Stimmungslage

Hausarbeit muss sein, vorzugsweise Samstags. Ein Rundumschlag mit dem Staubsauger nimmt in etwa eine gute Stunde in Anspruch, manchmal mache ich das in tiefster Ruhe mit Gehörschutz, manchmal mit DER Segnung der schönen neuen Zeit, dem Smartphon samt Kopfhörer. Den kleinen externen Speicherchip habe ich mit einer bunten Mischung an Musik aus meinem Festplatten-Fundus gefüttert und wähle gerne, so wie heute, willkürlich ein Album aus.

Dann wird geweckt, was hinaus möchte, Musik ist für mich ein guter Katalysator, um manche Gefühlslagen an die Oberfläche zu bringen. Heute fiel meine Wahl auf die Band Thin White Rope, eine US-amerikanische Desert-Rock-Truppe, die von 1984 bis 1992 Bestand hatte.

Dann sehe ich mich, mit Anfang 20 vielleicht, rotzig-trotzig mit meinesgleichen die Straßen lang laufen, die selbstverständlich uns gehörten, das Kinn nach vorne gereckt und mit den Hacken auftretend. Das Alter eben, das zur Farbe ROT gut passt, rot wie mein Blut, das damals fein mit THC und Alkohol angereichert war. Ein Bild aus längst vergangenen Tagen, das mit meiner Lebens-Realität von heute nicht mehr viel zu tun hat.

Zwar trage ich immer noch das Zeug von damals, erst neulich konnte ich tatsächlich ein nur noch schwer aufzutreibendes Kleidungsstück erwerben, eine klassische Jeansweste, wie sie in den 80ern, 90ern noch häufig zu sehen war. Mein Blut dagegen ist befreit von den früheren Mitteln der Wahl , mein Gang ist ein anderer. Aufrecht und eher samtig, ohne die Schwere, die so viele aus meiner Zeit schon überfallen hat. Was nicht heißt, das ich frei davon bin. Die nervöse, flatterige und dennoch kräftige Stimme des Sängers von damals lässt diesen uralten Film noch einmal ablaufen. Heute laufe ich die Straßen entlang, die schon lange nicht mehr mir gehören, fühle mich als Gast auf Durchreise mit erhobenem Haupt und geradem Rücken, aber mit stillen Tränen, die mir über`s Gesicht laufen.

Es ist nicht der Zustand der Welt, der sie hervorbringt. Es ist der Zustand meiner selbst. Freude über das Glück, das ich erfahren habe, mit der Tigerin an meiner Seite und dem Sohn, an dem ich zumindest meistens Wohlgefallen habe. Es ist aber auch der Schmerz, den ich fühle, wenn ich mir meiner Charaktermängel bewusst werde, meiner Unvollkommenheit, meiner Machtlosigkeit meinem persönlichen Zuschnitt gegenüber. Weit gekommen, immer noch unterwegs, wenn auch mit dem Gefühl, zeitweise auf der Stelle zu treten und nicht wirklich voran zu kommen.

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10 Gedanken zu „Stimmungslage

  1. Ellen

    Lieber Reiner, ich lese nach wie vor gern Deine Stimmungslagen und finde es gut, dass Du bei Deiner gewählten Musik (beim Staub saugen) auf genau diese Erinnerungen stößt. Beim Lesen sehe ich Dich durch die Straßen laufen und finde es wunderbar, dass Du mit Deiner Tigerin Halt und Geborgenheit für Neues gefunden hast. Du hast sehr an Dir gearbeitet und diese Arbeit war und ist mit Sicherheit oft sehr schmerzhaft, aber ich sehe Dich vor mir und weiß, dass Du ein sehr sensibler Mann bist, der viele Dinge schaffen kann und die stillen Tränen hat wohl jeder von uns auf seinem Weg als Begleiter.
    Es gibt ein Buch von Volker Braun “Das Training des aufrechten Ganges…”- erfreue uns weiter mit Deinen Gedanken, ich lese Dich weiterhin mit Freude und Genuss:-).
    Einen schönen Sonntag und liebe Grüße
    Ellen

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    1. Reiner

      Ja, Ellen.
      Ich BIN.

      Auch sensibel, wie man sagt.
      Und vieles mehr.
      Für mich selbst (und für andere!) mal angenehm und mal überhaupt gar nicht. :)

      Auch Dir einen schönen Sonntag und Danke für`s herein schauen!

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  2. Holda Stern

    Hallo Reiner! Das hört sich gut an … und was die “Charaktermängel” betrifft, bist du da nicht ein wenig zu streng mit dir selbst? Wir haben doch alle unsere guten und weniger guten Seiten, das Leben ist da zum Lernen und heran zu reifen … oder? Irgendwann habe ich mir selbst “verziehen” (wenn ich es richtig bedenke, verzeiht Mann/Frau sich oft Dinge die andere einem zum Vorwurf gemacht haben! die jedoch in der jeweiligen Situation völlig gerechtfertigt waren) , nur so konnte ich weitergehen und zu der Person werden, die ich heute bin.
    Liebe Grüße!

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    1. Reiner

      Lernen und heran zu reifen …

      So ist es. Ich habe die Neigung, einiges lange hinzunehmen, um dann bei dem berühmten “Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt”, überzureagieren. Heftig dann.

      Lieben Gruß auch Dir!

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