Schlagwort-Archiv: Familie

Gedanken zur Zeit

Wasser – für mich hauptsächlich Lebenselixier und ein Metapher-taugliches Element, bis dahin. Als Gefahr habe ich es in der Vergangenheit eher am Rande wahrgenommen, lebe ich doch auf einem Berg und hatte nicht viel mit den Schattenseiten vom Wasser zu tun, von diversen Kleinigkeiten wie ein vollgelaufener Keller und eine verstopfte Dachrinne mit entsprechenden Folgen in unserer Wohnung mal abgesehen. Das, was ich derzeit in den von Hochwasser betroffenen Gebieten sehe, macht mich fassungslos, wie so viele andere Menschen auch. Es wird sich etwas ändern müssen, nur nicht in dem Tempo, wie es die derzeitige allgemeine Betroffenheit am liebsten hätte, was ich nur zu gut mitfühlen kann, geht mir das Schicksal der Menschen in den vom Hochwasser verwüsteten Gebieten ebenso nahe.

Wer seinen Blick weiter schweifen lässt, weiß, dass tiefe Betroffenheit kein guter Ratgeber sein muss, oft genug eben nicht ist. Dogmatisch angetriebene Entscheidungen in Sachen Verkehrs- und Energiepolitik um den Preis von schweren, letztendlich staatsgefährdenden sozialen Verwerfungen dürfen nicht der Weg sein. Lohn und Brot, ein Auskommen für alle haben oberste Priorität, für mich, des inneren Friedens Willen. Die politische Kunst der nächsten Jahrzehnte wird sein, dieses Grundbedürfnis mit den Herausforderungen des auch von uns Menschen gemachten Klimawandels zusammen gehen zu lassen. Wege und Ansätze gibt es viele, ich bin sehr gespannt, wie es weiter geht. Zum Schluss noch ein Wort an den Kanzlerkandidaten der Union, Armin Laschet: Einfühlsamkeit angesichts zahlreicher Menschenopfer geht anders, nicht mit solchen Worten, auch wenn Sie im Kern nicht so falsch liegen. Ich habe ihren Auftritt in West3 dito gesehen…

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Genug der Politik. Der Wasser-Tiger, dieser Blog hier, namentlich inspiriert von meinem Geburtsjahr, 1962 – in letzter Zeit ist es still geworden, schreibe ich doch mehr oder weniger regelmäßig eher auf der Wupperpostille. Weiter machen? Manchmal denke ich, es reicht mit einem Blog, es braucht ihn nicht mehr, den Wassertiger. Mal sehen, für`s Erste lass ich es so weiter laufen, auch wenn sich zumeist nur Bots für die Ecke hier zu interessieren scheinen. Zumindest die arithmetische Erfüllung des chinesischen 60-Jahre-Zyklus im nächsten Jahr, dito einem Jahr des Wassertigers, soll er mit erleben.

Immerhin bietet diese Nische hier Gelegenheit, mal die Gedanken zu sammeln und passende Worte, idealerweise in ganzen Sätzen für die momentane Gefühlslage zu finden, etwas abseits der schreibenden Community. Stichworte gibt es reichlich. Familie, Gesellschaft & Politik, Idealismus, Pragmatismus, Polarisierung, Leben mit Widersprüchen, mit Zwiespalt. Gesellschaft und Politik hatte ich schon, siehe oben, das soll reichen, für heute.

Familie – mein Verhältnis zu dieser kleinsten Form von Gemeinschaft ist zwiegespalten, wie so vieles in meinem Leben, das von Polaritäten und Widersprüchen geprägt wurde und wird. Einerseits bin ich erschüttert, wenn ich am Beispiel meiner Eltern sehe, was alt werden, sehr alt werden bedeuten kann, nicht nur gesundheitlich, auch mit Blick auf den Umgang miteinander, mit Wesensveränderungen im Alter oder besser die teils heftigen Verstärkungen und Kristallisationen schon immer vorhandener Charaktereigenschaften und Neigungen. Ein Buchzitat dazu fand neulich den Weg zu mir, das ich sehr passend finde:

“Wenn wir ein gewisses Alter überschritten haben, werfen die Seele des Kindes, das wir gewesen, und die Seelen der Toten, aus denen wir hervorgegangen sind, mit vollen Händen ihre Schätze und ihren bösen Zauber auf uns und verlangen, dass sie zu ihrem Teil an den neuen Gefühlen mitwirken können, die wir empfinden und in denen wir sie, nachdem wir ihr altes Bild ausgelöscht haben, in einer neuen Schöpfung wieder zusammenschmelzen.”

Marcel Proust – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit/ Die Gefangene 
Danke für den Buchtipp, liebe G. ;)

Auf der anderen Seite sehe ich mit Freude, wie mein großes Kind seinen Weg geht, wie meine Anverwandtschaft dabei ist, mit vielen Kindern liebevoll eigene Ableger der großen Sippe zu bilden. Ich habe keine Angst mehr, meinen Vater all zu ähnlich zu werden, was den Umgang mit dem anderen Geschlecht angeht, damit habe ich bereits abgeschlossen, zum Leidwesen meiner ersten Frau. Auch in Sachen Vertrauen bin ich zu lange schon auf einem guten Weg, dass ich noch Angst haben müsste, ihm ähnlicher zu sein, als mir lieb ist. Auch kann ich die ebenso vorhandenen positiven Seiten meiner “familiären Sozialisierung” heute durchaus erkennen und annehmen, für all das bin ich meinem Schöpfer sehr dankbar.

Zwiespalt auch an anderen Stellen in meinem Leben: Idealismus vs. Pragmatismus, vs. realistischer Einschätzungen der Gegenwart, oder besser dem, was ich dafür halte. So halte ich mich einerseits für einem gefühlsbetonten, potentiell mitfühlenden Menschen, der allerdings ebenso mit ordentlichen Portionen Ego & Überlebenswillen ausgestattet worden ist, kombiniert mit einer manchmal selbst für mich schwer erträglichen inneren Kälte & Distanz mit Blick auf manche menschliche Interaktionen, auf gesellschaftliche Zusammenhänge. Dazu gehört die stete Gefahr des Abgleitens in Sarkasmus, was ich gelegentlich auch zulasse und kultiviere, wovor ich mich hüte, ist blanker, menschenverachtender Zynismus, zu dem ich ebenso fähig bin. Das Bindeglied zwischen all diesen Facetten ist mein Glaube, der mich nicht nur in die Lage versetzt, all diese inneren Widersprüche zu erkennen, anzunehmen und zu (er-)tragen, sondern der mich auch verweilen lässt, in der Gegenwart, wie immer sie auch gerade geartet ist. Flucht bedeutet für mich immer Morpheus`sche Traumwelten, die ich mir nicht mehr leisten will. Bis heute und nur für heute funktioniert das seit vielen Jahren recht gut, das wahrscheinlich größte Geschenk des Universums für mich.

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Exkurs

Die Arbeit staut sich, mancherlei Alltags-Verrichtungen und Pflichten kleben wie zäher Brei und lähmen die Seele, der es gefühlt zuviel des Ganzen ist, zumindest zeitweise. Gruppen-Aktivitäten haben sich zum PC hin verlagert, was an sich gut ist, aber kein wirklicher Ersatz für die physische Nähe von Menschen. Dort, wo ich es gerne leben täte, beruflich, da geht es leider nicht, weil ich einen altmodischen, technischen Beruf habe und tatsächlich noch des Morgens in die Werkstatt gehe, hin zu den ausgetretenen Pfaden zwischen Schreibtisch und den mit mir gealterten Maschinen. Wenn ich in einigen Jahren, so Gott und der Konzern es wollen, dort meinen letzten Tag haben werde, sind die Chancen groß, das meine treuen stählernen Gefährten zu schnöden Kernschrott degradiert werden, wer weiß. Mit in den so genannten, derzeit mehr oder weniger beliebten Home-Office nehmen kann ich sie leider nicht, wegen ausgeprägter Schwergewichtigkeit, extremen Hang zum lärmen und altersbedingten Schwächen wie permanentes kleckern und tropfen.

Anderes drängt an die Oberfläche, versucht sich Platz zu schaffen, zwischen der Arbeit und den Pflichten. Mal darf ich inne halten und dann wird ein einzelnes Stichwort im digitalen Notizbuch festgehalten. Der Versuch, das Gefühl eines Augenblicks zu beschreiben und bei solchen Gelegenheiten wie eben jetzt hervorzuholen und zu vertiefen. Was nicht so einfach ist, wie ich gerade merke. Stehen doch dort im Memo unter anderen so getragene Begriffe wie Auflösung, Transzendenz, Pelzgefühl, letzte Wahrheit, Urgrund. Zeugnisse eines Lebensgefühls unterhalb des Alltags, Zeugnisse mancher teils erschreckender, teils überraschender Erkenntnisse, die sich durch Risse und Spalten in der Geschäftigkeit ihren Weg nach “oben” suchen. Oder durch bewusste Ruhepausen, ohne die bewährten Ablenkungen, an`s Licht gelockt werden. Die astrologischen Entsprechungen, deren Interpretationen  in den einschlägigen, allgemein eher mit Vorsicht zu genießenden Foren und Büchern nachzulesen sind, beziehen sich auf Mond und Venus nicht nur im zwölften Haus, auch im Sternbild Krebs, was zu guten Teilen passt. Als Teile der mir mitgegebenen Optionen, nicht mehr und nicht weniger. Die äußere Entsprechung in der Gegenwart ist das begleiten meiner Eltern auf ihren letzten Wegen. Ungewohnte Nähe, der ich jahrzehntelang ausgewichen bin und nun mangels gangbarer Alternativen leben darf. Macht Sinn, denke ich und kann es annehmen, wie es ist, fernab der alten Muster, weder verängstigtes Kind noch überheblicher Oberlehrer, altes Leben zwischen den Polen, hinter mir gelassen. Auf der anderen Seite darf ich zu meiner Freude erleben, wie mein großes, leibliches Kind erwachsen wird, Stück für Stück. Werden und vergehen eben.

Und so tauche ich wieder auf, schaue das Flauschknäuel namens Lilit, unsere dunkle Seite des Mondes, das es sich dicht bei mir hinter dem Monitor leise schnarchend gemütlich gemacht hat, höre die Stimme der mittlerweile eingetroffenen Liebsten, die mich an so profanes wie Abendbrot erinnert. Mit Recht – und eben mit Hunger. So sei es dann…

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Gestreckt sieht man mehr…

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Wo wart ihr ?

Wo wart ihr eigentlich
damals, vor fast 20 Jahren
dass ihr heute das Maul so weit aufreißt

euch empört
dass die Jugend sich nicht kümmert

Ihr wart zu feige
euch zu stellen
den Verhältnissen, wie sie waren

Zu egoistisch, euch zu engagieren
Seht zu, wie ihr eure Kinder groß bekommt, wir sind zu jung, um Großeltern zu sein.
das waren eure Worte
mit denen ihr erst einmal weg wart,
für das nächste halbe Jahr

Ihr meint ihn und trefft mich
alte Narben, roter Zorn
Euch werde ich nicht mehr berichten
weil es euch einen Scheiß interessiert
geheucheltes Interesse

Und ja, ihr habt alles richtig gemacht
seid nach wie vor über jeden Zweifel erhaben

Da ist nur eines
Leben ist endlich
Zahltag ist Zahltag

Von mir jedenfalls
bekommt ihr Basisversorgung
ein Auge auf euch
dass ihr nicht verwahrlost

Für euer Seelenheil
seid ihr selbst verantwortlich
Bekommt ihr schon hin

Ehren soll ich euch
Ehre dem, dem Ehre gebührt

Ein Auge auf euch
ist der Ehre genug

Wie sagt man?
Nestbeschmutzer ?
Meinetwegen
Besser als an diesen Worten ersticken

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Vergebung?

Früher
da fühlte er sich geehrt
Wenn der Alte ihn verglich
Mit dem Vater seiner Frau
Dem Desperado
Dem Weltenbummler
Bunt schillernder Ausnahme-Opa

Bilder ändern sich mit der Zeit
Aus dem bunt schillernden Ahnen
wurde ein mutmaßlicher Wehrmacht-Verbrecher
Ein verletzender Zyniker
Ein scharfzüngiger Narzisst
Ein Unterhalt-Verweigerer

Nicht geändert hingegen
haben sich die Worte des Alten
Was früher schmeichelte
Wohltuend Distanz schaffte
verletzt heute
da beleidigend

Was es immer schon war

Mal `ne Frage nach da oben
Lässt mich hier Geschenke einpacken
zum Ehrenfest deines Sohnes
Mit Wut im Bauch
Alle Welt redet von Vergebung dieser Tage
Ich würde sie gern erleben
Fühlen

Sag`mal
wie geht das eigentlich ?!?

Lindau

Wieder einmal treibt mich eine Familienfeier um, dieses Mal an den Bodensee, nach Lindau. Der Anlass ist eine Deutsch/Armenisch – türkische Hochzeit, für mich einmal mehr der lebende Beweis, das teils sehr verschiedene und einander nicht immer wohlgesonnene Kulturen gut miteinander auskommen können, wenn sie nur wollen.

Das “Protokoll” lässt uns aber genügend Zeit, einen kleinen Eindruck dieses alten Städtchens am östlichen Bodensee-Ende zu gewinnen. Die Anreise war etwas holperig, es gibt vom Tal der Wupper im tiefen Westen keine direkte Verbindung dorthin, zig verschiedene Autobahnen, kombiniert mit Landstraßen sind zwar eindrucksvoll, aber zeitfressend. Die letzten 50 Kilometer vor Lindau überholen mich permanent PS-Schleudern, keine unter 30000€. Willkommen im vor Geld stinkenden Drei-Länder-Eck. Ein kleine Überraschung dann vor Ort, einem kleinen Dorf nahe Lindau: Kein Netz, und das im D1-Netz. Willkommen in der Schweiz, steht auf meinem Schirm. Ja dann, Danke. Wenigstens gibt es WLAN in der Unterkunft.

Dörflich eben.

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Am Samstag dann gibt es besagte freie Zeit und wir machen uns auf die Socken. Lindau-Insel anschauen und eine Rundfahrt auf dem See ergibt sich auch. Diese ist allerdings, was Bilder angeht, wenig fruchtbar, derweil die Sonne sich zwar hervor traut, aber es nicht schafft, den zähen Dunst zu vertreiben.

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Am Ende der Runde wird die Sicht etwas besser.

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Glückstreffer…

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Lindau-Insel, eine sehr niedliche, kleine Altstadt mit schönen, alten Häusern, engen Gassen und sehr viel südlichem Flair.

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Dunkle Ecken…

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Botschaften in Kreide…

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Mammuts…

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Wir sind in Deutschland…

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Allerdings:

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Sehr gerne hier:

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Markt…

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Mein Favorit heute…

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Frecher Vogel…

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Die Natur ist der des Westens locker 10 Tage im voraus…

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Wovon hier noch nicht viel zu sehen ist.

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Der könnte auch in jeder anderen Stadt gefunden werden, aber dennoch…

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Oster-Nachlese auch hier.

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Unser Aufwärm-Cafe nach der verfrorenen Schiffstour.

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Letzte Bilder.

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Der Arsch

Genau so und nicht etwa mit seinem richtigen Namen steht er in ihrem Telefonbuch, seit vielen Jahren schon. Er hätte keine Ahnung davon, wenn ihm davon nicht berichtet worden wäre, von gut informierten Kreisen. Nicht etwa nur Arsch oder gar Arschloch, nein, schön mit  dem passenden Artikel dazu. Nicht überliefert hingegen ist, ob er nun unter “D” oder eher unter “A” dort verewigt wurde.

Sie pflegt ihren Groll, der irgendwann auch einmal seine Berechtigung hatte, wohl nicht ahnend, das solcher Art Beharrlichkeit auf Dauer sehr ungesund sein kann. Womit weiß Gott keine böse Nachrede gemeint ist, das ist nicht ihr Stil. Eher eisiges Schweigen über die Persona non grata an ihrem Hofe, sobald ein Gespräch die Richtung auf ihn zu nehmen droht. Und eben besagter Register-Eintrag im Telefonbuch, als Relikt einer Zeit, in der der tiefe Groll noch aktive, feurige Wut war.

Ihm kostet es ein Lächeln, heute. Die große Fassungslosigkeit ist schon sehr lange vorüber und wenn alle Jahre wieder einmal die Rede auf besagten Eintrag kommt (er könnte ja doch mal gelöscht werden), dann reicht es auf jeden Fall für allgemeine Heiterkeit. Mit so manchen Titel lässt es sich eben gut leben, heute. Zumal die Zeit schon sehr lange her ist, in der ihm so etwas nahe gegangen ist. Heute weiß er, er ist es nicht, er war es vielleicht einmal. Das macht nichts geschehenes besser, aber zumindest von seiner Seite kommt kein neues Leid hinzu, heute.

Wovon sie wahrscheinlich nicht die geringste Ahnung hat – er ist ihr in gewisser Weise sogar dankbar. Sie musste damals in sein Leben treten, nicht nur, um dem gemeinsamen Kind das Leben zu geben. Ihr großer Verdienst ihm gegenüber besteht darin, das sie ihm erstmalig die Verzauberung des anderen Geschlechtes genommen hat, sein Bild von der Weiblichkeit ganz allgemein heilsam korrigiert hat, Richtung Realität eben.

Ohne die Erfahrung dieser Zeit würde ihm heute ein Menge fehlen, soviel ist sicher.

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Nicht allein

Ein neues Buch liegt hier, die ersten paar Seiten habe ich schon gelesen.

Kriegsenkel von Sabine Bode.

Dort ist u.a. die Rede von diffusen Ängsten und tiefsitzenden Verunsicherungen der Kinder der so genannten Kriegskinder, also hauptsächlich der in den 60ern geborenen Kinder. Kinder mit Vater und Mutter wie meine Eltern eben, die bei Kriegsende selbst so um die zehn Jahre jung waren. Welche Auswirkungen deren Erlebnisse auf ihre Kinder wiederum, der dritten Generation nach den Tätern hatten.

Meine Generation, meine Geschichte.

Nie hätte ich gedacht, das all das einmal Thema eines Buches und vieler therapeutischer Erklärungsmodelle sein würde. So viel ging mir schon nach den ersten Zeilen durch den Kopf. Das Leben meiner Eltern. Sie waren unübertroffen im Ausblenden großer Themenbereiche, im Leben innerhalb einer selbst erschaffenen Matrix. Diese Sätze. Das ich nicht wüßte, wie gut ich es hätte. Diese Missachtung von Individualität, entstanden aus dem Zwang zur Konformität, der wichtigsten Überlebensstrategie der einfachen Menschen im Nationalsozialismus. Nicht auffallen eben.

Diese Geschichten, die mir wie aus einer anderen Welt schienen. Spärlich kamen sie an`s Licht, vieles erst auf hartnäckige Nachfrage hin. Mein Vater hatte das “Glück”, in Quartieren weit im Osten der Stadt aufzuwachsen, die von den Angriffen nicht so extrem betroffen waren. Meine Mutter hingegen musste diese Nächte in der Innenstadt erleben. Aus dem Keller heraus mit ansehen, wie Menschen im vom Phosphor entzündeten Asphalt stecken blieben und verbrannten. Die Hölle auf Erden.

Andere Geschichten. Geschichten von Flucht, Kinderlandverschickung. Geschichten von Zwangssterilisation, Denunziation, angewandter Rassenwahn. Geschichten derer, die nicht zurück gekommen sind. Derer, die am nächsten Morgen schlicht nicht mehr da waren. Geschichten der wenigen, die sich dem Irrsinn erfolgreich entziehen konnten, die den Preis  zu zahlen dafür bereit waren, ein Leben im Untergrund. Und auch die Geschichten derer, die das System mit trugen, sei es in ihrer Gesinnung, sei es an der Front. Alles innerhalb zweier Familien. Nach den Geschichten vom Terror folgten die Geschichten vom Hunger, von Entbehrungen, von der Not, eine Bleibe zu finden. Vom Zwang, zu heiraten, um überhaupt eine Bleibe zu finden.

Du weißt überhaupt nicht, wie gut Du es hast.

Es ging mir gut, ihren Maßstäben nach, ja. In Friedenszeiten aufwachsen zu dürfen, ist für sich genommen erst einmal ein großes Geschenk. Wenn dieses Gefühl nicht gewesen wäre. Das irgend etwas nicht stimmt an dieser vorgelebten Welt. Maskerade. Für sie war sie Überlebens-notwendig, um das Erlebte irgendwie erträglich zu machen. Auf mich wirkte sie aufgesetzt und unecht. Wenn  diese Träume und Ängste nicht gewesen wären, für die es offensichtlich doch keinen Grund gab.

Heute weiß ich, das es keinen einzelnen, schlüssigen Grund für die Zustände gibt, in denen ich mich als Kind, als Jugendlicher und als Erwachsener wieder fand. Allenfalls ein ganzes Bündel von Ursache und Wirkung, keine Schuld. Die Geschichte meiner Eltern ist ein Teil davon.

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