Netzwerk – Ursachenforschung und Veränderungen

Natürlich fielen mir zuerst die zahlreichen Umzüge all der Jahre ein, die eigenen und auch fremde. Diverse heftige Hustenanfälle im letzten Winter. Auch die Mengen Stahl, die ich im Berufsleben bewegt habe. Ebenso die zahllosen Einkaufstouren per Rad mit prall gefüllten Packtaschen hier in den Bergen. Fast alles ist meinem Hang geschuldet, die Dinge allein regeln zu wollen, soweit eben möglich und bis jetzt bin ich damit ganz gut zurecht gekommen.

Dann bin ich ein Anhänger des Glaubens daran, das jede Krankheit auch einen emotionalen Bezug hat. Die Liebste hat eine sehr umfangreiche Bibliothek, darin ein dickes Buch von Rüdiger Dahlke, Krankheit als Sprache der Seele. Egal, wie man zu den von ihm dort verbreiteten Thesen steht, Nachdenkens-wert sind sie auch jeden Fall. Da gibt es auch ein kleines Kapitel zum Thema Leistenbruch und zwei Worte springen mich an: Überheblichkeit und Selbstüberschätzung. Diese beiden Leiden sind mir recht vertraut, gerade aus jüngeren Jahren. Zuletzt war ich allerdings der Meinung, diese beiden Eigenschaften auf ein für mich (und natürlich auch für andere) erträgliches Maß reduziert zu haben. Allein mein Körper ist da offensichtlich anderer Meinung.

Also gut, ich will nichts riskieren bis zur OP. Fortan lasse ich also das Rad stehen und fahre mit dem Familien-Auto zur Arbeit, stehe täglich im Stau und brauche länger als mit dem Rad dank diverser Großbaustellen hier im Tal, aber eben ohne große körperliche Anstrengung. Mir fehlt die Bewegung und ich ärgere mich, nun wieder ein Teil der Masse sein zu müssen, die die Luft in unserer Stadt mit ihren Verbrennungsmotoren verpestet. Mit dem Rad fahre ich nur noch dann und wann Sonntags, ohne Gepäck, schön langsam auf humanen Strecken.

Die nächste große Herausforderung: Um Hilfe bitten zu müssen. Auf Arbeit geht das noch, wenn ich hier und da mal etwas schweres bewegen muss, packt mir gern mal einer mit an. Obwohl mir das schon lästig ist, mit kann`ste mal eben bitte und so.

Eine andere Qualität haben größere Aktionen, die leider keinen Aufschub dulden. Wie z.B. der Umbau unserer Küche. Das große Fenster lässt sich dank einer etwas unglücklich abgestellten Kühl-Gefrier-Kombi seit langen schon nur eingeschränkt öffnen, was weiter nicht gestört hat. Jetzt muss allerdings etwas am Fenster ausgebessert werden, das geht nur im Sommer, also dran. Nichts großes, aber immerhin. Regale und Hängeschrank runter, Unterschränke samt Arbeitsplatten und Gefrier-Kombi versetzen, zwischendurch mal die Wand verschönern mit Spachtel und Farbe, alles neu platzieren, miteinander und an der Wand verbohren.

Meine Lieben wollen helfen, was mich freut, das große Kind mit Freundin vorneweg, mir sind so Sachen wie Hängeschränke zuviel. Das ist schön, erst einmal. Es gibt nach längerer Diskussion mit der Liebsten einen recht genauen Plan, wo was sinnvollerweise seinen neuen Platz finden soll. Dann gibt es aus langer Erfahrung mit solchen Sachen einen Plan in meinen Kopf, in welcher Abfolge all das geschehen soll, mit welchen Werkzeugen und mit welcher Dringlichkeit, was Maße und rechte Winkel betrifft. Mein großes Kind ist ein sehr kluger Kopf, aber dank seiner jungen Jahre sagen wir mal ein wenig unerfahren, was so ganz praktische Überlegungen angeht und hat darüber hinaus einen unwiderstehlichen Drang zu diskutieren, was ja sehr fruchtbar sein kann, aber eben keinen Schrank an die Wand bringt.

Ich soll mich also erklären, das heißt im einzelnen, erst einmal Worte finden für manche Vorgänge, die ich in der Zeit, in der ich nach den Worten suche, schon selbst erledigt zu haben glaube. Das macht mich knapp und ungehalten, man tituliert mich unter anderen als Tyrann, was ich natürlich nicht nachvollziehen kann. Immerhin wird mir erklärt, ich wäre zwar so, wie ich bin, aber man würde mir dennoch weiter helfen, was ich ausgesprochen nett finde. Die Aktion findet letztendlich einen erfolgreichen und allseits befriedigenden Abschluss, alle Tassen & Co. finden ihren Weg ohne mich zurück in den Schrank und ich darf ruhen und darüber nachdenken, warum mir solche Dinge so schwer fallen.

In der verbleibenden Zeit bis zur OP schaue ich genauer hin, was ich so an alltäglichen Lasten bewege, im wörtlichen und im übertragbaren Sinn, beginne die Dinge etwas besser zu delegieren, lasse mir gegen inneren Widerstand da und dort mal helfen und übe mich nebenbei im Bitte- und Danke sagen, auch, wenn das nicht immer so klingt wie aus vollen Herzen. Solcher Art halten sich die körperlichen Beschwerden in Grenzen, der Urlaub wird ein erholsamer Erfolg und auch die verbleibende Arbeitszeit bis zu OP verläuft erträglich.

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4 Gedanken zu „Netzwerk – Ursachenforschung und Veränderungen

  1. Uschi

    Olala,
    da kommt mir aber einiges richtig bekannt vor ;)
    Ehe ich lange bitte oder bettel, wird es selbst gemacht und fertig !!!

    Aber auch ich wurde schon in meine Schranken gewiesen und dann ist man, ob man mag oder nicht, auf Hilfe angewiesen.
    Und ich gestehe ehrlich, sie hat sogar gut getan :)

    Lernprozesse des Lebens ?

    Mitfühlende Grüsse,

    Uschi

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    1. Reiner

      Ja, Lernprozesse…ich hatte und habe nie die geringste Lust, zu bitten und zu warten. Nicht, das ich das nicht könnte, ich vergebe mir ja nichts dabei, es fällt halt nicht leicht. Der Einsatz der Energie, die ich benötige, “mal eben” das eine oder andere selbst zu regeln, schien mir immer weitaus geringer, als andere um dergleichen anzuhalten.

      Die Alternative heißt, mal öfter schlicht etwas liegen zu lassen.
      Lernprozesse ;)

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  2. holdastern

    Hallo Reiner, ich turne hier ein bisschen bei wordpress herum und klicke auch den Link zu deinem Blog an. Ei, ei … ich konnte mir trotz des Ernstes der Lage ein Lächeln hin und wieder nicht verkneifen. Dein Humor im Umgang mit den verschiedensten Situationen ist unnachahmlich! Ich vermute, dass du beim Schreiben so auch schwierige Dinge verarbeitest, denn eine OP ist nie etwas angenehmes. Hoffentlich verheilt jetzt alles gut und kannst du bald wieder fit wie ein Turnschuh Rad fahren!
    Ach ja, die Sache, dass körperliche Symptome einen seelischen Hintergrund haben, hmmnaja … es mag ja hin und wieder stimmen … ich bin da allerdings der Meinung, dass auch viele andere Faktoren eine Rolle spielen können. Wie zum Beispiel schwere körperliche Arbeit. Wenn keine körperlichen oder genetischen Gründe zu finden sind, dann ist die seelische Komponente eine Möglichkeit. Seelische Faktoren können auch einer Erkrankung/körperlichen Schwäche den letzten Schubser geben. Dass aber bestimmte Charakterzüge bestimmte Krankheitsbilder hervorrufen, das glaube ich nicht so unbesehen, da bin ich sehr vorsichtig. Und du bist das auch, wie ich lese. Ich finde das gut wie du über die Dinge nachdenkst und nicht alles einfach so buchstäblich glaubst.
    Liebe Grüße, Holda Stern – Sabina

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    1. Reiner

      Hallo Sabina,

      Danke für deine guten Wünsche! Es geht noch nicht wirklich gut, aber auf jeden Fall besser. An`s Radfahren denke ich allerdings derzeit noch nicht ;)
      Krankheiten sind, so glaube ich, immer eine Mischung aus dem Schul-medizinischen Krankheitsbild und den dazu gehörenden Emotionen. Wobei das erkennen und sich-eingestehen des letzteren oft nicht gerade einfach ist.

      Lieben Gruß auch Dir!

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