Vergebung

So gerne hätte ich dir das persönlich gesagt, aber das sollte wohl nicht sein. Vor Jahren suchte ich deinen Namen auf einer dieser Plattformen, wahrscheinlich haben die allgegenwärtigen Algorythmen dann dafür gesorgt, das dir der meine präsentiert wurde. Ob es nun in meine Richtung ging, ich weiß es nicht genau, aber möglich ist es, dass du mich meintest, in einem deiner Beiträge, in dem du davon schriebst, dass es Menschen gäbe, deren Namen man noch nicht einmal ertragen könne. Ich hätte mich gefreut, wenn es dir gut ginge, leider wiesen deine öffentlichen Einträge eher in eine andere Richtung.

Sehnsucht nach Nähe – die gab es, damals, als wir uns kennenlernten, vor über 3.5 Jahrzehnten. Wir zogen uns an, Gleiches sucht und findet Gleiches, zwei verlorene Kinder, die sich in ihrer Bedürftigkeit in nichts nachstanden, auch wenn deren Erscheinungsformen recht verschieden waren. Ich konnte dich nicht sehen, gefangen wie ich war zwischen Arbeit, Abendschule und der Befriedigung meiner Sucht. Andere sahen dich, wie liebevoll du mit Kindern umgehen konntest, während ich fortlaufend beschäftigt war. Die Rechnung dafür habe ich bekommen und angenommen.

Eine Wiedergutmachung im Sinne des neunten Schrittes, ohne den vergangenen noch weitere Verletzungen hinzuzufügen, ist unmöglich, damit muss ich leben. Du wirst mir nicht vergeben können, zu viel ist damals geschehen. Damit legte ich den Grundstein für mindestens einen weiteren Menschen, der mir aus ähnlichen Gründen bis heute unversöhnlich gegenüber steht. An mir ist es heute, zu schauen, dem so entstandenen Trümmerfeld nicht noch mehr Schutt hinzuzufügen, Wiedergutmachung indirekt an Dritte zu leben und – mir selbst zu vergeben.

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6 Gedanken zu „Vergebung

  1. C Stern

    Ich glaube, dass es umgekehrt auch nicht einfach zu leben ist, nicht vergeben zu können. Die Seele leidet sehr darunter, so unversöhnlich mit der Vergangenheit belastet zu sein. Manche Menschen merken das einfach nur zu spät, sie leiden sogar körperlich und stellen mitunter die richtigen Zusammenhänge nicht her.
    Es ist wichtig, aus dem Rucksack des Lebens immer wieder das zu entnehmen, was für die Reise nicht mehr gebraucht wird / nicht mehr dienlich ist. Manchmal ist es auch Bitterkeit in Herz und Seele, die losgelassen werden sollte, denn sie kann definitiv sehr schwer wiegen.

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