Kategorie-Archiv: Autobiographisches

Veränderung

Loslassen – klingt abgedroschen. Lerne loszulassen, klingt es allerorten, in Zeiten der Unverbindlichkeit. Zeiten der Umbrüche, des Wandels. Eigentlich habe ich mir in dieser Disziplin eine gewisse Routine erarbeitet, mit den Jahren. Angefangen mit dem klassischen Loslassen zeitweise lieb gewonnener Frauen, mal ging die Initiative dazu von mir aus, mal vom Gegenüber. Der damit verbundene Schmerz war derselbe, bis auf das letzte Mal und das war neu. Größer als der Schmerz, als das uralte Gefühl, allein gelassen zu werden, war ein bis dahin unbekannte, gewaltiges Gefühl der Befreiung von alten Mustern, von Kapitulation vor dem eigenen Beziehungsmuster – ein Gefühl von Freiheit.

Was zu mir gehört, findet mich und bleibt. Auch so eine Weisheit, die unzählige Male schon zu lesen war und ist, aber sie passt. Loslassen inbegriffen, nur verlagern sich jetzt die Themen. Fort von den Irrtümern und Verwirrungen, den alten Sehnsüchten und dem erlernten Schrott, der mir zwar lange eigen war, aber nie wirklich zu mir gehören sollte, hin zum letzten loslassen, der Kapitulation vor unserer Endlichkeit. In letzter Konsequenz hin zum sich-von-sich-selbst-verabschieden. Das schwingt derzeit immer mit, bei mir, aus gegebenen Anlass in der Familie. Andererseits spüre ich gerade, wie schwer mir das loslassen auf gesellschaftlicher Ebene fällt, fort von einer Gemeinschaft, die mich zwei Jahrzehnte getragen hat, die der ehemals anonymen Alkoholiker.  Gib`es weiter, sagten sie. Das werde ich nach Möglichkeit auch weiterhin tun, nur eben nicht in mehr oder weniger geschlossenen Zirkeln und schon gar nicht unter Preisgabe meiner vollständigen Daten bei jedem Treffen. Es findet sich …

Alles hat seine Zeit, persönliche wie auch gesellschaftliche Bindungen. Was davon bleibt, ist der spirituelle Boden, auf dem ich mich dank der vielen Jahre bewegen darf, sowie einige persönliche Kontakte, die die sich lösende Gruppenbindung zu überdauern scheinen. Der größte Gewinn aus dieser Zeit aber ist mein wiedergefundenes Vertrauen in meine höhere Macht, die über meinen letzten Atemzug hinaus bei mir sein wird. Sie lässt mich niemals los.

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Substanz

Der Anschub für den Titel gab vor etwas längerer Zeit ein Kollege, der in eine andere Fachabteilung wechselte, raus aus der Werkstatt, in einen Bereich der puren Theorie. Wir sprachen in dem Kontext kurz über die “Substanz” der Arbeit, von daher ist das Thema irgendwie bei mir hängen geblieben.

Suche ich im Netz nach Begriffsklärung, finde ich erwartungsgemäß die unterschiedlichsten Bezüge. Selbst denke ich zunächst einmal an alles, was ich irgendwie mit meinen Sinnen erfassen kann. Beruflich kann ich Stähle an ihrem Funkenbild mit den Augen unterscheiden, höre und fühle, wie gut oder weniger gut eine Maschine läuft, kann mit den Fingerspitzen verschiedene Kunststoffe von einander unterscheiden. Grobstofflich, wie man sagt. Nicht weniger grobstofflich, wenn auch in einem etwas anderen Sinne, sind meine Assoziationen in Sachen Substanz(en), wenn ich an die zahlreichen bewusstseinsverändernden Mittelchen denke, die es so gibt.

Im zwischenmenschlichen Bereich wird es feiner, ausgehend von der körperlichen Ebene, auf der sichtbar ist, wie viel Substanz im Sinne von Masse ein Mensch angesammelt hat. Oder es ist spürbar, wie viel Substanz ein Mensch gesundheitlich aufweisen kann, wie gut sein Immunsystem ihn schützt.  Im metaphorischen Bereich liegen Schein und Sein dicht beieinander. Wie gehaltvoll, wie viel Inhalt, wie viel Substanz bietet so manche Rede, wie viel Substanz haben greise Worte (ein Thema, was mich gerade auch privat beschäftigt) Wie viel Substanz bietet ein Mensch, wenn man ihn vor dem geistigen Auge von seinem Habitus befreit, was genau bleibt dann noch übrig von ihm?

Wie viel Substanz hat das, was gerade die Welt in Angst und Schrecken versetzt, etwas längst aus dem Bewusstsein der meisten Menschen verdrängtes, etwas, was unsere Welt dauerhaft verändern wird?  Wie kann ein beinahe substanzloses Ding, Geschöpf, Wesen (?) von einer Größe im Nano-Bereich derart verheerende Folgen haben?

Auch ich verschicke und empfange immer noch manchen Galgenhumor in Bildwitz-Form, der die kalte Hand im Nacken etwas erträglicher macht, beim Verfolgen der täglichen Nachrichten. Fühle mit den Millionen, die existenziell vor ganz schweren Zeiten stehen, fühle mit denen, die einer so genannten Risikogruppe angehören. Fühle mit denen, die jetzt dicht gedrängt aufeinander hocken müssen, obgleich sie sich am liebsten aus dem Wege gehen würden. Mache mir eigentlich um mich selbst weniger Gedanken, fühle mich selbst recht gut getragen, was erstaunlich ist, nach dem letzten Jahr, in dem das absolut nicht der Fall war. Was erstaunlich ist, angesichts der Tatsache, dass auch ich allein von meinem Alter her zu den so genannten Risikogruppen gezählt werden kann, oder angesichts auch meiner beruflich ungewissen Zukunft.

Wie viel Substanz hat das, was mich trägt? Jedenfalls keine im klassischen grobstofflichen, geistigen oder philosophischen Sinne. Es ist die gleiche “substanzlose” Macht, die mich durch die Zeiten bis hierhin getragen hat, durch Verzweiflung und jede Menge Angst hin zu dem, was manche mit Urvertrauen bezeichnen. Das lässt hoffen, diese Zeiten, wie sie nun mal sind, gemeinsam mit euch, die ihr vielleicht ähnlich fühlt und glaubt, zu bestehen.

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Kleider machen Leute?

So sagt man im allgemeinen. Schon wesentlich, wer sich welchen Fetzen und warum umhängt. Selbst bin ich da relativ unbedarft. Jeans, Shirts, Baumwollhemden kariert und die dicke M65 im Winter. Schieberkappe oder Dockermütze ganzjährig, Sommertags auch mal ein Kopftuch um die fast nackte Rübe. Fertig. Das fällt mir relativ leicht, weil ich keine Person “öffentlichen Interesses” bin und keinen Verkehr habe, bei dem man gut gekleidet sein muss. Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass, wer sich auf Äußerlichkeiten verlässt, schon das Potential zum sich-wundern in sich trägt. Das kann durchaus mal daneben gehen, kann ich aus eigener Erfahrung sagen.

Meinem bislang besten Lehrmeister zu dem Thema begegnete ich Anno 1986 oder so. Zu Zeiten der Abendschule, die ich damals berufsbegleitend besuchte. Eine etwas stressige Zeit, 8-Stunden-Job, drei mal die Woche am Abend Penne, von 6 bis 9. Dazwischen Hausaufgaben, Klausur-Vorbereitungen. kiffen, saufen, Rock N Roll, Beziehung führen. Die Reihenfolge ist nicht beliebig, leider, rückblickend, und stolz bin ich auch nicht darauf.

An so einem Abend in der Schule gab es etwas zu kopieren. PC und Scanner gab es noch nicht, geschweige Smartphon mit Texterkennung. Wer etwas kopieren wollte, musste also in so einem Laden, einem Kopierladen, mit inakzeptablen Öffnungszeiten und sonstwo abseits des Weges gelegen. Keine gute Idee für einen beschäftigten Abendschüler, also ab in der Pause in das mutmaßlich verwaiste Lehrerzimmer, welches über einen Kopierer verfügte. Der Deckel von dem Ding stand schon auf, da meint ein Typ neben mir, keine Ahnung, wo der auf einmal herkam, das ginge aber nicht, Lehrerzimmer und so und wenn das jeder täte. Als ich mich der Stimme zuwende, sehe ich einen alten Mann mit strubbeligen, grauen Locken und einem usseligen, offen stehenden grauen Arbeitskittel, Typ Hausmeister Krause.

Von den Äußerlichkeiten geblendet antwortete ich frech, ich hätte nur die eine Kopie und wer er denn wäre, dass er sich hier so ereifere. Worauf mir der Typ seinen Namen nannte und – er Direktor dieser Schule sei. Etwas geschockt zog ich von dannen, wohl wissend, dass der Direktor dem Vernehmen nach auch im Prüfungsausschuss des Technikums sitzt, ich also bei der staatlichen Abschlussprüfung durchaus noch einmal mit ihm zu tun haben könnte. Dumm gelaufen mit der großen Fresse, am folgenden Abend rief ich ihn daheim an und bat um Nachsicht für mein Auftreten …Canossa light … “Lassen Sie sich künftig nicht von Äußerlichkeiten täuschen …” meinte er milde gestimmt, Glück gehabt. Das Leben ist eben doch der beste Lehrmeister.

Heute stehe ich gerne auf der anderen Seite, mit meinem Auftreten. Ich wirke meinem Äußeren nach irgendwie in den frühen 80ern stecken geblieben, mein Auftreten ist zunächst meist eher bescheiden und freundlich. Wer mich näher kennt, weiß um gewisse Steigerungen, die der erste Eindruck nicht unbedingt vermuten lässt, was mir immer wieder Freude bereitet. Meinem ehemaligen Direktor bin ich immer noch dankbar, für die Lektion in Sachen Klamotten und die 2.48, bestanden mit Zwei …

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Vom neuen Jahr und vom Brauchtum

Familiäre Gründe lassen uns den Jahreswechsel daheim verbringen. Das hat den Vorteil, bei den Tieren sein zu können und niemanden bemühen zu müssen. Und so stehe ich nach einem guten Abendessen in der Küche und denke angesichts der ersten Feuerwerke da draußen über das so genannte Brauchtum nach. Allein die Wortwurzel suggeriert mir, etwas zu “brauchen”, was offensichtlich schon lange der Tradition entspricht und somit seine Existenzberechtigung per se in sich trägt. Ok, denke ich, wer`s braucht, ich nicht, nehme mir den vollen Müllsack und trage ihn durch`s Treppenhaus in Richtung Tonne, das braucht der jetzt, der Sack, und ich auch, weil`s stinkt und nichts mehr hinein geht. Brauchtum der anderen Art eben.

(Der Link führt übrigens zu weiteren interessanten Begriffen wie Gruppenkohäsion, strukturellen Egoismus und vielem anderen mehr).

Wie kommt das eigentlich, das manche uralte Rituale so derart in den Köppen kleben, obwohl sie sich selbst schon lange überholt haben, denkt es in mir, während draußen die ersten Feuerwehr- und/oder Notarztwagen zu hören sind. Irgendwie scheint das trotzig, angesichts der schnellen Wandels um uns herum. Ich-will-aber-Mentalität. Nicht nur Feuerwerk, auch vieles andere wird solcher Art beharrlich begehrt, Stichwort dicke Autos und so. Naja, besser nicht zu laut den Kopf schütteln, immerhin arbeite ich ja selbst in dieser Branche, noch. Widersprüche gehören offensichtlich zu mir.

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Am Abend geht das Festnetz-Telefon, eine Nummer aus der Nachbarstadt, in der ich selbst auch einige Jahre lebte, erscheint auf dem Schirm. Seltsam, denke ich, habe ich doch so gut wie keinen Kontakt mehr dorthin. Neugierig bin ich dennoch und nehme den Anruf entgegen. Es meldet sich eine ältere Frauenstimme, die ich nicht sofort erkenne und erst mal nachfragen muss. Ein Wiederhören nach fast 11 Jahren, weil sie sich verwählt hat – und weil wir durch Fügung heute Abend hier sind. So wird aus einer verwechselten Nummer, die aus einer alten Kladde entnommen wurde (auch hier wieder Fügung, das Teil wird sonst nie benutzt, aber das Handy ist gerade sonstwo) eine knappe Dreiviertel Stunde bewegtes Plaudern über das, was sich so alles seit neulich vor 11 Jahren getan hat, mit viel Rührung, einigen Erinnerungen und abschließend reichlich guten Wünschen.

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Mitternacht dann herzen wir die Katzen, denen der Lärm weniger als befürchtet an die Nerven geht und stoßen gegen jedes Brauchtum mit rattenscharfem Ingwertee auf das neue Jahr an, in Gedanken bei dem, der den Jahreswechsel im Krankenhaus verbringen muss. Ein sehr bewegtes Jahr geht zu Ende, gefüllt mit Krankheiten, eigene und die nahe stehender Menschen, auch Menschen, die uns vorangegangen sind. All dies hat mir persönlich meine höhere Macht näher gebracht, den Mensch-Gewordenen, an dem ich mich in letzter Zeit nicht nur in Not wende, sondern mich auch öfter mal bedanke. Zum Beispiel für unsere neue Mitbewohnerin, seit dem Frühjahr, die gerade Schlaf nachholt.

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Auch deren Essen war vorzüglich …

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Ich wünsche uns allen ein gutes, nach Möglichkeit friedvolles neues Jahr!

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Wieder Dezember

Wieder Adventszeit – heute Morgen bin ich früh auf und nutze die Zeit, den Gottesdienst in unserer schönen Friedhofskirche zu besuchen. Es wird viel gesungen, was nicht so an mir ist, dennoch mache ich mit, wo ich kann. Es geht mir mehr um die Atmosphäre dort, auch um die Gesellschaft Gleichgesinnter. Soweit das Auge reicht, Grauköppe, denke ich. Ok, auch ich habe heute Morgen in den Spiegel geschaut und realisiere, dass ich so verkehrt hier nicht bin. Um so mehr freue ich mich über die junge Mutter mit ihren beiden kleinen Kindern ein paar Bänke weiter vorne und ein paar wenige Kids hier und da. Es gibt sie also doch, die Jüngeren, die mit Glauben etwas anfangen können.

Während ich die Predigt und die feine Musik des Kantorei-Projektes höre, geht mir die zu Ende gehende Woche durch den Kopf. Die Situation an meinem Arbeitsplatz, die vielen Gebrechen um mich herum, Verstorbene und deren Hinterbliebene. Ein Kommen und Gehen, derzeit von mir verstärkt wahrgenommen eher das Gehen. Kennen wir alle, mit Mitte, Ende 50. Tief berührt denke ich an die Vorbereitungen einer Beisetzung in der Anverwandtschaft, mit wie viel Liebe derzeit Erinnerungen in Wort und Bild gebracht werden und freue mich trotz der Schwere und dem persönlichen Hintergrund dessen, wie so etwas ausschauen kann, Respekt und Achtung auch dem Tod und den Verstorbenen gegenüber.

Weiter vorne wird an unsere Charakterschwächen erinnert, daran, dass unser Schöpfer uns sieht und nimmt, wie wir sind. Mir fallen Situationen ein, in denen mein großes Maul und meine zeitweise Überheblichkeit mit mir durchgegangen sind. Gibt so einiges, was mir nicht unbedingt zur Ehre gereicht. Das Gute daran ist, mir wird es bewusst, mal früher, mal später.

Sonst so? Ich meide die vorweihnachtlichen Aktivitäten in der Stadt, vorneweg die Weihnachtsmärkte mit ihren Glühwein-seligen Gesichtern allerorten, die vielen Menschen, die obligatorische Geruchsmischung von Glühwein, Zigarettenrauch, fettiger Bratwurst, Pilzpfannen und Anisbonbon-Ständen, verbunden mit gewissen körperlichen Ausdünstungen nach dem Genuss eben dieser kulinarische Highlights. Wie jedes Jahr staune ich, wie sehr dem Kommerz zum Jahresende der Arsch geküsst wird, Black Friday lässt grüßen. Selbst werde ich mich da nach Möglichkeit raushalten, es steht genug Zeug umher. Gutes Essen und Trinken geht in Ordnung, darüber hinaus möchte ich DA sein, offen sein für meine Nächsten, nach Möglichkeit über dem, was mich derzeit im Geiste gefangen hält, hinaus.

Guten ersten Advent allseits!

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Un – Geduld

Zeitweise ist es für mich eine große Herausforderung, hinzunehmen, dass sich Materie und/oder Menschen nicht so schnell bewegen möchten, wie mein Geist oder gar mein Wille es erwartet. Jaja, tönt es irgendwo weiter hinten im Kopf, typisch Zwilling-Geborener, kann alles außer warten und/oder den Dingen ihre Zeit der Reife lassen. Hier stehe ich also und kann nicht anders? Das wäre wahrlich schlimm. Gott sei Dank – und ja, das meine ich genau so, schickt mir mein Schöpfer, oder meinetwegen eher weltlich formuliert, das Leben, immer wieder feine Herausforderungen zum üben, auf dass ich mein zweifelhaftes Geburtshoroskop nicht als Fixum verstehe.

Wenig geschieht wirklich überraschend, auf vieles im Leben kann man sich gut vorbereiten und ausnahmslos alles hat seine eigene Geschwindigkeit. Mein eigenes Wachstum genau so wie die Entwicklung der Dinge an meinem Arbeitsplatz, auch die Beziehungen zu meinen Mit-Menschen ändern sich immer wieder nach  ungeschriebenen Gesetzen, parallel zu meiner eigenen Entwicklung. Selbst der Tod fordert mich immer wieder auf, die Zeit bis zu seiner Stunde doch bitte mit Leben zu füllen und nicht mit Warten, er käme schon früh genug, meint er und kichert dabei leise.

Gras wächst also auch dann nicht schneller, wenn man daran zieht, jaja. So Binsenweisheiten im wahrsten Wortsinne helfen auch nicht wirklich, wenn`s kribbelt und manche göttliche Zeiteinteilung zum dreinschlagen reizt oder wenigsten mal ein wenig anstoßen. Wie also umgehen, mit diesem Gefühl, allem und jedem am liebsten mal zur gefälligen Beschleunigung einen kräftigen Tritt zu verpassen? ES findet sich, sagt ein Freund von mir gerne. Könnte aber etwas flotter gehen, denkt es dann in mir, gerade mit Blick auf manche Ungewissheiten, die zeitweise nur schwer zu ertragen sind.

Recht hat er, der Freund. Was bleibt, ist üben, möglichst ohne dabei zu platzen…

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Neuss

Pläne und Strukturen sind auch dazu gut, manchmal über den Haufen geworfen zu werden. Eigentlich waren wir für den heutigen Sonntag verabredet, haben dann aber mit Blick auf die Wettervorhersage umdisponiert und den Tag gestern genutzt, der wirklich das gehalten hat, was die Wetterfrösche prophezeiten.

Also den Einkauf vorgezogen und die Wohnung fein schmutzig gelassen. Gut sein gelassen also, kann ich auch heute noch machen. Oder sonst wann. Gibt wichtigeres. Menschen eben, zum reden und draußen sein. Austausch, Energie, Vertrautheit. Wir sind uns als Fremde begegnet und haben durch unser beider Erkrankungen in den Gruppen der für einige Wochen gemeinsamen Einrichtung schon mehr von einander erfahren und schätzen gelernt als das meist da draußen in Jahren der Fall ist. Etwas besonderes, für uns beide.

Also Fahrpläne gecheckt, das Fahrrad mitgenommen und rein in die R4, in`s Rheinland - Vorfreude beim queren des Rheins. Ich war lange nicht mehr unterwegs und bin froh, im flachen Land zu fahren, hier hat man es nur mit Wind zu tun, aber eben nicht mit den heimischen Bergen.

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Nach einem Kaffee kurz in den Münster …

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Noch ein Eindruck des Städtchens, bevor es in`s Grüne geht.

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Geschichte …

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Schlammbewohner…

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Farben und Felder

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Die Daten-technisch etwas verbesserungsbedürftige Beinahe-Runde (so einige planlose Schlenker könnten glatt gezogen werden, sorry, keine Lust), kann hier heruntergeladen werden.

2019-10-27 09_33_49-Wanderung Neuss _ Rundtour an der Erft bei Neuss _ GPSies – Opera

Fazit: Ein guter Tag, einer von denen, die es nicht so oft gibt. Es gibt zwar mittlerweile eine Menge guter Tage, aber gute und schöne Tage sind schon rar. Tage mit Vertrautheit und Nähe einerseits sowie mit Licht, Luft, und Sonne andererseits.

Danke dafür.

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Schreiben

Eine meiner Herausforderungen liegt darin, bewusst wahrzunehmen, wie es mir gerade geht. Klingt eigentlich simpel, oder? So simpel ist es nicht, wenn ich den ganzen Tag werke, analysiere, plane, strukturiere, programmiere, Maschinen mit Stahl und Daten füttere. Wenn in meinem Kopf Passwörter, PIN-Nummern und Termine um Aufmerksamkeit buhlen. Wenn Grabenkämpfe zusätzlich Kraft und Zeit kosten. Dann sitze ich am frühen Abend auf dem Sofa, beschmuse unser Katzenbaby und bin manchmal recht erschrocken über die Leere in meinem Kopf. Keiner zuhause oder etwas zurückgeblieben von den wüsten Zeiten? Ich weiß es nicht.

Denken und fühlen gehen für mich beim Schreiben am besten zusammen. Sie sind ja ansonsten nicht die besten Freunde, Ratio und Emotio. Beim Schreiben jedoch bilden sie ein gutes Team. Die Seele schickt ihre Impulse aus der Tiefe, der Geist analysiert den Hintergrund und findet Worte für das Gefühl, das sich breitmacht. So finden sich Sätze und ganze Geschichten, immer wieder schaut die Seele auf das Geschriebene, ob es sich auch stimmig liest oder ob der Verstand wieder einmal versucht, sich als Chef aufzuspielen, sich in Formulierungen und Wortgeklingel versteigen möchte. Ein gutes Team eben, wie ansonsten eher selten.

Sonst so?

Kirschbaum. Ich sitze im Kirschbaum und schaue die Welt von oben, wie gerade in der Morgenandacht gehört. Fühlt sich gut an, die Dinge aus einer gewissen Distanz zu sehen. Ein gutes Bild für zwischendurch, wenn der Kopf mal wieder leer sein möchte.

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Meditation

Seit einiger Zeit besuche ich eine kontemplative Meditationsgruppe unserer Kirche hier in der Stadt. Mir gefällt der christlich-mystische Hintergrund, und – das Schweigen hilft mir, zur Ruhe zu finden. Ruhe, ein Zustand, den die meisten Menschen im Alltag nur selten kennen, mich selbst eingeschlossen. Zur Ruhe finden meint, ich darf sie erst einmal suchen. Was mir allerdings bis dahin so alles begegnet, hat zunächst einmal mit Ruhe nicht viel zu tun. Mein Geist ist der sprichwörtliche wilde Affe, der macht, was er will. Springt zeternd von Synapse zu Synapse und mag sich erst einmal überhaupt nicht mit der Umgebung anfreunden.

Du wolltest doch noch einkaufen … mal sehen, ob du nachher im Quartier noch`n Parkplatz kriegst … was war nochmal mit den Eltern … das große Kind solltest du auch mal wieder anrufen. Löcher in den Wänden daheim zuschmieren – hast du noch genug Mörtel, und wie alt ist der eigentlich, geht der noch…

Halt einfach mal die Klappe, jetzt.

Woraufhin zunächst beleidigtes Schweigen herrscht. Der Körper sitzt immerhin gerade auf der Bank, der Atem fließt ruhig, meine einzige halbwegs bewusste Tätigkeit ist das Zählen der Atemzüge, um das Zeitgefühl nicht völlig zu verlieren (warum ist das eigentlich so wichtig…) Wieder meldet sich der Affe im Oberstübchen mit einem neuen Anlauf:

Die Maserung von den Holzdielen hier hat irgendwie etwas Psychedelisches … und überhaupt, schau mal da vorne das Schnittbild, sieht aus wie eine Vulva …

Jetzt is`et aber mal gut, hier und jetzt so Gleichnisse und Bilder zu kreieren!

Leises kichern …

Mit der Zeit allerdings wird dem Affen das Spiel zu fad und er fügt sich dem ruhigen, fließenden Atem und der Stille um ihn herum. Trotzig wirft er am Ende noch die gezählten Atemzüge durcheinander, woraufhin ich in der zweiten 20-Minuten-Sitzmeditation das Zählen aufgebe. Zeit vergeht auch ohne Kontrolle. Mir hilft es jedenfalls – nicht nur zur Ruhe zu finden, ebenso die Gesellschaft Gleichgesinnter tut gut. Auch der Schlaf wird ein wenig besser und – Ziel ist es, diese Form von Zur-Ruhe-Kommen mit in den so genannten Alltag zu nehmen. Der Affe hat auch so noch genug zu tun…

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Nur für den Augenblick

Friede – ein flüchtiger Zustand, denke ich, während ich gemeinsam mit Püppi die warmen Sonnenstrahlen genieße. Püppi`s Welt ist für den Moment in Ordnung, Sonne von oben und die Heizung von unten. Das ist nicht die Regel, seit sein Bruder vor fast zwei Monaten verstarb. Püppi klebt seitdem förmlich an uns und klagt uns ebenso herzzerreißend wie lautstark an, Tag für Tag. Es tut weh … wir werden uns demnächst nach einem Artgenossen für ihn umschauen. Ein Baby-Katzenmädchen, das könnte gehen. Da hat Püppi vielleicht eine Aufgabe, keinen Konkurrenten, kann erziehen und hat wen zum spielen und toben.

Alles flüchtig und nur geliehen, denke ich, während ich mir die unsäglich dreckigen Scheiben betrachte, die zwar wahrgenommen werden, aber weder die Liebste noch mich wirklich stören. Püppi überhaupt mal gar nicht. Bürgerlich geht anders…

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 Es fühlt sich gut an, hier einfach nur zu sitzen und zu spüren, wie leer so ein Kopf sein kann, in manchen Momenten. Ein anderes Gefühl als die innere Leere, die mir auch vertraut ist. Gott sei Dank ist auch sie ein eher flüchtiger Zustand, und, wie der Mann vom Fach neulich zu mir meinte, recht normal, wenn man sich 22 Jahre lang regelmäßig selbst vergiftet hat, nach allen Regeln der Kunst. Das hinterließe eben Spuren in Gehirn. Aha, dachte ich in dem Moment, keiner Zuhause sozusagen. Solche Aussagen sind mir nicht neu, nichts dergleichen bleibt ohne Folgen. Auch, wenn mich solche Worte an manche Erlebnisse aus Jugend und Kindheit erinnern, die mindestens so toxisch wirkten wie die spätere, chemische Zerstörung. Bleibt zumindest die Hoffnung, das der verbliebene “Rest” nicht nur zum Überleben reichen möge, sondern auch für weitere friedvolle Augenblicke wie eben jetzt.

Ziele möge ich definieren, meinte der Fachmann. Das sei Teil der Behandlung, und drückt mir weitere vorformulierte Frage- und Antwortbögen in die Hand, deren Beantwortung wahrscheinlich nicht nur der reinen Erkenntnis dient, sondern auch gut abgerechnet werden kann. Also nicht das beliebte Ausschlussverfahren, frei nach dem Motto “dies möchte ich nicht mehr, und das, jenes auch nicht”. “Voll erwischt”, denke ich, Ziele zu definieren war schon immer eine schwere Übung für mich. Wachstum durch Krisen, das ging in Ordnung, bis dahin. Mit dem so beliebten Ausschlussverfahren bin ich eigentlich auch recht weit gekommen, jedenfalls für meine Verhältnisse. Manchmal frage ich mich, warum Ziele so wichtig sind. Braucht es nicht erst einmal die weiße Wand, ein leeres Gefäß, um etwas Neues entstehen zu lassen? Momentan fühlt es sich so an, als kämen die Antworten oder das, was man Ziele nennt, von allein zu mir, sobald da Platz wäre.

Der Boden schwankt jetzt gerade jedenfalls etwas weniger als in den letzten Wochen und mein Vertrauen in meine höhere Macht fühlt sich ebenso wieder etwas tragfähiger an. Was Hoffnung macht…

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