Kategorie-Archiv: Erinnerungen

Der stille Monat

So nennt man ihn, den November, mit seiner zunehmenden Dunkelheit und dem allgegenwärtigen Rückzug in der Natur. Auch die Seele begehrt nach einem gewissen Rückzug, Zeit für Einkehr, Innenschau oder Inventur, je nachdem, welchem Vokabular man näher steht.

Auf dem Tisch neben meiner Schlafstelle liegt stets so einiges umher, neben gewissen digitalen Toren zur weiten Welt auch immer mehrere Bücher, in denen ich je nach Gemütslage mal mehr, mal weniger lese. Derzeit warten dort zwei angelesene Exemplare auf mich, einmal „Finde deinen inneren Mönch“ von Tim Schlenzig, dem Autor des erfolgreichen Blog`s mymonk.de . Zum anderen der gedruckte Antipol dazu, „Das Liebesleben der Hyäne“ von Charles Bukowski, der auf wundersamen Wegen zu mir zurück gefunden hat. Zu Beginn meiner Abstinenz habe ich meine Bukowski-Sammlung an einem interessierteren Leser weiter gegeben, von daher ist es schon erstaunlich, wie anhänglich gewisse Literatur ist, ohne käuflich erworben worden zu sein.

Zur Besinnung, also der Jahreszeit entsprechend, passt natürlich die Suche nach dem inneren Mönch um Längen besser. Es liegt auch schon eine Weile dort, der November ist ja noch jung und mein Bedarf an spirituellen Ratgebern eigentlich im Laufe der Jahre mehr als gedeckt. Irgendwann ist es genug davon, dann geht es an`s ausprobieren via Versuch und Irrtum – Leben live sozusagen. Das Drehbuch dazu ist leider nicht im Fachhandel erhältlich und wird sowieso täglich aktualisiert.

Der innere Mönch also – habe ich mich noch ein weiteres Mal, inspiriert vom gelungenen Blog, zu einem solchen Seelenleitfaden verführen lassen. Ein Taschenbuch mit großen Buchstaben, was ein guter Trick ist, altersgerecht, sieht gut aus und es bedarf auf Seiten des Autors nicht ganz so viel Weisheit, ein kleines Buch zu füllen. Leider bin ich noch nicht über die ersten Seiten hinaus gekommen. Der Autor schildert zu Beginn seine unbefriedigende, berufliche Laufbahn und den Akt der Befreiung als Schriftsteller dann, gefolgt von der Aufforderung, jetzt endlich mal seine Träume zu leben, weil jeder Tag der letzte sein könnte. Dann – eine Doppelseite zum selber-ausfüllen, welcher Art die Träume so sind, was man als 8-jähriger so gemacht hat und wie man das wieder aufleben lassen könnte.

An der Stelle klappt der innere Mönch erst einmal mit einem lauten Geräusch wieder zu. Dem Autor bin ich nicht gram, der kennt mich ja nicht und hat wohl eher so standardisierte Kindheitsbilder vor Augen. Mir jedenfalls graust es bei der Vorstellung, noch einmal, und dann noch freiwillig, so zu sein wie damals.

Träume – lebe deinen Traum, heißt es allerorten. Wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, fällt mir nicht wirklich etwas dazu ein. Zu groß sind gewisse Sachzwänge, zumindest für einige Jahre noch so weiter zu machen wie bisher, also wie gehabt jagen und sammeln in meinem Dasein als Industrie-Schauspieler. Danach – für die Zeit nach dem Erwerbsleben gibt es bislang nur eine Ahnung … es soll von Herzen kommen und mit Menschen zu tun haben, nicht oder falls, dann nur untergeordnet, mit Technik. Kochen kann ich, und schreiben. Und nein, ich hasse Kochbücher …

Ein schöner Traum ist es, einfach mal alle Menschen einzuladen, die mir irgendwie am Herzen liegen, mit denen ich mich teils auch über große Entfernungen verbunden fühle, abseits von irgendwelchen gesellschaftlichen Zwängen und / oder eher destruktiven Gefühlen wie zum Beispiel Eifersucht. Was so gar nicht zu der Liebsten und meiner eher zurückgezogenen Lebensweise passt, aber dennoch eine schöne Vorstellung ist. Menschen wie A. zum Beispiel, mit der mich das Thema Genesung und Glaube verbindet. Oder M., mit der ich nächtelang philosophieren könnte. Oder die H. aus wärmeren Gefilden, sie weiß so viel über Kräuter, über Naturkunde, und wie man sich zu helfen weiß, nicht nur handwerklich. Oder R., vor dessen Art, die Welt über die Kinder zu einem etwas besseren Ort zu machen, ich großen Respekt habe. Der sich darum bestimmt gut mit der Liebsten verstehen würde. Oder, oder, Sorry, ich kann euch nicht alle hier aufzählen, die Liste würde sehr lang und für ein Treffen wäre ein Tag viel zu kurz.

Tja, lieber innerer Mönch, allen Anschein nach musst Du noch ein wenig warten. Bis dahin sorgt Buko zwar nicht unbedingt für mein Seelenheil, aber doch für eine gewisse Zerstreuung, das eine oder andere schmutzige Grinsen – und für Dankbarkeit, so nicht leben zu müssen.

Was auch seinen Wert hat.

*

 

Angefühlt

Nur das leise Rauschen der Therme ist zu hören, im Duo mit dem Ticken der Wanduhr. Küchenimpressionen, heute ohne die sonst übliche Radio-Berieselung. Gerade komme ich aus dem Bad, unser Vermieter hat dieser Tage am Waschbecken eine neue Mischbatterie einbauen lassen, die alte ging, verkalkt, wie sie war, sehr schwer. Bei der Gelegenheit wurde auch gleich der Durchlauferhitzer getauscht, der altersschwach vor sich hin tröpfelte.

Es ist noch ein wenig fremd, wie sich die neue Mischbatterie anfühlt. Kalt-Warm, und zwei Stufen Wasserdurchfluss, ein smarter Hebel, das ist wohl Standard heute. Funktion, Optik, Akustik, und – Haptik. Wie sich etwas anfühlt. In der Autoindustrie werden Unsummen in die Entwicklung gewisser Materialien gesteckt, die sich ansprechend anfühlen. Gemeinsam mit dem Umstand, das Auto fahren leider keine reine Kopfsache, sondern schwerst emotional aufgeladen ist, werden weitere Unsummen mit dem Ergebnis dieser Entwicklung verdient.

Auch ich bin so ein Mensch, dessen Wahrnehmungszentrum eindeutig das Gefühl ist, allem Ratio zum Trotze. Alles mögliche fasse ich an, um zu fühlen, was oder wie es ist. Eine klemmende Türe wird solcher Art ob ihrer klemmenden Stelle analysiert, ebenso ein Maschinenlauf durch Hand-auflegen und spüren der Vibrationen überwacht. Verschiedenartige Kunststoffe kann ich so unterscheiden, ebenso unsere beiden Kater, unabhängig vom Körperbau der beiden.

Auch Menschen fühlen sich an. Lange konnte ich nur mit Überwindung jemanden in den Arm nehmen, das hat sich Gott sei Dank im Laufe der Zeit gewandelt. Menschen, die mir in irgend einer Weise nahe stehen. Auch der Geruch spielt ein große Rolle. So wurde mir zum Beispiel glaubhaft überliefert, dass meine erste Grundschullehrerin nur auf Grund dessen einen guten Zugang zu mir hatte, weil sie gut roch.

Es ist schon irgendwie irre, wie sehr wir in unserem ach so aufgeklärten Zeitalter immer noch über die uralten Erbgüter unserer Evolution durch`s Leben geführt werden. Gerade Politik wird mit viel Gefühl gemacht, auch, wenn man uns unsere gewählten Vertreter gerne als Sachverständige präsentiert. Das mögen oder sollten sie auch sein, oder sich zumindest dorthin entwickeln. Spielt aber offensichtlich eine zunehmend untergeordnete Rolle, wo welche Talente schlummern. Manch einer wurde ohne einem großen Spektrum an Talenten sogar Staatspräsident… Es reicht den meisten also, berührt zu werden, wie auch immer.

Politik – da wollte ich nicht hin, jetzt, lässt sich aber auch nicht vermeiden, in dem Zusammenhang. Wie auch immer, mein Mittel der Wahl zur Orientierung bleibt das Gefühl, die Intuition, wie immer man das nennen mag. Nichts besonderes? Ich kann versichern, doch. Für mich zumindest, als ein Mensch, der Jahrzehnte Mittel eingesetzt hat, auch, um eben nichts oder zumindest weniger zu fühlen.

Sag`s mit Musik …
Achtung, Geschmackssache :)

*

 

 

 

5

Dieser Tage feiert der Wassertiger seinen ersten runden Geburtstag – 5 Jahre gibt es ihn schon. Entstanden aus Frust über eine damalige Blogger-Plattform, oder besser, über deren langsamen und qualvollen Tod. So, jetzt mach`s`et selbst. Die Geburt verlief glimpflich und natürlich auch ein wenig abenteuerlich – wer sich selbst hostet, muss sich natürlich um Belange kümmern, die sonst die Plattformen übernehmen. Was mal stressig ist und mal lehrreich, aber niemals langweilig ;)

So Zahlen – was sagt die Statistik? Bis dahin gab es ungefähr 67.000 Besucher, bei derzeit im Mittel rund 60 Besuchen am Tag. Davon waren und sind grob geschätzt die Hälfte Bots, die Einlass begehren, zwecks vermuteter dunkler Machenschaften. Realität im Netz eben.

Da bleiben immer noch ein Menge Menschen, die von den Suchmaschinen hierher gefunden haben – wobei manche Suchwörter mich mehr als einmal haben grinsen lassen. Dann gibt es eine auch recht stattliche Zahl derer, die mehr oder weniger regelmäßig hier gezielt reinschauen, sei es, weil sie vom Email-Abo geschubst werden oder von meiner Verlinkerei bei der Wupperpostille. Und ja, dort bin ich ebenso heimisch, weil eben niemand eine Insel ist, auch, wenn es sich dann und wann mal so anfühlt. Was für mich kein Widerspruch zu meiner grundsätzlichen Skepsis den großen Plattformen gegenüber darstellt. Und am Ende gibt es noch so knapp ein Dutzend ganz beharrlicher Leser-Innen, die hier regelmäßig kommentieren, was mich besonders freut.

Zeit, euch

Danke

zu sagen.

 Natürlich ist so ein Geburtstag auch Anlass, mal darüber nachzudenken, was ich hier eigentlich tue und ob das noch irgendwie vor mir selbst Bestand hat. Mal berichte ich, mal erzähle ich, mal übertreibe ich, mal freue ich über des Lebens heiterer List. Die Themen oder Lebensbereiche sind oft autobiographisch gefärbt, Mal schreibe ich selten, mal öfter, mal ernsthaft, mal stehe ich eher auf dem Rummel und jongliere mit Worten, um mich daran zu entzücken und euch zu unterhalten. Eitle Selbstdarstellerei? ja, manchmal auch das. Schwerer wiegt mir allerdings der Spiegel meiner selbst, wenn ich ab und zu alte Beiträge lese und mich frage, ob  und wenn in welcher Form ich mich von damals bis heute verändert haben mag. Manchmal kommen natürlich Zweifel, wie lange der Wassertiger wohl noch Bestand haben mag. Man wird sehen.

Erst einmal gibt es etwas zu feiern

Gut ist.

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Digitale Kupferstecher

Sie wurden stets misstrauisch beäugt, von der ehrenwerten Gesellschaft. Die Kupferstecher, galten sie doch bei allen Respekt vor ihren handwerklichen Fähigkeiten als verschlagene Nachmacher fremden geistigen Eigentums. Stets mit so einem halbseidenen Ruf behaftet, da man sich nie sicher sein konnte, ob sie ihr Geschick nicht beispielsweise zum Druck von Falschgeld missbrauchten. Mein Freund und Kupferstecher – diese halb scherzhafte Anrede ist uns bis heute erhalten geblieben, als Ausdruck der Wertschätzung eines ein wenig verschlagenen Bündnisses.

Die moderne Variante dieser historischen Künstler bedient sich an dem Stand der Technik von heute, dem 3D-Druck, der für viele erschwinglich geworden ist. Der Filmbericht aus dem fernen Kenia hier dreht sich um das Thema Ersatzteilbeschaffung für längst aus dem Handel verschwundene Haushaltsgeräte, bei denen der Zahn der Zeit zu irgendeinem Bruch geführt hat, Stichwort geplante Obsoleszenz. Ärgerlich gerade dann, wenn der „Rest“ der Technik an und für sich noch einen soliden Eindruck macht. In grauer Vorzeit gab es auch hierzulande Handwerker, die nicht nur Teile tauschen konnten, sondern sogar reparierten. Wenn allerdings der Geiz so geil ist, dass der Gesamtwert eines Gerätes gerade einmal einen halben Handwerksstundenlohn ausmacht, ist der Tod der heimischen Handwerkskunst vorprogrammiert.

In Afrika geht die Zeit anders. Beim dortigen Lohnniveau lohnt sich das reparieren noch, was zu echter Kreativität führen kann. Der 3D-Druck ist ja mittlerweile keine neuzeitliche Erfindung mehr, interessant ist vielmehr die Software, mit deren Hilfe Volumenmodelle oder ähnliche, verwertbare 3D-Geometrien erstellt werden können, ohne die kein Drucker weiß, was er tun soll. Überall dort, wo Festigkeit nicht die Hauptrolle spielt ( das „gedruckte“ Gebilde ist meist weniger fest als das Original), bietet sich der 3D-Druck an. Wären da nicht diese ganzen rechtlichen Aspekte, aber Afrika ist weit weg, selbst der lange Arm der deutschen Patentrechtsanwälte dürfte nicht bis zum schwarzen Kontinent reichen, zumal kein großer Reichtum lockt, vor Gericht.

Bei aller moderner Technik ist stets auch ein wenig kreatives basteln gefragt. Digitales basteln sozusagen. Mir ist das sehr vertraut, ist es doch seit langen schon fester Bestandteil meines Berufes als Werkzeugmacher. So wie damals, in der düsteren Solinger Hinterhofwerkstatt, als irgendwer Verzweifeltes aus einer benachbarten Klitsche gleicher Größe mit einer Handvoll Trümmer, die mal einen Schnittstempel oder den Teil einer Fertigungsanlage bildeten, vor mir stand. Der Fußboden glänzte von den vielen Tränen, derweil die Produktion stand.

Natürlich gab es von dem zerschossenen Teil weder eine Zeichnung oder gar Datensätze, die kamen erst ein wenig später in Mode. Damals wie heute dagegen ging es mit Messschieber, Radien- und Winkellehren und auch schon digitaler Tasttechnik auf den Werkzeugmaschinen zur Sache, um aus einer Handvoll Schrott mit der Hilfe geometrischer Grundkenntnisse verwertbare Geometrieketten aus Punkten, Linien und Kreisen zu machen. Skizzen waren dabei stets  hilfreich, sei es wie in grauer Vorzeit mit einem Stück Kreide auf einem Öl-verschmierten Werkstattboden oder auf der Rückseite von ausgedienten Kalenderblättern.

Heute wird natürlich hauptsächlich digital gezeichnet, gewerblich auf leistungsfähigen CADCAM-Systemen und privat eher auf den wesentlich kostengünstigeren Versionen für daheim. Das Prinzip ist seit je her gleich geblieben, nur die Handwerkskunst hat sich mit den Jahren gewandelt. Mir hat diese Art zu arbeiten stets Freude gemacht, regt sie doch den Geist an, auch mit Blick auf mögliche konstruktive Verbesserungen, um den nächsten Bruch möglicherweise vorzubeugen.

Handwerk eben, damals wie heute.

PS:

Das hier ist übrigens das digitale Abbild meines rechten Innenohres, entstanden für die Fertigung eines angepassten Gehörschutzes, einer so genannten Otoplastik. Vorlage war ein Wachsabdruck meiner Gehörgänge – bis vor nicht all zu langer Zeit wurden auf Grundlage dieser Abdrücke kleine Gießformen erstellt, heute geschieht die Herstellung nicht mehr mit Gießformen, sondern mit Hilfe von Scannern, STL-Dateien und schlussendlich eben 3D-Druckern.

ohr

Hat etwas, oder ?

Theoretisch könnte ich jetzt meine Innenohren oder besser gesagt, das Nichts namens Gehörgang mit dem Ohr drum herum – unbegrenzt vervielfältigen – wodurch ich aber leider auch nicht besser hören täte …

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Zeitreisen

Jemand spricht und ich sehe mich vor 5,15, 20, 30, oder 40 Jahren. Ein kurzer Anflug der Gefühle dieser Zeiten überfällt mich, Bilder steigen auf und verschwinden wieder. Sie klebt nicht, diese Erinnerung. Sie ist intensiv, aber flüchtig. Immer wieder dominiert die Gegenwart, was ich sehr beruhigend finde. Irgendwann spreche ich, wie ich es gewohnt bin in diesem Kreis. Von mir, von den eben aufgestiegenen Bildern und Erinnerungen, was wiederum dazu führen kann, dass mancher denkt, was spricht der nun von mir… So tun sich Parallelen auf, die uns verbinden, uns in den Pausen in den Arm nehmen lassen, uns das Gefühl geben, ausgewachsene Glückskinder zu sein, allen Herausforderungen des Lebens zum Trotze.

Erfahrung, Kraft, und Hoffnung teilen.
Eines von vielen Meetings.

Wenn ich still bin, bei mir und nicht vom Tagesgeschäft gefesselt, dann bekomme ich eine Ahnung, wie es einst ausschauen könnte, mein Leben. Mit dieser meiner Vergangenheit und Gegenwart. Mit diesen immer wiederkehrenden Bildern und Gefühlen, die nicht mehr ihre Macht besitzen, aber unauslöschbar zu mir gehören. Spannend daran ist allein die Frage, was ich in meinen täglichen Fristverlängerungen noch alles loslassen, reduzieren oder umwandeln darf. Tun, was ich kann, egal wo. So gehe ich jagen und sammeln und so schaue ich meine Abgründe, um nicht hinein zu fallen und um Brücken zu bauen.

Wünsche hätte ich so einige, aber da das Leben dazu neigt, bei manchen Wünschen nur leise zu kichern, bleibe ich dort, wo ich bin und mache das beste aus dem Tag. Eines wird mir immer klarer: Die Zeit läuft und das tägliche Klein-Klein ist es immer weniger wert, mich zu empören. Was mich nicht daran hindert, es gelegentlich wieder zu versuchen … um mich gleich darauf wieder einmal selbst zu fragen, ob es das nun wirklich wert war. In grob geschätzt drei von vier Fällen war es das eher nicht, im Nachgang betrachtet.

In dem Zusammenhang ist es für meine dunkle, bergische Grübler-Seele eine große Herausforderung, mir das Lachen zu bewahren, ohne in bitteren Sarkasmus oder gar Zynismus abzugleiten. Die Versuchung ist riesig, beim Anblick mancher Menschen braucht es keine Karikaturisten, vielleicht einen guten Fotografen oder einen guten Zeichner. Hilfreich ist es dann, mich an das andere Ende zu stellen, um zu spüren, was manch leise ätzende Rede wohl so alles anrichtet. Sagt der kleine Mann im Ohr dann immer noch “Ja”, kann es losgehen – wohl bekommt`s, hüben wie drüben. In der Königsklasse dieser Kunst gelingt es mir, Grenzen und Contenance zu wahren sowie der Versuchung, in Arroganz zu fallen, die Stirn zu bieten.

Der rote Faden jetzt und hier, in diesen Zeilen? So genau weiß ich das auch nicht, vielleicht gibt es keinen. Muss es auch nicht immer.

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Lose Tage

Der letzte Freitag hat seinem Namen mal alle Ehre gemacht, er war für mich arbeitsfrei. Das passt gut mit dem gegenwärtigen Wetter zusammen, kann ich doch einiges mit dem Rad erledigen. Nachdem die Liebste gestern am Bahnhof verabschiedet wurde, widmete ich mich den Dingen, die sonst eher Samstags dran sind. Einkäufe, Haushalt, sowie einige Erledigungen, die schon länger auf mich warteten.

So weit, so gut. Habe ich auf diese Weise ein entspanntes Wochenende hier daheim, mit zwei sehr schläfrigen Katern, mit denen lässt sich gut leben. Männerwirtschaft sozusagen. Der Laserpointer hat neue Batterien, Punkte jagen geht also wieder. Das muss sein, damit die beiden nicht in ihrer Traurigkeit versinken, in Abwesenheit ihres Lieblings-Menschen.

So ganz nebenbei habe auch ich einiges zu lachen, wenn die beiden durch die Bude schranzen. Das lenkt  mich von manchen trüben Gedanken ab, die nichts mit meinem derzeitigen Strohwitwer-Dasein zu tun haben. Das geht in Ordnung, weiß ich doch um ihre Beweggründe und auch dafür liebe ich sie. Früher – ja früher, da gab es immer irgendwelche äußeren Dramen, die manche Zustände  rechtfertigten. Die üblichen Leiden eines frisch Geschiedenen – Beziehungsdramen, Unterhaltskrimis, und so weiter. Nichts davon ist geblieben, mein Leben verläuft zumindest privat in geordneten Bahnen, so sagt man. Beruflich ist es nicht ganz so entspannt, aber mir wäre vermutlich recht fad, wenn alles rund laufen würde.

Geblieben ist neben manchen unruhigen, arg bebilderten Nächten dieses Gefühl von Traurigkeit und Verlassenheit, das schon immer zu mir gehörte, das mal mehr, mal weniger deutlich zu spüren ist. Der schwarze Vogel auf meiner Schulter, wir sind mittlerweile nicht gerade Freunde geworden, aber man arrangiert sich. Ich lasse ihm seinen Raum, aber Futter bekommt er nicht mehr.

Aktivitäten aller Art mag er nicht, der schwarze Vogel. Dann ist er still und lässt mich machen. Empörung schätzt er ebenso nicht, mit Adrenalin hat er es nicht so. Fatal wäre es aber, mich darum ständig empören zu wollen, das liegt mir fern, weil ungesund, lässt sich nur leider nicht immer vermeiden. Das hat in letzter Zeit viel mit der Kälte da draußen zu tun, und damit meine ich nicht die augenblicklichen frostigen Temperaturen. Sondern eher die Kälte mancher Zeitgenossen, die, selbst nicht gerade vom Schicksal gesegnet, den Menschen, denen es noch schlechter geht, nicht das schwarze unter dem Nagel gönnen. Dann wird es Zeit, den Fokus zu ändern. Nicht, dass ich mir die Welt dann schön denke, sondern ich schaue auf die Hoffnung in der Gestalt eben anderer Mitmenschen, auf manche Schönheit, die überall zu finden ist.

Dem förderlich ist das sonnige, wenn auch eiskalte Winterwetter derzeit. Angezogen wie eine Zwiebel setze ich mich auf`s Rad. Licht, Luft und Sonne sind die besten Mittel der Wahl, den schwarzen Vogel zu lüften. So geschehen auch gerade eben wieder, nach einem kurzen Abstecher in die Stadt mache ich mich auf dem Weg in Richtung Nordbahntrasse, die letzten Sonnenstrahlen einfangen. Als langjähriger Nutzer dieser unserer innerstädtischen Piste kenne ich die Ecken, wo es sich besonders lohnt zu verweilen, am frühen Morgen ebenso wie am späteren Abend.

So stehe ich auf der ehemaligen Deponie im Westen der Stadt, lasse mich vom eisigen Wind streicheln und staune. Ein Aufstieg, der sich lohnt …

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In der Küche

Wenn ich nichts mit mir anzufangen weiß, gehe ich in die Küche. Der Kühlschrank ist meistens gut gefüllt und irgendetwas gibt es immer zu tun, Vorräte machen Sinn und ich koche gerne. Dabei läuft Musik, oft Radio, gerne WDR5, Funkhaus Europa, DLF und vergleichbares. Meine erste Wahl, mich über das Zeitgeschehen zu informieren. Ab und zu allerdings gibt es nur Uninteressantes und auf die Mainstreamsender möchte ich nicht ausweichen. Dann kommt ein CD zum Einsatz, was nicht ganz ohne ist, derweil Musik doch oft mit Stimmung verbunden ist. Sie ist ein super Katalysator, das hervorzuholen, was gerade darauf wartet, an`s Licht kommen zu dürfen. Dem entsprechend fällt die Vorauswahl nicht gerade zufällig aus.

Meine letzte Anschaffung ist von Seasick Steve, YOU CAN´T TEACH AN OLD DOG NEW TRICKS, gebraucht, da neu nicht mehr für einen akzeptablen Preis zu erwerben. Der Titel impliziert altersbedingte Unbelehrbarkeit, aber so ganz trifft es das nicht. In dem Titelsong ist eher die Rede von Kapitulation vor dem, was ist, vor allem vor dem, was nicht zu ändern war oder ist. Auch ich gebe nicht (mehr) gerne den Don Quijote ab, das wirkt auch zunehmend lächerlich mit den Jahren.

Allein. Alle haben gut zu tun und ich kann sie alle gut verstehen. Mir geht es ja im Grunde ähnlich. der Beruf, das Leben kostet Energie, Energie, mit der gehaushaltet werden möchte, mit den Jahren. Die wenige Zeit, die bleibt, bekommen die, die mir am nächsten sind. Die Liebste. die Kinder, die Rest-Familie und sehr wenige sehr beharrliche Freunde, auch, wenn man sich nur alle Monate wieder mal sieht.

Allein ist nicht einsam, darum ist allein sein ganz in Ordnung. Es gibt kein Bedürfnis mehr, die Nähe von Menschen zu suchen, die bestenfalls hofiert werden möchten und sich ansonsten wenig um ihre Nächsten scheren. Allein sein, allein gelassen werden hatte früher für mich etwas furchtbares. Der Tod eines vertrauten Menschen ist in seiner Unwiderruflichkeit sozusagen die Königsklasse des allein-gelassen-werden. Er fragt niemanden, ob es ihm recht wäre, erst recht nicht diejenigen, die noch ein Weilchen bleiben müssen oder dürfen, je nach Sichtweise. In der Liga darunter sind die zahllosen Menschen, deren Wege sich irgendwann mit meinem kreuzten und die dann teilweise spurlos verschwanden.

Heute ist allein sein eine gute Gelegenheit, in mir Frieden zu finden. Und – wenn ich die Gesellschaft von Menschen suche, weiß ich, wo meine Jacke ist und wie die Tür aufgeht. Ein geschenktes Lächeln ist meistens drin, für mich und natürlich auch für die anderen.

In dem Sinne -
Have mercy with the lonely.

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Am See

Ein Zeltplatz, sehr schön gelegen an einem Bergsee irgendwo in Österreich. Er liebt das zelten mit den Eltern, die hier einiges anders sind als daheim. Weniger nervös und angespannt im Umgang miteinander, sie lassen ihm auch viel mehr Freiheiten als daheim. Kinder sind reichlich dort, auch in seinem Alter, also um die 8 oder 9 Lebensjahre vielleicht. Mal gibt es Tagesausflüge mit den Eltern, aber die meiste Zeit sind sie am See.

Daheim hat er kaum Freunde, dem kleinen Jungen fällt es sehr schwer, auf andere zu zugehen. Beim Camping ist das irgendwie alles anders, schnell findet er Kontakt mit den anderen Kindern am Platz. Dieses Jahr ist es allerdings wieder anders als in den Jahren zuvor. Ein paar Wohnwagen weiter campiert eine Familie mit einem Mädchen in seinem Alter, ebenso augenscheinlich ohne Geschwister. Die beiden finden schnell zueinander und verbringen ihre gesamte “freie”, also elternlose Zeit gemeinsam. Sei es mit gemeinsamen kleinen Ausflügen auf der bergwärts gelegenen Alm, die man so fein herunter rollen kann oder sei es direkt am Wasser, wo man am Ufer zwischen den Bäumen so herrlich spielen kann. Sie sind unzertrennlich, jeden Morgen nach dem Frühstück treffen sie sich, und selbst des Abends sind sie bis zum Anbruch der Dunkelheit noch für sich, derweil die Alten ebenso zusammen hocken, bei Kartenspiel, Grill und vielen Geschichten.

Es kommt, wie es kommen muss. Das Ende der Urlaubszeit naht und die Heimreise steht an. Es fließen Ströme von Tränen auf beiden Seiten und dann kehrt ein jeder dorthin zurück, wo er sich zuhause nennt. Der kleine Junge trauert noch ein Weile und “vergisst” dann dieses schöne Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Zuneigung und Freundschaft. Er schaut die beiden, die ihm sein späteres Bild von Mann und Frau vorleben, lernt von den beiden, lernt früh, sie zu fürchten, später dann zu verachten, manchmal auch zu hassen und sehr viel später dann, zu vergeben.

*

Gefühle können nicht vergessen werden, weiß der damalige kleine Junge heute. Sie sinken herab und schlafen nur, dringen nicht mehr in dem Bereich des Lebens, den wir Bewusstsein nennen. Sie lassen Menschen suchen, mitunter süchtig werden und die abenteuerlichsten Irrwege gehen, die furchtbarsten Verwechselungen durchleben, um vielleicht irgendwann wieder überraschend an`s Licht kommen zu dürfen.

*

Nachgerufen (2)

An deinem vorletztem Tag vor einem Jahr hatte ich Gelegenheit, mich von Dir zu verabschieden. Danke zu sagen. Du konntest kaum mehr sprechen und mein Herz war unendlich schwer, dich so zu sehen. Worte haben in solchen Augenblicken keine Bedeutung mehr. Darum jetzt und hier ein zweiter Versuch.

Mal davon abgesehen, dass wir uns in Sachen Neptun`sche Traumwelten sehr verbunden waren und einen ähnlichen Musik-Geschmack hatten – weißt Du, was darüber hinaus dauerhaft in meiner Erinnerung geblieben ist?

Dein bedingungsloses JA ohne Aber.

Das habe ich bis dahin nur selten erlebt. Ich, das übergewichtige Unkind mit den langen, fettigen Haaren und der unmöglichen Hornbrille. Schüchtern, total gehemmt, umgeben von einer von Angst beherrschten, inneren Welt, die nur im Suff erträglich wurde, damals. Mit 16. Heute würde man mich Nerd rufen, damals nannte man mich Psycho, was auch irgendwie passend war. Ein Psycho-Nerd also, der gerade das kalte Wasser der Schulzeit mit dem noch kälteren Wasser des beginnenden Berufslebens gewechselt hatte. Der nah am Wasser gebaute, der stets als letzter bei der Zusammenstellung der Völkerball-Mannschaft gerufen wurde.

Komm`mit, hast Du gesagt, und mich so genommen, wie ich war. Klingt für die meisten Menschen selbstverständlich, ich kann Dir versichern, das war es nicht und ist es nicht.

Danke nochmal.

Rock `N Roll in der Zehnten

Wie viel Vergangenheit schimmert in der Gegenwart ? Und – blieb eigentlich etwas zurück, von den endlosen versumpften Nächten, damals. Von der sinnfreien Zeit im Rausch. Zunächst einmal hat sich die Definition von sinnfrei verändert. Besser gesagt, in`s Gegenteil verkehrt. Sinnfrei war damals die öde Schufterei Wochentags, sinnfrei war irgendwie alles, was an das Leben der Alten erinnerte. So, wie aus heutiger Sicht die vielen komatösen Zustände sinnfrei scheinen.

Es blieb noch mehr zurück, aus dieser Zeit. Jede Menge Erinnerungen. Scham ? Manchmal auch das. Wobei heute die Dankbarkeit vorherrscht, anders leben zu dürfen. Überhaupt noch leben zu dürfen, weil schon einige von damals nicht mehr hier sind.

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Tatort: Das schwarze Hochhaus. Es gab und gibt bis heute nur das Eine im Dorf.
Tatzeit: Mitte bis Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Protagonisten: Der Lange, der Seibi (so kann das gehen, mit dem spitzen Namen, wenn man trinkt und gerne spontan laut lacht), und meine Wenigkeit. Einen spitzen Namen hatte ich natürlich auch, der allerdings meinen Familien-Namen verraten würde. Lasse ich darum mal dezent weg. Ansonsten neben dem Nordlicht, das irgendwie immer dabei war, noch wechselnde Nebendarsteller sowie gewisse Frauen, die nicht davon abzuhalten waren, uns Gesellschaft zu leisten.

Das schwarze Hochhaus. Es hatte seinen Namen von dem hübschen Versuch der damaligen Erbauer, dem elenden Plattenbau mit bergischen Schiefer ein wenig von der Tristesse zu nehmen. Ein Unterfangen, was nur von weitem betrachtet erfolgreich war. Sonst war und ist dieses Ding bestimmt bis heute das, was es immer schon war: Preisgünstiger Wohnraum für viele Menschen, viel zu dicht aufeinander gedrängt.

Laubengänge laufen rundherum, ich glaube, dort wohnen knapp 100 Parteien. Es kam öfter vor, dass jemand seinem Leben von dort aus ein Ende setze. Was unter den Überlebenden Volksfest-ähnliche Zustände provozierte. Man stand in Scharen auf den Gängen und diskutierte über mehrere Etagen lautstark das Geschehen (Whatsapp und das blaue Buch gab es ja noch nicht).

Weiter gab es damals dort einen Müllschlucker auf jeder Etage. Eine Einrichtung, die zu groben Unfug animierte, gerade kurz nach dem Jahreswechsel. Feuerwerk, von oben durch den Schlucker auf die Reise geschickt, sorgte für lustig aufspringende Klappen in den unteren Stockwerken.

Jedenfalls von oben betrachtet,

Von oben sah dort überhaupt so einiges anders aus. Seibis Bude war auf der Zehnten, eine überschaubare Zweiraum-Wohnung mit Balkon und gewaltigen Ausblick. Klassisches Wohnzimmer-Deko gab es dort eher wenig, dafür einige Seefahrer-Devotionalien als Erinnerung an die Marine. Und Musik natürlich. Vor allem Musik. Laut, schnell, hart. So, wie die Partys eben waren. Wie überhaupt das Lebensgefühl in diesen Tagen zwischen Fleisch und Fisch. Ausgedehnte Spät-Pubertät traf treusorgende Familienväter (wehe, wenn sie los gelassen). Traf Typen wie mich, die planlos ihre Zeit verschleuderten, mangels oder auch mit besseren Wissen.

Musik und Gier auf Rausch war der Kitt, der uns zusammen hielt. Der Lange und Seibi waren ausgesprochene Fußball-Fans, richtige Wohnzimmer-Hooligans, die komplett austicken konnten, wenn sich die Dinge auf dem Schirm nicht wie erhofft entwickelten.

Falls doch, dann ebenso.

Damit konnte ich nie wirklich etwas anfangen, allenfalls mit der Emotionalität meiner Kollegen, die mich faszinierte. Mit dem Langen verband mich über die Sauferei hinaus der gemeinsame Beruf, mit dem Seibi ein gemeinsamer Hang zur Philosophie, zu Hintergründigem, gerne verpackt in Liedermacher-Kunst.

Schräge Auftritte liebten wir alle. Die Moral konnten die Alten behalten, Arsch voll – toll. Arsch voller – toller. Rechts war Gas und rechts wurde überholt, Auf den gerne spontanen Feten sowieso. Im schwarzen Hochhaus erst recht. Die nötige Infrastruktur war vorhanden, für die regelmäßig eintretenden Notfälle (Bier alle, mitten in der Nacht) gab es Kappes, ein paar Hundert Meter weiter. (Achtung, spitzer Name, Kappes hieß eigentlich so ähnlich wie das leckere, heimische Wintergemüse)

Kappes hatte eine ehemalige Tankstelle umfunktioniert, in eine mehr oder weniger gut gehende Pommes-Schmiede, verbunden mit Kfz-Handel der unteren Kategorie und eben Flaschbier. Jenes war in der ehemaligen Werkstatt deponiert und wurde von einem räudigen Köter bewacht. Das arme Tier konnte Nachts nicht raus und ein ungeschriebenes Gesetz besagte: Kein Bier vom Kappes aus der Flasche trinken! Man konnte nie wissen … Bei besagten, nächtlichen Notständen wurde also Kappes aufgesucht, der auf der anderen Seite der Straße in einem netten Reihenhaus-Viertel lebte und lautstark geweckt. Die Sorge um Ärger mit den Nachbarn sowie die Aussicht auf ein gutes Geschäft trieben ihn dann meist zügig uns zu Diensten.

Die Nachbarn. Ein Thema für sich. Viele Jahre später war ich schon länger trocken und hatte Nachbarn, die mir in Sachen damaliger Lautstärke nicht nachstanden – alles kommt zurück im Leben. Was damals niemanden von uns interessierte. Der Nachbar unter Seibis Domizil hieß Henry. Henry hatte die Arschkarte, regelmäßig. Wenn ihm nicht gerade aus einem defekten Küchenabfluss stinkige Brühe in die Wohnung lief, hatte er verständliche Probleme mit der Nachtruhe. Damit war er nicht alleine, sicher. Meist kam er dann irgendwann hoch, wollte um etwas Ruhe bitten und wurde im Gegenzug zum mitsaufen eingeladen. Was auch meist ganz gut funktionierte. Kam Henry mal nicht, wurde er so lange von uns gerufen, bis er schlussendlich vor der Türe stand und gebührend empfangen wurde.

Geht doch.

Manchmal kamen auch ungebetene Gäste, damals noch gekleidet in dezentem Grün. Einmal sogar durch die geschlossene Türe, derweil niemand der Übrig-gebliebenen die Schelle hören konnte. War halt laut und alle waren Bären-voll. Dann war Schluss mit lustig, drohten die Herren doch mit Konfiszierung des musikalischen Equipment. Was gar nicht ging, verständlicher Weise.

Ärger war also in gewisser Weise vorprogrammiert. Nicht untereinander, nie. Der Feind trug Grün. Oder High-Heels. Wie schon eingangs erwähnt, gab es gewisse Frauen, die unbedingt dabei sein wollten. Sei es, um kräftig mit zu zechen (Roter mit Genever lief toll), sei es, um ein Minimum an Nähe zu dem geliebten Menschen zu leben. Das Objekt dieses nur zu verständlichen Wunsches war allerdings anderweitig beschäftigt, was schlussendlich schlechte Laune provozierte. Dann wurde gemault und im Gegenzug flog auch schon einmal ein Damenschuh zielsicher unter dem Gejohle der Bande durch die stets offene Balkon-Türe geradewegs Richtung Parterre. Außenbords gedrückt, maritim gesprochen.

Überhaupt, der Balkon. DER Versammlungsort für lautstarke Verabschiedungen frühzeitig aufgebrochener Gäste. Die zweite Wahl bei der Suche nach einem Ort der Erleichterung, wenn auf der Toilette gerade gevögelt wurde. Oder die erste Wahl, einfach so, weil`s lustig plätscherte. Sonnenschirme weiter unten waren darum bei den ersten Klängen der Musik meist schon zusammen gefaltet, um die Blumenkästen musste man sich angesichts des niedrigen Durchschnittsalters der Akteure keine Sorgen machen.

Zeitweise gehörten zur Wohnung noch zwei ausgewachsene, schwarze Kater, die auf ihre Weise mit im Geschehen involviert waren. Dazu muss angemerkt werden, dass das Bad leider recht klein ausgefallen war und die Katzentoilette darum in der guten Stube unter dem Esstisch stand. Der Schreiber kann versichern, am Morgen nach so manchen Nächten wurde spätestens nach den Verrichtungen der beiden genau das getan, was eigentlich nicht geplant war:
Kaffee und sonstige Nahrung wurden geschmäht…und das erste Bier des Tages aufgemacht.

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Schlussendlich möchte der Schreiber, der sich hier in der Rolle des Chronisten wiederfindet, betonen, dass er in keiner Weise stolz auf das Geschehen in jener Zeit ist. Er fühlt sich der Wahrheit verpflichtet, bevor das alles in gnädige Vergessenheit gerät. Was nicht ausschließt, dass gelegentlich ein leichter Hang zur Übertreibung mit ihm durchgegangen ist.

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