Kategorie-Archiv: Erinnerungen

In der Küche

Wenn ich nichts mit mir anzufangen weiß, gehe ich in die Küche. Der Kühlschrank ist meistens gut gefüllt und irgendetwas gibt es immer zu tun, Vorräte machen Sinn und ich koche gerne. Dabei läuft Musik, oft Radio, gerne WDR5, Funkhaus Europa, DLF und vergleichbares. Meine erste Wahl, mich über das Zeitgeschehen zu informieren. Ab und zu allerdings gibt es nur Uninteressantes und auf die Mainstreamsender möchte ich nicht ausweichen. Dann kommt ein CD zum Einsatz, was nicht ganz ohne ist, derweil Musik doch oft mit Stimmung verbunden ist. Sie ist ein super Katalysator, das hervorzuholen, was gerade darauf wartet, an`s Licht kommen zu dürfen. Dem entsprechend fällt die Vorauswahl nicht gerade zufällig aus.

Meine letzte Anschaffung ist von Seasick Steve, YOU CAN´T TEACH AN OLD DOG NEW TRICKS, gebraucht, da neu nicht mehr für einen akzeptablen Preis zu erwerben. Der Titel impliziert altersbedingte Unbelehrbarkeit, aber so ganz trifft es das nicht. In dem Titelsong ist eher die Rede von Kapitulation vor dem, was ist, vor allem vor dem, was nicht zu ändern war oder ist. Auch ich gebe nicht (mehr) gerne den Don Quijote ab, das wirkt auch zunehmend lächerlich mit den Jahren.

Allein. Alle haben gut zu tun und ich kann sie alle gut verstehen. Mir geht es ja im Grunde ähnlich. der Beruf, das Leben kostet Energie, Energie, mit der gehaushaltet werden möchte, mit den Jahren. Die wenige Zeit, die bleibt, bekommen die, die mir am nächsten sind. Die Liebste. die Kinder, die Rest-Familie und sehr wenige sehr beharrliche Freunde, auch, wenn man sich nur alle Monate wieder mal sieht.

Allein ist nicht einsam, darum ist allein sein ganz in Ordnung. Es gibt kein Bedürfnis mehr, die Nähe von Menschen zu suchen, die bestenfalls hofiert werden möchten und sich ansonsten wenig um ihre Nächsten scheren. Allein sein, allein gelassen werden hatte früher für mich etwas furchtbares. Der Tod eines vertrauten Menschen ist in seiner Unwiderruflichkeit sozusagen die Königsklasse des allein-gelassen-werden. Er fragt niemanden, ob es ihm recht wäre, erst recht nicht diejenigen, die noch ein Weilchen bleiben müssen oder dürfen, je nach Sichtweise. In der Liga darunter sind die zahllosen Menschen, deren Wege sich irgendwann mit meinem kreuzten und die dann teilweise spurlos verschwanden.

Heute ist allein sein eine gute Gelegenheit, in mir Frieden zu finden. Und – wenn ich die Gesellschaft von Menschen suche, weiß ich, wo meine Jacke ist und wie die Tür aufgeht. Ein geschenktes Lächeln ist meistens drin, für mich und natürlich auch für die anderen.

In dem Sinne -
Have mercy with the lonely.

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Am See

Ein Zeltplatz, sehr schön gelegen an einem Bergsee irgendwo in Österreich. Er liebt das zelten mit den Eltern, die hier einiges anders sind als daheim. Weniger nervös und angespannt im Umgang miteinander, sie lassen ihm auch viel mehr Freiheiten als daheim. Kinder sind reichlich dort, auch in seinem Alter, also um die 8 oder 9 Lebensjahre vielleicht. Mal gibt es Tagesausflüge mit den Eltern, aber die meiste Zeit sind sie am See.

Daheim hat er kaum Freunde, dem kleinen Jungen fällt es sehr schwer, auf andere zu zugehen. Beim Camping ist das irgendwie alles anders, schnell findet er Kontakt mit den anderen Kindern am Platz. Dieses Jahr ist es allerdings wieder anders als in den Jahren zuvor. Ein paar Wohnwagen weiter campiert eine Familie mit einem Mädchen in seinem Alter, ebenso augenscheinlich ohne Geschwister. Die beiden finden schnell zueinander und verbringen ihre gesamte “freie”, also elternlose Zeit gemeinsam. Sei es mit gemeinsamen kleinen Ausflügen auf der bergwärts gelegenen Alm, die man so fein herunter rollen kann oder sei es direkt am Wasser, wo man am Ufer zwischen den Bäumen so herrlich spielen kann. Sie sind unzertrennlich, jeden Morgen nach dem Frühstück treffen sie sich, und selbst des Abends sind sie bis zum Anbruch der Dunkelheit noch für sich, derweil die Alten ebenso zusammen hocken, bei Kartenspiel, Grill und vielen Geschichten.

Es kommt, wie es kommen muss. Das Ende der Urlaubszeit naht und die Heimreise steht an. Es fließen Ströme von Tränen auf beiden Seiten und dann kehrt ein jeder dorthin zurück, wo er sich zuhause nennt. Der kleine Junge trauert noch ein Weile und “vergisst” dann dieses schöne Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Zuneigung und Freundschaft. Er schaut die beiden, die ihm sein späteres Bild von Mann und Frau vorleben, lernt von den beiden, lernt früh, sie zu fürchten, später dann zu verachten, manchmal auch zu hassen und sehr viel später dann, zu vergeben.

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Gefühle können nicht vergessen werden, weiß der damalige kleine Junge heute. Sie sinken herab und schlafen nur, dringen nicht mehr in dem Bereich des Lebens, den wir Bewusstsein nennen. Sie lassen Menschen suchen, mitunter süchtig werden und die abenteuerlichsten Irrwege gehen, die furchtbarsten Verwechselungen durchleben, um vielleicht irgendwann wieder überraschend an`s Licht kommen zu dürfen.

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Nachgerufen (2)

An deinem vorletztem Tag vor einem Jahr hatte ich Gelegenheit, mich von Dir zu verabschieden. Danke zu sagen. Du konntest kaum mehr sprechen und mein Herz war unendlich schwer, dich so zu sehen. Worte haben in solchen Augenblicken keine Bedeutung mehr. Darum jetzt und hier ein zweiter Versuch.

Mal davon abgesehen, dass wir uns in Sachen Neptun`sche Traumwelten sehr verbunden waren und einen ähnlichen Musik-Geschmack hatten – weißt Du, was darüber hinaus dauerhaft in meiner Erinnerung geblieben ist?

Dein bedingungsloses JA ohne Aber.

Das habe ich bis dahin nur selten erlebt. Ich, das übergewichtige Unkind mit den langen, fettigen Haaren und der unmöglichen Hornbrille. Schüchtern, total gehemmt, umgeben von einer von Angst beherrschten, inneren Welt, die nur im Suff erträglich wurde, damals. Mit 16. Heute würde man mich Nerd rufen, damals nannte man mich Psycho, was auch irgendwie passend war. Ein Psycho-Nerd also, der gerade das kalte Wasser der Schulzeit mit dem noch kälteren Wasser des beginnenden Berufslebens gewechselt hatte. Der nah am Wasser gebaute, der stets als letzter bei der Zusammenstellung der Völkerball-Mannschaft gerufen wurde.

Komm`mit, hast Du gesagt, und mich so genommen, wie ich war. Klingt für die meisten Menschen selbstverständlich, ich kann Dir versichern, das war es nicht und ist es nicht.

Danke nochmal.

Rock `N Roll in der Zehnten

Wie viel Vergangenheit schimmert in der Gegenwart ? Und – blieb eigentlich etwas zurück, von den endlosen versumpften Nächten, damals. Von der sinnfreien Zeit im Rausch. Zunächst einmal hat sich die Definition von sinnfrei verändert. Besser gesagt, in`s Gegenteil verkehrt. Sinnfrei war damals die öde Schufterei Wochentags, sinnfrei war irgendwie alles, was an das Leben der Alten erinnerte. So, wie aus heutiger Sicht die vielen komatösen Zustände sinnfrei scheinen.

Es blieb noch mehr zurück, aus dieser Zeit. Jede Menge Erinnerungen. Scham ? Manchmal auch das. Wobei heute die Dankbarkeit vorherrscht, anders leben zu dürfen. Überhaupt noch leben zu dürfen, weil schon einige von damals nicht mehr hier sind.

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Tatort: Das schwarze Hochhaus. Es gab und gibt bis heute nur das Eine im Dorf.
Tatzeit: Mitte bis Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Protagonisten: Der Lange, der Seibi (so kann das gehen, mit dem spitzen Namen, wenn man trinkt und gerne spontan laut lacht), und meine Wenigkeit. Einen spitzen Namen hatte ich natürlich auch, der allerdings meinen Familien-Namen verraten würde. Lasse ich darum mal dezent weg. Ansonsten neben dem Nordlicht, das irgendwie immer dabei war, noch wechselnde Nebendarsteller sowie gewisse Frauen, die nicht davon abzuhalten waren, uns Gesellschaft zu leisten.

Das schwarze Hochhaus. Es hatte seinen Namen von dem hübschen Versuch der damaligen Erbauer, dem elenden Plattenbau mit bergischen Schiefer ein wenig von der Tristesse zu nehmen. Ein Unterfangen, was nur von weitem betrachtet erfolgreich war. Sonst war und ist dieses Ding bestimmt bis heute das, was es immer schon war: Preisgünstiger Wohnraum für viele Menschen, viel zu dicht aufeinander gedrängt.

Laubengänge laufen rundherum, ich glaube, dort wohnen knapp 100 Parteien. Es kam öfter vor, dass jemand seinem Leben von dort aus ein Ende setze. Was unter den Überlebenden Volksfest-ähnliche Zustände provozierte. Man stand in Scharen auf den Gängen und diskutierte über mehrere Etagen lautstark das Geschehen (Whatsapp und das blaue Buch gab es ja noch nicht).

Weiter gab es damals dort einen Müllschlucker auf jeder Etage. Eine Einrichtung, die zu groben Unfug animierte, gerade kurz nach dem Jahreswechsel. Feuerwerk, von oben durch den Schlucker auf die Reise geschickt, sorgte für lustig aufspringende Klappen in den unteren Stockwerken.

Jedenfalls von oben betrachtet,

Von oben sah dort überhaupt so einiges anders aus. Seibis Bude war auf der Zehnten, eine überschaubare Zweiraum-Wohnung mit Balkon und gewaltigen Ausblick. Klassisches Wohnzimmer-Deko gab es dort eher wenig, dafür einige Seefahrer-Devotionalien als Erinnerung an die Marine. Und Musik natürlich. Vor allem Musik. Laut, schnell, hart. So, wie die Partys eben waren. Wie überhaupt das Lebensgefühl in diesen Tagen zwischen Fleisch und Fisch. Ausgedehnte Spät-Pubertät traf treusorgende Familienväter (wehe, wenn sie los gelassen). Traf Typen wie mich, die planlos ihre Zeit verschleuderten, mangels oder auch mit besseren Wissen.

Musik und Gier auf Rausch war der Kitt, der uns zusammen hielt. Der Lange und Seibi waren ausgesprochene Fußball-Fans, richtige Wohnzimmer-Hooligans, die komplett austicken konnten, wenn sich die Dinge auf dem Schirm nicht wie erhofft entwickelten.

Falls doch, dann ebenso.

Damit konnte ich nie wirklich etwas anfangen, allenfalls mit der Emotionalität meiner Kollegen, die mich faszinierte. Mit dem Langen verband mich über die Sauferei hinaus der gemeinsame Beruf, mit dem Seibi ein gemeinsamer Hang zur Philosophie, zu Hintergründigem, gerne verpackt in Liedermacher-Kunst.

Schräge Auftritte liebten wir alle. Die Moral konnten die Alten behalten, Arsch voll – toll. Arsch voller – toller. Rechts war Gas und rechts wurde überholt, Auf den gerne spontanen Feten sowieso. Im schwarzen Hochhaus erst recht. Die nötige Infrastruktur war vorhanden, für die regelmäßig eintretenden Notfälle (Bier alle, mitten in der Nacht) gab es Kappes, ein paar Hundert Meter weiter. (Achtung, spitzer Name, Kappes hieß eigentlich so ähnlich wie das leckere, heimische Wintergemüse)

Kappes hatte eine ehemalige Tankstelle umfunktioniert, in eine mehr oder weniger gut gehende Pommes-Schmiede, verbunden mit Kfz-Handel der unteren Kategorie und eben Flaschbier. Jenes war in der ehemaligen Werkstatt deponiert und wurde von einem räudigen Köter bewacht. Das arme Tier konnte Nachts nicht raus und ein ungeschriebenes Gesetz besagte: Kein Bier vom Kappes aus der Flasche trinken! Man konnte nie wissen … Bei besagten, nächtlichen Notständen wurde also Kappes aufgesucht, der auf der anderen Seite der Straße in einem netten Reihenhaus-Viertel lebte und lautstark geweckt. Die Sorge um Ärger mit den Nachbarn sowie die Aussicht auf ein gutes Geschäft trieben ihn dann meist zügig uns zu Diensten.

Die Nachbarn. Ein Thema für sich. Viele Jahre später war ich schon länger trocken und hatte Nachbarn, die mir in Sachen damaliger Lautstärke nicht nachstanden – alles kommt zurück im Leben. Was damals niemanden von uns interessierte. Der Nachbar unter Seibis Domizil hieß Henry. Henry hatte die Arschkarte, regelmäßig. Wenn ihm nicht gerade aus einem defekten Küchenabfluss stinkige Brühe in die Wohnung lief, hatte er verständliche Probleme mit der Nachtruhe. Damit war er nicht alleine, sicher. Meist kam er dann irgendwann hoch, wollte um etwas Ruhe bitten und wurde im Gegenzug zum mitsaufen eingeladen. Was auch meist ganz gut funktionierte. Kam Henry mal nicht, wurde er so lange von uns gerufen, bis er schlussendlich vor der Türe stand und gebührend empfangen wurde.

Geht doch.

Manchmal kamen auch ungebetene Gäste, damals noch gekleidet in dezentem Grün. Einmal sogar durch die geschlossene Türe, derweil niemand der Übrig-gebliebenen die Schelle hören konnte. War halt laut und alle waren Bären-voll. Dann war Schluss mit lustig, drohten die Herren doch mit Konfiszierung des musikalischen Equipment. Was gar nicht ging, verständlicher Weise.

Ärger war also in gewisser Weise vorprogrammiert. Nicht untereinander, nie. Der Feind trug Grün. Oder High-Heels. Wie schon eingangs erwähnt, gab es gewisse Frauen, die unbedingt dabei sein wollten. Sei es, um kräftig mit zu zechen (Roter mit Genever lief toll), sei es, um ein Minimum an Nähe zu dem geliebten Menschen zu leben. Das Objekt dieses nur zu verständlichen Wunsches war allerdings anderweitig beschäftigt, was schlussendlich schlechte Laune provozierte. Dann wurde gemault und im Gegenzug flog auch schon einmal ein Damenschuh zielsicher unter dem Gejohle der Bande durch die stets offene Balkon-Türe geradewegs Richtung Parterre. Außenbords gedrückt, maritim gesprochen.

Überhaupt, der Balkon. DER Versammlungsort für lautstarke Verabschiedungen frühzeitig aufgebrochener Gäste. Die zweite Wahl bei der Suche nach einem Ort der Erleichterung, wenn auf der Toilette gerade gevögelt wurde. Oder die erste Wahl, einfach so, weil`s lustig plätscherte. Sonnenschirme weiter unten waren darum bei den ersten Klängen der Musik meist schon zusammen gefaltet, um die Blumenkästen musste man sich angesichts des niedrigen Durchschnittsalters der Akteure keine Sorgen machen.

Zeitweise gehörten zur Wohnung noch zwei ausgewachsene, schwarze Kater, die auf ihre Weise mit im Geschehen involviert waren. Dazu muss angemerkt werden, dass das Bad leider recht klein ausgefallen war und die Katzentoilette darum in der guten Stube unter dem Esstisch stand. Der Schreiber kann versichern, am Morgen nach so manchen Nächten wurde spätestens nach den Verrichtungen der beiden genau das getan, was eigentlich nicht geplant war:
Kaffee und sonstige Nahrung wurden geschmäht…und das erste Bier des Tages aufgemacht.

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Schlussendlich möchte der Schreiber, der sich hier in der Rolle des Chronisten wiederfindet, betonen, dass er in keiner Weise stolz auf das Geschehen in jener Zeit ist. Er fühlt sich der Wahrheit verpflichtet, bevor das alles in gnädige Vergessenheit gerät. Was nicht ausschließt, dass gelegentlich ein leichter Hang zur Übertreibung mit ihm durchgegangen ist.

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Betrug und Verrat

Im Geschäftsleben und in der Politik ist es beinahe alltäglich. Menschen sind so, erfüllt von Egoismus und Gier. Nicht alle, aber gerade unter den Mächtigen eben viele. Sonst wären sie nicht so mächtig geworden.

Anders ist es, wenn ich lese, bei befreundeten Bloggern. Von Verrat, von Ehebruch, von Untreue. Oder wenn ich es höre, im Freundes- und Bekanntenkreis. Es bewegt mich, versetzt mir eine Stich, weil ich mich erinnere, an meine Vergangenheit. Diese ist zwar vergangen, bestimmt aber, ob ich will oder nicht, meine Gegenwart.

Untreue ist ein Seil mit zwei Enden. Mal war ich an dem einen, mal an dem anderen Ende. Ich durfte beide Seiten schmecken, fühlen. Das klingt geläuterter, als es ist. Dahinter steckt aber eine einfache Erkenntnis, die es in sich hat: Ich komme schlicht nicht weg von mir. Mein ganzes Leben war bestimmt von der Suche nach Intensität, nach der Wucht. Nicht nur, um den Moment auszukosten. auch, um diese Leere nicht zu spüren, diese Verlassenheit. Es ist nicht nur der innige Wunsch, niemanden mehr solche Schmerzen zuzufügen. Es ist auch die tiefe Erkenntnis, dass es kein Entrinnen gibt, vor mir selbst. Dass jedes Manöver, das dem Teil in mir mit den losen Nervenenden, dem zeternden kleinen Jungen, kurzfristige Erfüllung vorgaukelt, früher oder später zu Ende geht und mich desolater zurück lässt als zuvor.

Es gibt auch eine andere Form der Intensität. Sie ist leiser, man muss gut hinhören. Zwar hat sie nicht das Potential für den Kick und sie steht auch nicht immer gleichermaßen zur Verfügung, im Alltag. Sie hat etwas mit Liebe zu allen, was lebt, zu tun. Täglich bekomme ich einen Eindruck davon, wenn wir uns daheim aus unseren Tag erzählen. Langsam fange ich an, zu verstehen …

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Passend zur Jahreszeit

Wieder der Monat November, wieder die langen Nächte, die kurzen Tage sowie das usselige Wetter. So oft wie diese Woche bin ich auf meinen täglichen Wegen mit dem Rad schon lange nicht mehr nass geworden. Zum Ausgleich gab es dafür heute Nachmittag zwischen zwei Schauern ein paar Sonnenstrahlen, auf meinem Heimweg.

Analog zum Wetter gestalten sich die Befindlichkeiten. Müdigkeit macht sich breit, verursacht durch viel Arbeit in einem turbulenten, beruflichen Umfeld, gepaart mit den nutzlosen, aber leider existenten Sorgen um die letzten Jahre der Erwerbstätigkeit. Wobei derartige Grübeleien, wenn sie schon nicht abzustellen sind, Gott sei Dank heute aufgrund ihrer Nutzlosigkeit nicht lange andauern.

Wenn`s mehr nicht ist.

Es gab ganz andere Zeiten. Zeiten, in denen ich bis in`s Mark geschüttelt wurde, auch durch äußere Umstände, die meinem Unvermögen geschuldet waren, mich selbst so anzunehmen, wie ich nun einmal war. Gerade im November. Habe ich heute schon mal schlechte Tage, erinnere ich mich an damals, als ich schlechte Jahre hatte.

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Dieser Findling ist eine Erinnerung an diese Zeit, die voll von Verzweiflung und Ängsten war. Ein Geschenk von der Bildhauerin C.K., die ihre Gefühle mit Geschick und viel Beharrlichkeit in den Marmor gehauen hat. Wege, die sich kreuzten. für ein Weile.

Einer, der die Wechselfälle des Lebens und die selbst gespannten Fallstricke anrührend in Worte und Melodie fassen konnte, war (und ist bis heute) Hannes Wader, ein Liedermacher alter Schule. Ganz selten höre ich ihn, der aus der Zeit gefallen scheint, heute. Wobei seine Lieder an Aktualität nichts eingebüßt haben.

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Piccolo

Nicht, das ich sie wirklich sehen könnte, sie sitzt im Zug schräg vor mir. Es dämmert, und die Zugscheiben geben Spiegelbilder frei, die sich mit dem Blick durch den schmalen Spalt zwischen den Sitzen zu einem etwas größeren Bildausschnitt ergänzen.

Gepflegt wirkt sie, deren Alter schwer zu schätzen ist. Sauber und modisch gekleidet verbringt sie viel Zeit während der Reise mit ihren Fingernägeln, die über einem sorgsam ausgebreiteten Tuch akkurat gefeilt werden. Sie ist sehr schlank, so das ihr leicht gedunsenes Gesicht nicht recht zu ihrer Figur passen will. Zunächst spüre ich nur, das sie schwitzt, obwohl es im Abteil eher kühl ist.

Sie ist routiniert. Die Flasche steckt verschämt hinter einer Zeitung im Gepäcknetz der Sitzlehne. Sie hat zwei Handtaschen, eine ganz unverdächtige typische Damenhandtasche sowie eine zweite, die problemlos als Beautycase durchgeht, modisch anzuschauen. Das ist ihr Depot, sie ist meisterlich in der Kunst, fast geräuschlos eine leere Flasche gegen eine volle zu tauschen. Regelmäßig nimmt sie einen Schluck, nach einem genau festgelegten Zeitplan. Einem Zeitplan, den ihre Besatzer vorgeben, jene stillen Machthaber, die bei körperlicher Gewöhnung an Alkohol den Takt vorgeben. Der Spiegel will gehalten werden, ohne dem das Leben zur Hölle wird.

So, wie alles einem genau festgelegtem Plan zu folgen scheint. Immer wieder der Whatsapp-Check auf dem Smartphon, wieder Maniküre, wieder ein kleiner Schluck. Nur ein Telefonat, offensichtlich mit einem Kind, unterbricht die Routine, ebenso ein kurzes Nickerchen mit den gefalteten, makellosen Händen.

Gern hätte ich mit ihr gesprochen, wohl wissend, wie fruchtlos solche Gespräche in der Regel verlaufen. Hätte ihr gerne von mir erzählt, von dem nassen Säufer, der ich einst war. Der zum Ende hin auch beinahe den unheimlichen Machthabern zum Opfer gefallen wäre, die bei Nichtbeachtung Schweißausbrüche und lose flatternde Nervenenden produzieren.

Was bleibt, ist die Gewissheit, das jeder Mensch seinen eigenen Zeitplan Gottes in sich trägt. Als wir aussteigen, bleibt sie sitzen. Fast schon symbolisch. Viele steigen nie aus, gehen diesen Weg bis zum Ende. Was mir bleibt, ist tiefe Dankbarkeit, anders leben zu dürfen einerseits sowie die Bitte an unseren Schöpfer, ihr beim aussteigen behilflich sein zu können.

Falls es sein Wille ist.

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Stimmungslage

Hausarbeit muss sein, vorzugsweise Samstags. Ein Rundumschlag mit dem Staubsauger nimmt in etwa eine gute Stunde in Anspruch, manchmal mache ich das in tiefster Ruhe mit Gehörschutz, manchmal mit DER Segnung der schönen neuen Zeit, dem Smartphon samt Kopfhörer. Den kleinen externen Speicherchip habe ich mit einer bunten Mischung an Musik aus meinem Festplatten-Fundus gefüttert und wähle gerne, so wie heute, willkürlich ein Album aus.

Dann wird geweckt, was hinaus möchte, Musik ist für mich ein guter Katalysator, um manche Gefühlslagen an die Oberfläche zu bringen. Heute fiel meine Wahl auf die Band Thin White Rope, eine US-amerikanische Desert-Rock-Truppe, die von 1984 bis 1992 Bestand hatte.

Dann sehe ich mich, mit Anfang 20 vielleicht, rotzig-trotzig mit meinesgleichen die Straßen lang laufen, die selbstverständlich uns gehörten, das Kinn nach vorne gereckt und mit den Hacken auftretend. Das Alter eben, das zur Farbe ROT gut passt, rot wie mein Blut, das damals fein mit THC und Alkohol angereichert war. Ein Bild aus längst vergangenen Tagen, das mit meiner Lebens-Realität von heute nicht mehr viel zu tun hat.

Zwar trage ich immer noch das Zeug von damals, erst neulich konnte ich tatsächlich ein nur noch schwer aufzutreibendes Kleidungsstück erwerben, eine klassische Jeansweste, wie sie in den 80ern, 90ern noch häufig zu sehen war. Mein Blut dagegen ist befreit von den früheren Mitteln der Wahl , mein Gang ist ein anderer. Aufrecht und eher samtig, ohne die Schwere, die so viele aus meiner Zeit schon überfallen hat. Was nicht heißt, das ich frei davon bin. Die nervöse, flatterige und dennoch kräftige Stimme des Sängers von damals lässt diesen uralten Film noch einmal ablaufen. Heute laufe ich die Straßen entlang, die schon lange nicht mehr mir gehören, fühle mich als Gast auf Durchreise mit erhobenem Haupt und geradem Rücken, aber mit stillen Tränen, die mir über`s Gesicht laufen.

Es ist nicht der Zustand der Welt, der sie hervorbringt. Es ist der Zustand meiner selbst. Freude über das Glück, das ich erfahren habe, mit der Tigerin an meiner Seite und dem Sohn, an dem ich zumindest meistens Wohlgefallen habe. Es ist aber auch der Schmerz, den ich fühle, wenn ich mir meiner Charaktermängel bewusst werde, meiner Unvollkommenheit, meiner Machtlosigkeit meinem persönlichen Zuschnitt gegenüber. Weit gekommen, immer noch unterwegs, wenn auch mit dem Gefühl, zeitweise auf der Stelle zu treten und nicht wirklich voran zu kommen.

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Alte Bilder

Manche Sachen liegen über ein Vierteljahrhundert in Schränken umher, um dann, warum auch immer, hervorgeholt und gesichtet zu werden. So auch dieses Bildchen weiter unten, welches mir vom Eigentümer netterweise zugeschickt wurde.

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Beim Betrachten spult sich ein ganzer Film vor mir ab. 1990 – irgendwann im Sommer vermutlich. Seit 2 Jahren war meine vierjährige Weiterbildung beendet und ich eierte sehr planlos durch mein Leben.

Geliebt habe ich den Maurerporsche auf dem Bild, ein Ford Capri V6 – 2,0 mit satten 90 PS und altbackenem 3-Stufen-Automatikgetriebe, Stadtverbrauch dank Doppelvergaser-Anlage um die 11 Liter, für damals schon nicht übel. Mein Outfit war dem entsprechend, der Nimbus wollte schließlich gepflegt werden. Passend zum Fahrzeug gab es ein paar Fransen-besetzte Wildleder-Boots, von denen zumindest der linke bei schönem Wetter auch schon mal aus dem Fenster hing, dank Automatik-Schaltung kein Problem. Einen Fuchsschwanz gab es übrigens nicht, das habe ich bewußt (Welch ein Wort in dem Zusammenhang!) der Manta-Fraktion überlassen. Dafür schepperten ZZ-TOP und ähnliches aus dem Low-End Blaupunkt Kassetten-Deck.

Die Zeit damals war rückblickend für mich geprägt von Selbstüberschätzung, Planlosigkeit, Überheblichkeit, ein Zustand sehr weit von mir weg, aus heutiger Sicht. Die Woche war gefüllt mit Arbeit, die Wochenenden mit irgendwelchen Partys, wo ordentlich gesoffen und zumindest meinerseits auch gekifft wurde, sehr zum Leidwesen meiner Mitbewohnerin, die dem machtlos gegenüber stand. Immerhin hatte ich damals noch 10 Jahre Alkohol und Dope vor mir, oder, anders gerechnet, 12 Jahre hinter mir. Sozusagen mittendrin. Mein zweites Wohnzimmer damals war das Deja-Vu in Remscheid, welches sich kurz zuvor erfunden hatte und das es wundersamer Weise heute noch gibt. Zwei Brüder, die mit dem neuen Laden kräftig das sagenhafte Remscheider Nachtleben durcheinander brachten und meinesgleichen mit Flensburger, Tequilla und Rock`N Roll versorgten.

Wenige Monate später sollte mein Leben kräftig durchgeschüttelt werden, wovon ich in dem Sommer noch keine Ahnung hatte. Wie weiter oben schon beschrieben, beschränkte sich mein damaliger Bewußtheitsgrad auf gewisse Äußerlichkeiten. Vorläufig war ich mir meiner selbst noch sehr sicher.

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Omma Schwarzbach

Die Omma`s wurden früher ja nach Straßennamen benannt, der besseren Unterscheidung wegen. Meine Omma Schwarzbach ist mir besonders gut in Erinnerung geblieben, allein schon ihrer äußeren Erscheinung wegen. Sie war klein, rund, und hatte stets gerötete Pausbacken. Manchmal trug sie zwei Brillen gleichzeitig und sie konnte auf Wunsch “Heil Hitler” machen.

Die Besuche waren mehr solche Pflichtbesuche, meine Eltern fühlten sich genötigt, in mehr oder weniger geregelten Abständen der Omma Schwarzbach die Ehre zu geben. Sie lebte damals in eben der Schwarzbach, eine der wenigen schnurgeraden Straßen Wuppertals. Ihr Domizil lag gleich gegenüber der Luhns-Seifenfabriken, ich kann den Gestank noch riechen, sehe das nasse Kopfsteinpflaster und höre die Straßenbahn rattern und quietschen. Gut zu hören war im übrigen auch ihre Türklingel. die übertönte sogar die Straßenbahn. Das war so eine Spezialanfertigung, die ihr Sohn, der liebe Willi, der Elektriker, besorgt hatte. Wahrscheinlich irgend eine Werkstatt-Anfertigung, die es auf geheimnisvollen Wegen in die Schwarzbach verschlagen hatte. Ihrem Alter entsprechend war meine Omma nämlich ordentlich doof auf den Ohren. An der Stelle muss auch betont werden, das sie genau genommen meine Uromma war.

Die Besuche liefen stets nach streng festgelegten Ritualen ab, geheimnisvoll, da nirgendwo festgeschrieben und doch ständig wiederholt. Eines davon hieß “Die Haushaltskasse”. Des besseren Verständnis wegen muss der Erzähler jetzt ein wenig ausholen. Meine Omma hatte nämlich zwei Männer verschlissen, kassierte derweil neben ihrer eigenen auch noch deren Rente. Dafür lebte sie recht bescheiden in ihren beiden Zimmerchen. Das nicht Unwesentliche, was so übrig blieb, bekam der liebe Willi zu seiner freien Verfügung. Geld war ihr also immens wichtig, ein Maßstab für Wohlbefinden sozusagen. Auf die Frage, wie es ihr so ginge, pflegte sie zu antworten, das es ihr Hundert Mark besser gehen könne.

Aber zurück zur Haushaltskasse. Nachdem diverse Krankheitsgeschichten besprochen und einige Verwandschafts-Betrachtungen (wer hat wieder was und warum gemacht und so weiter) durchgeführt waren, stand meine Omma irgendwann langsam vom Küchentisch auf und schlappte ebenso gemach zur Anrichte. Dabei machte sie geheimnisvolle Geräusche, das klang irgendwie so “Hmmmm-Hmmm” mit einem recht hohen Grundton. Es war ein Ritual ohnegleichen, das sorgsam zelebriert wurde. Die Anrichte wurde geöffnet und eine uralte, nur noch von Klebeband zusammengehaltene Pappschachtel erschien in ihren Händen, ihre Haushaltskasse aus erster Ehe. Langsam ging es wieder zurück an den Tisch und feierlich wurde das Schächtelchen geöffnet. Zum Vorschein kam ein 1000-Mark-Schein, der nun herumgereicht wurde, auch ich durfte ihn mal anfassen und bestaunen.

Hier muss betont werden, wir sprechen von der Zeit Ende der 60er, vielleicht Anfang der 70er, ich war so um die 10 Jahre jung und bekam, glaube ich, eine Mark Taschengeld die Woche. Das, was da also feierlich zur Ansicht freigegeben wurde, bevor es wieder in die Papp-Schatulle verschwand, war nicht nur das tausendfache meines wöchentlichen Taschengeldes, sondern nebenbei auch das geschätzte Eineinhalbfache dessen, was mein Vatter damals im Monat mühsam verdiente. Der saß bei dieser heiligen Handlung mehr oder weniger stumm dabei, sei es des lieben Friedens willen oder weil ihm seine Contenance schlicht wichtig war und machte gute Mine zum fragwürdigem Spiel.

Es gab auch einen sozusagen nicht-öffentlichen Teil des Besuchs-Rituales. Nicht öffentlich hieß in diesen Fall, den Blicken meiner Erziehungs-Berechtigten entzogen. Nach eine Weile Familien-Tratsch nahm meine Omma mich an die Hand und schlurfte langsam unter Erzeugung weiter oben beschriebener Geräusche mit mir in die “gute Stube”, ein nach hinten gelegenes Zimmerchen, in dem sie auch schlief. Ein altes Schränkchen wurde geöffnet, zum Vorschein kam eine Pulle Wacholder und ich bekam erst einmal einen eingeschenkt. Nur einen. Ein Mann hatte das abzukönnen, und ihrer Meinung nach war ich in meinem zarten Alter auf dem besten Wege, solch einer zu werden. Wenn ihrem Urenkel schon keine glanzvolle Unteroffizier-Laufbahn wie dem lieben Willi seinerzeit beschieden sein sollte, dann sollte er, blond, wie er damals noch war, wenigstens mal ordentlich einen abbeißen können.

Müßig, zu erwähnen, das ich regelmäßig auf der Heimfahrt selig schlief. Meine Omma Schwarzbach. Wenn Du das jetzt mitliest, von dort oben, oder, wie Vattern heute noch fest überzeugt ist, von dort unten, dann sei versichert, deine Kekse waren echt Kacke, aber der Kurze jedesmal ein Gedicht.

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