Schon ein wenig Abschied

Gestern Abend galt es ein Geburtstagsgeschenk einzulösen. Zwei Eintrittkarten für ein Zusatzkonzert der Toten Hosen, für die Liebste und für mich. Mit dabei: Das große Kind samt Kumpel – das allein schon war Klasse. Selbst hätte ich mir nie vorstellen können, mit meinem Vater gemeinsam ein Rockkonzert zu besuchen und gemeinsam Spaß zu haben.

Das Mittel der Wahl zur Anreise war die Bahn – angesichts des zu erwartenden Verkehrschaos rund um die Düsseldorfer Merkur-Arena. Wir waren schon um kurz vor vier dort, ab vier war Einlass. Gegen halb sechs starteten die Vorgruppen, zunächst Düsseldorfer Lokalmatadore, die Rogers. Für meinen Geschmack ein wenig zu trashig, dagegen waren Feine Sahne Fischfilet echt Klasse. Mecklenburg kann also auch Musik und – der Sänger fand deutliche Worte zu dem, was man hierzulande als Rechtsruck bezeichnet. Respekt ! Als letzte Vorband spielten Billy Talent, laut, schnell, hart. Nicht so ganz meins, aber besser als die Nummer eins allemal.

Während dessen füllte sich die Bude, laut Hallenbetreiber liegt die Kapazität bei 66 000, mit Innenraumnutzung. Die Halle war fast ausverkauft … für mich war es schon sehr zwiespältig. Zuletzt bei so einem großen Fest war ich vor 21 Jahren, damals noch im alten Rheinstadion. Ein reichlich chaotischer Abend war das, mit allem, was so dazu gehörte. Leider auch mit einem tragischen Unglücksfall, von dem ich erst am nächsten Tag aus der Presse erfuhr. Jetzt also fand ich nüchtern dort hin, selbst den Tabak habe ich daheim gelassen (macht zu müde), angesichts der doch nicht unerheblichen Strapazen. Anreise, warten, insgesamt 5 Stunden Musik, Abreise, davon die meiste Zeit stehend. Man wird nicht jünger …

Im Zug schon jede Menge Freaks im gleichen Zustand wie ich vor gut zwei Jahrzehnten. Arsch voll, toll und laut. Skurril für mich, aber nicht befremdlich, da immer noch vertraut. In der Arena dann ging es vergleichsweise ruhig zu, wir standen hinten ziemlich mittig auf der Tribüne, gute Sicht und sehr geile Akustik, bei offenem Hallendach stimmte auch die Luft dabei, sehr zu meiner Freude. Ein wenig überraschend war schon, wie wenig Freaks sich so wie wir damals nach allen Regeln der Kunst abschädelten. Anstelle dessen mehr Familien, so Grauköppe wir wir samt Kinder. Reichlich vertreten auch die Mitvierziger, die die Hosen in den 90ern als Teenies schätzen gelernt hatten.

Das Repertoire – gut gemischt mit alten und neuen Stücken. Hoch professionell wie die Musik auch die Bühnenschau mit riesigen Video-Wänden, auf denen sehr gut gemachte Animationen zu sehen waren. Was macht all das mit mir, nüchtern, wie ich dabei stehe? Zunächst geht auch ausgelassen und fröhlich ohne Stoff, keine ganz so neue Erkenntnis, mittlerweile. Die neueren Stücke wie Tage wie diese sind nicht so meins, mir kam das Blut eher bei manchen Klassikern in Wallung.

Hier zum Beispiel, obgleich schon nah dran, an der 60 …

- In dem Kontext beste Grüße an T.G., hab`Friede, wo immer Du auch bist. Und auch Dir herzliche Grüße, G.W., so wie gestern schon kurz anderswo geschrieben. Hätte euch gefallen, der gestrige Abend !! -

 Oder hier …

Und hier erst … Gänsehaut pur.

Ebenso Gänsehaut inbegriffen, für einen Menschen, dem der Betrug von beiden Enden her bekannt ist …

Wenn ihr an etwas glauben wollt,
glaubt an euch selbst und nicht an uns …

Nichts mehr außer Erinnerung dagegen brachten mir die alten Sauflieder, die natürlich nicht fehlen durften, bei einem Heimspiel der Düsseldorfer. Zu viel passiert, mit mir, in all der Zeit. Zu viel hat sich bei anderen vergewahrheitet, in Sachen bis zum bitteren Ende.

Der Schädel, das Bandlogo – heute für mich eher ein Symbol der Vergänglichkeit, angesichts der vielen Jahre. Totenkult ? Nein, eher Gedenken. Verbunden mit dem Bewusstsein, ab und zu auch mal auf Gräbern tanzen zu dürfen.

DTH_sw

~

 

 

10 Gedanken zu „Schon ein wenig Abschied

  1. Herta Beer

    Ich liiiiebe die Toten Hosen, auch wenn ich leider bis dato noch nie auf einem Konzert von ihnen dabei war..weder..”damals”, also in jungen Jahren, noch jetzt..aber vielleicht kommts ja noch..bin ja noch jung.. ;-) … Feine Sahne Fischfilet sagte mir nun absolut nichts..sah nun nach..ok..aber der Name…der Name..aber bitte..ist definitiv schwer ihn zu vergessen gg – schön, dass du Spaß hattest und es ein gelungener Abend war..danke fürs Teilhaben lassen – Glg Herta

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    1. Reiner Artikelautor

      Liebe Herta, wenn die Hosen mal in der Nähe sind – lasse Dir das nicht entgehen. Es lohnt sich :) Liebe Grüße !

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  2. Kat

    Lieber Reiner, einmal im Jahr gehen meiner grosser Sohn und ich auf ein metalkonzert. Seit 10 Jahren. Hätte ich mir auch nie vorstellen können dass mit meinem Vater oder meiner Mutter zu machen. Wir Taten anderes gemeinsam, endlose Paddeltouren im Morgenlicht oder wehmütig Fahrten an die deutsch-Deutsche Grenze. Was zählt, war das gemeinsame. Ja, und wenn ich mich auf diesen Konzerten von außen betrachte, denk ich manchmal ob ich da fehl am platze bin!? Aber wenn der Sohn später erzählt :und da steht die kleine Mama, reckt die Faust in die Luft und schreit “motherfucker”, dann freu ich mich, weil er ich anders wahrnimmt als ich Mich. Musik verbindet. Und auch wenn die heroen unserer Jugend altern, so what…. Der Moment zählt. Und dass ich mich zur Not irgendwo hin setzen kann. Liebe Grüße Katrin

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    1. Reiner Artikelautor

      Der Moment zählt – so isses, liebe Katrin. Und sich irgendwo hinsetzen können, zur Not :) Seit Freitag Abend weiß ich wieder, wie hart Tribünenstufen sein können … meine Kehrseite lässt grüßen.

      Gemeinsamkeiten sind schon wichtig, egal wie. Wenn ich zurück denke, beschränkte sich das bei uns damals auf`s weg sein, unterwegs sein, woanders sein wollen. Verreisen eben. Mache ich heute noch gerne, allein die Ziele sind anders als die meiner Eltern – ich sehe gerne fremde Städte.

      Liebe Grüße auch Dir !

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  3. TeggyTiggs

    …nicht wirklich meine Musik, aber immerhin, sie singen deutsch, so dass ich sie verstehen kann…ich bekomme das Gefühl, sie sind überholt und nicht mehr “heutig” …obwohl ich es ja auch nicht mehr bin…

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    1. Reiner Artikelautor

      Da ist etwas dran … ich bin mit der Band alt geworden. Campino hat im selben Jahr nur ein paar Tage nach mir Geburtstag … seit Mitte der 80er kenne ich die Band. Die Zeit hat sich überholt, das war auch mein Gefühl. Was aber auch meiner eigenen Entwicklung geschuldet ist. Erkenntnisse, die an der Truppe nicht vorbei gehen:

      https://www.youtube.com/watch?v=9QgpgsbEzSQ

      Meine Vermutung ist, das sie ab 2022 nicht mehr viel machen werden. Dann feiern sie 40 Jahre “Hosenscheiß” … sie werden sich nicht auflösen, dazu sind sie zu sehr Familie. Vielleicht ist es auch das, was heute immer noch riesige Stadien füllt … Gemeinschaft, die es sonst nicht mehr so selbstverständlich gibt …

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