsprechend langsam lese. Zunächst klang das in meinen Ohren sehr esoterisch verbrämt, derweil ich als Erdenbürger mittlerweile recht fest mit meinen Füßen auf selbiger zu stehen glaube.

Wobei die Dinge tiefer gehen, als sie scheinen. Kernthema des Buches ist die Spiritualität unserer Ahnen. Hier wird auf unsere Dialoge mit Gott eingegangen, auf die (nicht nur) im Westen weit verbreitete Art, im Gebet um etwas zu bitten, was man nicht hat, was zu fehlen scheint, um die Behebung eines vermeintlichen oder tatsächlichen Mangels zu bitten. Anstelle dessen wird empfohlen, zu fühlen, wie sich die Erfüllung der Bitte anfühlt. Was in der Feststellung mündet, das unser Fühlen und Denken sich schlussendlich in unserer “Realität” wiederspiegelt.

Kleines Beispiel gefällig? So erlebt vor zwei Tagen. Die Werkstatt. Ich schwatze mit meinem Kollegen, der gerade etwas metallisches montiert. Er dreht sich um und fegt kurz mit dem Ellenbogen das Ziel seiner Arbeit vom Tisch. Rumms, knapp neben seinen Fuß. Wir sind uns einig, dass das noch einmal gut gegangen sei, derweil schweres Gelumpse in der Regel immer genau hinter dem Bereich der Stahlkappe in den Sicherheitsschuhen landet.

Anschließend wende ich mich meinem eigenen Gewerke zu. Arbeite an einer ansehnlichen Kunststoffplatte, und, was soll ich sagen, das Teil entgleitet mir und rauscht zu Boden. Preisfrage: Wo genau wurde ich davon getroffen? Richtig, auf dem Spann meines linken Fußes, gleich hinter dem Ende der Stahlkappe.

Als mir die Luft wiederkam, habe ich erst einmal mit einem ungläubigen Staunen und dummen Grinsen im Gesicht nach oben geschaut, und IHN gefragt, was das jetzt wieder sollte. Zur Antwort gab es einen hübschen Bluterguss in zwei Zehen, einige Zeit später, der meinem linken Fuß derzeit einen etwas ungewaschenen Eindruck machen lässt. Weiter nichts. Alles blieb beweglich und mittlerweile wieder schmerzfrei. Gott sei Dank eben.

Ein Beispiel nur, aber im Kern ist darauf unsere gesamte Wirklichkeit aufgebaut. Was bleibt, ist das Gefühl, etwas Uraltes und doch für mich recht Neues gefunden zu haben.

 

Sail

Manchmal verfeuere ich alles, um weiter zu kommen.
Manchmal verfeuere ich, weil ich etwas verfeuern will.
Manchmal werfe ich Schatzkisten Außenbords.
Manchmal finde ich überraschend Schlüssel,
lasse dem großen Vogel die Freiheit.
Manchmal steuere ich selbst, so gut ich kann.
Manchmal vertäue ich das Steuer.

Autopilot.

 

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