Kategorie-Archiv: Aktuelles

Wie geht es weiter mit der Selbsthilfe?

Wie geht es weiter mit der Gemeinschaft der anonymen Alkoholiker, denen ich mich seit über 20 Jahren trocken und dankbar verbunden fühle? Mittlerweile sind unsere Zusammenkünfte wieder gestattet, mit einer Menge Auflagen des Gesundheitsamtes NRW, die Selbsthilfe allgemein betreffend,  die unsere Prinzipien und Traditionen teils komplett auf den Kopf stellen. Die Gemeinschaft der anonymen Alkoholiker selbst hat dazu ebenfalls ein Schreiben verfasst, welches sich auf die Vorgaben des Landes bezieht. Darin ist unter anderen die Rede von den auch anderswo üblichen Schutzmaßnahmen vor Ansteckung wie Mindestabstand und der daraus resultierenden Teilnehmerzahl-Begrenzung, Maskenpflicht, Aufhebung der Anonymität durch Teilnehmerlisten mit Vorname und Telefonnummer, Bewirtungsverbot, permanente Belüftung, abschließende Desinfektion und so weiter.

Zunächst einmal ist es mehr als fraglich, ob die Gemeinde, welche uns die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hat, überhaupt unter diesen Vorgaben weiter bereit dazu ist. Meine persönliche Haltung ist eher skeptisch ob der Durchführbarkeit des Ganzen. Für mich als einer der Sprecher unserer Gruppe hat das alles auch etwas mit Verantwortung zu tun, die ich nicht übernehmen will und kann. Eine Menge Fragen tauchen auf, zum Beispiel die Teilnehmerzahlbegrenzung betreffend. AA war und ist für mich offen für jeden, der den Wunsch hat, mit dem Trinken aufzuhören und ich werde niemals einem die Tür weisen oder Diskussionen führen wollen, wer anstelle dem Neuen jetzt den Raum verlässt. Auch das Hinterlassen persönlicher Daten, was der Anonymität komplett zuwider läuft,  lehne ich ab (Aus diesem Grund weigere ich mich auch, Gaststätten zu besuchen).

Denke deine Gedanken zu Ende – das waren einst die Worte eines alten, mittlerweile schon lange verstorbenen Freundes meiner ersten trockenen Wochen. Wenn ich das konsequent mache (ok, meine Phantasie ist lebhaft), kann ich mir z.B. folgendes Szenario vorstellen. Einer aus der Gruppe erkrankt, angesteckt wo und wie auch immer. Im Zuge der Nachverfolgung von Infektionsketten taucht meine Telefonnummer und somit meine kompletten persönlichen Daten beim örtlichen Gesundheitsamt auf. Da geht es laut den Schreiben auch um Haftung, um Bußgelder bei eventueller Nichteinhaltung der Vorgaben. In allen derzeit kursierenden offiziellen Schreiben ist diesbezüglich von “Kontrollen”, von Bußgeldern sowohl für den Vermieter (oft, wie auch bei uns die Gemeinde) als auch den Mieter der Räumlichkeiten, also die Gemeinschaft der AA die Rede. Diese “funktioniert” anarchisch, alle Fragen innerhalb einer Gruppe werden per Abstimmung entschieden, das Gesundheitsamt dagegen braucht einen Verantwortlichen – was liegt näher als der Gruppensprecher. Und – es könnte Quarantäne folgen, am Ende Besuchsverbot bei meinen greisen Eltern, bis hin zu Schließung von unseren Arbeitsstätten im Infektionsfall. Natürlich kann ein solches Szenario auch anderweitig eintreten, anstecken kann man sich immer, sobald man das Haus verlässt. Dennoch – zumindest derzeit bin ich nicht bereit, unter diesen gegebenen Bedingungen bei einem persönlichen Meeting mitzumachen, so bitter mir das auch ankommt.

Da ich nicht damit rechne, dass sich die Voraussetzungen kurz- oder mittelfristig ändern werden, muss ich davon ausgehen, dass auf Monate (meiner Einschätzung nach bis weit in das nächste Jahr hinein) kein reguläres Meeting unter (für mich) annehmbaren Bedingungen mehr möglich sein wird. Es bleiben nur die virtuellen Meetings und die (private) Begegnung mit den Freunden, persönlich oder über die gängigen Kommunikationskanäle. Headset und Webcam sind jedenfalls geordert  mittlerweile vorhanden… mir tut es nur für all jene leid, die in der Gegenwart noch keinen Weg in die Trockenheit gefunden haben und unter diesen harten Bedingungen Wege finden müssen.

Für eine Wiedereröffnung der Selbsthilfegruppen ohne Namenslisten!

PS: Berührung und Umarmung sind zutiefst menschliche Bedürfnisse und stärken das Immunsystem. Lasse ich mir auch in solchen Zeiten nicht nehmen.

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Substanz

Der Anschub für den Titel gab vor etwas längerer Zeit ein Kollege, der in eine andere Fachabteilung wechselte, raus aus der Werkstatt, in einen Bereich der puren Theorie. Wir sprachen in dem Kontext kurz über die “Substanz” der Arbeit, von daher ist das Thema irgendwie bei mir hängen geblieben.

Suche ich im Netz nach Begriffsklärung, finde ich erwartungsgemäß die unterschiedlichsten Bezüge. Selbst denke ich zunächst einmal an alles, was ich irgendwie mit meinen Sinnen erfassen kann. Beruflich kann ich Stähle an ihrem Funkenbild mit den Augen unterscheiden, höre und fühle, wie gut oder weniger gut eine Maschine läuft, kann mit den Fingerspitzen verschiedene Kunststoffe von einander unterscheiden. Grobstofflich, wie man sagt. Nicht weniger grobstofflich, wenn auch in einem etwas anderen Sinne, sind meine Assoziationen in Sachen Substanz(en), wenn ich an die zahlreichen bewusstseinsverändernden Mittelchen denke, die es so gibt.

Im zwischenmenschlichen Bereich wird es feiner, ausgehend von der körperlichen Ebene, auf der sichtbar ist, wie viel Substanz im Sinne von Masse ein Mensch angesammelt hat. Oder es ist spürbar, wie viel Substanz ein Mensch gesundheitlich aufweisen kann, wie gut sein Immunsystem ihn schützt.  Im metaphorischen Bereich liegen Schein und Sein dicht beieinander. Wie gehaltvoll, wie viel Inhalt, wie viel Substanz bietet so manche Rede, wie viel Substanz haben greise Worte (ein Thema, was mich gerade auch privat beschäftigt) Wie viel Substanz bietet ein Mensch, wenn man ihn vor dem geistigen Auge von seinem Habitus befreit, was genau bleibt dann noch übrig von ihm?

Wie viel Substanz hat das, was gerade die Welt in Angst und Schrecken versetzt, etwas längst aus dem Bewusstsein der meisten Menschen verdrängtes, etwas, was unsere Welt dauerhaft verändern wird?  Wie kann ein beinahe substanzloses Ding, Geschöpf, Wesen (?) von einer Größe im Nano-Bereich derart verheerende Folgen haben?

Auch ich verschicke und empfange immer noch manchen Galgenhumor in Bildwitz-Form, der die kalte Hand im Nacken etwas erträglicher macht, beim Verfolgen der täglichen Nachrichten. Fühle mit den Millionen, die existenziell vor ganz schweren Zeiten stehen, fühle mit denen, die einer so genannten Risikogruppe angehören. Fühle mit denen, die jetzt dicht gedrängt aufeinander hocken müssen, obgleich sie sich am liebsten aus dem Wege gehen würden. Mache mir eigentlich um mich selbst weniger Gedanken, fühle mich selbst recht gut getragen, was erstaunlich ist, nach dem letzten Jahr, in dem das absolut nicht der Fall war. Was erstaunlich ist, angesichts der Tatsache, dass auch ich allein von meinem Alter her zu den so genannten Risikogruppen gezählt werden kann, oder angesichts auch meiner beruflich ungewissen Zukunft.

Wie viel Substanz hat das, was mich trägt? Jedenfalls keine im klassischen grobstofflichen, geistigen oder philosophischen Sinne. Es ist die gleiche “substanzlose” Macht, die mich durch die Zeiten bis hierhin getragen hat, durch Verzweiflung und jede Menge Angst hin zu dem, was manche mit Urvertrauen bezeichnen. Das lässt hoffen, diese Zeiten, wie sie nun mal sind, gemeinsam mit euch, die ihr vielleicht ähnlich fühlt und glaubt, zu bestehen.

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Vom neuen Jahr und vom Brauchtum

Familiäre Gründe lassen uns den Jahreswechsel daheim verbringen. Das hat den Vorteil, bei den Tieren sein zu können und niemanden bemühen zu müssen. Und so stehe ich nach einem guten Abendessen in der Küche und denke angesichts der ersten Feuerwerke da draußen über das so genannte Brauchtum nach. Allein die Wortwurzel suggeriert mir, etwas zu “brauchen”, was offensichtlich schon lange der Tradition entspricht und somit seine Existenzberechtigung per se in sich trägt. Ok, denke ich, wer`s braucht, ich nicht, nehme mir den vollen Müllsack und trage ihn durch`s Treppenhaus in Richtung Tonne, das braucht der jetzt, der Sack, und ich auch, weil`s stinkt und nichts mehr hinein geht. Brauchtum der anderen Art eben.

(Der Link führt übrigens zu weiteren interessanten Begriffen wie Gruppenkohäsion, strukturellen Egoismus und vielem anderen mehr).

Wie kommt das eigentlich, das manche uralte Rituale so derart in den Köppen kleben, obwohl sie sich selbst schon lange überholt haben, denkt es in mir, während draußen die ersten Feuerwehr- und/oder Notarztwagen zu hören sind. Irgendwie scheint das trotzig, angesichts der schnellen Wandels um uns herum. Ich-will-aber-Mentalität. Nicht nur Feuerwerk, auch vieles andere wird solcher Art beharrlich begehrt, Stichwort dicke Autos und so. Naja, besser nicht zu laut den Kopf schütteln, immerhin arbeite ich ja selbst in dieser Branche, noch. Widersprüche gehören offensichtlich zu mir.

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Am Abend geht das Festnetz-Telefon, eine Nummer aus der Nachbarstadt, in der ich selbst auch einige Jahre lebte, erscheint auf dem Schirm. Seltsam, denke ich, habe ich doch so gut wie keinen Kontakt mehr dorthin. Neugierig bin ich dennoch und nehme den Anruf entgegen. Es meldet sich eine ältere Frauenstimme, die ich nicht sofort erkenne und erst mal nachfragen muss. Ein Wiederhören nach fast 11 Jahren, weil sie sich verwählt hat – und weil wir durch Fügung heute Abend hier sind. So wird aus einer verwechselten Nummer, die aus einer alten Kladde entnommen wurde (auch hier wieder Fügung, das Teil wird sonst nie benutzt, aber das Handy ist gerade sonstwo) eine knappe Dreiviertel Stunde bewegtes Plaudern über das, was sich so alles seit neulich vor 11 Jahren getan hat, mit viel Rührung, einigen Erinnerungen und abschließend reichlich guten Wünschen.

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Mitternacht dann herzen wir die Katzen, denen der Lärm weniger als befürchtet an die Nerven geht und stoßen gegen jedes Brauchtum mit rattenscharfem Ingwertee auf das neue Jahr an, in Gedanken bei dem, der den Jahreswechsel im Krankenhaus verbringen muss. Ein sehr bewegtes Jahr geht zu Ende, gefüllt mit Krankheiten, eigene und die nahe stehender Menschen, auch Menschen, die uns vorangegangen sind. All dies hat mir persönlich meine höhere Macht näher gebracht, den Mensch-Gewordenen, an dem ich mich in letzter Zeit nicht nur in Not wende, sondern mich auch öfter mal bedanke. Zum Beispiel für unsere neue Mitbewohnerin, seit dem Frühjahr, die gerade Schlaf nachholt.

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Auch deren Essen war vorzüglich …

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Ich wünsche uns allen ein gutes, nach Möglichkeit friedvolles neues Jahr!

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Schreiben

Eine meiner Herausforderungen liegt darin, bewusst wahrzunehmen, wie es mir gerade geht. Klingt eigentlich simpel, oder? So simpel ist es nicht, wenn ich den ganzen Tag werke, analysiere, plane, strukturiere, programmiere, Maschinen mit Stahl und Daten füttere. Wenn in meinem Kopf Passwörter, PIN-Nummern und Termine um Aufmerksamkeit buhlen. Wenn Grabenkämpfe zusätzlich Kraft und Zeit kosten. Dann sitze ich am frühen Abend auf dem Sofa, beschmuse unser Katzenbaby und bin manchmal recht erschrocken über die Leere in meinem Kopf. Keiner zuhause oder etwas zurückgeblieben von den wüsten Zeiten? Ich weiß es nicht.

Denken und fühlen gehen für mich beim Schreiben am besten zusammen. Sie sind ja ansonsten nicht die besten Freunde, Ratio und Emotio. Beim Schreiben jedoch bilden sie ein gutes Team. Die Seele schickt ihre Impulse aus der Tiefe, der Geist analysiert den Hintergrund und findet Worte für das Gefühl, das sich breitmacht. So finden sich Sätze und ganze Geschichten, immer wieder schaut die Seele auf das Geschriebene, ob es sich auch stimmig liest oder ob der Verstand wieder einmal versucht, sich als Chef aufzuspielen, sich in Formulierungen und Wortgeklingel versteigen möchte. Ein gutes Team eben, wie ansonsten eher selten.

Sonst so?

Kirschbaum. Ich sitze im Kirschbaum und schaue die Welt von oben, wie gerade in der Morgenandacht gehört. Fühlt sich gut an, die Dinge aus einer gewissen Distanz zu sehen. Ein gutes Bild für zwischendurch, wenn der Kopf mal wieder leer sein möchte.

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Ego und Angst

Schon länger hege ich den Verdacht, dass es da einen Zusammenhang geben muss, ohne groß im Netz zu dem Thema recherchiert zu haben. Wer so wie ich dann danach sucht, findet eine Fülle von Seiten, die sich damit auseinandersetzen, scheint also vor mir schon eine Menge anderer Menschen beschäftigt zu haben. So Dinge, mit denen ich mich selbst erst dann auseinandersetze (und dann staune, dass ich damit nicht allein bin), wenn es nicht mehr anders geht. Wenn das Ego endgültig realisiert hat, nichts, wirklich nichts selbst “in der Hand” zu haben, keine Kontrolle über irgendetwas zu haben.

Alles hat seine eigene Gesetzmäßigkeit im Leben, so auch die Lebensbereiche, an denen das Ego gerne rütteln und schütteln möchte. Herrschte bei mir im Beruflichen die meiste Zeit meines Lebens, von den Anfängen einmal abgesehen, eher Kontinuität und Beständigkeit, im Privaten dagegen meist das blanke Chaos, so scheint sich dieses Verhältnis nun in meinen letzten Berufsjahren umzukehren. Einzelheiten erspare ich der Öffentlichkeit an der Stelle lieber, zum einen mit Blick auf die Diskretionspflicht meinem Arbeitgeber gegenüber, zum anderen mag ich mir mit Details zu dem Thema nicht unbedingt den schönen Samstag-Morgen verderben.

Bildet sich mein Ego also ein, der König meiner selbst zu sein, steht ihm sofort die kleine lästige Schwester Angst zur Seite. Da könnte etwas verlustig werden, weggenommen werden, zumal wenn nur beschränkt verfügbar, sorgt die Angst dafür, dass Verteidigungswälle errichtet werden, Waffen werden geputzt, geladen, in Stellung gebracht und entsichert. Strategien werden erdacht, Taktiken entwickelt, mögliche Waffenbrüder gesucht. Eine sehr anstrengende Sache also, die an vielen Positionen in den Betrieben oder an anderen Stellen im Leben, überall dort, wo Mensch gehalten ist, sich mit seinesgleichen zu arrangieren, dazu führt, dass der überwiegende Teil der Tages-Energie für eben diese, letztendlich vom Ego im Verbund mit der Angst ausgelösten Verhaltensweisen dahin geht und so der eigenen Kreativität, meinetwegen Produktivität, der eigenen Lebendigkeit nicht mehr zur Verfügung steht. Ganz zu schweigen von der Lebensfreude, der Gelassenheit, der Ausgeglichenheit, des inneren Friedens.

Wie kann also ein Weg heraus aus dieser Falle ausschauen? Ohne ein Mindestmaß an Ego geht es offensichtlich nicht, unser Schöpfer hat sich etwas dabei gedacht, uns damit auszustatten. Keine Kühlschranktür öffnet sich ohne Ego, von den modernen Varianten der urzeitlichen Säbelzahntiger mal ganz zu schweigen. Da sei doch immer noch Gott, meinte ein AA-Freund neulich im Gespräch über diese Zusammenhänge zu mir. Einer, der es wissen muss, bei seiner Lebensgeschichte, die nun immerhin fast 8 Jahrzehnte währt und alles andere als beständig verlief.

Stimmt. Wenn ich mich daran erinnere, im Leben geführt und begleitet zu sein, schrumpft das Ego auf ein natürliches Maß und spielt sich nicht mehr als Chef auf. Mit ihm schrumpft auch die Angst, an ihrer Stelle tritt Vertrauen, so wird Energie und Raum freigesetzt, auf das Nächstliegendste zu schauen, in der Gegenwart zu bleiben, was sich sehr befreiend anfühlt. Was mir bleibt, ist Tag für Tag neu zu schauen. Pläne und Visionen gehen schon in Ordnung, solange sie nicht als Anspruch und Erwartung angesehen werden, sondern bestenfalls als Orientierung.

In dem Sinne -
alles in der Natur strebt nach Ausgleich, nach Gleichgewicht …

Nachtrag:

Ich nutze immer gerne das Bild von dem schwarzen Vogel, der auf meiner rechten Schulter sitzt. Er ist Herr der Ängste, der Depressionen, der dunklen Stimmungen. Er lässt sich nicht vertreiben, darum haben wir einen Burgfrieden geschlossen. Ich verschwende keine Energie mehr darauf, ihn zu vertreiben, er darf also bleiben, da er offensichtlich ein Teil von mir ist. Im Gegenzug hat sich der Schwarzgefiederte damit abzufinden, nicht der Herrscher über meine Seele zu sein.

Nun bin ich im Laufe meiner mehrwöchigen gesundheitlichen Rehabilitation gefragt worden, wer oder was denn als Ausgleich sozusagen auf der anderen Schulter säße. Ein gute Frage, fand ich – spontan fiel mir Jesus ein. Jesus? Warum eigentlich nicht. Der schwarze Vogel ist ebenso nicht körperlich sichtbar und wirkt dennoch, ebenso wie Jesus. Nur in die andere Richtung …

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Der stille Monat

So nennt man ihn, den November, mit seiner zunehmenden Dunkelheit und dem allgegenwärtigen Rückzug in der Natur. Auch die Seele begehrt nach einem gewissen Rückzug, Zeit für Einkehr, Innenschau oder Inventur, je nachdem, welchem Vokabular man näher steht.

Auf dem Tisch neben meiner Schlafstelle liegt stets so einiges umher, neben gewissen digitalen Toren zur weiten Welt auch immer mehrere Bücher, in denen ich je nach Gemütslage mal mehr, mal weniger lese. Derzeit warten dort zwei angelesene Exemplare auf mich, einmal „Finde deinen inneren Mönch“ von Tim Schlenzig, dem Autor des erfolgreichen Blog`s mymonk.de . Zum anderen der gedruckte Antipol dazu, „Das Liebesleben der Hyäne“ von Charles Bukowski, der auf wundersamen Wegen zu mir zurück gefunden hat. Zu Beginn meiner Abstinenz habe ich meine Bukowski-Sammlung an einem interessierteren Leser weiter gegeben, von daher ist es schon erstaunlich, wie anhänglich gewisse Literatur ist, ohne käuflich erworben zu sein.

Zur Besinnung, also der Jahreszeit entsprechend, passt natürlich die Suche nach dem inneren Mönch um Längen besser. Es liegt auch schon eine Weile dort, der November ist ja noch jung und mein Bedarf an spirituellen Ratgebern eigentlich im Laufe der Jahre mehr als gedeckt. Irgendwann ist es genug davon, dann geht es an`s ausprobieren via Versuch und Irrtum – Leben live sozusagen. Das Drehbuch dazu ist leider nicht im Fachhandel erhältlich und wird sowieso täglich aktualisiert.

Der innere Mönch also – habe ich mich noch ein weiteres Mal, inspiriert vom gelungenen Blog, zu einem solchen Seelenleitfaden verführen lassen. Ein Taschenbuch mit großen Buchstaben, was ein guter Trick ist, altersgerecht, sieht gut aus und es bedarf auf Seiten des Autors nicht ganz so viel Weisheit, ein kleines Buch zu füllen. Leider bin ich noch nicht über die ersten Seiten hinaus gekommen. Der Autor schildert zu Beginn seine unbefriedigende, berufliche Laufbahn und den Akt der Befreiung als Schriftsteller dann, gefolgt von der Aufforderung, jetzt endlich mal seine Träume zu leben, weil jeder Tag der letzte sein könnte. Dann – eine Doppelseite zum selber-ausfüllen, welcher Art die Träume so sind, was man als 8-jähriger so gemacht hat und wie man das wieder aufleben lassen könnte.

An der Stelle klappt der innere Mönch erst einmal mit einem lauten Geräusch wieder zu. Dem Autor bin ich nicht gram, der kennt mich ja nicht und hat wohl eher so standardisierte Kindheitsbilder vor Augen. Mir jedenfalls graust es bei der Vorstellung, noch einmal, und dann noch freiwillig, so zu sein wie damals.

Träume – lebe deinen Traum, heißt es allerorten. Wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, fällt mir nicht wirklich etwas dazu ein. Zu groß sind gewisse Sachzwänge, zumindest für einige Jahre noch so weiter zu machen wie bisher, also wie gehabt jagen und sammeln in meinem Dasein als Industrie-Schauspieler. Danach – für die Zeit nach dem Erwerbsleben gibt es bislang nur eine Ahnung … es soll von Herzen kommen und mit Menschen zu tun haben, nicht oder falls, dann nur untergeordnet, mit Technik. Kochen kann ich, und schreiben. Und nein, ich hasse Kochbücher …

Ein schöner Traum ist es, einfach mal alle Menschen einzuladen, die mir irgendwie am Herzen liegen, mit denen ich mich teils auch über große Entfernungen verbunden fühle, abseits von irgendwelchen gesellschaftlichen Zwängen und / oder eher destruktiven Gefühlen wie zum Beispiel Eifersucht. Was so gar nicht zu der Liebsten und meiner eher zurückgezogenen Lebensweise passt, aber dennoch eine schöne Vorstellung ist. Menschen wie A. zum Beispiel, mit der mich das Thema Genesung und Glaube verbindet. Oder M., mit der ich nächtelang philosophieren könnte. Oder die H. aus wärmeren Gefilden, sie weiß so viel über Kräuter, über Naturkunde, und wie man sich zu helfen weiß, nicht nur handwerklich. Oder R., vor dessen Art, die Welt über die Kinder zu einem etwas besseren Ort zu machen, ich großen Respekt habe. Der sich darum bestimmt gut mit der Liebsten verstehen würde. Oder, oder, Sorry, ich kann euch nicht alle hier aufzählen, die Liste würde sehr lang und für ein Treffen wäre ein Tag viel zu kurz.

Tja, lieber innerer Mönch, allen Anschein nach musst Du noch ein wenig warten. Bis dahin sorgt Buko zwar nicht unbedingt für mein Seelenheil, aber doch für eine gewisse Zerstreuung, das eine oder andere schmutzige Grinsen – und für Dankbarkeit, so nicht leben zu müssen.

Was auch seinen Wert hat.

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Oh, die Ehre!

Wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, habe ich es recht komfortabel, was die Unterbringung des Rades angeht. Da gibt es ein altes Ladenlokal, welches ich mit nutzen darf, zu ebener Erde. Wobei eben hier im Tal der Wupper relativ ist, aber eine schiefe Ebene ist eben auch eine Ebene. Da der Berg hier vor der Türe in etwa 15% Steigung hat, muss das Rad, steht es einmal draußen, gesichert werden, damit es sich nicht selbstständig machen kann. Der bordeigene Seitenständer ist da wenig hilfreich, also nutze ich dafür ein Fallrohr der Dachrinne nebenan, was bei einer gewissen Schrägstellung des Rades recht gute Dienste leistet. Leider steht das Rad dann ein wenig quer zum sowieso schmalen Fußweg, was gelegentlich für Unmut bei den Passanten sorgt, die natürlich gerade in den paar Sekunden da lang müssen.

Manchmal sorgt dieser kleine Moment aber auch für interessante Begegnungen mit den Nachbarn. So geschehen dieser Tage in besonderer Weise. Wieder steht mein Rad dort leicht versetzt zur Häuserwand, kommt eine kleine, bunte Frau des Weges, auf dem Arm einen Karton mit frischen Einkäufen. So`ne typische Bergbewohnerin hier eben. Ich nicke ihr freundlich zu und wundere mich, dass sie grinsend stehen bleibt.

Dachte erst, du wärst der Frank, meint sie. Aber dann denke ich, der Frank würde niemals so lahm den Berg hoch fahren. Da habe ich mir gedacht, ich schaue mal, wie alt der Fahrer ist, der hier so hoch kriecht.. So tönt es, fein gewürzt mit einem frechen Grinsen im Gesicht.

Was für eine freche Pute, denkt es in mir leicht empört, während ich meinen Schlauchschal vom Gesicht pelle und mich zu erkennen gebe. Wie spricht die eigentlich mit mir, dem Bruder von Eddy Merckx. Der leider momentan ein wenig aus der Form ist, derweil der neulich erworbene Bobby-Car des Morgens sehr verlockend scheint, gerade um diese Jahreszeit bei Schneeregen und ähnlichen Unbillen. So grinse ich frech zurück und meine, dass es vor, sagen wir mal 20 Jahren durchaus ein wenig schneller gegangen wäre und dass ich jedenfalls noch hier hoch fahre und mein Zeug nicht tragen muss, mit einem süffisanten Blick auf das Gelumpe in ihrem Pappkarton.

Jaja, meint sie,immer noch grinsend, sie würde ja nun auch bald 50 und wäre schon lange nicht mehr hier hoch gefahren. Dann schweig doch lieber still, Weib, oder bedenke wenigstens deiner Worte, grollt das immer noch leicht angepisste Ego weiter hinten im Kopf, während wir uns lachend einen guten Tag wünschen.

Wird so langsam Zeit für das kommende Frühjahr, glaube ich. Um wieder in Form zu kommen, nicht für alle freche Puten dieser Welt, mehr so für mich…und für mein Ego.

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Frischzellenkur

Seit gut drei Jahren leistet mir mein betagter Crosser (Bj.1993) gute Dienste, als Alltagsgefährt für die Arbeit, zum einkaufen sowie für gelegentliche Tagesausflüge, so richtig nett mit wenig Zeug und nach Möglichkeit Sonne. Auf diese Weise kamen bis dahin allein in dieser Zeit ca. 9000 Km zusammen. So nach und nach wurde der Verschleiß offensichtlich, irgendwo habe ich gelesen, alles am Rad sei Verschleißteil, und das kann ich voll bestätigen.

Schön sichtbar ist das an der Kette. Die hier ist im harten Betrieb durch die dünn gewordenen Gelenkbolzen ca. eineinhalb Kettenglieder länger geworden, bei geschätzten 4000 Km.

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Die schon länger andauernde (technische) Restaurierung ist jetzt weitestgehend abgeschlossen. “Original” sind vom Rahmen abgesehen nur noch sehr wenige Teile. Ersatzteilbeschaffung für alte Räder ist eigentlich kein Problem. Eigentlich, weil, wenn man etwas besseres haben möchte, wird es schwierig. So gibt es zwar noch Hinterräder für 7-fach-Kränze, aber mit billigen Naben. Etwas besser, in Shimano-Deore-Qualität gibt es erst ab 8-fach-Kranz, mit einem entsprechend längeren Freilauf. Also müssen so genannte Spacer mit rein, Distanzringe, um die Differenz auszugleichen. Das Netz offenbart da widersprüchliches, die einen sagen, 3 mm reicht, andere meinten, es sollen 4 sein. Also zwei bestellt, 3 und 1 mm, die dann auch beide verbaut werden mussten.

Jetzt hat der betagte Esel also Deore-Laufräder, eine neue Kettenblattgarnitur, Kette, Ritzelpaket,  Innenlager, neue Schutzplaste, neue, endlich rutschfeste Pedale. Das Schaltwerk war schon vor knapp zwei Jahren getauscht, ebenso die ursprüngliche Gripshift-Schaltgriffe gegen präzisere Rapidfire-Hebel. Ah ja, der Sattel – Freiheit für die Prostata, schön mit Spalt in der Mitte. Ebenso der Gepäckträger. Abkürzend hätte ich besser die noch vorhandenen Originalteile aufgeführt, neben dem Rahmen eben Lenker, Bremsen und diverse Schalt-Bremszughüllen. Und – last not least – vor ein paar Monaten brach der alte Seitenständer mitten durch und wollte dito ersetzt werden.

Erkenntnisse am Rande:

  • Ohne gründliche Recherche im Netz wäre ich aufgeschmissen gewesen, bei zahllosen Detailfragen, Montage sowie diverse Spezialwerkzeuge betreffend.
  • Alle Filmchen, Forenbeiträge und Expertenseiten hindern einen nicht daran, irgendwann an einem Punkt zu gelangen, an dem selbst gedacht werden möchte.

Bilder des Werkes…

Die alte Kurbel hat mich den meisten Schweiß gekostet, bei verranzten Abzuggewinde wollte der alte Mist mit roher Gewalt herunter gesägt werden:

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Rostschäden…

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Es wird …

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Das is`ser also, hoffentlich fit für die nächsten Jahre, Fährt, schaltet, bremst butterweich und nahezu geräuschlos, von einem noch besser zu befestigenden Schutzblech mal abgesehen. Die Summe der Teile war viel Geld, aber immer noch unter der Hälfte dessen, was ein vergleichbares neues Rad gekostet hätte. Außerdem ist es – ja richtig, sinnvolle Freizeitbeschäftigung und nicht zuletzt in meinem Fall auch eine Herzenssache, weil ich dieses alte Teil sehr liebe.

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Nicht überraschend

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Demoskopen sind täusch- und manipulierbar, wie man sieht. Bot`s sei Dank. Am Ende wählen die Menschen den, der sie am meisten berührt, unabhängig dessen, was sie möglicherweise erwartet. Demagogen mit ihrer großen Fresse berühren die Menschen, ihre Herzen und ihre Seele, wenn auch ganz unten. Angst ist immer noch eines der stärksten Gefühle, das wird sich auch bei den kommenden Wahlen in Deutschland wiederspiegeln.

Amerika hat es, so scheint es, nicht anders (besser?!?) verdient. Der Rest der Welt muss mit den Folgen klar kommen. So Gott will, schauen dem neuen Präsidenten hoffentlich einige besonnene Vertraute auf die Finger. Wobei die Geschichte zeigt, dass dieses mitunter auch nichts nützt.

Als Kind der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts bin ich mit Bedrohungs-Szenarien in einem Waffen-starrenden, geteilten Land aufgewachsen. Jederzeit konnte Schluss mit lustig sein, das war Lebensgefühl bis Ende der 80er. So gesehen ist das Klima nun vertraut, leider.

Die Welt hat Reagan und den Ex-Alkoholiker (?) Bush Junior überlebt, Blut-triefend.Sie wird auch Donald Trump überleben. Wobei niemand heute den Preis dafür kennt. Was einerseits gut ist. Und – ja, ich höre schon die Argumente derer, die sagen, das andere noch viel schlimmer sind/waren/sein werden. Das man da doch gegenhalten müsse undsoweiter. Mag schon sein. Diese hat man mir allerdings auch nie als “Freunde” verkauft.

Artikel Drei des rheinischen Grundgesetzes 
Et hätt noch emmer joot jejange.
Wobei der Glaube daran manchmal nicht leicht fällt.

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Findelkind

Gestern Abend, als ich das Haus verließ, da stand sie schon da. Klein und schon ziemlich lädiert in ihrem engen Verkaufskleid aus Plastik, das sie zwar handlich machte, ihr aber auch die Luft abschnürte. Irgend jemand hatte sie auf dem Strom-Verteilerkasten gleich neben dem Hauseingang abgestellt.

Spät am Abend kam ich heim und sie stand immer noch dort, wie bestellt und nicht abgeholt. Spätestens jetzt war mir klar, dass sich niemand wirklich für sie interessierte und ihr ein elendes Schicksal drohen würde, wenn ich mich nun nicht ihrer erbarmen würde. Also nahm ich sie mit nach oben in unsere Wohnung.

Bei der Liebsten renne ich mit meinem Straßenkind offene Türen ein. Geht überhaupt mal gar nicht, so ein armes Ding seinem Schicksal zu überlassen. Also wird die Kleine erst einmal von ihrem furchtbaren Plastik-Kleid befreit und gründlich gewässert. Anschließend werden einige wenige bereits hängende Köpfchen sauber abgeschnitten, um in einem kleinen Glas mit Wasser Erholung zu finden. Es findet sich bald eine bis dahin Sinn-freie, Pink-farbene Blechkanne, die nur auf einen neuen Gast gewartet hat.

Seitdem steht sie hier bei uns und es geht ihr schon sichtbar besser.

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Was mag sich wohl zugetragen haben, das sie sich so verloren am Straßenrand wiederfand? Die einfachste Erklärung hieße, sie ist irgendwem schlicht beim Auto-ausladen unbemerkt heruntergefallen und anschließend von irgendwem anders zumindest schon mal aus der Gosse gerettet worden. Möglicherweise war sie aber auch das unschuldige Opfer eines Beziehung-Dramas. Von einem gerade abgewiesenen, frustrierten Kerl mit harter Hand ihrem Schicksal überlassen worden. Oder sie traf womöglich nicht den Geschmack der Beschenkten, die ihrerseits zu herzloser Maßnahme griff.

Wie auch immer, jetzt geht es ihr gut und auch die immer schon leicht schwuchtelige Blechkanne freut sich über wiedergewonnene Ehre.

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Nachtrag:
Heute, eine Woche,
viel Sonne und Wasser
sowie zahlreiche liebevolle Worte und Berührungen später:

Es geht mir prächtig :)

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