Vom neuen Jahr und vom Brauchtum

Familiäre Gründe lassen uns den Jahreswechsel daheim verbringen. Das hat den Vorteil, bei den Tieren sein zu können und niemanden bemühen zu müssen. Und so stehe ich nach einem guten Abendessen in der Küche und denke angesichts der ersten Feuerwerke da draußen über das so genannte Brauchtum nach. Allein die Wortwurzel suggeriert mir, etwas zu „brauchen“, was offensichtlich schon lange der Tradition entspricht und somit seine Existenzberechtigung per se in sich trägt. Ok, denke ich, wer`s braucht, ich nicht, nehme mir den vollen Müllsack und trage ihn durch`s Treppenhaus in Richtung Tonne, das braucht der jetzt, der Sack, und ich auch, weil`s stinkt und nichts mehr hinein geht. Brauchtum der anderen Art eben.

(Der Link führt übrigens zu weiteren interessanten Begriffen wie Gruppenkohäsion, strukturellen Egoismus und vielem anderen mehr).

Wie kommt das eigentlich, das manche uralte Rituale so derart in den Köppen kleben, obwohl sie sich selbst schon lange überholt haben, denkt es in mir, während draußen die ersten Feuerwehr- und/oder Notarztwagen zu hören sind. Irgendwie scheint das trotzig, angesichts der schnellen Wandels um uns herum. Ich-will-aber-Mentalität. Nicht nur Feuerwerk, auch vieles andere wird solcher Art beharrlich begehrt, Stichwort dicke Autos und so. Naja, besser nicht zu laut den Kopf schütteln, immerhin arbeite ich ja selbst in dieser Branche, noch. Widersprüche gehören offensichtlich zu mir.

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Am Abend geht das Festnetz-Telefon, eine Nummer aus der Nachbarstadt, in der ich selbst auch einige Jahre lebte, erscheint auf dem Schirm. Seltsam, denke ich, habe ich doch so gut wie keinen Kontakt mehr dorthin. Neugierig bin ich dennoch und nehme den Anruf entgegen. Es meldet sich eine ältere Frauenstimme, die ich nicht sofort erkenne und erst mal nachfragen muss. Ein Wiederhören nach fast 11 Jahren, weil sie sich verwählt hat – und weil wir durch Fügung heute Abend hier sind. So wird aus einer verwechselten Nummer, die aus einer alten Kladde entnommen wurde (auch hier wieder Fügung, das Teil wird sonst nie benutzt, aber das Handy ist gerade sonstwo) eine knappe Dreiviertel Stunde bewegtes Plaudern über das, was sich so alles seit neulich vor 11 Jahren getan hat, mit viel Rührung, einigen Erinnerungen und abschließend reichlich guten Wünschen.

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Mitternacht dann herzen wir die Katzen, denen der Lärm weniger als befürchtet an die Nerven geht und stoßen gegen jedes Brauchtum mit rattenscharfem Ingwertee auf das neue Jahr an, in Gedanken bei dem, der den Jahreswechsel im Krankenhaus verbringen muss. Ein sehr bewegtes Jahr geht zu Ende, gefüllt mit Krankheiten, eigene und die nahe stehender Menschen, auch Menschen, die uns vorangegangen sind. All dies hat mir persönlich meine höhere Macht näher gebracht, den Mensch-Gewordenen, an dem ich mich in letzter Zeit nicht nur in Not wende, sondern mich auch öfter mal bedanke. Zum Beispiel für unsere neue Mitbewohnerin, seit dem Frühjahr, die gerade Schlaf nachholt.

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Auch deren Essen war vorzüglich …

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Ich wünsche uns allen ein gutes, nach Möglichkeit friedvolles neues Jahr!

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17 Gedanken zu „Vom neuen Jahr und vom Brauchtum

  1. Luxus Lazarz

    Geliebter Reiner,

    das las sich ja weg, wie eine warme Semmel. Danke fürs Teilhaben lassen. Danke auch für die Wünsche, die ich mit Freude erwidere und noch für alle, im Sinne des Mensch-Gewordenen, die stillenden Wunder hinzufüge.

    Segensreiche Grüße
    Luxus

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  2. Christine

    Hallo Reiner!
    Genussvolle Muße. Zeit und Lust, dir und deinen Blogs mal einen Besuch abzustatten. Revanche? Ist nicht das richtige Wort. Gegenseitiges Erkennen? Möglich.
    Jedenfalls: Wertschätzung, Respekt und Freude darüber, das Gefühl von Gleichgesinntheit (gibt es das Wort) zu spüren.
    Ach ja, irgendwo las ich dein Testergebnis in Sachen Hochsensibilität. Knapp unter 300!
    Sach ich doch: Gleichsinn.

    Beste Grüße,
    Christine

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  3. Bisou

    BrauchTum – danke fürs Wort trennen, verdeutlichen

    Was wir am BrauchTum brauchen liegt nicht im einzelnentun, sondern in der Wiederholung. AnHaltspunkte, Orientierungshilfen.

    Ich habe es nicht/kaum kennengelernt und nicht weitergegeben

    Manchmal vermisse ich es

    Vorhin im Krimi war die Rede von Monster- und Schmetterlingstagen… fand den Begriff schön und wünsche dir deshalb gaaaanz viele Schmetterlingstage im begonnenen Jahr

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