Mojsche & Rejsele

Während sich gestern Nachmittag mehrere Gruppen extremistischer Demonstranten gegenseitig gern das Fell versohlen wollten und nur durch das kluge Engagement der Staatsdiener daran gehindert wurden, machten die Liebste und ich uns auf geheimnisvollen Pfaden um den Pöbel herum auf den Weg zu einer Theater-Aufführung. Unser Ziel war die Christian Morgenstern Schule in Wuppertal-Barmen.

Die Kinder der achten Klasse führen ein Klassenspiel auf. Was Jüdisches, sagt die Liebste im Vorfeld und ich denke, gut, mal schauen. Angekommen in der Mehrzweck-Halle der Förderschule finden wir Flyer auf den Stühlen über das Stück. Geahnt habe ich es schon, es spielt in Zeiten des Faschismus, des Massenmordes an den deutschen Juden Anfang der Vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Geschichte handelt vom polnischen Arzt Janusz Korczak, der auf für die damalige Zeit außergewöhnlich fortschrittliche Art ein Waisenhaus in Warschau betreute, von den Faschisten mit seinen Kindern in das Warschauer Getto zwangsumgesiedelt wurde und am Ende die Größe hatte, seine Kinder in das Vernichtungslager Treblinka zu begleiten, anstatt sich selbst mit von Freunden besorgten falschen Papieren zu retten.

Die Helden des Stückes sind neben dem Doktor eben Mojsche und Rejsele, die Hauptdarsteller einer fiktiven Liebesgeschichte, deren Handlung in dem Jugendroman von Karlijn Stoffels  in das von damals überlieferte Geschehen eingebettet wurde. Mojsche kommt mit 13 in das Waisenhaus und hat zunächst große Schwierigkeiten, sich aufgrund seiner Aggressionen, seiner Aufsässigkeit, in das Leben dort einzufügen. Rejsele wird im zur Seite gestellt, um ihm zu helfen, sich besser einzubringen und die beiden beginnen, sich zu mögen. Mojsche verlässt alsbald das Waisenhaus, um im Untergrund als Kurier tätig zu werden, sein Charakter zeichnet ihn dafür aus. Auch Rejsele übernimmt Botengänge aus dem Getto heraus und nach der Deportation verlieren sich die beiden aus den Augen. Bis sie als alte Menschen viele Jahrzehnte später wieder zusammen finden, über eine Radio-Reportage zu den Geschehnissen damals.

Bewundernd registriere ich die Begeisterung der Kinder für so ein schweres und trauriges Stück. Ein Hauptdarsteller spielt mit Krücken und geschienten Bein, nachdem er sich noch am Vorabend bei einem Fahrrad-Sturz das Knie angebrochen hatte. Sie sind mit ganzen Herzen, mit ganzer Seele dabei, während ich mehrere Male echte Mühe habe, meine Fassung zu wahren. Eigentlich möchte ich von der ganzen Zeit damals nichts mehr wissen, von den unfassbaren Verbrechen unserer Ahnen. Ich war das nicht, denke ich, das ist ein Problem meiner Großeltern, bzw. Urgroßeltern, die zumindest teilweise auch Täter waren. Ganz so einfach ist es indes nicht, denn hätte ich damals gelebt, wo hätte ich mich wiedergefunden, in so einer Zeit? Solche Gedanken beschäftigen mich, während ich die berührt, gerührt die Kinder sehe, die Improvisationen verfolge, über die 13, 14 jährigen Kid`s staune und mich auch für die Lehrer freue, die es geschafft haben, die Kinder solcher Art zu motivieren. Sie lernen hier etwas, was in keinem Lehrplan steht:

Engagement, Leidenschaft, und Selbstbewusstsein.

Wir waren beide noch lange gefangen von dem Stück, von dieser Stimmung, während wir durch die mittlerweile wieder stille Stadt den Heimweg antraten.

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4 Gedanken zu „Mojsche & Rejsele

  1. bisou

    “Wo hätte ich mich wiedergefunden?”

    Als Jugendliche war mir unverständlich wie die Nachbarländer untätig bleiben konnten. Wenn die Deutschen vor lauter Propaganda den klaren Blick verloren hatten, so glaubte ich hätten doch die anderen Länder reagieren müssen.

    Dann kam der Völkermord in Jugoslawien, ganz nah – und ich tat nichts. Lektion gelernt, kein Urteilen mehr über “die damals”.

    Heute, Völkermorde an vielen Orten und wo finde ich mich heute wieder?
    Zur Zeit bei der Gewissheit, dass jede Veränderung bei mir selber beginnt und nur so Kreise ziehen kann.

    Danke fürs anschubsen zum Nachdenken.

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  2. Uschi

    Allein vom Lesen lieber Reiner,
    bin ich tief beeindruckt und Gedanken überschlagen sich.

    Bemerkenswert ist auf alle Fälle, wie auch du schreibst, dass sich so junge Menschen engagieren, damit nichts vergessen wird.
    Angesichts der aktuellen Ereignisse in deiner Stadt, sollte dies auch nie geschehen.

    Liebe Grüsse und danke für den tollen Beitrag,
    Uschi

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    1. Reiner

      Manchmal denke ich, was mein Vater oft genug gesagt hat. Das es doch mal genug sein müsse mit alledem, das diese unsere vermeintliche kollektive Schuld auch gern genutzt wird, heute, von interessierten Kreisen. Auch am Samstag kamen solche Gedanken – warum spielen sie mit den Kindern nicht etwas anderes, muss es ausgerechnet dieses Stück sein, dieses Thema? Wenn man allerdings die Kinder sieht, beim Spiel, dann wird schnell klar, das sie ganz und gar damit aufgehen.

      Leider ist es nicht genug. Geschichte und ihre Erinnerung kann vor Wiederholung schützen. Unser so genanntes demokratisches Selbstverständnis, unsere “Werte” sind nur eine dünne Maske über dem alten Raubtier.

      Die Hooligans vom Samstag machen mir keine Angst. Denen sieht man schon vom weiten an, wie sie ticken. Bedrohlicher empfinde ich die selbst ernannten Aufrechten, die Bürgerlichen. Stramme SPD oder CDU-Wähler, von ihren verborgenen faschistoiden Selbstverständnis auf die Straße getrieben. Die, die nichts gegen Ausländer haben, ABER. Man wird ja noch sagen dürfen. Denen der Ausländeranteil der Schulen ihrer Kinder wichtiger ist als jedes pädagogisches Konzept dahinter. Die natürlich Flüchtlinge ok finden, solange sie nicht nebenan wohnen. SIE sind es, die die ersten sein werden, wenn der Wind sich wieder einmal drehen sollte.

      Lieben Gruß auch Dir!

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