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Oh, die Ehre!

Wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, habe ich es recht komfortabel, was die Unterbringung des Rades angeht. Da gibt es ein altes Ladenlokal, welches ich mit nutzen darf, zu ebener Erde. Wobei eben hier im Tal der Wupper relativ ist, aber eine schiefe Ebene ist eben auch eine Ebene. Da der Berg hier vor der Türe in etwa 15% Steigung hat, muss das Rad, steht es einmal draußen, gesichert werden, damit es sich nicht selbstständig machen kann. Der bordeigene Seitenständer ist da wenig hilfreich, also nutze ich dafür ein Fallrohr der Dachrinne nebenan, was bei einer gewissen Schrägstellung des Rades recht gute Dienste leistet. Leider steht das Rad dann ein wenig quer zum sowieso schmalen Fußweg, was gelegentlich für Unmut bei den Passanten sorgt, die natürlich gerade in den paar Sekunden da lang müssen.

Manchmal sorgt dieser kleine Moment aber auch für interessante Begegnungen mit den Nachbarn. So geschehen dieser Tage in besonderer Weise. Wieder steht mein Rad dort leicht versetzt zur Häuserwand, kommt eine kleine, bunte Frau des Weges, auf dem Arm einen Karton mit frischen Einkäufen. So`ne typische Bergbewohnerin hier eben. Ich nicke ihr freundlich zu und wundere mich, dass sie grinsend stehen bleibt.

Dachte erst, du wärst der Frank, meint sie. Aber dann denke ich, der Frank würde niemals so lahm den Berg hoch fahren. Da habe ich mir gedacht, ich schaue mal, wie alt der Fahrer ist, der hier so hoch kriecht.. So tönt es, fein gewürzt mit einem frechen Grinsen im Gesicht.

Was für eine freche Pute, denkt es in mir leicht empört, während ich meinen Schlauchschal vom Gesicht pelle und mich zu erkennen gebe. Wie spricht die eigentlich mit mir, dem Bruder von Eddy Merckx. Der leider momentan ein wenig aus der Form ist, derweil der neulich erworbene Bobby-Car des Morgens sehr verlockend scheint, gerade um diese Jahreszeit bei Schneeregen und ähnlichen Unbillen. So grinse ich frech zurück und meine, dass es vor, sagen wir mal 20 Jahren durchaus ein wenig schneller gegangen wäre und dass ich jedenfalls noch hier hoch fahre und mein Zeug nicht tragen muss, mit einem süffisanten Blick auf das Gelumpe in ihrem Pappkarton.

Jaja, meint sie,immer noch grinsend, sie würde ja nun auch bald 50 und wäre schon lange nicht mehr hier hoch gefahren. Dann schweig doch lieber still, Weib, oder bedenke wenigstens deiner Worte, grollt das immer noch leicht angepisste Ego weiter hinten im Kopf, während wir uns lachend einen guten Tag wünschen.

Wird so langsam Zeit für das kommende Frühjahr, glaube ich. Um wieder in Form zu kommen, nicht für alle freche Puten dieser Welt, mehr so für mich…und für mein Ego.

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Die Kassiererin

Es ist ein Discounter, wie er in jeder größeren Innenstadt anzutreffen ist, der Markt hier in der Nähe. Sie heißen so wie ihre großen Brüder weiter draußen, sind aber nicht postmodern in steinernen Zelten mit riesigen Parkmöglichkeiten untergebracht, sondern meist zu ebener Erde in eine Häuserzeile gequetscht. Sie sind eng und viele gehen nicht gern dort hin, wegen dem Publikum, sagt man. Das allerdings relativiert sich, wenn man dann selbst dort hin geht, ist man doch dann selbst Teil des Publikums, wegen dem in den späten Abendstunden Wachleute im Eingangsbereich posieren. So ist es schon fast verwunderlich, dass diese Läden immer recht voll sind.

Im Kassenbereich ist heute am Nachmittag noch nicht allzu viel los, die Schlangen sind eher überschaubar. Besagtes Publikum ist bunt gemischt, Handwerker im Arbeitszeug, selbsterklärt jung gebliebene Damen, deren wahres Alter sich erst im Antlitz offenbart, Multikulti in allen Farben, Schüler, Hausfrauen. So stehe ich an und schaue, wer was kauft. Bei jedem gefühlt zweiten Kunden liegt Flaschbier mit auf dem Band, Feierabendzeit eben. Die harten Trinker kommen eher, wenn nicht so viel los ist. Eine Flasche Wodka oder Korn ziert dann das Band, dekoriert von einem Alibi-Salatkopf oder dergleichen.

Die Frauen an der Kasse hat der Job hart gemacht. Sie haben es nicht leicht, werden gut überwacht, müssen so ziemlich alles tun, was in so einem Laden getan werden muss und sollen nebenbei noch nett sein, zu Menschen, die ihrerseits oft weit davon entfernt sind. Vielen Gesichtern sieht man das nach Jahren auch an, den Stress und die Härte.

Sie zieht die Waren über das Band, hoch konzentriert. In einem Ohr steckt ein Headset, damit ist sie, denke ich, mit ihren Vorgesetzten im verborgenen verbunden. Sie kassiert, gibt Wechselgeld heraus, wartet geduldig, bis zwei oder drei Teile per Karte abgerechnet sind, checkt Pfandbons. Ich kann erst nur ihre Mundpartie sehen, welche noch nicht diese Härte zeigt. Dann ihr ganzes Gesicht, dunkel geränderte, müde Augen in einem Gesicht, vielleicht so Mitte Dreißig. Sie grüßt nur knapp, schaut kaum die Menschen an, arbeitet hoch konzentriert, nickt dem einen oder der anderen zum Abschied kurz zu. Hin und wieder blitzt ein kurzes, warmes Lächeln auf, wie Wetterleuchten in einer tiefen Nacht. Groß ist meine Freude, auch eine solches geschenkt zu bekommen, zusammen mit einem kurzen Blickkontakt.

Für mich sind solche Momente die kleinen Wunder im Alltag, durchbrechen sie doch die Tagesroutine wie kleine, wärmende Lichtstrahlen. Beim verlassen des Ladens nehme ich mir vor, mehr auf solche Augenblicke zu achten.  Sie schaffen Wärme, nicht nur gut in der kalten Jahreszeit.

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Noch eine Nachbarschaftsgeschichte

Gegenüber, unten, auf Parterre gibt es eine kleine Wohnung. Sie ist so ein typisches Refugium für frisch Getrennte oder gerade eben erst flügge gewordene junge Menschen. Lange bliebt bislang dort niemand, es sind nur zwei kleine Zimmerchen und es ist relativ laut. In all den Jahren, die ich mittlerweile hier wohne, ging es herein und heraus dort. Spätestens nach zwei oder höchstens drei Jahren stand sie wieder leer, für eine Weile. Keiner bleibt wirklich gerne allein und, wie gesagt, es ist halt laut dort.

Unfreiwillig kann ich das Geschehen dort gut einsehen, wenn ich dem Tabak auf dem Balkon fröne. Der letzte Mieter war ein nicht mehr ganz so junger Mann, Mirko hieß er. Das weiß ich, weil wir uns ein paar mal auf der nahen Nordbahntrasse getroffen haben und ich ihn irgendwann einfach angesprochen habe. Ein Radler, der sein Rad mit in die Wohnung nahm – ein Liebhaber alter Stahlräder. Ein Hund, der niemals an der Leine ging und sein kleiner Sohn, der wie damals der meine alle zwei Wochen an den Wochenenden bei ihm war. Ein leicht verrückter Kerl, der Mirko. Oft sah ich ihn durch seine Wohnung tanzen, die Musik bis hier oben hin zu hören. Seine Wohnung, keine Einrichtung aus dem Katalog, vieles selbst gebastelt, er konnte gut mit Holz umgehen. Später dann sah ich eine Frau an seiner Seite und freute mich für ihn. Allmählich war er immer seltener daheim, was mich nicht wirklich wunderte. Vieles erinnert mich an meine eigene Geschichte, auch mir ging es damals ähnlich.

Jetzt ist er fort und ich weiß nicht, wohin. Die Tage war Licht dort unten, und ich sah jemanden abbauen und aufräumen, aber es war nicht Mirko. Draußen stand ein Hänger, Tagelang im Regen mit seinen Sachen darauf, wohl für den Sperrmüll bestimmt. Was mich nachdenklich stimmt, was mag mit ihm wohl sein? Alles stehen und liegen gelassen und abgehauen, das kommt vor. Hoffentlich ist er noch unter uns, irgendwo …

Gerade wurde der Hänger abgeholt ..
Mirko, falls Du noch lebst – meine besten Wünsche für Dich.

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Käufliche Weisheit

Das erlebe ich häufiger – Menschen, die ich aus den sozialen Netzwerken wie Facebook oder WordPress.com her kenne, fangen an, sich zu vermarkten. So weit, so gut, jedem das seine, denke ich. Mal kann jemand richtig gut zeichnen oder malen, mal schreibt wer sein erstes Buch und hat Erfolg damit. Da freue ich mich für die Betreffenden, die ich teils schon langjährig begleiten durfte, deren Geschichte ich ein wenig kenne.

Dagegen bin ich skeptisch, wenn aus mir persönlich unbekannten Menschen, mit denen ein oberflächlicher und eigentlich unverdächtiger Austausch bestand, plötzlich Coaches oder Seminarleiter werden. Von denen trenne ich mich dann in der Regel auch schnell. Andere dürfen länger bleiben, trotz Skepsis. Menschen, die ich manchmal auch persönlich kenne, die ich teilweise in tiefer Verzweiflung erlebt habe. Da geschehen offensichtlich wundersame Wandlungen, wenn ich plötzlich nur noch hoffnungsfrohe, gut gelaunte und Energie-geladene Bilder sehe. Diese sind in der Regel eingerahmt von einem jubelnden, begeisterten Hofstaat, gerne weiblichen Geschlechts.

Hmm, denkt es in mir – woher kommt dieses Gefühl in meinem Bauch, beim betrachten dessen, was da vor sich geht? Dann frage ich mich, ob ich vielleicht neidisch bin, dass ich meine Weisheiten nicht gebührend zu versilbern vermag? Das ist es nicht, spüre ich. Weil ich im Grunde etwas ganz anderes suche. Meine Seelenverwandten sind all jene Menschen, die sich irgendwann einmal aufgemacht haben, aus Krisen und Leid heraus für sich entschieden haben, ein besseres Leben zu leben, mit allen Schwierigkeiten, die man auf dem Weg so findet. Menschen, die schon lange auf diesem Weg sind oder sich gerade erst aufgemacht haben. Menschen, denen sich z.B. nach schweren Erkrankungen an Körper, Geist, Seele oder auch nach völlig destruktiven, gelebten Beziehungsmustern die Chance auf ein neues Leben auftut.

Irgendwo im Hinterkopf ist dabei auch der Gedanke, dass wahre Weisheit nicht verkauft, sondern selbstlos geteilt werden sollte. Das sich Geld und Altruismus nicht wirklich vertragen. Das es einen Grund gegeben haben mag, dass einst die Händler aus dem Tempel geworfen wurden. Und – abschließend glaube ich, das all das, was ich gelernt zu haben glaube, möglicherweise viel zu unvollständig ist, um es zu „verkaufen“. Ebenso bin ich überzeugt, dass meine Weisheiten nicht unbedingt allgemeingültig sind und für manch einen total ungeeignet sein mögen.

All jenen, die das anders halten, wünsche ich gutes Gelingen. Trotz Skepsis.

PS:
Eine kleine Erinnerung – vor einiger Zeit las ich bei Facebook einen Thread rund um das Thema Geld, den Umgang mit Materie allgemein sowie mit der damit verbundenen Verantwortung. Der Titel war eine Frage: Kannst Du gut mit Geld umgehen? Dort gab es einen Herrn, der sich sehr vernünftig äußerte, das klang schon glaubwürdig. Der bot dann irgendwann einen Gesprächskreis zu eben jenen Thema an. Neugierig, wie ich nunmal sein kann, fragte ich, ob benannte Erkenntnisse denn dort verkauft werden sollten. Nach einem kleinen verschämten Schweigen kam ein etwas verhaltenes JA, von mir beantwortet mit einem dicken Smily und der Anmerkung, er könne wirklich gut mit Geld umgehen.

Respekt :)

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Die Zwei

Wer sehr früh am Morgen aufsteht, sieht manches, was andere nicht sehen können. So geht es mir auch, jeden Morgen, wenn ich gegen halb Fünf Uhr am Fenster sitze und die Routine-Arbeiten des neuen Tages mit einem Pott Tee unterbreche. Wenn ich die stille Straße sehe und Freundschaft mit dem jungen Tag suche.

Jeden Morgen bei jedem Wetter ziehen die beiden langsam den Berg hinauf. Zwei gebückte, schwarze Schatten, stets geht der Mann mit einem so genannten Hacken-Porsche an der Hand voran. Sie folgt ihm, in einem scheinbar genau festgelegtem Abstand. Ihr etwas schaukelnder Gang lässt auf ein Hüftleiden schließen, in einer Hand hat sie eine kleine Taschenlampe, sie sucht die Straßenränder nach verwertbaren ab, wie es scheint. An stets derselben Stelle ziehen die beiden durch die parkenden Autos auf die andere Straßenseite, er schließt die Haustüre auf und wartet kurz auf sie, um dann gemeinsam mit ihr im Haus schräg gegenüber zu verschwinden.

Der Rest ist Spekulation. Welche Route nehmen sie allmorgendlich, wie lange dauert wohl ihre Runde durch die Stadt, was für ein gelebtes Leben mit welchen Umständen treibt sie wohl des Nachts aus dem Haus. Und – war ihre Tour diese Nacht wohl erfolgreich, auf der Suche nach Leergut und verwertbarem Zeug an der Straße. Vielleicht waren sie auch containern, in den Hinterhöfen irgendwelcher Supermärkte?

Wie auch immer, für mich gehören die beiden zum festen Tagesablauf am frühen Morgen. Ich mag wie unsere Katzen Beständigkeit und Regelmäßigkeit sowie Menschen, auf die man sich verlassen kann, in ihrer Pünktlichkeit.

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Angekommen

Der Navi sagt, wir sind da und ich schaue mich um, wo denn zu parken wäre, die übliche Orientierung halt. Es regnet in Strömen und Kies knirscht unten den Rädern, ich fahre auf einem kleinen Parkplatz. Ein groß gewachsener Kerl kommt uns entgegen und hält mich schon von weitem fest im Blick.

Kenne ich, denkt es in mir, bist schließlich auf`m Dorf. Dörfler ticken anders als Städter, beim Anblick von Fremden. Im bergischen Land, also mehr weiter draußen hinter den dunklen Wupperbergen auf den einsamen Bergrücken, da kann es einem Fremden durchaus passieren, dass erst einmal eine Ladung Schrot losgeht und dann nach des Besuchers Begehr gefragt wird. Gerade nach Einbruch der Dunkelheit, wobei allerdings auch das Tageslich keine Gewähr für Unversehrtheit ist.

Bevor meine Phantasie endgültig mit mir durchgeht, beende ich die mittelalterlichen Schlachten in meinem Kopf, kurbele die Scheibe herunter und gehe gesittet in den Dialog. Ob er mir helfen könne, fragt er mit dunkler, gestrenger Stimme. Ja, sage ich, ich suche den Eingang zu der Kneipe hier. Immer noch fest im Blickkontakt tönt es mir entgegen: Lassen Sie den Wagen hier stehen und folgen Sie mir, der Eingang ist um die Ecke, aber es gibt wegen dem Regen heute eine Abkürzung. Ich bin im übrigen ihr Pensionswirt. Mit Betonung auf Pension.

„Landcafe“ stand irgendwo auf einem Schild, die Liebste hat die Unterkunft klar gemacht. Der gestrenge Pensionswirt entpuppt sich als recht umgänglich, das Bergische lässt grüßen, denkt es wieder irgendwo weiter hinten im Kopf. Wir lassen uns einweisen in die Lokalität und der nicht mehr ganz so Gestrenge zeigt uns den Aufenthaltsraum. Hier, sagt er und zeigt auf ein Kühlfach hinter dem Tresen, weil Sie gerade von Kneipe sprachen – da sind Getränke, wenn Sie des Abends Durst bekommen, bedienen Sie sich und schreiben alles auf dem Block da. Brauche ich nicht wegen jedem Bier extra hier rüber kommen.

Wenn der wüsste, denke ich. Weiß er aber nicht, er muss auch nicht wissen, dass ich wegen meiner Vergesslichkeit, das Aufhören betreffend, lieber keinen Alkohol trinke. Lieber bedanke ich mich artig und bitte um Verständnis für meine Wortwahl – manche Worte sind halt schneller als andere…

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Von einem, der sich nicht entscheiden konnte

Unsere höhere Macht hat so ihre ganz eigene Art, sich uns in unserem Leben zu zeigen. Mal sind es andere Menschen, solche wie solche, mal sind es Krankheiten, mal Geschenke, mal Ereignisse, die man eben niemanden wünscht. Selbst durfte ich mit Gottes Wirken reichhaltige Erfahrung sammeln, auf die eine oder andere Art, aber meist nie so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Die folgende, kleine Geschichte stammt im Kern nicht von mir, ich habe sie vor ganz langer Zeit einmal in irgendeinem Buch in irgend einem anderen Kontext gelesen. Wem`s bekannt vorkommt, bitte melden, dann kann eine Quelle dahinter. Ansonsten – Ausschmückung ist die Meine :)

Es ist ein Wochentag wie jeder andere. Nach einem langen Tag fährt er die gut 20 Kilometer heim. Landstraße, es nieselt leicht, der Verkehr ist zäh wie immer um diese Zeit. Leise plärrt das Radio und er lässt in Gedanken den Tag Revue passieren. Mit den Jahren macht er seinen Job mit viel Routine und die vielen täglichen Entscheidungen gehen ihm leicht von der Hand. Könnte es doch auch sonst so relativ leicht sein, denkt er. Ständig entdeckt er sich selbst dabei, in den vielen kleinen Alltagsfragen ausgesprochen Entscheidungs-unfreudig zu sein. Das kommt daher, weil ihn bei jeder Situation, bei der sich ihm mehr als eine Möglichkeit bietet, sofort deren Auswirkungen bis in`s kleinste Detail beschäftigen, und das dauert eben seine Zeit, macht es ihm alles andere als leicht. Sei es, welche Freunde man am Wochenende mal wieder sehen könnte, oder sei es, welche Anschaffung die nächst Wichtigste währe.

Mit solcher Art Grübeleien beschäftigt, nähert er sich allmählich dieser Straßenkreuzung, die ihm schon so oft zu schaffen machte. Rechts weg geht es heim, zu seinen Lieben. Zu seiner Frau, die er achtet und schätzt. Zu seinen beiden Kindern, die er ebenso liebt. Zu diesem Familienleben, das seine eigenen Herausforderungen hat, ein kleiner Mikrokosmos, in dem er sich geborgen fühlt.

Links weg dagegen geht es in Richtung dieses kleinen Vorstadt-Bordells, das er öfter schon mal aufgesucht hat. Zu dunklem Licht, leiser, sinnlicher Musik, schweren Vorhängen, Räume, gefüllt mit dezentem Plüsch, Zigarettenrauch, Körperausdünstungen und billigen Parfüm. Zu Frauen mit samtiger Haut, die ihm in fast jeder Art zu Gefallen sind, wenn er dafür zahlt.

Die Kreuzung nähert sich und ihn lässt das eine sowie das andere nicht los. Hin und her geht es in seinem Kopf, in seiner Vorstellung. Ihm fehlt eine Orientierung, irgend eine Instanz, die für ihn moralische Prioritäten setzt, weil er es nicht alleine kann. Solcher Art gefangen in sich selbst achtet er die Straße nicht. Fährt in diese Kreuzung ein … fährt einfach geradeaus, krachend in die gegenüber der Straßeneinmündung verlaufende Mauer.

Als er wieder zu sich kommt, spürt er seine Beine nicht mehr. Ein Arzt, der sich bemüht, den rechten Ton zu treffen, eröffnet ihm, das er nie wieder laufen könne, Zeit seines Lebens sich nur mit Hilfe eines Rollstuhles fortbewegen könne.

Somit hat dieser Mann ab nun nicht mehr die Qual der Wahl, es ist sozusagen für ihn entschieden worden. Ein sicherlich ziemlich drastisches Beispiel, wie Gott in unser Leben treten kann.

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PS: Diese kleine Geschichte wurde von einem im Sternbild Zwillinge Geborenen geschrieben bzw. aus der Erinnerung rezitiert, der sich lange Zeit in seinem Leben stets zwischen irgendwelchen Polen bewegt hat. Der heute dankbar ist, seine so genannte Mitte gefunden zu haben und im Glauben eine Orientierung findet.

Findelkind

Gestern Abend, als ich das Haus verließ, da stand sie schon da. Klein und schon ziemlich lädiert in ihrem engen Verkaufskleid aus Plastik, das sie zwar handlich machte, ihr aber auch die Luft abschnürte. Irgend jemand hatte sie auf dem Strom-Verteilerkasten gleich neben dem Hauseingang abgestellt.

Spät am Abend kam ich heim und sie stand immer noch dort, wie bestellt und nicht abgeholt. Spätestens jetzt war mir klar, dass sich niemand wirklich für sie interessierte und ihr ein elendes Schicksal drohen würde, wenn ich mich nun nicht ihrer erbarmen würde. Also nahm ich sie mit nach oben in unsere Wohnung.

Bei der Liebsten renne ich mit meinem Straßenkind offene Türen ein. Geht überhaupt mal gar nicht, so ein armes Ding seinem Schicksal zu überlassen. Also wird die Kleine erst einmal von ihrem furchtbaren Plastik-Kleid befreit und gründlich gewässert. Anschließend werden einige wenige bereits hängende Köpfchen sauber abgeschnitten, um in einem kleinen Glas mit Wasser Erholung zu finden. Es findet sich bald eine bis dahin Sinn-freie, Pink-farbene Blechkanne, die nur auf einen neuen Gast gewartet hat.

Seitdem steht sie hier bei uns und es geht ihr schon sichtbar besser.

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Was mag sich wohl zugetragen haben, das sie sich so verloren am Straßenrand wiederfand? Die einfachste Erklärung hieße, sie ist irgendwem schlicht beim Auto-ausladen unbemerkt heruntergefallen und anschließend von irgendwem anders zumindest schon mal aus der Gosse gerettet worden. Möglicherweise war sie aber auch das unschuldige Opfer eines Beziehung-Dramas. Von einem gerade abgewiesenen, frustrierten Kerl mit harter Hand ihrem Schicksal überlassen worden. Oder sie traf womöglich nicht den Geschmack der Beschenkten, die ihrerseits zu herzloser Maßnahme griff.

Wie auch immer, jetzt geht es ihr gut und auch die immer schon leicht schwuchtelige Blechkanne freut sich über wiedergewonnene Ehre.

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Nachtrag:
Heute, eine Woche,
viel Sonne und Wasser
sowie zahlreiche liebevolle Worte und Berührungen später:

Es geht mir prächtig :)

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GUTEN TAG !!

So tönte es mir gerade eben fröhlich entgegen. Diesmal im sogar im Duett, gestern dagegen im überzeugtem Solo. Wer so wie ich mal ein paar Tage “außer der Reihe” daheim ist, lernt allerlei freundliche Menschen kennen. Leider gibt es in unserer Burg keine Gegensprechanlage, so das bei Nicht-Öffnung eines Portal-nahen Fensters (schlafender Kater, der ungern gestört wird…) Überraschungen durchaus möglich sind.

So die junge Dame gestern. “Unitymedia” stand auf ihren Schildchen, das vor ihrer wohlbetuchten Brust baumelte.

Oder die beiden gerade eben, eine dunkeläugige, junge Schönheit und ein stämmiges Mannsbild, beide adrett gekleidet, aber schilderlos. Was nicht weiter tragisch war, derweil die Schöne gleich losplapperte. “Wir möchten mit Ihnen mal über ihre Strom- und Gasversorgung reden…”

Nun muss ich gestehen, wenn ich daheim bin, ist meine Erscheinung nicht unbedingt repräsentativ. Ein uraltes Flanellhemd mit zerrissenem Innenfutter, natürlich offen stehend, eine alte Yoga-Hose, an den Beinen hochgekrempelt, mit ein paar hartnäckigen Flecken vom letzten Kochen (Kurkuma färbt sowas von gelb…) grobe Wollsocken an den Füßen, die in zerlatschten Badeschlappen stecken. Dazu unrasiert, weil wen stört`s schon.

Derart ausstaffiert stehe ich also in der Tür und erkläre der jungen Dame gestern, das es keinen Bedarf für sonstwas hier gäbe, und falls, dann würden wir uns direkt an ihren Arbeitgeber wenden. “Aber Sie wissen doch gar nicht, was ich…”  Meiner Bitte, das Haus zu verlassen, folgte ein lang gedehntes “Okeeeh… “ gefolgt von der Frage, wer denn hier noch wohnen würde, die anderen Mieter und so weiter. Nachdem ich erkläre, außer mir wohne hier gerade niemand, dreht sie endlich ab.

Die beiden gerade eben waren schon penetranter. In Erwartung einer möglichen Paketsendung stand ich bereits wie oben beschrieben auf dem Treppenabsatz. Nach dem netten Gesprächsangebot folgte wieder meine Erklärung, keinen Bedarf zu haben, flankiert von der Bitte (!) an die beiden, das Haus zu verlassen. Wer ich denn sei, Mieter oder was, und wo die anderen Mieter sowie der Eigentümer hier wäre, kam es patzig von dem Kerl. Und überhaupt könne man das auch freundlicher sagen. Das nehme ich den beiden natürlich nicht übel, weil sie mich nicht unfreundlich kennen.

Ein paar Schritte auf die beiden zugehend erkläre ich mich für allein hier in der großen alten Burg, und das es ihnen reichen müsse, wenn ich ihnen sage, das sie das Haus augenblicklich zu verlassen hätten. Endlich drehen sie ab und ich warte noch auf dem Treppenabsatz, ihren unfreundlichen Gemurmel lauschend, bis endlich die Eingangstür in`s Schloss fällt.

Die Zeugen Jehowas sind mir da schon lieber.
Die wollen wenigstens nur meine Seele retten .

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Vom Schweigen

Wenn ich mit einem Menschen gemeinsam schweige, kann das viele Gründe haben. Am weitesten verbreitet ist das so genannte temporäre Schweigen. Mal einen Augenblick still zu sein, um dem anderen seinen zu Raum geben ist eine Variante davon. Oder um erst einmal die Lage zu sondieren. Eine andere wäre, das mir schlicht gerade nichts dazu einfällt, in dem Moment. Sei es, das es mir an gewisser Sachkunde mangelt oder das ich schlicht sprachlos bin, ob des gehörten. Dann besser nichts sagen als irgendwelche Floskeln oder Fabulierungen in die Welt schicken.

Manchmal ist es auch ratsam, in der Gegenwart von so genannten hochgestellten Personen einfach mal den Mund zu halten, um keine Maßnahmen zu provozieren. Schweigen wird in solchen Situationen leider viel zu oft als Zustimmung missdeutet. Das wird durch eine gewisse Grund-Emotionalität, was Mimik, Gestik und Körperhaltung angeht, allerdings wieder relativiert. Leider gehöre auch ich zu dieser Spezies. So hat mir schon ein unschuldiges leises Kopfschütteln, vermutlich gepaart mit einem entsprechenden Gesichtsausdruck,  in einer aus Sicht meines Gegenübers unpassenden Situation einen gepflegten Wutanfall eingebracht.

Das dauerhafte oder zumindest längerfristige Schweigen. Auch das kann mehrere Ursachen haben. So gibt es Menschen, die ich in gewisser Weise zwar schätze, bei denen ich aber nicht die geringste Lust verspüre, mich mit ihnen auseinander zu setzen. Weil es jedes Mal in für mich unbefriedigender Weise endet. Eine andere Variante des dauerhaften Schweigens ist die des ausgrenzenden Schweigens. Raus aus meinem Leben. Menschen betreffend, mit denen mich so gut wie nichts (mehr) verbindet, Menschen, die so leicht keinen Fuß (mehr) in meine Tür bekommen. Gott sei Dank sind das nur sehr wenige. Nicht weit davon entfernt ist das Schweigen der Verachtung. Oder das der Überheblichkeit.

Das Schweigen derer, die sich alles gesagt haben, was gesagt werden sollte.
Wissend um die gemeinsame Zeit, dankbar und still.

Die traurigste Variante des dauerhaften Schweigens allerdings ist das Schweigen derer, die schlicht am Zustand ihrer selbst, dem ihrer Nächsten oder an dem der Welt an sich verzweifeln.

Literatur zum Thema:
Dr. Murkes gesammeltes Schweigen
von meinem Lieblings-Autor Heinrich Böll.

Passende Kleidung?

kinski

Hätte selbst nicht gedacht, das man zum Schweigen soviel sagen kann :)

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