Schlagwort-Archiv: Berührung

Angekommen?

Mir ging es öfter so, in der letzten Zeit, in den letzten Jahren. Da begegnen mir Menschen meiner Generation, also Kinder der frühen 60er des letzten Jahrhunderts. Man erkennt sich und beginnt zu plaudern. Smalltalk, immer schön an der Oberfläche bleiben. Bei manchen werde ich dieses Gefühl nicht los, welches ich nur schwer beschreiben kann. Es ist keine Ablehnung oder gar Neid, nein. Eher so eine für mich gesunde Distanz, die ich da spüre. Eine innere Gewissheit, das eine lange zurück liegende, gemeinsame Zeit so war, wie sie war und nicht wiederkommt. Wertfrei.

Meist handelt es sich bei diesen ehemaligen Weggefährten um Menschen, die man gemeinhin als “etabliert” bezeichnet. Im Leben “angekommen”. Sichtbare Zeichen sind die typischen Merkmale einer so genannten bürgerlichen Existenz wie z.B. Wohneigentum, größere Fahrzeuge, mehr oder weniger erwachsene Kinder, beruflicher Erfolg, Vereine, Nachbarschaftspflege. Sichtbar ist bei diesen Menschen oft auch Übergewicht, so eine Art Schutzpanzer um das Innerste herum. Das allein ist es aber nicht, was dieses diffuse Gefühl des Abstands bei mir auslöst, nein. Es ist diese Art von Sattheit, von bräsigen sich-breitmachen, dem vermitteln von angekommen-sein, was mich erst einmal auf Distanz gehen lässt, wohl wissend, das Menschen manchmal sehr gute Verpackungskünstler sind, was ihre Ansichten und Gefühle angeht.

Für mich kann ich sagen, das ich auf diese Art nicht “ankommen” möchte. Überhaupt heißt “ankommen” für mich mehr so “hier bin ich jetzt und brauche mich nicht mehr zu bewegen”. In diesem Sinne werde ich niemals ankommen. Möchte unruhig und wach bleiben, teilhaben dürfen an dem Geschehen um mich herum. Neugierig möchte ich bleiben. Mich weiterhin berühren lassen möchte ich mich, auch, wenn das nicht immer angenehm ist, so doch zumindest lehrreich.

Unterwegs bleiben eben. Ankommen werde ich einst, wenn ich wieder zurückkehre, dorthin, wo ich hergekommen bin. Bis dahin bleibe ich lieber meine eigene Randgruppe, im Sinne von dem Liedchen weiter unten ;)

*

*

 

 

Berührung

Still haben wir uns St. Laurentius angeschaut, heute, am ersten November. Draußen scheint noch warm die Sonne und die Türen der Kirche stehen offen, bei der kleinen Runde heute mit unseren Gästen. Stadtbesichtigung light sozusagen, Schwebebahn, Ölberg, Luisenviertel, zu mehr reicht die Zeit nicht. Meine Lieben sind schon wieder an der Sonne und ich lasse im Eingangsbereich die schöne Kirche noch einmal auf mich wirken.

Sie steht etwas verloren neben mir an einem kleinen Tisch. Klein, schlank, blonde Strähnen quellen unter einer kurzen Stoffmütze hervor und umrahmen ein älteres, waches und freundliches Gesicht mit strahlend hellen Augen und einer frechen, kleinen Nase. “Kirchenaufsicht”, verrät mir ein kleines Schild an ihrer Jacke.

Gegenseitig wünschen wir uns einen schönen Tag und bei der Gelegenheit werde ich nach der Zeit gefragt. “Meine geht immer so nach, wissen Sie. Wegen der Ablösung gleich, sonst verpasse ich noch meinen Feierabend” erklärt sie lächelnd. Man müsse doch etwas tun, bevor man geholt würde, sagt sie. Wir kommen in`s Gespräch, sind uns einig, das das wirklich eine sehr schöne Kirche ist, nach der langen Restaurierung in den letzten Jahren. Katholisch eben, das Auge und die Aufmerksamkeit  werden gefangen. Sie besucht aber auch evangelische Kirchen. “Die sind so ganz anders, man muss dort ständig so sehr über sich selbst nachdenken” Das wäre hier nicht so, sagt sie und ich kann spüren, wie sie das meint.

Wir unterhalten uns über der Menschen Sucht nach Unterscheidung von einander und sind uns einig, das im Kern alle Religionen doch ähnlich sind. Mehr beiläufig erwähne ich meine späte Taufe vor acht Jahren. Sie strahlt regelrecht, freut sich aus ganzen Herzen für mich. Mittlerweile kommt die Liebste mal schauen, wo ich so bleibe und gesellt sich zu uns. Schnell spürt sie die sehr angenehme Atmosphäre und so plaudern wir eine kleine Weile zu dritt.

Beim Abschied umarmen wir uns alle drei, wir, die uns bis gerade eben noch gar nicht kannten. Ein sehr seltener und schöner Augenblick der Berührung ist das für mich, der ich sonst eher bestrebt bin, meine Mitmenschen auf Distanz zu halten.

2015-11-01 13.52.48