Ein Bild

Wenn ich unterwegs bin, schaue ich gerne auf Graffitis. Es gibt eine Menge Müll darunter, aber immer wieder einige richtig gut geratene Exemplare. Eines habe ich bei Dario gefunden, der seinerseits auch mit wachen Augen durch die Welt geht. Mit seiner freundlichen Erlaubnis leihe ich es mir aus, weil es mich außerordentlich bewegt (anklicken macht es gut sichtbar):

Fuchs_Konstanz

 Mal davon abgesehen, dass ich es künstlerisch total gut gelungen finde, spiegelt es auf eine Weise den Geist der Zeit wieder, die mir unter die Haut geht. Der große Fuchs, selbstzufrieden grinsend im Fond sitzend, wie er gerade aus dem Hühnerstall kommt. Mit an Bord noch zwei seinesgleichen, seine eher unscheinbare rechte Hand neben ihm sowie der Fahrer der Karosse, mit Herzchen-Kappe, dem Rest der Welt unzweideutig die Zähne zeigend. Interessant auch, wer da noch als Beifahrer mitfährt, eine furchterregende, boshaft dreinblickende Schlange. Das Gefährt offensichtlich teuer, wenn auch lädiert und blutverschmiert, mit Leichenteilen und Trümmer gespickt. Im dunklen Himmel steigen sie auf, die Hühner-Seelen, die auf der irrsinnigen Fahrt ihr Leben lassen mussten.

Ein Bild aus einem schlechten Alptraum, könnte man meinen. Wenn es nicht als Metapher so hart an der Realität wäre. Der kluge Fuchs, das teure, alte Auto, die boshafte Schlange. Für mich steht das Bild in seiner ganzen Brutalität für das weltumspannende Wirtschaftssystem, dem der Einzelne nichts mehr gilt. Der Erfolg zählt, wer klug genug ist, wird Fuchs im Fond, braucht noch nicht einmal selbst zu fahren. Die Drecksarbeit erledigen andere, der Typ am Steuer zum Beispiel. Oder die Schlange auf dem Beifahrersitz. Ein gekonnt inszeniertes Bild all derer, welche die Richtung eines internationalen, Aktien-notierten Konzernes bestimmen. Der Schlangen-gleiche Controller an Bord, ohne zynische Herzchen-Kappe, die braucht es nicht – scharfe Zähne im verschlagenen Antlitz sprechen für sich. Das Marken-Logo des Gefährtes mag als eines der bekanntesten Luxus-Güter stellvertretend und austauschbar sein. Das Bild ist offen für allen möglichen Spekulationen, der alte 70er-Jahre-Benz und die Kopfbedeckungen der Akteure lassen Rückschlüsse auf die 68er-Generation zu, welche die Schlange mit an Bord genommen hat … man kann endlos darüber nachsinnen. Oder es auch sein lassen.

Wo immer möglich, beende ich meine Blog-Einträge mit einer positiven Affirmation. Das fällt mir jetzt gerade ausgesprochen schwer, mit solch einem Thema zu einem hoffnungsfrohen Ende zu kommen. Wohl dem, der ihnen nicht direkt ausgeliefert ist, denke ich. Wobei Gier und Rücksichtslosigkeit kein Privileg der großen Unternehmen sind, im Kleinen setzt sich das fort, bei jedem Einzelnen von uns, wenn wir aufhören , uns selbst zu hinterfragen. Wir werden das Ende dieser Jagd wohl nicht erleben. Was das gruselige Bild nicht zeigt: Die “Füchse” halten andererseits eine Menge “Eier-legender Hühner” am Leben, oft genug auf niedrigstem Niveau. Das ist der Grund, warum ihnen eine jede Regierung, gleich welcher Art, freundlich gesonnen ist, so Lebens-verachtend das Geschäft auch sein mag.

Was bleibt, ist der Respekt vor dem unbekannten Künstler, der dieses Bild irgendwo in Konstanz gestaltet hat. Mag er ein kleines Drogenproblem haben oder auch nicht, genial ist er jedenfalls.

17 Gedanken zu „Ein Bild

  1. Dario schrittWeise

    Hallo Reiner, danke für die Beitragsverlinkung und den bewegenden Text, den du zu meinem Bildfund geschrieben hast. Das ist ein schwieriges Thema, das uns leider (fast?) alle betrifft. Der globale Kapitalismus schreitet unaufhaltsam voran und wird wohl umfassender mit der Zeit, weil die Strippenzieher immer kreativer und raffinierter werden. Da bleibt uns nur noch, uns gegenseitig als Menschen zu unterstützen, so weit es geht. Alles Gute dir und eine schöne neue Woche, Dario

    Antworten
    1. Grinsekatz Artikelautor

      Wir bleiben uns als Menschen, sofern wir uns nicht von der Art derer, die uns bezahlen, vereinnahmen lassen. Nochmal Danke und auch dir eine gute Woche, Dario!

      Antworten
  2. Nati

    Hallo Reiner.
    Nach deinem wunderbaren und nachdenklich machenden Text kann ich gut verstehen warum dich dieses Bild nicht losgelassen hat.
    Du hast es perfekt in seine Einzelteile zerlegt und es auf unsere Welt projiziert.
    LG, Nati

    Antworten
        1. Grinsekatz Artikelautor

          Das ist der Nachteil, wenn man sich selbst hostet :) Ich weiß es nicht. Eigentlich sollte es gehen…aber das gibt es bei wordpress.com auch, habe ich festgestellt. Sorry – da hilft bis auf weiteres erst mal nur reinschauen, hier und da.

          Antworten
  3. Herta Beer

    WOW! Mega gut. Und wie du sagst, erstens vom Bild an sich, der Technik, auch den Hintergrund des Motivs, das Können – einfach nur faszinierend. Danke für das Teilen, danke, dass du es nicht für dich behalten hast. :-) Glg Myriala 1000 Interessen

    Antworten
  4. Aloisia Eibel

    Ich sitz gerade vorm Bildschirm (no na), ich bekam Gusto nach etwas Süßem. Wohl auch weil ich mich nicht auf die grausliche Wirklichkeit der zermantschten Hühner, der Schlangen und Füchse einlassen wollte. Da fiel mir ein, die Schokolade kommt von einer Manufaktur aus der Steiermark: BIO, FAIR UND BEAN-TO-BAR und sie schmeckt himmlisch!
    Unbedeutend? Ich glaub im Kleinen offenbaren sich die Schritte hin zu einem großen Ganzen.
    Ich werde nicht gesponsert von der Firma Zotter! http://www.zotter.at

    Antworten
    1. Grinsekatz Artikelautor

      Liebe Aloisia, ich wollte dir nicht den Appetit verderben, leider ist das unvermeidlich, bei dem Bild. Und ja, die Welt ist nicht nur so wie auf dem Bild dargestellt, Gott sei Dank. Es gibt viele sehr gute alternative Ansätze im kleinen. Das tragische daran ist, werden die Kleinen zu groß, wecken sie das Interesse der Großen. Das muss für die Betroffenen nicht immer ein Nachteil sein. Kann aber durchaus mit Wucht nach hinten losgehen. Ich kenne beide Seiten und habe bislang in diesem Spiel Gottes Schutz & Beistand gehabt.

      Sieht lecker aus, die Schoki :)
      Liebe Grüße!

      Antworten
      1. Aloisia Eibel

        Du sagst es, wenn wir ehrlichen Herzens das Gute suchen und tun, dürfen wir auf Gottes Beistand vertrauen und die Zusage Jesu :”Ich bei Euch alle Tage dieser Welt” hat Bestand, sie hält was er versprochen hat. Warum also verzagen?

        Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>