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Idole & Vorbilder

Mit den Jahren wurden sie weniger, mit zunehmend kritischen Blick. Einige wenige sind geblieben, Menschen, die mich sehr beeindrucken  mit ihrem Charakter und ihren Taten. Einer von ihnen war Christian Führer, der ehemalige Pfarrer der Nikolai-Kirche in Leipzig. Er verstarb gestern nach schwerer Krankheit.

Im Frühjahr erstand ich im Rahmen eines Kurz-Besuches in Leipzig ein Buch von ihm, in dem er seinen Werdegang schilderte, hin zu den Friedens-Gebeten, die 1989 die friedliche Revolution in der DDR einleiteten und auch darüber hinaus, als Bürger der BRD. Mitten in dieser Lektüre kommt dann heute die Meldung seines Todes, die mich darum um so mehr berührt. Wann hat es das schon einmal gegeben, eine weitestgehend friedliche Revolution, die ihre Wurzeln in der Kirche hatte. Gerade in Deutschland. Menschen wie er haben meinen tiefen Respekt, Menschen, die das Wirken Jesu wörtlich genommen haben, mutig und mit Augenmaß ihren Glauben lebten.

R.I.P., Christian Führer.

Kurzbesuch in Leipzig

Der Anlass ist ein berufliches Tages-Seminar der Liebsten dort, ich nutze die Gelegenheit, mir zumindest eine ganz kleinen Eindruck von der Stadt zu verschaffen. Die Fahrt bietet schon viel für die Augen. Nachdem die Kreuz-langweilige A44 endlich geschafft ist, wird die Landschaft abwechslungsreicher. Die Kasseler Berge und weiter über die neue A38 durch zwei Tunnel und wir sind in Thüringen. Schilder verweisen auf die ehemalige Grenze, auf eine Gedenkstätte, auf das Lager Friedland.

Wir passieren eine Ausfahrt, deren Schild auf Mühlhausen verweist. Erinnerungen werden bei mir wach, an meine erste Visite in der “Zone”, irgendwann kurz nach der Grenz-Öffnung im Frühjahr 1990. Bis dahin hatte ich nichts mit dem “anderen” Deutschland zu tun, keine Freunde und keine Verwandte gab es dort. Nur die Grenze, die zu passieren mir nie in den Sinn kam. Auch damals bin ich nur dort hin, weil ich es eigentlich nicht glauben konnte, das dieses Land, das für mich bis dato eher ein großes Gefängnis darstellte, nun offen sein sollte.

Mühlhausen damals also, Kopfsteinpflaster, riesige Industriebrachen, Auto an Auto, überwältigender Braunkohle- und Zweitakt-Gestank, der Straßenrand gesäumt mit Glückritter aller Art in selbst gebastelten Verkaufs-Ständen. Ausverkauf total auf beiden Seiten sozusagen, die einen nutzten jede Chance, an die begehrte D-Mark zu kommen, die anderen brachten bunte Glasperlen und alte Autos zur anderen Seite. Verwirrt und beschämt bin ich damals wieder heim gefahren.

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Von alledem ist jetzt nichts mehr zu spüren. Wir passieren den Süd-Harz mit seiner Karst-Landschaft, vorbei an bizarren Abraum-Pyramiden durchfahren wir die Ebene. Städtenamen tauchen auf, Sangershausen, Querfurt, Eisleben, Merseburg. Unendlich viele Wind-Kraftwerke und Stromleitungen am Horizont. Ein Stück noch nach Norden auf der A9 und wir  sind am Stadtrand von Leipzig. Die “blühenden Landschaften” sind weitläufig unübersehbar, Industrie- und Verkaufsparks wie allerorten in Autobahn-Nähe.

Unsere Unterkunft liegt am Rand vom Zentrum, ein Jugend-Hostel in einem schönen, alten, Geschichts-trächtiges Haus, ehemals wohl Geschäftshaus einer angrenzenden Mühle.

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Das Zimmer wird erst einmal, was die Betten betrifft, umgebaut. Die auf diese Weise entstandene Bretter-Umzäunung lässt eine leise Ahnung von Alten-gerechten Schlaf-Gemächern aufkommen, ausgerechnet in einem Jugend-Hostel.

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Die niedliche Wand-Deko befeuert meine Lust am Unfug und ich freue mich über den dicken Edding in meinem Hand-Gepäck. Das hätte ich nicht gedacht, das der noch einmal irgend einen Sinn macht.

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Nach dem einchecken lassen wir den Tag in der schönen Altstadt ausklingen, ich bin überrascht, wie viele Gründerzeit-Häuser es dort gibt. Zumindest im Zentrum sind selbige auch liebevoll hergerichtet und mit Sicherheit teuer vermietet.

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Am nächsten Morgen stehen wir sehr zeitig auf und fahren nach dem Frühstück zum Tagungs-Ort der Liebsten, unweit des so genannten bayrischen Bahnhofes. Dort wird gerade ein historisches Portal nicht saniert, sondern blödsinniger Weise neben einem futuristisch anmutenden U-Bahn-Eingang neu errichtet. Derzeit herrscht übrigens gerade Baustopp, warum auch immer, und ich stelle fest, das bescheuerte und verantwortungslose Stadtplanung durchaus keine Wuppertaler Domäne ist.

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Die Liebste ist also beschäftigt und ich überlege, was ich in den paar Stunden wohl tun kann. Die Wetter-Vorhersage verspricht Regen am Nachmittag und so fahre ich mit der Straßenbahn erst einmal zum Völkerschlachtdenkmal, Fast 100 Meter hoch, düster und bedrohlich, ein steinernes Zeugnis deutscher Geschichte. 1913, am Vorabend des ersten Weltkrieges errichtet und 2013 abschließend saniert, zu einer Zeit, in der wieder deutsche Soldaten diesmal europäische “Werte” mit der Waffe in der Hand in alle Welt exportieren sollen. Oben angekommen bietet sich mir ein toller Ausblick, weit über die Stadt hinaus. Meine Gänsehaut rührt allerdings nicht von dem heftigen Wind dort oben. Den Aufstieg spüre ich übrigens immer noch in den Beinen.

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Das beschauliche Schlösschen rechts unten ist übrigens ein Krematorium.

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Oben auf der Plattform stelle ich fest, das ich vergessen habe, den zweiten Kamera-Akku zu laden, den ich gerade einwechseln will und ärgere mich über meine nachlassende Selbst-Organisation. Was allerdings nicht tragisch ist, da das Netz sowieso voll ist mit Bildern dieser schönen, alten Stadt. Der Handy-Akku ist auch am Ende, aber da gibt es wenigsten noch geladenen Ersatz im Rucksack, wenn auch die Bilder an Qualität zu wünschen übrig lassen. Immerhin.

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Anschließend fahre ich zurück Richtung Zentrum, erst einmal. Wieder mit der Straßenbahn, hier Tram genannt. Mit dem Auto sieht man nicht viel von Stadt und Menschen, das ist in öffentlichen Verkehrsmitteln deutlich anders, zumal es für kleines Geld Tages-Karten gibt. Der Dialekt hier fasziniert mich, und ich spüre eine mir fremde Freundlichkeit der Menschen. Was nicht viel heißen mag, als gebürtiger Wuppertaler. Die Berliner sind mir da schon vertrauter (Sorry, liebe Berliner, aber mental sind wir da wohl verwandt…)

Im Zentrum schaue ich nach der Thomaskirche, leider ist dort gerade eine Chor-Probe, betreten also leider nicht möglich. Durch die bunten Gläser des Einganges gelingt mir aber ein verstohlener Blick hinein.

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Im Anschluss suche ich die 1989 berühmt gewordene Nicolaikirche auf, die Keimzelle der friedlichen Revolution damals. Es gibt dort auch einen kleinen Laden und ich erstehe ein Buch, auf das ich sehr gespannt bin. Ein Zeitzeugen-Bericht aus erster Hand sozusagen, nicht ideologisch verfälscht oder gar missbraucht. Wer hier heute auf die Straße geht, mag sich kaum vorstellen können, was das für die Menschen dort drüben damals wohl hieß, auch, wenn hierzulande die Sitten langsam auch rauer werden. Die Unzufriedenheiten dort damals und die heute lassen sich wohl kaum vergleichen. Unglaublich immer noch auch für mich, das damals alles weitgehend friedlich blieb, was sich nur zum Teil mit der Staatsgewalt der DDR-Regierung und der leidvollen Erfahrung der Ostdeutschen mit ihr erklärt. Wie selten kommt es vor, das Menschen gegen eine Regierung friedlich aufstehen, die an ihrem Volk vorbei regiert, mal vorsichtig ausgedrückt. Und dabei nicht zu allem greifen, was ihnen in die Hände gerät. Es war eben nicht nur die damalige Schwäche der russischen “Freunde” und die Ratlosigkeit der greisen DDR-Führung, es waren vor allem Menschen vom Schlage des Christian Führer , die die “Wende” damals möglich machten. Auch, wenn sie sich tragischer Weise bestimmt anderes erhofft hatten als das, was dann kommen sollte.

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Die Zeit rückt langsam vor, für größere Aktionen wie z.B. einen Zoo-Besuch ist sie eh zu knapp und so fahre ich im Regen mit der Straßenbahn nach Stötteritz, das so gerade eben noch im Tarif der Tageskarte liegt. Mit jedem Kilometer nimmt die Zahl der abbruchreifen oder zumindest stark sanierungsbedürftiger Gründerzeit-Häuser zu, sind es in Zentrum-Nähe nur vereinzelt einige wenige, so ist es weiter draußen fast jedes zweite Haus. Manchmal ist auch nur das Erdgeschoss bewohnt, während weiter oben leere Fensterlöcher gähnen. Alternatives Wohnen, denke ich, Hauptsache, irgendwie trocken, warm und bezahlbar.

Am späten Nachmittag hole ich dann die Liebste ab, bin ein wenig zu früh und muss warten. Ein junger Mann steht mitten im Vorgarten, übt sich offensichtlich im Bogenschießen und fragt mich freundlich nach mein Begehr hier im Hof. So entwickelt sich ein netter und aufschlussreicher Plausch zwischen uns über so alles mögliche, angefangen beim Holz seines selbst gefertigten Bogens über unsere verschiedene Herkünfte hin zu unseren Tagewerk, wenn nicht gerade Städte-Reisen oder Bogen-Schießen dran sind. Ein frisch gebackener Wirtschaftsprüfer aus dem Erz-Gebirge, der mir einiges über das Leben in der alten Studenten-Stadt verrät. Dann kommt die Liebste und wir verabschieden uns freundlich.

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Viel Zeit bleibt uns nicht mehr, schon am nächsten Morgen geht es wieder heim. Für einen Bummel durch die Stadt, abgerundet mit einem leckeren Essen, reicht es aber allemal. Abschließend noch ein paar Bilder, angefangen im “Ossi-Laden”…

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Und weiter durch die Stadt…

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Nachtrag: Gerade gefunden