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Nur ein Schuh

Abdul Halim ist ein gläubiger Mensch und besucht regelmäßig zum Freitags-Gebet die Moschee in seinem kleinen Dorf. So auch letzten Freitag, und es hätte eigentlich sein können wie jeden Freitag, wenn…, ja wenn nicht irgendjemand den linken von Abdul Halims Schuhen gestohlen hätte, die er vor dem Gebet als Paar noch draußen abgestellt hat, im vollen Vertrauen in die Ehrlichkeit seiner Mitmenschen.

Man kennt sich auf dem Lande, und auch Abdul Halim ist seinen Nachbarn gut bekannt. Nicht nur er, auch seine alte Mutter, die ihm einst seinen schönen Namen gab, der für Milde und Friedfertigkeit steht. Gleich so, als hätte sie beizeiten schon geahnt, das eben diese Attribute nicht zu den bevorzugten Stärken ihres Sohnes gehören sollten. Kaum entdeckt Abdul Halim die frevelhafte Tat, steigt eine unglaubliche Wut in ihm hoch. Nicht zur persönlichen Bereicherung, was ja noch zu verstehen gewesen wäre, nein, sondern ausschließlich ihm zum Ärger hat man ihn bestohlen, wer sonst, außer vielleicht Einbeinige, könnten mit einem Schuh etwas anfangen.

Abdul Halim baut sich vor dem Eingang der heiligen Stätte auf, wartend, bis sich auch der letzte Dorfbewohner nach dem Gebet zum Plausche dort eingefunden hat. Mit hochrotem Kopf, geschwollener Halsschlagader und der Körperhaltung eines zum Angriff bereiten Bullen brüllt er über den Platz:

Wenn jetzt gleich, spätestens in einer Viertelstunde, meine beiden Schuhe nicht genau dort stehen, wo ich sie hingestellt habe, dann könnt ihr mich erleben, wie ihr mich nie zuvor erlebt habt und ich schwöre euch bei Allah und allen Heiligen, ihr werdet mich kaum wiedererkennen!

Erschrocken stehen die Dorfbewohner zusammen, man kennt Abdul Halim und sein gefürchtetes Temperament. Niemand wiederum kennt den ruchlosen Dieb, der ihnen mit seiner lasterhaften Tat solchen Ärger einzubringen droht. So fasst man also einen Entschluss. Geld wird gesammelt und ein Abgesandter zu Abdul Halim geschickt, um eine weitere Eskalation zu verhindern.

Schnell ist Abdul Halims Schuhgröße bestimmt, der örtliche Schuster konsultiert und ein Paar passende, wunderschöne Lederschuhe besorgt. Nachdem diese offensichtlich Abdul Halims Gemüt beruhigt haben, zerstreut sich langsam die erleichterte Menge. Bis auf ein kleiner Junge, den die Neugier nicht weichen lässt. Vorsichtig nähert er sich dem nun nicht mehr ganz so furchterregenden Abdul Halim und fragt ihn schüchtern:

Onkel, sag doch, was genau hättest Du denn so furchtbares getan, hätten nicht alle für den Diebstahl eingestanden?

Abdul Halim lässt sich Zeit mit der Antwort. Nach einer Weile neigt er sich zu dem kleinen Jungen hinab und schaut ihm mit festem Blick aus seinen dunklen Augen tief in die Seele und sagt leise:

Nach Hause wäre ich gegangen, mit nur einem Schuh…

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 Anm.: Die Geschichte wurde mir im Kern vor langer Zeit als Teil der mündlichen arabischen Überlieferungen erzählt. Form und Ausschmückung sind meine.