Vom ersten und vom zweiten Eindruck

Er ist ein großer, massiger Mann, den ich nicht unbedingt mochte. Irgendwie immer etwas zu laut, etwas zu distanzlos in seiner Art und zumindest von außen betrachtet auch nicht übermäßig kompetent. Ein Mensch, mit dem ich die Tageszeit wechsele und ansonsten meinen Abstand wahre. Eine sachliche Distanz, verbunden mit einer gewissen Contenance, und, wenn es sein muss auch mit kurzzeitigen aggressiven Einsatz, ist für mich die Voraussetzung für Frieden und Abstand im beruflichen Haifisch-Becken. Private Kontakte sind damit logischer Weise eher selten und beschränken sich, wenn dann, auf den unmittelbaren Nächsten.

Manchmal allerdings durchbrechen Menschen meinen Abstand, nicht mit Gewalt, die ich nicht zulasse, sondern indem sie mich berühren. Manchmal überraschend tief bewegen, in ihrem Mensch-Sein. So wie oben genannter Kollege eben.

Eines seiner Kinder ist schwer behindert und sitzt im Rollstuhl. Bei irgend einer betrieblichen Feier sind auch Angehörige mit dabei, eben auch sein krankes Kind. Man steht und sitzt umher, nippt an allerlei Getränk und Fingerfood, pflegt den üblichen, oberflächlichen Austausch. Das Kind im Rollstuhl hat schwere motorische Störungen und kleckert mit seinem Getränkebecher. An den Stehtischen wird getuschelt. Da steht dieser große, massige Mann auf, positioniert sich gut sichtbar vor allen anderen und kippt sich wortlos seinen vollen Getränkebecher in den eigenen Schritt, worauf das Getuschel endgültig verstummt.

So eine Form von Solidarität berührt mein Herz zutiefst. Gerade bei einem Menschen, von dem ich dies nie vermutet hätte. Heute sehe ich besagten Mann anders, bin auf eine Weise auch dankbar für die mir erteilte Lektion.

Respekt !

 

4 Gedanken zu „Vom ersten und vom zweiten Eindruck

  1. Aloisia Eibel

    Also ich weiß nicht, gibts das wirklich, “das Getuschel”? Ich hab als Lehrerin mit behinderten Menschen gearbeitet und in meinem Umfeld leben Menschen mit körperlichen bzw. geistigen Beeinträchtigungen. Wir sind gut Freund miteinander, wir profitieren Alle voneinander. Leb ich auf einer Insel? Ich dachte, das mit dem Getuschel usw. ist entgültig vorbei, anscheinend nicht. Respekt deinem Kollegen und Vater, auch wenn ich das mit dem in dem Schritt gießen nicht so ganz verstehe, ist sich anschütten zuwenig?

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    1. Reiner Artikelautor

      Liebe Aloisia,

      es gibt sie, die Akzeptanz, die Menschlichkeit ohne wenn und aber, den kräftezehrenden Dienst am Nächsten in schlecht bezahlten und wenig angsehenen Berufen. Die vielen Vereine, Nachbarschaftshilfen, Selbsthilfegruppen, private Initiativen, caritative Einrichtungen, die sich um all die kümmern, die sich nicht selbst helfen können. Die noch halbweg intakten Familien, die sich um einander kümmern.

      Es gibt aber auch die andere Seite. Die der gnadenlosen Leistungsgesellschaft, in der ein jeder nach Kräften ausschliesslich für den eigenen Vorteil unterwegs ist. Die der “Leistungsträger”, jene Pharisäer, die zwar Publikums-wirksamdie schlechte Entlohnung der Pflegekräfte, das mangelhafte Gelingen der Inklusion sowie allgemein die Verrohung der Sitten beklagen. Dieselben Menschen schreien jedoch lauthals, wenn es um eine entsprechende Aufstockung der Mittel geht, sprich sinnvoll angewandte Steuererhöhungen. Dieselben Menschen suchen mit Bedacht die Schulen ihrer Kinder nach ihrem “Marktwert” aus, erkundigen sich genauestens nach dem jeweiligen Ausländeranteil oder dem Stand der Inklusion, auf das niemand das Fortkommen des eigenen Nachwuchses bremsen möge. Dieselben Menschen lehnen natürlich auch eine Mitgliedschaft in einer kirchlichen Gemeinschaft ab, weil DIE ja sowieso nur zum eigenen Wohle haushalten. Ist es so weit hergeholt, dass jene Menschen auch tuscheln, bei passender Gelegenheit?

      Die Reaktion der Vaters – ich denke, das geschieht aus einem Impuls heraus, dem kein abwägen oder denken voraus geht. In solch einem Moment ist es wohl wurscht, wo gerade das Zeug landet, mit dem man das Umfeld dazu bringt, entweder auch über sich selbst zu tuscheln, oder endlich ganz das Maul zu halten.

      Grüße Dir & Danke für`s lesen, schreiben !

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  2. Aloisia Eibel

    Alles klar, jetzt kenn ich mich aus.
    Wie Du Deinen Umgang mit den Anderen im Haifischbecken beschrieben hast, hat etwas angerührt in mir. Ich kenn das auch, so arbeiten zu müssen mit Kollegen und keine Schwäche zeigen zu dürfen, sonst würden sie dich auffressen. Ich bin daran gescheitert und musste mit Burnout in den Krankenstand gehen. Meine Teamkollegin und unsere Mitarbeiterin haben mir das Leben zur Hölle gemacht, ich hatte nicht die Klarheit um zu erkennen, was dort los ist. Die KollegInnen schauten teilnahmslos zu und die Chefin hatte einen breiten Buckel, über den wir ihr alle hinunterrutschen konnten. Jetzt, zwölf Jahre später habe ich mehr Einsicht, lerne überhaupt besser auf mich zu achten. Meine Erfahrung ist, dass ich hinter die Kulissen schauen muss und mich nicht blenden lassen darf. Immer noch muss ich lernen mich auch mit Aggression zu wehren, wenn es sein muss, davor habe ich Angst, doch es geht schon.
    Alles Gute Dir und Deinen Lieben!

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    1. Reiner Artikelautor

      Es ist immer eine Gratwanderung, im Beruf, ja. In den so genannten “sozialen” Berufen ist es nicht unbedingt besser, nur die Töne mögen andere sein. Hinter den Kulissen schauen ist immer hilfreich – dazu mache ich mir allmorgendlich die Fakten meiner “Haben-Seite” bewußt, vermeide, ständig auf das “Soll” zu schauen.

      Danke & auch Dir, liebe Aloisia, alles Gute !

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