Archiv für den Monat: Mai 2016

In eigener Sache

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GUTEN TAG !!

So tönte es mir gerade eben fröhlich entgegen. Diesmal im sogar im Duett, gestern dagegen im überzeugtem Solo. Wer so wie ich mal ein paar Tage “außer der Reihe” daheim ist, lernt allerlei freundliche Menschen kennen. Leider gibt es in unserer Burg keine Gegensprechanlage, so das bei Nicht-Öffnung eines Portal-nahen Fensters (schlafender Kater, der ungern gestört wird…) Überraschungen durchaus möglich sind.

So die junge Dame gestern. “Unitymedia” stand auf ihren Schildchen, das vor ihrer wohlbetuchten Brust baumelte.

Oder die beiden gerade eben, eine dunkeläugige, junge Schönheit und ein stämmiges Mannsbild, beide adrett gekleidet, aber schilderlos. Was nicht weiter tragisch war, derweil die Schöne gleich losplapperte. “Wir möchten mit Ihnen mal über ihre Strom- und Gasversorgung reden…”

Nun muss ich gestehen, wenn ich daheim bin, ist meine Erscheinung nicht unbedingt repräsentativ. Ein uraltes Flanellhemd mit zerrissenem Innenfutter, natürlich offen stehend, eine alte Yoga-Hose, an den Beinen hochgekrempelt, mit ein paar hartnäckigen Flecken vom letzten Kochen (Kurkuma färbt sowas von gelb…) grobe Wollsocken an den Füßen, die in zerlatschten Badeschlappen stecken. Dazu unrasiert, weil wen stört`s schon.

Derart ausstaffiert stehe ich also in der Tür und erkläre der jungen Dame gestern, das es keinen Bedarf für sonstwas hier gäbe, und falls, dann würden wir uns direkt an ihren Arbeitgeber wenden. “Aber Sie wissen doch gar nicht, was ich…”  Meiner Bitte, das Haus zu verlassen, folgte ein lang gedehntes “Okeeeh… “ gefolgt von der Frage, wer denn hier noch wohnen würde, die anderen Mieter und so weiter. Nachdem ich erkläre, außer mir wohne hier gerade niemand, dreht sie endlich ab.

Die beiden gerade eben waren schon penetranter. In Erwartung einer möglichen Paketsendung stand ich bereits wie oben beschrieben auf dem Treppenabsatz. Nach dem netten Gesprächsangebot folgte wieder meine Erklärung, keinen Bedarf zu haben, flankiert von der Bitte (!) an die beiden, das Haus zu verlassen. Wer ich denn sei, Mieter oder was, und wo die anderen Mieter sowie der Eigentümer hier wäre, kam es patzig von dem Kerl. Und überhaupt könne man das auch freundlicher sagen. Das nehme ich den beiden natürlich nicht übel, weil sie mich nicht unfreundlich kennen.

Ein paar Schritte auf die beiden zugehend erkläre ich mich für allein hier in der großen alten Burg, und das es ihnen reichen müsse, wenn ich ihnen sage, das sie das Haus augenblicklich zu verlassen hätten. Endlich drehen sie ab und ich warte noch auf dem Treppenabsatz, ihren unfreundlichen Gemurmel lauschend, bis endlich die Eingangstür in`s Schloss fällt.

Die Zeugen Jehowas sind mir da schon lieber.
Die wollen wenigstens nur meine Seele retten .

*

Dieses Lied…

…mag ich sehr.

Nicht wegen dem charmanten Buchstaben-Dreher des Youtube-Nutzers, der es hochgeladen hat. Auch nicht, weil ein Held meiner Jugend es gesungen hat. Nein, auch die sagenhaften acht (!) Minuten sind es nicht, für die kaum ein moderner Mensch noch die Zeit hat. Der bluesige Groove mit seiner Schwermut ist es auch nicht, obwohl er meine Nachtschattenseele durchaus anspricht. Auch nicht der Umstand, das MMW in dem Lied eher den leisen Tönen  eine Lanze bricht.

Es ist etwas anderes.

Ich lebe.
Ohne Drogen.
Weder halb- noch ganz tot.
Mit Träumen.

Manche darf ich sogar leben.

Billard im Kopf

Mutter hol mich vonne Zeche, ich kann dat Schwarze nich mehr sehn…

So las ich kürzlich in einem Kommentar. Manche Worte nisten sich in irgend einem Winkel meines Hirns ein, um da einen Moment zu pausieren, bevor sie sich wieder auf dem Weg machen, in eine gänzlich andere Richtung. Ähnlich vielleicht einem Über-Bande-Spiel beim Billard.

Schwarz, Kohle, Koks, Mutter, Falco…hmm….

Das muss so um 1985 herum gewesen sein. Damals gab es eine Damen-Bekanntschaft aus dem Milieu, die für eine sehr kurze Zeit eine Bereicherung in meinem ahnungslosen Leben darstellte. Sie wiederum machte mich ihrerseits  bekannt mit einem ihrer damaligen Begleiter, einem weißen Pulver.

Zu dieser Zeit gab es einen Kumpan, mit dem ich sehr gerne auf Reisen ging, in die Parallel-Welt, gleich nebenan. Wir hatten altersgemäß eine tolle Kondition und schon öfter mal Grenzen ausgelotet, was den unsachgemäßen Gebrauch von Alkohol und Dope anging. Nun sollte also dieses Pulver noch hinzu kommen.

Es war ein Abend, die mir gut in Erinnerung geblieben sind. Zunächst war das weiße Pulver am Start. Für meine an groben Stoff gewöhnte Seele war das etwas völlig neues. Ich war hellwach, konnte angstfrei reden und denken (!) zeitgleich, ohne die damals übliche Unsicherheit. Ungläubig ob dieser wundersamen Wandlung, mein Kumpel muss das wohl ähnlich erfahren haben, taten wir unser Bestes, die vertraute Sedierung wiederherzustellen. Es folgten derartige Mengen Brandy, Haschisch, und Rock `N Roll, bis wir uns endlich zur Frühstückszeit auf allen Vieren fortbewegen konnten. Primaten unter sich, gewissermaßen.

Ich brauchte fast eine Woche, um danach wieder halbwegs bei mir selbst anzukommen. Die Dame verschwand ebenso schnell wieder aus meinem Leben, wie sie gekommen war, und mit ihr das weiße Pulver. Ein Glück für mich. Wie ich überhaupt ein Glückskind bin, oder, anders ausgedrückt, gut beschützt worden bin. So bin ich nie im Knast gelandet oder in einer entsprechenden Klinik. Die Wirkung des Pulvers und natürlich auch dessen Preis haben mich so erschrocken, das ich nicht daran kleben blieb.

Frei denken und reden lernen sollte noch eine beträchtliche Zeit dauern, ohne Pulver.

*

Denn Du bist, was Du isst…

Über Pfingsten weilten wir aus familiären Anlass wieder einmal im Harz. Es galt, den Geburtstag eines lieben jungen Menschen zu feiern, die Anverwandten hatten dazu einen Tisch reservieren lassen. Der Liebsten und mir als die später hinzugekommenen wurde mitgeteilt, es ginge um Slow-Food, einem etwas irreführenden Modewort, das hauptsächlich für regionale und saisonale Küche steht, also nicht ausschließlich für langsames Essen.

Das klingt gut, und so fahren wir mitten in den tiefsten Harz, nach Buntenbock bei Clausthal-Zellerfeld. Das kleine Landhaus liegt, so scheint es, am Ende der zivilisierten Welt, märchenhaft am Waldesrand, umgeben von einem liebevoll gepflegten Wildgarten.

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 Ohne Zweifel habe ich schon sehr lange nicht mehr so gut und reichhaltig gegessen. Die Verköstigung ist hauptsächlich für Hotel-Gäste gedacht, mir waren die Verhältnisse fremd und so erkundigte ich mich zur Fassungslosigkeit der Anverwandten nach dem Preis für das Mahl. Der wurde mir nach einigen Zögern auch mitgeteilt, es ist in diesen Kreisen offensichtlich nicht üblich, über Geld zu reden. Die anderen Gäste in der liebevoll hergerichteten Bauernstube bestanden überwiegend aus älteren, bereits ergrauten Semester, den Kleidern und dem Gebaren nach mutmaßlich beruflich erfolgreiche Grünen-Klientel.

Utopie ist die Realität von morgen. So in etwa steht es über den Eingang zur Küche, die anderen Wände sind mit eher bäuerlichen Weisheiten verziert, die der Versuchung und der Völlerei den Boden bereiten sollen. Das Essen war, wie gesagt, vorzüglich, und mit gemischten Gefühlten lasse ich mit vollen Bauch den Abend Revue passieren.

Auch ich bin ein Anhänger von saisonalen und regionalen Speisen, von daher gefällt mir der Grundgedanke sehr gut. Was mich stört, ist der elitäre Charakter der Örtlichkeit. Ein kleines Paradies für gut Situierte, Kinder suchte man dort vergebens, von unseren Tisch einmal abgesehen. Wer die Preisliste der Lokalität studiert, wird das schnell verstehen. Das ist definitiv kein Domizil für Familien mit Kindern, die mit Geld rechnen müssen.

Zuhause bereite aus Zeitgründen meist ich das Essen zu, einfache Speisen mit reichlich Gemüse, vorzugsweise im Wok zubereitet. Fleisch gibt es bei uns sehr selten, unser Eiweiß-Bedarf wird durch Soja-Produkte in Verbindung mit guten Öl gedeckt. Den Ausschlag gaben vor vielen Jahren gesundheitliche Probleme, also zunächst einmal keine moralischen Skrupel. Erst mit der Zeit setzte ich mich mit der industriellen Massentierhaltung auseinander, mit dem, was wir unseren Mitgeschöpfen über unser Konsumverhalten antun.

Tief bewegt las ich vor einiger Zeit dieses Buch hier. Der Autor setzt sich mit unserem Verhalten der Schöpfung gegenüber auseinander, aus Männer-Perspektive, was aber durchaus auf die Weiblichkeit übertragbar ist. Dort ist unter anderen von der Kraft eines Wildtieres die Rede, welche wir zu uns nehmen, wenn wir es verzehren. Es wird dort ebenso in eindringlichen Worten davon gesprochen, was wir zu uns nehmen, wenn wir Tiere aus Massentierhaltung essen: Angst, Panik, und Verzweiflung. Wer das nicht glauben mag, kann vielleicht eher mit dem mittlerweile bewiesenen Zusammenhang zwischen Emotionen und Stoffwechsel etwas anfangen. Von Medikations-Rückständen will ich hier nicht reden.

Was also ist die Lösung, in unseren Post-industriellen Zeitalter, in dem Essen und Trinken kulturell geprägt sind und das Geld bei vielen nicht für hochwertige Speisen reicht? Aufklärung schon bei den Kindern tut Not, diese lernen schneller und bereitwilliger als ihre Vorfahren. Noch mehr Angebote zur gesunden Küche daheim, über VHS-Seminare und Filme. Ausbau der kollektiven, regionalen Landwirtschaft, auch hier in der Nähe gibt es seit kurzen so etwas, wo man sich mit Geld oder mit Zeit einbringen kann.

Mir war vor vielen Jahren ein VHS-Seminar über die chinesische Küche sehr hilfreich, meine Ernährung umzustellen. Das geht auch mit wenig Geld und ohne großen Zeitaufwand. Fleisch ist, wie gesagt, hier die Ausnahme, und wenn ich alle paar Wochen einmal etwas kaufe, gebe ich gerne mehr dafür aus. Nicht, um mein Gewissen zu beruhigen, sondern aus oben genannten Gründen.

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Nachspüren & sacken lassen

Das deutschsprachige Ländertreffen der anonymen Alkoholiker DLT 2016 in Bremen ist vorbei. Es war für mich das dritte große Treffen dieser Art, nach Augsburg vor zwei Jahren und wiederum Bremen vor 10 Jahren. Den Tag heute habe ich mir frei gehalten, um die vielen Eindrücke noch einmal Revue passieren zu lassen, bevor der Alltag mich wieder in seine Fänge hat.

So viele Menschen. Über 3200 Einschreibungen gab es diese Jahr, davon knapp 1000 Familien-Angehörige der ALANON-Gruppen – der “Rest” betroffene Suchtkranke wie ich. Alle gemeinsam auf dem Eröffnung- und Abschluss-Meeting und in sehr großen Gruppen in den zahlreichen Themen-gebundenen Meetings. Wenn man wie ich und viele andere nur “kleine” Gruppen von vielleicht bis zu 15, 20 Freunden kennt, ist es schon sehr bewegend, ein Meeting mir mehreren 100 Freunden gemeinsam zu teilen.

Zwei davon habe ich am Samstag besucht. Das Eine hatte den Themen-Schwerpunkt Angst und Depressionen als “Nebenwirkung” des Alkoholismus. Anfangs hatte ich mit dem Wort Nebenwirkung meine Schwierigkeiten, war mein Leben doch solange ich denken kann, von Ängsten geprägt. Der Stoff hat mir lange Jahre eine Art Parallelwelt erschaffen, in der ich mich scheinbar angstfrei und meiner selbst etwas sicherer bewegen konnte. Rückblickend kann ich sagen, das meine persönliche Nebenwirkung darin bestand, mich nicht mit meinen Ängsten auseinandersetzen zu können und einen Weg in Richtung Heilung, Frieden finden zu können. Was immer nur platt geschlagen wird, löst sich eben nicht. Erst mit Beginn meiner Trockenheit konnte daran etwas ändern, mit viel Geduld (mit mir selbst – oft sehr schwer) und Beharrlichkeit bin ich seitdem auf einem guten Weg.

Das andere Meeting hatte den Themen-Schwerpunkt Glaube und Spiritualität. Das wichtigste für mich war und ist die Erkenntnis, das ich mit meinem dicken Ego eben nicht der Herr der Dinge bin, das ich seit dem letzten Rausch einen mich liebenden Gott als übergeordnete Instanz anerkennen darf. Das ist ein roter Lebens-Faden, den sehr viele andere Betroffene ebenso finden durften. Mein Wille und SEIN Wille, die Macht des elften Schrittes trägt mich bis heute, für heute:

Wir suchten durch Gebet und Besinnung die bewusste Verbindung zu Gott – wie wir Ihn verstanden – zu vertiefen. Wir baten Ihn nur, uns Seinen Willen erkennbar werden zu lassen und uns die Kraft zu geben, ihn auszuführen.

Es hat mich unglaublich bewegt, bei diesen beiden Meetings die Erfahrungen der anderen Freunde teilen zu dürfen. Wie lange Zeit habe ich alles mögliche ausschließlich mit mir selbst ausmachen müssen, oft genug erfolglos und mit dem latenten dumpfen Gefühl, nicht alle Latten am Zaun zu haben ;) Heute bin ich dankbar, “anders” sein zu dürfen, mit alledem, was zu mir gehört.

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PS: Bremen ist auch sonst eine Reise wert. Eine sehr schöne Altstadt mit dem niedlichen Schnoor-Viertel. Leider kam ich nicht ausgiebig zum fotografieren, beim nächsten mal bringe ich mehr Zeit mit.

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