Kategorie-Archiv: Unterwegs

Lange her

Der Winter ist eine reizarme Zeit, im Lockdown erst recht. Die Zahl der Menschen, denen man willentlich in freundschaftlicher Absicht begegnen möchte, ist, vorsichtig formuliert, überschaubar. Was liegt also näher als mal zurück zu schauen, bevor manche Bilder gänzlich im gedanklichen Nirvana verschwinden. Na dann.

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1983, zwischen den Feiertagen am Jahresende.

Gerade 21 Jahre jung, bestand mein Lebenszweck aus hemmungslosen Besäufnissen, mein spiritueller Mittelpunkt waren kleine Plastiktütchen mit Gras, kombiniert mit Portwein, vorzugsweise, wenn ich ihn mir leisten konnte. Meine Gesellschaft war dem entsprechend, Gleiches findet immer Gleiches. Jochen zum Beispiel. Den kannte ich von der Arbeit, er lag in den letzten Zügen seiner Ausbildung in der Werkstatt, wo ich meine ersten Berufserfahrungen sammeln sollte.

Jochen hatte Verwandtschaft an der damaligen Zonengrenze, ein Dorf irgendwo bei Lüchow-Dannenberg, dem Ende unserer westgermanischen Welt. Onkel und Tante, glaube ich, und laut Jochen trinkfeste sowie gastfreundliche Menschen. Das klang gut. Knapp 400 Km vom Tal der Wupper entfernt, lag unser Reiseziel nicht nur geographisch um Lichtjahre weiter von uns fort als zum Beispiel die Niederlande, das gelobte Land in unserer jugendlichen Vorstellung. Ich war sofort begeistert, als die Rede auf einem möglichen Besuch kam. Besäufnisse in fremden, aber vertrauenswürdigen Gefilden, verbunden mit neuen Eindrücken und potentiell freundlichen Menschen – genau richtig zur Einstimmung auf den anstehenden Jahreswechsel. Blieb die Frage nach dem Vehikel der Wahl, um die große Fahrt zu bewerkstelligen. Auto fahren war jedem von uns immer extrem wichtig, schnell hin und schnell weg, darauf kam es an. Mein damaliges Gefährt bestand aus einem Rost-zerfressenen Opel Rekord D – Caravan, Jochen fuhr einen uralten Fiat 500 und bestand darauf, mit seinem Auto fahren zu wollen.

Zwei Helden auf Reisen, es war eisig kalt, ein ekliger Ostwind mit reichlich Frost war unser Begleiter. Der Fiat hatte keine Heizung, nur ein Faust-großes Loch neben dem Schaltknüppel, aus dem ein Hauch von Wärme strömte. Abwechselnd steckten wir die klammen Hände dort hinein, so gut es ging. Unser Outfit passte zum Gefährt, Jochen trug seinen Gestapo-Mantel und ich meine Holzfäller-Jacke mit Brandlöchern. Der Fiat machte gerade 80 Sachen, immer schön rechts und ausnahmslos jeder LKW überholte uns mit teils freundlichem Gehupe. Die Karre war damals schon Kult … Andere Reisende waren da skeptischer, manch verantwortungsbewusster Familienvorstand samt Anhang starrten beim vorbeifahren mit einem Blick zu uns herunter wie unsereins den Füllstand einer Mülltonne begutachtet. Wir liebten dieses Gefühl und hatten beide den unwiderstehlichen Drang, den nackten Arsch an`s Fenster zu pappen. Dagegen sprachen die Kälte und die Fahrsicherheit, also verwarfen wir die nette Geste, war vielleicht auch besser so. Unser beider damaliges Lebensgefühl spiegelte sich im Musikgeschmack – Punk zum wach werden und Reggea zum herunter kommen, mehr brauchte es nicht. Ein abgerocktes Cassettendeck im Fiat tat sein bestes, uns zu unterhalten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit und diversen Tankstopps kamen wir endlich an und wurden mit großen Hallo begrüßt. Ein Dorf wie es sein soll, einige Gehöfte, ein paar Einfamilienhäuser, kein Laden, keine Kirche, nichts, aber eine Kneipe samt jeder Menge Gegend drum herum. Unsere Gastgeber hatten dito einen großen Hof, wir schoben den Fiat mit vereinten Kräften in den Kuhstall, wegen der Kälte. Der Anlasser war übrigens im Sack, das Teil musste angeschoben werden, darin hatte auch ich schon Übung, von den Pausen an den Tankstellen. So ein wenig Wärme konnte der Heimreise also nur förderlich sein.

Die Tage waren ausgesprochen angenehm, bestanden sie doch für uns eigentlich nur aus dem damals Wesentlichen. Lecker essen, Zocken, saufen und lange ruhen. Zocken ging klar, wir hatten eine gewisse Routine darin. Jochens Bude im Tal der Wupper war ein genialer Treff zum pokern. Zwei Zimmer unter`m Dach, Altbau, eines hatte der Berglage geschuldet ein Stirngiebelfensterchen, für Jochen der Zugang zum Dach des Nachbarhauses, auf dem man sich dank Südlage trefflich sonnen konnte. Und diskret Gras anbauen. Ansonsten bestand das Interieur aus einer Matratze, einem Fernseher, einem wackeligen Holztisch samt passenden Gestühl zum zocken, einer verbeulten Schirmlampe und einem riesigen geklauten Hohlspiegel von der Straße.

Auf dem Hof waren wir allabendlich mit Rommé statt Poker beschäftigt, so richtig derbe, mit allen Regeln und unter stimmgewaltigen emotionalen Ausbrüchen, getragen vom Dunst der Geschwister Braun und Weiß. Da man ja nicht nur zocken kann, bestand unser Gastgeber darauf, uns am Tage die Gegend zu zeigen. Das gestaltete sich ein wenig abenteuerlich, war doch sein Führerschein gerade verlustig. Zuviel vom Braunen irgendwann. Es gab nur Braun oder Weiß, Bier eher sekundär, zum Durst löschen für den Sommer. Also jetzt nur wenig. Der Mann wusste sich aber zu helfen, dank der zahlreichen Feldwege entlang seiner Ländereien. Sein Auto – ein abgemeldeter VW Variant 1600, so ein Modell, mit dem mein Vater vor damals schon gut 12 Jahren seinen ersten Wohnwagen zog. Das Gefährt musste also für Sightseeing herhalten, die verreckten Stoßdämpfer in Kombi mit der Beschaffenheit der Feldwege waren der Befindlichkeit unserer Mägen nicht förderlich, die noch mit dem Inhalten des letzten Abends beschäftigt waren. Aber – wir lernten Land und ein wenig Leute kennen, wenn auch mit käsigem Gesichtsausdruck.

Der letzte Abend sollte alle vorhergehenden übertreffen, es galt Abschied zu feiern, darin waren sich alle einig. Also wurde Karten gespielt, was das Zeug hielt, mit peinlich genauem aufschreiben, soweit Braun und Weiß das noch zuließen.. Der Höhepunkt des Abends fand dann in der Kneipe statt, wo sich der erzockte Punktestand in weiteren braun-weißen Getränken auflöste. Die Stimmung war unbeschreiblich, mit viel Tanz, Musik, Gelächter, alkoholischen Verbrüder- und Verschwesterungen. Irgendwann zog ich mich mit einer ebenso abgefüllten Dame aus dem Dorf in die Gemächer zurück, gefüllt nicht nur mit Weiß- Braunen, der alles folgende unkompliziert erscheinen ließ, sondern auch mit der Sehnsucht nach ein wenig menschlicher Wärme. Eine mögliche schriftliche Fixierung des Restes der Nacht ist verständlicher Weise nicht für die Öffentlichkeit geeignet.

Der Abreisetag. Es war immer noch saukalt, wir schoben den Kleinen aus dem Kuhstall, nachdem wir ihn erstmal von einer guten Schicht Stroh aus dem Dachgeschoß befreit hatten. Wir verabschiedeten uns herzlich, versicherten, uns baldmöglichst wieder sehen zu lassen und bekamen freundliche Hilfe beim anschieben. Die Rückfahrt war im Grunde ein Abbild der Anreise, nur eben in die andere Richtung und eher schweigsam, da gemeinschaftlich schwer verkatert.

Anfang Januar 1984, in einer Arztpraxis der Wahl. Es juckt, sage ich. Wo, fragt der Arzt. Innen, außen, und vor allem unten, versuche ich mit rotem Gesicht eine Beschreibung meiner Unpässlichkeit. Antimykotikum, sagt der Arzt nach näherer Inaugenscheinnahme der beschriebenen Körperzonen. Zum einnehmen und einreiben. Und grüßen Sie mir die Dame…

Es gibt eigentlich nur eine Erklärung für diese Tage:
Ich war 21 ….

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Epilog: 21 & zocken, da gab es mal einen guten Film.

*

 

 

Wahrheit ?

Sie ist in aller Munde, und ein jeder beansprucht sie für sich. Oder günstigstenfalls für seine Glaubensgemeinschaft, die nicht unbedingt religiösen Charakter haben muss. Sie wird gerne in Teile ihrer Selbst zerlegt und Portionsweise in eines anderen Wahrheit eingebunden, aus dem Kontext gerissen, wie man das nennt. Oft wird sie geschickt umgangen, um interessierten Kreisen dienlich zu sein. Diese schaffen gerne so genannte alternative Wahrheiten, verkünden ihre solcher Art frisch kreierte Wahrheit für die Absolute, die der anderen für systemische Lüge. Jeder auf seine Weise. Das “System” bedankt sich seinerseits mit irreführenden Wortgeklingel. Verschwörungs-Theoretiker werden die Schöpfer der jeweils anderen Wahrheit genannt. Oder auch Alu-Hut-Träger. Irreführend deshalb, weil so mancher Verschwörungs-Theoretiker in Wahrheit (also meine…) ein Verschwörungs-Praktiker ist, dessen Agitation ganz konkrete Auswirkungen auf die Politik, auf das gesellschaftliche Klima hat. Die Alu-Hüte? Klingt karnevalistisch und würdigt die wirkliche Gefühlslage ihrer Träger herab, die mit lustig-sein oder mit Abenteuer a la Raumschiff Orion nicht wirklich viel zu tun hat. In den oft geschlossenen Räumen, in denen sie sich gerne bewegen, sind sie unter sich, schauen gefüllt mit Unsicherheit , Angst sowie mit daraus resultierenden Hass auf die Welt da draußen, von der sie glauben, sie wolle ihre Hirne manipulieren, kontrollieren, knechten. Ihnen ist in ihrer Welt mit Argumenten nicht beizukommen, jeder Versuch gleicht dem Schachspiel mit einer Taube: Ganz gleich, wie gut du spielst, das Tier latscht quer über das Brett, wirft dabei alle Figuren um, kackt mitten hinein und stolziert von dannen, als hätte es die Partie gewonnen.

Nun denn. Wenn ich von meiner “Wahrheit” schreibe oder rede, dann bin ich mir bewusst, immer nur einen Teil dessen für mich präsent zu haben, der oft genug auch sehr subjektiv eingefärbt ist, also eher meine Meinung darstellt, nicht die Wahrheit, schon gar nicht die absolute, die eh `nur unser Schöpfer kennt. Sicher bin ich mir meiner Meinung, meiner Wahrheit also nicht, und eines möchte ich schon überhaupt nicht: Irgend jemanden von dem überzeugen, missionieren oder sonst wie manipulieren, der die Welt mit anderen Augen sieht, sehen möchte.

Beispiele gibt es zur Genüge, ein kurzer Blick auf das Tagesgeschehen reicht völlig. Der Bau einer fast fertigen Gasleitung soll gestoppt werden, weil der Handelspartner auf der anderen Seite seinen Oppositionellen nach dem Leben trachtet oder zumindest weg schaut, wenn einflussreiche Kräfte dies anstreben. Die Wahrheit ist in diesen Ländern denen vorbehalten, die ein schnelles Pferd haben. Moralisch verwerflich? Ja sicher. Du sollst nicht töten. Punkt. Was diejenigen (außerhalb der Politik), die sich darüber verständlicher Weise empören, außer Acht lassen, ist , wir sind eine Export-orientierte Handelsnation, die sich auch sonst moralische Empörung nicht wirklich leisten kann, mit aller Herren Länder gute Geschäfte macht, in denen Menschenrechte nicht unbedingt gesetzlich verankert sind, geschweigen denn respektiert werden. Wo es politisch opportun erscheint, wird sich dagegen laut öffentlich empört, das nenne ich Pharisäertum. Wäre es ernst gemeint, dürfte mit dem Rest der Welt keinen Handel mehr betrieben werden, mal nicht davon zu reden, das auch hierzulande mit Sicherheit Verbesserungsbedarf in Sachen Menschenrechte besteht, wenn auch auf vergleichsweise hohem Niveau. Und – mal so ganz pragmatisch in Richtung derer, die meinen, fossile Brennstoffe hätten sowieso ausgedient – auch ich heize im Winter wie viele Millionen anderer Haushalte mit Gas, zu dem es derzeit keine wirkliche Alternative gibt. Es wird eine geben müssen, das ist sicher, so wie es früher oder später zu allen fossilen Brennstoffen eine Alternative geben muss, wegen dem unseligen Einfluss auf unser Wetter, auf unsere Umwelt, unsere Natur und aus Gründen der Verfügbarkeit. Nur sehr wenige haben derzeit die Mittel und die Möglichkeiten, in Energie-Bilanz-technischen Null-Summen-Häusern zu leben.

Wo ich gerade dabei bin – Emissions-freie Fortbewegungsmittel finde ich hervorragend. Gibt es leider nicht, sie sind eine Illusion, die sich daraus nährt, weil eben nichts sicht- und riechbares “hinten heraus” kommt. Alles hat seinen Preis, den unser Planet bezahlen muss, die Umweltbilanzen der Herstellungsprozesse lassen grüßen. In dem Kontext kann ich nicht verstehen, mit welcher Vehemenz elektrische Antriebe auch politisch forciert werden. Ganz so, als hätte ein jeder neben dem Mitteln für einen “Stromer” auch noch gleich einen Carport samt Ladestation neben dem mit Erd- oder Solarenergie beheiztem Eigenheim. Und jetzt bitte nicht missverstehen, ich finde es absolut begrüßens- und förderwert, auf diese Weise leben zu wollen. Leider ist dies nur einer kleinen, gut verdienenden Avantgarde möglich, nicht der breiten Masse, die irgendwo zur Miete wohnt, eine schnöde Gastherme nutzen muss und ihr Auto irgendwo, wo gerade Platz ist, abstellen muss. In 99 % aller Fälle gerade nicht in Reichweite einer Ladestation. Und weil ich nicht nur meckern möchte – es gibt auch gute Ansätze, die zwar noch wie der Wasserstoff mit großen technischen Herausforderungen versehen sind,aber mit Blick auf ihre schnöde Praxis-Tauglichkeit um Längen besser abschneiden als die derzeit so gelobten Stromer, die sowieso im halbwegs bezahlbaren Segment nur für den Stadtverkehr taugen. Ja sicher, verreisen kann man auch mit den Öffentlichen, so sie denn günstig erreichbar und auch mal pünktlich sind. Will ich aber nicht, in Zeiten von komischen Viren und reichlich Menschen, die eben diese beharrlich ignorieren (Achtung, da leiste auch ich mir meine persönliche Wahrheit/Meinung…). So wie andere wiederum den Rest der Menschheit am liebsten an die Kette von umfänglichsten Regelwerken legen möchte, als würde sich dadurch ihre Einsichtsfähigkeit verbessern. Vom meinem ganz persönlichen Hang als Höhlenbewohner, meinen gefühlten halben Hausrat mitschleppen zu müssen, will ich erst gar nicht anfangen.

Bevor ich jetzt restlos vom Thema abweiche – Hybride finde ich Klasse, also jene Fahrzeuge, die sowohl über einen Strom- als auch einen Verbrennungsantrieb verfügen. Es gibt durchaus schon bezahlbare Varianten, die sich bei umsichtiger Fahrweise für gerade mal 4 Liter Treibstoff-Verbrauch bewegen lassen. Entweder als klassische Selbstlader, oder auch mit Steckdose, zum Strom “tanken”. Meine Sympathie haben in dem Zusammenhang auch günstige Kleinstwagen, die sich mit kaum mehr Energie betreiben lassen. Der verfügbare Platz hat sicher seine Grenzen, aber wer jemals erfolgreich Tetris gespielt hat, weiß sich auch hier zu helfen.

Zum Ende hin noch einmal – jeder hat das Recht auf seine Meinung, seine “Wahrheit”, so wie das, was dafür gehalten wird. Ich auch. Wer mit mir darüber meinetwegen emotionsgeladen, – aber immer höflich – diskutieren möchte, nur zu ;)

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Neuss

Pläne und Strukturen sind auch dazu gut, manchmal über den Haufen geworfen zu werden. Eigentlich waren wir für den heutigen Sonntag verabredet, haben dann aber mit Blick auf die Wettervorhersage umdisponiert und den Tag gestern genutzt, der wirklich das gehalten hat, was die Wetterfrösche prophezeiten.

Also den Einkauf vorgezogen und die Wohnung fein schmutzig gelassen. Gut sein gelassen also, kann ich auch heute noch machen. Oder sonst wann. Gibt wichtigeres. Menschen eben, zum reden und draußen sein. Austausch, Energie, Vertrautheit. Wir sind uns als Fremde begegnet und haben durch unser beider Erkrankungen in den Gruppen der für einige Wochen gemeinsamen Einrichtung schon mehr von einander erfahren und schätzen gelernt als das meist da draußen in Jahren der Fall ist. Etwas besonderes, für uns beide.

Also Fahrpläne gecheckt, das Fahrrad mitgenommen und rein in die R4, in`s Rheinland - Vorfreude beim queren des Rheins. Ich war lange nicht mehr unterwegs und bin froh, im flachen Land zu fahren, hier hat man es nur mit Wind zu tun, aber eben nicht mit den heimischen Bergen.

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Nach einem Kaffee kurz in den Münster …

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Noch ein Eindruck des Städtchens, bevor es in`s Grüne geht.

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Geschichte …

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Schlammbewohner…

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Farben und Felder

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Die Daten-technisch etwas verbesserungsbedürftige Beinahe-Runde (so einige planlose Schlenker könnten glatt gezogen werden, sorry, keine Lust), kann hier heruntergeladen werden.

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Fazit: Ein guter Tag, einer von denen, die es nicht so oft gibt. Es gibt zwar mittlerweile eine Menge guter Tage, aber gute und schöne Tage sind schon rar. Tage mit Vertrautheit und Nähe einerseits sowie mit Licht, Luft, und Sonne andererseits.

Danke dafür.

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50 Cent

Nein, ich bin nicht plötzlich und unerwartet im fortgeschrittenen Alter zum Fan vom gleichnamigen Gangsta-Rapper geworden – 50 Cent ist der beinahe schon symbolische Kaufpreis eines Herzens, welches heute zu mir gefunden hat. Im Nachbar-Quartier gibt es ein Straßenfest, auf`m Arrenberg, in der teils dafür gesperrten Simonstraße.

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Ein Samstag-Nachmittag wie gemalt, blauer Himmel, langsam schlendere ich von Stand zu Stand, schaue mir den Trödel an, während ich darüber sinniere, selbst genug von ungenutztem Zeug zu haben. Hier ein Schwatz mit einem Verkäufer über die großartige Auslage, dort ein loser Plausch, für bergische Verhältnisse gut gelaunte Menschen um mich herum. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass hier aufgrund der günstigen Mieten viele junge Menschen wohnen. Junge Menschen mit unabgegessenen Gesichtern, wie sie bei uns Älteren eher selten zu finden sind.

Hinter einem Stand mit dem üblichen Hausrat und Klamotten stehen mehrere junge Menschen, probieren begeistert selbst das feilgebotene Zeug an, schauen das Ergebnis in einem alten Spiegel, schwatzen und freuen sich am Tag. Auf einem Stück Pappe wird, in Blockschrift mit`m dicken Edding geschrieben, Rücken- und Handmassage sowie Tarot gegen Spende offeriert. Ich bleibe stehen und denke, kundige Hände könnten mir gut tun, von wem auch immer. Absichtslose Berührung, mitten im dicken Trubel. Also frage ich nach, eine junge Dame strahlt mich an, ich möge Platz nehmen und weist auf einem winzigen, dreibeinigen Klappschemel vor dem hinter dem Stand gelegenen Hauseingang. Ich nehme Platz, sie auf den Stufen hinter mir, und ich genieße die Berührung.

Niemand nimmt Notiz von uns, nur die Frau gegenüber, die mir gerade eben mein neues Herz fast geschenkt hat, guckt und grinst. Nach einigen Minuten bedanke ich mich, während ich über die gewünschte Spende nachdenke. Euronen sind bestimmt gewünscht, erscheinen mir aber irgendwie unangebracht. So frage ich die Dame mit den einfühlsamen Händen, ob wir jetzt die Plätze tauschen wollen, sozusagen uns etwas gegenseitig spenden. Zu meiner Überraschung lässt sie sich freudestrahlend darauf ein, womit ich nicht wirklich gerechnet habe. So fließt Energie aus der Berührung in beiden Richtungen und wir bedanken uns nach einigen weiteren Minuten gegenseitig. Eine kurze Umarmung, wir wünschen uns noch gegenseitig einen guten Tag und ich ziehe meines Weges.

Energie und Vertrauen. Einfach so.
Selten, aber möglich …

Aber zurück zum Titel – hier ist es also, mein neues Herz. Keines von diesen glatt geschliffenen Dingern und Gott sei Dank auch keines aus Stein oder gar aus Plastik, nein es ist recht einfach, beinahe grob zurecht geschnitzt worden, vielleicht von einem Schulkind oder in irgend einer Klinik, während der Ergo-Therapie oder dergleichen. Es hat Riefen und Macken wie so viele unserer Herzen, die schon eine Weile länger schlagen, es gefällt mir auf Anhieb und so werden wir Handels-einig. Selbst die Galgen-artige Befestigung hat etwas.

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 Zum Abschluss treffe ich noch einen vertrauten Menschen aus meiner Gruppe, wir gehen im SimonZ Kaffee trinken und schwatzen, ein guter Nachmittag geht zu Ende. Nun liegt mein neues Herz also hier auf dem Schreibtisch und wartet auf seine weitere Bestimmung. Ich werde es irgendwo festschrauben müssen, sonst geht unsere Lilit damit durch, soviel ist sicher. Sie steht schon am Start, spielt mit allem, was ihr passt, sicher auch mit Herzen aus Holz, derweil sie Herzen aus Fleisch und Blut eher wärmt und erfreut.

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Zurück zum Ursprung

Die Welt ist laut, Menschen lärmen, der innere Lärm tut sein übriges – um so wichtiger ist es, einen Ort der Kraft und Ruhe zu finden, an dem ich mich zurückziehen darf, wenn mir danach ist, auch mitten im größten Trubel. Eine Reise zu mir selbst, wenn ich in Versuchung komme, aufgrund des inneren oder äußeren Lärms außer mir zu geraten. Eine Reise zu einem Ort, wo ich so sein darf, wie ich gerade bin.

Der Eingang ist nicht einfach zu finden, die Tür, eingebettet in einer Umgebung gleich einem Steilhang in den Wupper-Bergen, Moos-bedeckt und mit Efeu bewachsen, passt sich perfekt ihrem Hintergrund an, sie lässt sich mehr erahnen als sehen. Hat sie sich erst einmal finden lassen, geht es hinab in die Tiefe. Eine enge Wendeltreppe führt steil nach unten, es gibt nur wenig Halt und Licht auf dem Weg, so dass beim Abstieg Achtsamkeit und Langsamkeit ebenso geboten sind wie das Vertrauen auf gute Führung.

Der Weg führt in einem Raum, weit unten, er lässt sich von außen mit den Händen spüren, um den Bauchnabel herum. Es herrscht dichter Nebel, der ängstigt und zunächst orientierungslos macht, zum verweilen und spüren anhält, derweil nur das leise Fallen von Wassertropfen zu vernehmen ist. Nach einer Weile bangen Wartens lichtet sich der Nebel, ein angenehm stiller, friedvoller Ort gibt sich zu erkennen. Ein Ort wie getaucht in warmen Licht tut sich auf, der zum ruhen einlädt, zum ruhen und so zu sein, wie ich gerade bin, mit allem, was mich gerade jetzt in diesem Moment ausmacht. Ein Ort zum gut-sein-lassen, wie immer sich das gerade auch anfühlen mag.

Keine Ruhe ist ewig, im irdischen Leben, und so wird es Zeit, wieder aufzubrechen, den Rückweg nach oben anzutreten, der nun zwar vertrauter ist als zuvor beim Abstieg, aber dennoch nur langsam zu gehen ist. Die dazu erforderliche Zeit hilft nicht nur den Weg zurück sicher zu beschreiten, sie hilft auch, die gerade gespürten Eindrücke zu bewahren, hinein in die Welt, die Realität genannt wird.

Bis zur nächsten Reise …

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Am Straßenrand

Der Feierabendverkehr wälzt sich lautstark und zäh den Berg hinauf Richtung Autobahn, während ich den Wagen aufschließe und mich hinein fallen lasse, bewegt noch vom Besuch gerade eben. Gerade als ich den Motor starten möchte, schauen mich durch das Beifahrerfenster vom Gehweg aus zwei etwas listige, aber freundliche, kleine Augen an. Sie gehören zu einer alten Dame, gebückt, mit Rollator.

Scheint jetzt gerade für mich DAS Thema zu sein … , geht mir durch den Kopf, während ich die Scheibe rechts herunter kurbele, mutmaßend, sie wolle vielleicht mitgenommen werden. Eine dünne, alte, langsame, aber bestimmte Stimme begrüßt mich freundlich und meint, sie sei 85 Jahre alt, würde in der Schönebecker wohnen und wollte zur Sparkasse, hätte aber irgendwie alles daheim vergessen. Nun wolle sie zu ihrer Freundin in der Nähe, ob sie ihr aushelfen könne, mit vier Euro, aber die sei nicht da …um das ganze abzukürzen, frage ich, ob sie Geld brauche.

“Ja, wenn sie so freundlich wären”, tönt es liebenswürdig in meine Richtung. Während ich wieder aussteige und einen Fünfer heraus krame, denke ich, wenn sie trickst, macht sie das ziemlich gut. Selbst, wenn die Geschichte erstunken und erlogen ist, sie möglicherweise solcher Art hier in der Nähe des Krankenhauses ihre Rente aufbessert, so hat sie zumindest eine Gage verdient ..

“Wo kommen Sie her ?” fragt sie. “Elberfeld”, sage ich. “Und was machen sie hier, waren Sie im Krankenhaus ?”, fragt sie weiter neugierig. Obgleich es sie nichts angeht, sage ich,”ja, der Vater”. “Geht es ihm nicht gut ?” fragt sie langsam, mich nicht aus den kleinen Augen lassend. “Nein”, sage ich, “er ist so alt wie Sie, krankes Herz, kranke Lunge …”  “Oh…”, sagt sie, sie wolle für ihn beten, ich sei ein Guter, hätte ihr sehr geholfen, und noch einmal wird sich überschwänglich bedankt.

Nachdem wir uns verabschiedet haben und ich die Heimfahrt angehe, denke ich, dass ein Gebet nie schaden kann, Fünfer hin, Fünfer her.

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Wesel – ein Kurzbesuch

Wir sind geschäftlich unterwegs, sozusagen. Hintergrund ist unser sehr kleines Auto mit nicht wirklich guten Möglichkeiten, ein Rad zu transportieren. Oben drauf mag ich nicht, hinten dran ginge, wäre aber recht teuer, und hinein geht selbst bei Demontage der Laufräder nicht wirklich ein ganzes Rad. Also soll es ein Faltrad sein, derweil ich in der unmittelbaren Umgebung so allmählich die meisten guten Wege kenne. Zudem kann man mit den Dingern (gefaltet) auch Bus fahren, ohne Gefahr zu laufen, von irgend einem eifrigen Fahrer stehen gelassen zu werden. So ein Teil, offeriert relativ günstig eben in Wesel, möchte ich gern erwerben.

Der Handel ist schnell getan und es geht an`s ausprobieren, was das verstauen im Auto betrifft. Nach einigen vergeblichen Versuchen habe ich den Kniff heraus, ein ganzes Faltrad klapperfrei in einem etwas größeren Handschuhfach verschwinden zu lassen - voilà, geht doch :)

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Das geschäftliche ist also getan, jetzt haben wir Zeit und können uns ein wenig umschauen. Die Innenstadt von Wesel ist nicht wirklich eine Reise wert, alles Nachkriegsbauten, selbst der Dom ist restauriert bzw .rekonstruiert, ebenso die Fassade des historischen Rathauses. Es gibt noch eine Zitadelle, die wir aus Zeitgründen aber aussparen. Wesel hat historisch eine lange Vergangenheit als Festung und Garnisonsstadt, was ihr gegen Ende des zweiten Weltkrieges im Zuge der letzten Schlachten fast vollständig die Existenz kostete.

Bei der Einfahrt in die Stadt nehme ich unweit unseres Standortes auf dem Navi Wasser wahr, das muss der Rhein sein. Das Wetter ist zwar stürmisch, aber etwas aufgelockert, und so gehen wir in der Aussicht auf ein paar gute Bilder zum Wasser. Wieder spüre ich die Macht dieses alten, riesigen Stromes, der sich hier auf der Zielgerade auf seinem Weg Richtung Nordsee befindet.

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Am Wasser sowie auf dem flachen Land fühle ich mich mit meiner höheren Macht am stärksten verbunden, warum auch immer. Der Niederrhein ist diesbezüglich genau richtig – die Jacke gut bis oben an geschlossen und den Kragen hoch geht es gegen den Wind, es ist ein unbeschreibliches Gefühl.

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Und wieder Zeitzeugen – die zum Kriegsende noch gesprengte alte Rheinbrücke zu Wesel, es muss einst ein mächtiges Bauwerk gewesen sein. Auf Wunsch des Militärs wurden weite Teile an Land nicht wie üblich auf Dämmen gebaut, sondern Hochwasser-unabhängig auf steinernen Viadukten, die heute noch vorhanden sind, leider für uns nicht gut sichtbar auf der anderen Rheinseite. Beim Anblick der Überreste überkommt mich wieder dieses wohlvertraute, beklemmende Gefühl, sowie die immer wieder spürbare Fassungslosigkeit der  letzten großen Katastrophe, die hier in Deutschland seinen Ursprung hatte.

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Lange her – andere setzen deutlich sichtbar wohlvertraute Zeichen der Liebe auf den Ruinen. Auch die Kunst kommt nicht zu kurz, der große Vogel hat, so scheint es, witterungsbedingt so etwas wie einen heiligen Schein.

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Zum Schluss noch Bilder, die für sich sprechen …

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Schon ein wenig Abschied

Gestern Abend galt es ein Geburtstagsgeschenk einzulösen. Zwei Eintrittkarten für ein Zusatzkonzert der Toten Hosen, für die Liebste und für mich. Mit dabei: Das große Kind samt Kumpel – das allein schon war Klasse. Selbst hätte ich mir nie vorstellen können, mit meinem Vater gemeinsam ein Rockkonzert zu besuchen und gemeinsam Spaß zu haben.

Das Mittel der Wahl zur Anreise war die Bahn – angesichts des zu erwartenden Verkehrschaos rund um die Düsseldorfer Merkur-Arena. Wir waren schon um kurz vor vier dort, ab vier war Einlass. Gegen halb sechs starteten die Vorgruppen, zunächst Düsseldorfer Lokalmatadore, die Rogers. Für meinen Geschmack ein wenig zu trashig, dagegen waren Feine Sahne Fischfilet echt Klasse. Mecklenburg kann also auch Musik und – der Sänger fand deutliche Worte zu dem, was man hierzulande als Rechtsruck bezeichnet. Respekt ! Als letzte Vorband spielten Billy Talent, laut, schnell, hart. Nicht so ganz meins, aber besser als die Nummer eins allemal.

Während dessen füllte sich die Bude, laut Hallenbetreiber liegt die Kapazität bei 66 000, mit Innenraumnutzung. Die Halle war fast ausverkauft … für mich war es schon sehr zwiespältig. Zuletzt bei so einem großen Fest war ich vor 21 Jahren, damals noch im alten Rheinstadion. Ein reichlich chaotischer Abend war das, mit allem, was so dazu gehörte. Leider auch mit einem tragischen Unglücksfall, von dem ich erst am nächsten Tag aus der Presse erfuhr. Jetzt also fand ich nüchtern dort hin, selbst den Tabak habe ich daheim gelassen (macht zu müde), angesichts der doch nicht unerheblichen Strapazen. Anreise, warten, insgesamt 5 Stunden Musik, Abreise, davon die meiste Zeit stehend. Man wird nicht jünger …

Im Zug schon jede Menge Freaks im gleichen Zustand wie ich vor gut zwei Jahrzehnten. Arsch voll, toll und laut. Skurril für mich, aber nicht befremdlich, da immer noch vertraut. In der Arena dann ging es vergleichsweise ruhig zu, wir standen hinten ziemlich mittig auf der Tribüne, gute Sicht und sehr geile Akustik, bei offenem Hallendach stimmte auch die Luft dabei, sehr zu meiner Freude. Ein wenig überraschend war schon, wie wenig Freaks sich so wie wir damals nach allen Regeln der Kunst abschädelten. Anstelle dessen mehr Familien, so Grauköppe wir wir samt Kinder. Reichlich vertreten auch die Mitvierziger, die die Hosen in den 90ern als Teenies schätzen gelernt hatten.

Das Repertoire – gut gemischt mit alten und neuen Stücken. Hoch professionell wie die Musik auch die Bühnenschau mit riesigen Video-Wänden, auf denen sehr gut gemachte Animationen zu sehen waren. Was macht all das mit mir, nüchtern, wie ich dabei stehe? Zunächst geht auch ausgelassen und fröhlich ohne Stoff, keine ganz so neue Erkenntnis, mittlerweile. Die neueren Stücke wie Tage wie diese sind nicht so meins, mir kam das Blut eher bei manchen Klassikern in Wallung.

Hier zum Beispiel, obgleich schon nah dran, an der 60 …

- In dem Kontext beste Grüße an T.G., hab`Friede, wo immer Du auch bist. Und auch Dir herzliche Grüße, G.W., so wie gestern schon kurz anderswo geschrieben. Hätte euch gefallen, der gestrige Abend !! -

 Oder hier …

Und hier erst … Gänsehaut pur.

Ebenso Gänsehaut inbegriffen, für einen Menschen, dem der Betrug von beiden Enden her bekannt ist …

Wenn ihr an etwas glauben wollt,
glaubt an euch selbst und nicht an uns …

Nichts mehr außer Erinnerung dagegen brachten mir die alten Sauflieder, die natürlich nicht fehlen durften, bei einem Heimspiel der Düsseldorfer. Zu viel passiert, mit mir, in all der Zeit. Zu viel hat sich bei anderen vergewahrheitet, in Sachen bis zum bitteren Ende.

Der Schädel, das Bandlogo – heute für mich eher ein Symbol der Vergänglichkeit, angesichts der vielen Jahre. Totenkult ? Nein, eher Gedenken. Verbunden mit dem Bewusstsein, ab und zu auch mal auf Gräbern tanzen zu dürfen.

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Die Fischverkäuferin

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Der Samstag ist sein Haushaltstag, an dem alles mögliche erledigt wird, was so unter der Woche liegen bleibt. Wenn es trocken ist, fährt er dann gern mit dem Rad in die Stadt, seit wieder ein kleines Auto vor der Türe steht, ist er da ein wenig bequem geworden. Dennoch liebt er das Radfahren, man ist halt anders unterwegs, wacher, offener irgendwie.

Sein Weg führt ihn regelmäßig in einem großen Supermarkt, so ein moderner Kaufladen in XXL. Dort hat es auch eine kleine Fischtheke, gleich daneben ist eine kleine Cafeteria mit Stehtischen und ein paar Hockern. Fisch liebt er, seit er kein Fleisch mehr isst. Fast noch mehr allerdings liebt er die Magie mancher Augenblicke, die zu spüren er erst spät in seinem Leben gelernt hat. Es sind dies meist unspektakuläre Momente des Alltags, die sich irgendwie entwickeln. Oder auch nicht.

Zauber der Gegenwart.

So wie seine fast schon regelmäßigen Begegnungen mit der jungen Dame von der Fischtheke. Sie ist vielleicht irgendwo Mitte oder Ende Zwanzig, dunkle, freundliche Augen, ihre Figur eher untersetzt und ausgesprochen weiblich, seine Ahnen nannten diesen Typ Frau gerne “gut dabei”. Das mittellange, dunkle Haar ist ein wenig streng nach hinten gebunden, was ihrer Arbeit geschuldet sein mag. Obgleich ihm dieser Typ Frau schon gefällt, sind es weniger die Äußerlichkeiten, sondern eher das Strahlen, was von dieser jungen Dame ausgeht. Etwas, was vielen Menschen seiner Generation abhanden gekommen ist. Etwas Frisches strömt von ihr aus, eine absichtslose Freundlichkeit und eine Offenheit, für die man entweder sehr jung sein oder sich zumindest so fühlen muss.

Immer, wenn er also Samstags durch den Laden schlendert, schaut er, ob sie vielleicht Dienst hat. Dann kauft er Fisch, obwohl gerade möglicherweise keiner gefragt ist. Oder er lässt es, wenn sie nicht da ist, so wichtig ist der Fisch auch wieder nicht. Manchmal sitzt sie auf einem Hocker nebenan in der Cafeteria und macht Pause. So wie neulich, er kommt um`s Eck und sieht sie herzhaft gähnen. Nicht so ein verstohlenes Gähnen mit vorgehaltener Hand, sondern das ganze Programm, mit ungeahnten Einblicken. Zeichen großer Müdigkeit und er schließt auf einen recht ausgedehnten Freitag Abend ihrerseits. Da tritt er verhalten von der Seite an sie heran und spricht mit dunkler, ernster Stimme leise in ihr Ohr:

“Oh Herr, sie will mich fressen!”

Großes Hallo und Gelächter ist die Folge, das Maß an Peinlichkeit ist nicht wirklich der Rede wert. Ein flüchtiger Wortwechsel, gegenseitige beste Wünsche für das Wochenende, und er geht weiter seines Weges. Aufdringlich will er nicht sein, liebevoll vergeben ist er außerdem auch. Es geht ihm nur um die Magie des Momentes. Schon lange sitzt er nicht mehr in seinem selbst gebauten Kokon, diesen Wall aus Bewusstseins-verändernden Mitteln, der ihm die Welt einst zum vermeintlich eigenem Schutz außen vor ließ.

Er ist berührbar geworden, in jeder Hinsicht, spürt Regen und Sonne gleichermaßen. Schönheit aller Art kann ihn wieder beeindrucken und staunen lassen, wie irgendwann damals, als Kind. An guten Tagen strahlt er darum Offenheit und Ruhe aus, an weniger guten Tagen übt er sich wenigstens in Achtsamkeit sich selbst, seinen Mitmenschen und den Dingen gegenüber, wenn auch nicht immer mit dem gewünschten Erfolg.

Neulich fragt ihn die junge Dame an so einem Samstag, was er denn mache, dass er immer so gut drauf daher komme, voller Elan und Freude irgendwie. Beruflich? fragt er ein wenig unsicher, und nachdem sie nickt, verrät er ihr sein Tagewerk als Industrieschauspieler in einer großen Fabrik. Ach, und das macht Ihnen so viel Freude, meint sie amüsiert. Nein, antwortet er, er sei nun in dem Augenblick genau so, weil sie so sei.

Spieglein, Spieglein, denkt er, während er kurz darauf sein Fahrrad packt und heiterer Stimmung heim fährt.

*

 

 

Höre alten Leuten zu …

Der Titel stammt aus meinem Lieblingsgedicht von Joseph Beuys, “Lass`dich fallen” oder auch “How to be an Artist”. Bei alten Frauen ist mir das meist recht leicht gefallen, viele von ihnen plaudern gerne, bei Gelegenheit. Ältere Männer sind anders. Die sind mehr für sich, glaube ich, in ihrer Welt aus reichlich Vergangenheit, der Gegenwart, und der sehr überschaubaren Zukunft.

Ausnahmen bestätigen das wohltuend, so wie heute Nachmittag. Getrieben von dem Wunsch, noch wenigstens ein Stündchen an die Luft zu kommen, in der Hoffnung, mein Kopfweh loszuwerden, fuhr ich bis zum alten Bahnhof Loh, an unserer Nordbahntrasse nebenan. Da saß er, mit schneeweißem Haar allein auf einer Bank unter dem alten Bahnsteigdach, schön im Schatten. Mit meiner hellen Haut liebe ich die Sonne auch nur begrenzt, also nehme ich neben ihm Platz.

Das Wetter – damit kommt man jetzt gerade immer in`s Gespräch. Toller Sommer, die armen Bauern, das wenige Getreide, aber das viele Obst. Was man alles heute gesund finden solle und wer da was von hätte. Früher war alles anders – eine Aussage, die ich mittlerweile nicht mehr spöttisch belächle, weil auch ich heute etwas von “früher” erzählen kann, wenn auch nicht so viel.

Die vielen fremden Menschen hier im Land – wäre nicht gut. Flucht kennt er, bei Kriegsende war er gerade vier Jahre jung und mit seiner Mutter von Oberschlesien über Regensburg hier her gekommen. Dort in Regensburg trafen die beiden den Vater, frisch aus der Kriegsgefangenschaft. Ohne Internet und Telefon, so richtig mit Fügung, wie er sagt. Da hat jemand geguckt, für uns ...Er ist im übrigen etwas fassungslos, das jeder Flüchtling ein Mobilphon hat, wie das sein könne. Mein Einwand, das diese Dinger ja halt die einzige Verbindung zur Heimat seien, und somit teils wichtiger als ein paar Schuhe, nimmt er schweigend hin.

Er erzählt von seiner Flucht, von den Russen. Den schlimmsten Fehler, sagt er, den man machen konnte, war, die Haustür abzuschließen, wenn sie kamen. Dann wurden sie wild, wie er sagt, und brachten alle um, die sie vorfanden. Verstehen Sie das, fragt er mich und blickt mich durchdringend an. Ich nicke stumm. Seine Mutter wusste das und riss darum Türen und Fenster auf, wenn sie kamen. Er wurde von den Soldaten stets misstrauisch beäugt, der kleine blonde Junge. Germanski, sagten sie, aber nicht feindselig. Der Offizier schlief dann auf dem Bett, mit Stiefeln an den Füßen. Er solle sie ruhig ausziehen, sagt die Mutter irgendwann zu ihm, worauf ihr eindringlich klar gemacht wurde, dass man jederzeit mit den Deutschen rechnete … es stirbt sich halt schneller, auf Socken.

Wir erzählen eine Menge, sitzen bestimmt eine gefühlte Stunde zusammen, während der Wind unter dem Bahnhofsdach etwas frösteln lässt. Ich erzähle von meinen Eltern, die hier in der Stadt aufgewachsen sind. Drei Generationen, sage ich, braucht es, um wieder mit der Welt klar zukommen, nach solchen Kriegen. Das mein großes Kind der erste in unserer Familie ist, der emotional nichts mehr damit zu tun hat.

Der alte Mann erzählt von seiner längst erwachsenen Tochter, die in England studierte. Die EU heute, die Reisefreiheit, die Politik, Assimilation, (er nennt es nicht so, meint aber das gleiche), der Seehofer – der im übrigen ja nicht so ganz unrecht hätte, mit dem, was er sagen täte. Die AfD und ihre potentielle Mehrheitsfähigkeit in der Gesellschaft, die Brüder im Geiste bei der FDP, was die Wirtschaftspolitik anginge, und so weiter.

Eh wir uns versahen, waren wir bei Hitler und Göbbels. Er wäre fassungslos, das die Menschen die zwei damals so verehrten, dat waren doch zwei ausgesprochen schäbbige Kerle, meint er, während ich sinniere, dass Dämonen keinem Schönheitsideal entsprechen müssen. Überhaupt, die Äußerlichkeiten sind sein Thema. Die von der Linken da, das wäre ja `ne Granate, und der Oskar wäre ein echter Glückspilz – wir lachen beide herzhaft, auch wenn er der Meinung ist, dass die Wagenknecht ja in der falschen Partei wäre. Das will ich nicht weiter vertiefen, obgleich es schon eine Erörterung wert gewesen wäre, die Frage nach der richtigen Partei, So langsam drängt auch die Zeit zum Aufbruch.

Wir verabschieden uns, mir gefällt sein kräftiger Händedruck. Vielleicht sieht man sich wieder hier, sagt er und keiner fragt den anderen nach den Namen. Irgendwie unwichtig.

Begegnungen die ich mag, denke ich, und fahre entspannt heim.

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