Am Straßenrand

Der Feierabendverkehr wälzt sich lautstark und zäh den Berg hinauf Richtung Autobahn, während ich den Wagen aufschließe und mich hinein fallen lasse, bewegt noch vom Besuch gerade eben. Gerade, als ich den Motor starten möchte, schauen mich durch das Beifahrerfenster vom Gehweg aus zwei etwas listige, aber freundliche, kleine Augen an. Sie gehören zu einer alten Dame, gebückt, mit Rollator.

Scheint jetzt gerade für mich DAS Thema zu sein … , geht mir durch den Kopf, während ich die Scheibe rechts herunter kurbele, mutmaßend, sie wolle vielleicht mitgenommen werden. Eine dünne, alte, langsame, aber bestimmte Stimme begrüßt mich freundlich und meint, sie sei 85 Jahre alt, würde in der Schönebecker wohnen und wollte zur Sparkasse, hätte aber irgendwie alles daheim vergessen. Nun wolle sie zu ihrer Freundin in der Nähe, ob sie ihr aushelfen könne, mit vier Euro, aber die sei nicht da …um das ganze abzukürzen, frage ich, ob sie Geld brauche.

“Ja, wenn sie so freundlich wären”, tönt es liebenswürdig in meine Richtung. Während ich wieder aussteige und einen Fünfer heraus krame, denke ich, wenn sie trickst, macht sie das ziemlich gut. Selbst, wenn die Geschichte erstunken und erlogen ist, sie möglicherweise solcher Art hier in der Nähe des Krankenhauses ihre Rente aufbessert, so hat sie zumindest eine Gage verdient ..

“Wo kommen Sie her ?” fragt sie. “Elberfeld”, sage ich. “Und was machen sie hier, waren Sie im Krankenhaus ?”, fragt sie weiter neugierig. Obgleich es sie nichts angeht, sage ich,”ja, der Vater”. “Geht es ihm nicht gut ?” fragt sie langsam, mich nicht aus den kleinen Augen lassend. “Nein”, sage ich, “er ist so alt wie Sie, krankes Herz, kranke Lunge …”  “Oh…”, sagt sie, sie wolle für ihn beten, ich sei ein Guter, hätte ihr sehr geholfen, und noch einmal wird sich überschwänglich bedankt.

Nachdem wir uns verabschiedet haben und ich die Heimfahrt angehe, denke ich, dass ein Gebet nie schaden kann, Fünfer hin, Fünfer her.

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13 Gedanken zu „Am Straßenrand

  1. Erika Plett

    Ich bin wirklich gerührt und deine Reaktion hätte ich nicht direkt erwartet, da ja heute wirklich mit allen Mitteln versucht wird zu betrügen. Ich denke mal du hast wirklich richtig gehandelt und der Dame aus einer Notlage geholfen.

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  2. Marana Zetdrei

    Ich hätte ihr die Story so abgenommen, weil … die Tüdeligkeit alter Weiberleins ist grenzenlos, und wenn man sich dann einmal endlich aus dem Haus begibt und dann sinnlos für umsonst losgegangen ist , ist das nur zum Ärgern.
    Bewundernswert, dass sie sich traut zu fragen. Ich selbst habe mich mal sehr, sehr schwer getan, in einer ähnlichen Situation an der Bushaltestelle stehend eine angebotene Mitfahrgelegenheit anzunehmen.
    :-)

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  3. Anhora

    Das ist eine erstaunliche Geschichte. In unserer Kultur gehört das Bedürftigsein einfach nicht dazu, man begegnet ihm mit Misstrauen. Du hast den Fünfer trotzdem gegeben, und ein Gebet noch dazu. :-)

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  4. Bisou

    Die eine betet, diese wünscht dir und deinem Vater, Wege mit einander in dieser Situation miteinander in Frieden umzugehen… und das ist vermutlich auch sowas wie wie ein Gebet :)

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  5. bmh

    Selbst wenn sie getrickst hätte …
    Interessant für Dich sind letztendlich die eigenen vielseitigen Gedanken und was Du mit ihnen anstellst.
    Ich überlege gerade, was sie bei mir ausgelöst haben würden *lächel* -
    und die Gefühle erst ? – ein ganzer Roman! LG

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    1. Reiner Artikelautor

      Solche Begegnungen … sind sicherlich in ihren Ausgang abhängig von dem zuvor erlebten, von den eigenen Glaubensgrundsätzen. Wenn gleiches gleiches sucht und findet, bin ich wohl ein recht eigentümlicher Mensch :) Zumal solche Begegnungen bei mir häufiger sind …

      Lieben Gruß auch Dir !

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